Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 326 Dr Vloch's Wochrnfttzrtst. Nr. 16 Aber das Alles will man nicht gesehen haben! Dagegen arbeiteten die „N a r o d n i Listy" mit allem Dampf, um der jungczechischen Oeffentlichkeit einzureden, daß die Juden alle wie ein Mann socialisttsch, daher (nach der eigens ad hoc conftruirten neuesten Logik der „Narodni List y") „volksfeindlich", also „gegen die Nation" gewählt hätten. Damit waren aber die b ö h m i s ch e n Antisemiten hoch zu Roß in den Sattel gehoben. Bon da ab gingen die engeren Wahlen im Zeichen des Antisemitismus vor sich. Im Handumdrehen warfen die Leute ihren einstmaligen Freisinn von sich, legten ihre „fortschrittlichen" Masken ab und präsentirten sich im zwanglosesten Neglige als Antisemiten vom reinsten Wasser mit weißen Nelken im Knopfloche. Aus dem ursprünglichen Wahlkampfe der Jungczechen gegen die böhmischen Socialisten wurde ein Kampf der Czechen gegen die Inden und Deutschen herausescamotirt und die Jungczechen — triumphirten! Glaubet Ihr aber, daß dieser Antisemitismus ein grundsätzlicher war? Durchaus nicht — eine politische Com ö d i e w a r's und — die aufgelegte Parteirache! Als die Juden in den König!. Weinbergen Alle c o rp o r a t i v (auch die Deutschen!) den Philosemiten Doctor Em. Engel gegen den Socialisten Reis wählten*), da herrschte Ruhe, dafür aber, daß einige Jude» in Prag nicht den prononcirten Antisemiten Brzeznovsk y w ä h l t e n, zur Strafe dafür werden die wilden Leidenschaften gegen die ganze Race angefacht. Die jungczechische Inquisition wird von jetzt ab drakonische Gesetze octroyiren, denen zufolge jeder Jude im Königreiche Böhmen unter Verlust seines Kopfes oder Landesvertreibung auf ewige Zeiten jungczechisch wählen muß. Nur mit Hilfe solcher Gesetze ließe sich das jungczechische Regime in Böhmen vielleicht noch auf einige Jahre erhalten. Wenn uns naive Menschen Vorhalten, daß in den Reihen der böhmischen Socialisten auch Juden sind, kehren wir den Spieß um und geben diesen Anwurf zurück. Seht Euch nur die jungczechische Partei an! Ihre Landtagsabgeordneten JUC. Jacob Scharf und Dr. Josef Z a l u d und Andere sind Juden, der Führer der mährischen jungczechischen „Volkspartei Dr. Adolf Stransky ist ein getaufter Jude, viele jungczechische Abgeordnete, Wortführer und Vertrauensmänner haben Jüdinnen zu Frauen; die „Czeskozidovske L i st y" sind jungczechisch, jungczechisch ist der Verein „8 p o 1 e k ceskych akademikuzidu" (Verein der czechisch-jüdischen Akademiker), jungczechisch sind alle czechisch-jüdischen Vereine in ganz Böhmen, unter den jungczechischen Advocaten, unter den jungczechischen Kaufleuten, Beamten rc. sind Juden — und beachtet man z. B. den Jnseratentheil der „N a r o d n i L i st y", zu zwei Dritttheilen sind die Inserate regelmäßig von jüdischen Firmen. Höre also, böhmisches Volk! Die „N a r o d n i L i st y" sind es, welche Jahr für Jahr schwere Tausende jüdischer Gelder eincassiren! -I- * * Auf Eines jedoch sind wir neugierig: Was in aller Welt will die jungczechische Partei mit ihrem jetzigen A n t isemitismus beginnen? Da wird es interessante Scenen geben: Die betreffenden jungczechischen Abgeordneten und Vertrauensmänner lassen sich dann von ihren jüdischen Frauen scheiden, die „Narodni Listy" verzichten natürlich auf ihre Tausende von jährlichen Einnahmen aus jüdischen Inseraten.- Aber die Sache ist ernst. Die jungczechische Partei zieht stückweise das antisemitische Gewand an und dieses Factum bedeutet nichts weniger als ein neues Symptom ihres rapiden Verfalles. Der Antisemitismus bedeutet doch die nackte Reaction gegen den jungczechischen Freisinn und gegen den Demokratismus! Eine Partei, welche das allgemeine Wahlrecht fallen läßt und welche sich mit den Clericalen ver- *) Herr Adolf Oplatka agitirte im Vereine mit dem deutschen Cultusgemeinde-Vorstand für Dr. Engel auch mit d e u 1 s ch-czechischen Placaten; das war dem „N a r o d n i L i st y" natürlich ganz recht! Die Red. bindet *), eine solche Partei läßt sich auf die Dauer nicht einmal mit dem Antisemitismus galvanisirell! Daß Abgeordneter Brzezuovsky sich an die Spitze dieser antisemitischen Bewegung stellt und daß er am 22. März in der vertraulichen Versammlung der Antisemiten in der „Handwerker-Ressource" am Kleinen Ring für den Antisemitismus sprach, das kann uns nicht wundern. Bon diesem — Herrn können wir nicht mehr verlangen, daß er weiter, als über seine Nasenspitze hinaussehe. Aber mit Recht erstaunt sind wir über das Auftreten des 1. Id. vr. B a x a.**) Von dem ehemaligen „Fortschrittler" B a x a ist jetzt der gewöhnliche Antisemit Dr. B a x a übrig geblieben. Also auch schon an« Anfang vom Ende, Herr Dr. B a x a, und eigentlich doch noch so jung! Ist Ihnen denn wirklich schon gar nichts Anderes übrig geblieben, als — der Antisemitismus? . . . . Dr. B a x a beantragt die Gründung eines Antisemiten - Vereines mit dem Sitze in Prag und mit Filialen im ganzen Lande Böhmen. Nun denn, gut! Welche Folgen werden daraus entstehen? Die antisemitische B e w e g u n g k a n n viele kleine Leute unter d e n I u d e n vollständig r n i n i r e n, aber das jüdische Großcapital, wo eigentlich der Grund des Uebels sitzt, wird sie nicht berühren. Dem k l e i n e n M a n n werden vielleicht die Kinder im Dorfe uachlaufen und ihm „Jud', Jud'!" nachschreien und ihm die Fenster einschlagen, aber vor dem großen jüdischen Fabrikanten oder dem jüdischen Bankier werden sich die Leute weiter bücken und seine Gunst und sein Geld weiter ansprechen. Für die großen Juden wird also der kleine Mann, der a r m e I u d e leiden. Und das nennt man die Gerechtigkeit des Antisemitismus! Ein trauriger Sieg das, aber noch trauriger die Perspective für die Zukunft i — — So weit also haben wir es schon gebracht! So tief sind wir schon mit unserem D e m o k r a t i sm u s gesunken! Das ist bereits der Anfang vom Ende! So endete noch immer jede Partei, welche solch' schnöden Verr ath an ihren grundlegenden P r i n c i v i e n g e ü b t!!!" Wie mag wohl den famosen Herren J U O. Scharf et consorteshei dieser für sie und ihre Mandatgeber gleich vernichtenden Kritik zu Muthe sein? Vom Jahrmarkt des Lebens. Szajer's Erinnerungen. Der Abgeordnete Szajer, für dessen Befreiung aus dem Gefängnisse sich im Wiener Abgeordnetenhause die Abgeordneten ohne Unterschied der Confession und der Parteirichtung so warm einsetzten, hat die goldene Freiheit, deren er sich jetzt erfreut, vor Allem dazu benützt, mit den Wiener Antisemiten ein Berbrüderungssest zu feiern. Das ist Geschmackssache, oder besser gesagt, Sache der Geschmacklosigkeit, über die wir uns nicht weiter aufhalten wollen. Wenn ein Mensch, der soeben von dem Drucke ungerechter Verfolger befreit wurde, sich sofort für die Wiener Antisemitenführer enthusiasmirt, die die schamloseste Verfolgung einer Minorität zu ihrem politischen Principe erhoben haben, so läßt das auf die Gesinnung dieses Enthusiasten ein seltsames Licht fallen. Aber darüber wollen wir mit Herrn Szcjer rechten. Er will sich der Partei anschließen, die Lueger und Mittermayer hochleben läßt. Gut. Etwas Anderes aber ist es, wenn Herr Szajer, um dieser Freundschaft den officiellen Kitt zu verleihen, in dem antisemitischen „Bolkswirthschaftlichen Verein" Erzählungen zum Besten gibt, die nach dem „Deutschen Bolksblatt" folgendermaßen lauten: *) Herr Brzeznovsky bezahlte nämlich die für ihn abgegebenen 5000 Stimmen der Clericalen bei seiner Stichwahl im Vorhinein mit einem, dem Grafen Karl S ch ö n b o r n, dem Obmanne des „Katholischen politischen Vereines" und Bruders des Cardinal-Erzbischofs ausgestellten Reverse, worin er sich verpflichtete, niemals etwas gegen den Katholicismus zu sprechen und zu unternehmen. Auch diesen Pfandschein B r z e z n o v s k y's an die Clericalen haben die „Narodni L i st y" — todtgeschwiegen. Die Red. **) Landtagsabgeordneter J. U. Dr. K. B a x a wurde im November 1895 in K o l i n gegen Redacteur B. K al a s ausschließlich mit den Stimmen der Juden gewählt, nachdem er den Juden in seiner Wählerversammlung ausdrücklich erklärt hatte: „A l s freisinniger Mann kann sich kein Antisemit sein. Ich kenne keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, sondern nur zwischen guten und schlechten Menschen hier und dort."