Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Vr. Vloch's WochrnlchrM Seite 323 Nr. 16 Borsitz des Präsidenten kaiserl. Rathes Heinrich Klinge r abgehalten. Der Präsident begrüßte die Versammlung mit einer von Beifall begleiteten Ansprache, m welcher er in markanten Worten Ziel und Bedeutung der Conferenz zeichnete. Der Redner sagte: „In Ausführung einer längst gehegten. Absicht hat der Vorstand der Wiener israelitischen Cultusgemeinde die hervorragenden Schwestergemeinden Oesterreichs, sowie die böhmische Landesjudenschaft in Prag und das Curatorium des mährischschlesischen Landesmassafonds in Brünn zu einer Conferenz behufs Gründung eines Oesterreichischen Gemeindebundes eingeladen. Die geehrten Gemeinden und Corporationen, an welche wir uns gewendet, haben dieser Einladung Folge geleistet und zu der Berathung Delegirte nominirt, deren Namen in allen Kreisen des österreichischen Judenthnms mit hoher Anerkennung genannt werden und die in der bürgerlichen Gesellschaft und im Staate eine achtungsvolle Stellung einnehmen, deren hohe Einsicht und erprobter Patriotisnms auch Bürgschaft ist für das Gelingen des gemeinsamen Unternehmens. Als Präsident der Wiener israelitischen Cultusgemeinde habe ich die ehrende Aufgabe, Ihnen, meine verehrten Herren, den Dank des Vorstandes für Ihr Erscheinen auszusprechen, und es gereicht mir Lur hohen Genugthuung, daß es mir vergönnt ist, Sie in diesen Räumen begrüßen zu können. Die Notbwendigkeit, im Wege gemeinsamer Berathungen dem Ziele zuzustreben, welchem Ihre heutige Zusammentretung dienen soll, wurde seit vielen Jahren erkannt und empfunden. Als eine Entschuldigung für das Versäumniß oder mindestens für die Verzögerung in der Ausführung einer längst gehegten Absicht mag der Umstand gelten, daß der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde aus Mangel eines behördlich genehmigten neuen Statutes nicht in der Lage war, sich zu constituiren. Unmittelbar nach unserer Neuconstituirung haben wir, folgend einer Anregung aus unserer eigenen Mitte, verstärkt in Folge der Initiative des heute hier anwesenden geehrten Delegirten aus Teschen, des Herrn Cultusvorstehers Glesinger (Beifall), die Angelegenheit neuerlich in die Hand genommen und hegen nunmehr die Zuversicht, daß aus den heutigen Berathungen Heil und Segen ersprießen werde für die jüdischen Gemeinden Oesterreichs." (Lebhafter Beifall.) Redner erwähnt, daß das Präsidium den Delegirten einen Entwurf für eine Geschäftsordnung und für ein Statut zugemittelt hat und betont den Ausdruck „Entwurf", weil „wir weit entfernt sind, das Uebersendete als ein feststehendes Elaborat zu betrachten. Wir bitten Sie vielmehr, uns mit Ihrem Rathe an die Hand zu gehen, damit durch gemeinsame Berathung ein Werk geschaffen werde, welches den Bedürfnissen und Anforderungen der Gemeinden und der exceptionellen heutigen Lage des Judenthums 'entspricht." „Ich hege die Zuversicht, daß wie zu allen Zeiten trotz nationaler Zerklüftung und Sonderung, trotz politischer Gegensätzlichkeit und provinzieller Auseinanderstrebungen aller Art, der religiöse Gedanke ein einigendes unzerreißbares Band geschlungen hat um alle Theile unseres Volkes, wir uns auch heute, geeinigt durch den gemeinsamen Glauben, durch das principielle Einverständniß, dem Judenthum zu dienen, zu gedeihlicher Arbeit zusammenfinden werden. (Lebhafter Beifall.) Diese Aufgabe dürfte umso leichter gelingen, wenn wir uns bestreben — und ich spreche hier im Sinne des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde — von unseren Berathungen dieBeHandlung politischer Fragen mit aller Strenge fern zu halten. Trüb und düster ist die Zeit, da wir die Arbeit beginnen allein ich darf sagen, daß noch immer, wenn das Judenthum von schweren Gefahren umdroht war und die Bedrängniß auf das Höchste sich steigerte, sich auch stets Männer zusammengefunden haben, welche, getragen von starkem jüdischen Bewußtsein, mit Muth, Eifer und Hingebung dem Dienste der jüdischen Sache sich widmeten. Beseelt von demselben Muth und getragen von derselben Begeisterung für unser altes ehrwürdiges Judenthum wollen wir an die Arbeit gehen, und indem ich Sie, meine geehrten Herren, zu dieser hohen Aufgabe nochmals auf das Wärmste begrüße, erkläre ich die Verhandlung für eröffnet." (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Ueber Vorschlag des Delegirten Glesinger Wurden mit Acclamation Herr kaiserlicher Rath Klinge r*(Wien) zum Präsidenten und die Herren Dr. Rosenbacher (Prag) und Dr. B y k (Lemberg) zu Viceprüsidenten gewählt, zu Schriftführern die Herren Dr. Eben (Olmütz) und Doctor Sonnenschein (Troppau). Nunmehr referirt Herr Dr. Steiner (Wien) über die Gründung eines allgemeinen österreichisch-israelitischen Gemeindebundes, dessen Zweck in erster Linie die Abwehr sein soll. Was Einzelpersonen, Gemeinden und Körperschaften bisher nicht gelingen konnte, soll nun die Repräsentanz des ges am mten Judenthum es des Reiches zu Stande bringen, denn mit einem solchen Factor werde man doch rechnen müssen. Dabei handle es sich keineswegs um die Politik, sondern um die Vertheidignng der Grundlagen der gesellschaftlichen Einrichtungen, vor Allem um die volle Gleichberechtigung. Die nöthigen Mittel zur Erreichung dieses Zieles werden sich finden, insbesondere können wir die Begeisterung für die erhabene Sache ans unserer älteren, bewegten, aber auch ruhmvollen Geschichte schöpfen, andererseits liegt unsere Zukunft in der Heranbildung der Jugend nach den Traditionen unserer Vorfahren, jedoch dem Geiste der Zeit angepaßt. Diese Aufgabe könne ein auf gemeinsamer Basis aufgebauter Religionsunterricht vollbringen. Auch die eigenste Domäne des Judenthums, die Armenpflege, hätte der Bund in würdiger und wirksamer Weise umzugestalten, sowie für die Zukunft der Cultusbeamten zweckmäßige Einrichtungen zu schaffen. Auch die Beschaffung einer jüdischen Statistik sei ein unentbehrliches Arsenal der Abwehr, desgleichen die Pflege unserer Geschichte, welche bei keinem zweiten Volke merkwürdiger sei. Die Gründung dieses Bundes sei auch ein erziehliches Moment und das Bewußtsein des »Iwri onauchi« müsse zum Durchbruch gelangen. Der Referent schließt mit dem Wunsche, daß es gelingen möge, unsere sociale und politische Stellung und die bedrohten Rechte zu sichern und unsere maßlos verunglimpfte Ehre zu reinigen. (Großer Beifall). Der erste Vicevräsident der Wiener Cultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern (Wien), führt in seinem Referate über den Entwurf des Stätuts für den Gemeindebund aus, daß schon bei Berathung über das Gesetz, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft vom Jahre 1890, darauf hingewiesen wurde, daß damit die Constituirung der österreichischen Judenheit noch nicht abgeschlossen sei. Die Gründung oder Vorbereitung einer solchen höheren Einheit habe bei der Schöpfting eines Gemeindebundes vorgeschwebt. Der Entwurf sei nach bewährten Vorbildern, insbesondere nach den ausgezeichneten Statuten des böhmischen Gemeindebundes ausgearbeitet und möge der Versammlung zur Grundlage der Generaldebatte dienen. (Zustimmung.) Es folgt eine lange, weitreichende Debatte, an welcher sich die Delegirten Brunner (Hohenems), Dr. Byk (Lemberg), Dr. Rosenbacher (Prag), Dr. Stein (Wien) und Referent Dr. Stern betheiligten. In das Comite für Specialberathung des Entwurfes wurden über Vorschlag des Delegirten Witrofsky (Brünn) mit Acclamation die Delegirten Doctor R o s e n b a ch e r (Prag), Dr. Lichten st ern (böhmische Landesjudenschaft), Dr. H o r o w i tz (Krakau), Dr. O p p e nh e i m (Brünn), Lucian Brnnner (Hohenems), Glesinger (Teschen), und endlich die Wiener Vorsteher Dr. Stern, Dr. K o h n, Dr. S t e i n. Dr. Steiner und Dr. S t e g e r entsendet, welche sich sofort constituirten und Herrn Dr. Lichtenst e r n zum Obmann und Herrn Dr. Steiner zum Referenten gewählt haben. Präsident kaiserlicher Rath Heinrich K l i n g e r schließt hierauf die Verhandlung. * * * Am Abend desselben Tages veranstaltete der Wiener israelitische Cultusvorstand zu Ehren der Delegirten im Hotel Continental (Restaurant Tonello) eine Festtafel. Von den bei diesem Bankett gehaltenen zahlreichen interessanten und geistreichen Ansprachen sind besonders zu erwähnen: Der Kaisertoast des Präsidenten kaiserlichen Rathes Heinrich K l i n g e r. Er betonte die erprobte Vaterlandsliebe der Juden, ihre unerschütterliche dynastische Treue und jene heilige Ehrfurcht vor dem Träger der Krone, welche uns die Religion von Jugend auf einschärft und tief in das Herz einprägt. (Lebhafter Beifall). Er spricht die Zuversicht aus, daß der oberste Schirmherr der Verfassung, der Schutzherr der gesellschaftlichen Ordnung im Staate sich auch