Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Dr. Vloch's Wortzenfchrifi Nr. 16 Seite 334 dunkel geworden war. Jedesmal, wenn sie an dem Fenster vorbeikam, konnte sie sehen, wie er mit seinen langen, weißen Zähnen sie angrinste, denn als solche erschienen ihr in ihrer Einbildung die Grabsteine ans schimmerndem Kalkstein. Auch gefiel ihr das klappernde Geräusch nicht, das in stürmischen Nächten wie diese von dort herkam; natürlich wußte ste, daß es nur von der alten Holztasel mit dem Tvdtengebete herrührte, aber es mochte - tvie konnte sie es wissen? — auch das Klappern der Skelette in ihren Särgen sein- Doch mit der Anwesenheit des Fremden war eine nninderbare Zuversicht über sie gekommen, denn heilte wenigstens war sie sicher, daß die Grabsteine Grabsteine seien, und daß die geborstene Tafel nicht den Gedanken an Todte wachrufen würde, welche mit ihren Knochen spielten. „Wer seid Ihr und woher kommt Ihr?" fragte sie. „Seid nicht böse über meine Frage; es ist nur höflich, an beit Gast Fragen zu stellen, damit er nicht glaube, er sei zu Tische gebeten worden, wie ein verirrter Hund, dessen Kommen und Gehen gleichgiltig ist". Und ihre Worte waren von einer Weichheit, daß sie dem Fremden fast wie ein Segen klangen. „Ich bin vor Kurzem ausBiastotzk gekommen, drüben bin ich als ein Ausleger der heiligen Schrift bekannt und auch den Ohren vieler, die hier leben, ist mein Name vertraut. Haltet mich nicht für einen Prahler, aber es ist so, und ich kanus nicht anders sagen". „Nechemya, in einer guten Stunde bist Du in die Synagoge gegangen," sagte Hagar. „Ich zweifle daran, daß einer von den Wohlhabenden der Stadt heute so geehrt ist wie wir, denn die Gesetzeskundigen sind die Krone Israels. Nechemya, heute Abends wirst Du allen Ernstes ein König sein, denn Du hast eine Krone in Deinen Hause. Und endlich ist mein Herzenswunsch erfüllt; lang Hab' ich mich nach Einem gesehnt wie Ihr," wandte sie sich an den Fremden, „damit er mir die schlvierigen Stellen der Hagada erkläre, die mir seit so vielen Jahren Kopfzerbrechen verursachen; ärgert Euch nicht, meint ich Euch mit vielen Fragen quäle, sondern beantwortet sie. Welchen Namen soll ich Euch geben, mein Sohn?" „Man nennt mich Avromelya", sagte der Fremde, und eine Röthe der Bescheidenheit überflog sein Antlitz bei Hagars schwatzhaftem Lob. Als er seinen Namen aussprach, sah er, wie seine Gastgeber einander einen raschen Blick znwarfen; das Gesicht der Frau verzerrte sich unmittelbar daraus vor Schmerz. Da sagte Nechemya, als ob er ihren Gedanken eine andere Wendung geben wollte, schnell: „Geschwätzig bistDuwiealle Weiber — da stehst Du und plapperst von tausend Dingen, während das Herz unseres Gastes ihm vor Hunger und Müdigkeit weh thut. Wie nennst Du so eine Bewirthung?" Bei dem Verweis schlug Hagar die Augen nieder und ging rasch ins Schlafzimmer, um die Kissen zu holen, auf welche ihr Mann sich wie ein König auf seinen Divan lehnen sollte, denn in dieser Nacht ist jeder Jude ein König in seinem Hause und er darf zum Zeichen seiner Freiheit ruhen, auf seinen Ellbogen gestützt. Dann ging die Ceremonie rasch vorwärts, Nechemya zog sein uraltes Gebetbuch zu Rathe, um sich über die vorschriftsmäßige Abhaltung des Sederabeuds aufs Neue zu informiren. Das hatte er 30 Jahre au jedem Passahfeste gethan, und trotzdem konnte er sich nicht erinnern, ob das hartgesottene Ei rechts oder links von dem ungesäuerten Brode zu liegen hätte, ob der Platz der bitteren Kräuter über oder unter der gewürzten Mischung wäre, die das Sinnbild des Lehms und auch von derselben Farbe war, mit welchem die Kinder Israels gearbeitet hatten. Es war ihm auch nicht leicht, den verbrannten Knochen untcrzubringen. welcher der Tradition gemäß den Zweck hatte, sich über die egyptische Verehrung der Thiere lustig zu machen. Endlich stand Alles an seinem Platze und Nechemya sagte, ohne von dem Buche aufzusehen: „Avromelya, wenn ich Euch so nennen darf — Ihr seid der Jüngste unter uns, stellet also die Frage". Da schien Avromelya, sich an Etwas zu erinnern. „Habt ihr keine Kinder?" fragte er. Und es befremdete ihn ein wenig, als er Mann und Frau in demselben Athem und derselben Stimme antworten hörte: „Nein, wir sind kinderlos, Gott hat uns keine Nachkommenschaft bescheert". Dann that der junge Mann, wie ihm geheißen worden und begann den Katechismus herzusagen, in welchem Israel jahraus jahrein die Gewißheit seiner Freiheit wiederholt, ohne eine Ahnung zu haben von der bitteren Ironie; denn wo ist die Wahrheit, die Vollendung dessen, was es mit solchem Jubel verkündet? Aber Form ist Form, ob ihr Wahrheit zugrunde liegt oder nicht Und so las Avromelya: „Warum ist diese Nacht verschieden von allen anderen Nächten?" Und wie er mit Liebe und Ehrfurcht bei jedem Worte verweilte, sah Hagar ihm zu, wie er seine Lippen bewegte, und ein Gefühl überkam sie, als müßte sie ihre Arme ausstrecken und sein Haupt au ihren Busen ziehen. Nechemya hörte feierlich zu, und als es zu Ende war, fiel er beim Schlagworte nicht sofort mit der Antwort ein: „Sclaven waren nur unter Pharao in Egypten, bis uns der Herr mit starker Hand und ausgestrecktem Arm herausführte," sondern saß träumend da, so daß Avromelya, verwundert über die Stille, aufblickte und Nechemya beschämt wieder einfiel, als ob er bei einem Vergehen ertappt worden wäre. Daun lasen die beiden Männer rasch weiter, denn sie wußten, es auswendig, und Hagar schleppte sich mühsam nach, denn die Wörter waren schwer auszusprechen, und ihr Herz war voll von anderen Erinnerungen. Plötzlich hielt sie inne und hob den Kopf empor. „Habt Ihr nichts gehört?" fragte sie. „Nein, ich habe nichts gehört — unterbrich nicht die Hagada", antwortete Nechemya streng, und der eintönige Vortrag der Männer wurde wieder aufgeuommeu. Aber nach ein oder zwei Minuten sprang Hagar auf, die Hand aufs Herz gedrückt. „Hört ihr nicht das seltsame, hohle Geräusch, das brausend von der Straße herkommt?" fragte sie besorgt. „Ich hörte wohl ein leises Kollern, aber das. ist nur eine Erdscholle, die in ein offenes Grab rollt," antwortete Nechemya und sah sie tadelnd an. „Ich glaube, es kommt von der Stadt her, nicht vom Friedhof", warf Avromelya ein, „und nun höre ich es wirklich viel deutlicher, denn meine Ohren sind jünger als die Eurigen — ein tiefes, wirres Gesumm wie von vielen Stimmen im Aufruhr." „Vielleicht ist ein Feuer ausgebrochen", sagte Nechemya." „Das kann nicht sein, sonst hätten wir die Sturmglocke läuten hören", meinte Hagar. Avromelya stand ruhig auf, ging zur Thür und öffnete sie. „Der Himmel ist nirgends roth," sagte er über die Schulter hinüber. Dann wurde es laut wie das gedämpfte Murren einer Menge, wenn sie eine tiefe Empfindung bewegt. Und endlich waren die Klagetöne und Schreckensrufe nicht mehr mißzuverstehen, denn der Aufruhr wuchs höher und höher. Avromelya kam zurück, sein Gesicht war todtenbleich. „Es ist ein Aufruhr — die Stadt ist verloren", sagte er leise. Aber Hagar hatte die Worte gehört und die Hände faltend, hauchte sie: „O, Du lieber Gott, behüte uns vor Vernichtung und wende Dein Antlitz nicht ab von uns in der Stunde der Gefahr! Nechemya, rasch, laß mich die Lichter ausblasen; das Gesetz erlaubt es selbst an einem Sabbath, wenn Lebensgefahr vorhanden ist. Im Dunkeln können wir uns fortstehlen und entfliehen." Aber Nechemya saß unbeweglich da, und bei den Worten seines Weibes hob er seinen Blick langsam zu ihr empor. „Schämst Du Dich nicht", fragte er — „Du, die Du so fromm zu sein vorgibst, schämst Du Dich nicht, zu denken, daß Du Gottes Absicht durch das Ausblasen einer Kerze vereiteln könntest? Und wenn unser Schicksal uns nahe ist, wird es uns weniger sicher erreichen, weil wir ihm in den Schatten der Dunkelheit entfliehen? Setze Dich und danke lieber Gott, daß unsere Wohnung von den anderen entfernt ist, denn so werden wir Zeit haben, die heutige Andacht zu beenden. . Wo sind wir stehen geblieben, Avromelya? Höchstens Ihr wünschet" — der Gedanke kam ihm plötzlich — „rechtzeitig zu entfliehen; denn was kümmert Euch unsere Gefahr? Geht also Eures Weges." „Wie ein Schaf, das von der Herde entflieht, weil der Scherer kommt?" fragte Avromelya. „Aber wie solltet Ihres wissen? Ich bin Euch fremd, und Ihr kennt meinen Charakter nicht. Ich bleibe — bis zuletzt. Laßt uns fortfahren." Und die beiden Männer lasen mit fliegendem Athem weiter, während Hagar zitternd dasaß und lauschte, als ob jede Pore ihres Leibes hören könnte. Das Getöse kam näher und näher, bald konnten sie einzelne Stimmen unterscheiden. „Das war Lesser Sundra's Schrei, sie müssen ihn verwundet haben, sonst würde er nicht brüllen wie ein Stier", klagte Hagar zitternd. - „O, was wird aus uns werden? Die beiden Männer antworteten nicht, sie waren bei dem vierten Becher Weines angelangt und nach ein oder zwei Versuchen reichte Nechemya Avromelya die Flasche und sagte: