Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 322 Vr. Vlortz » Wochrnschrist Nr. 16 die sozusagen transcendemate Richtung begründete seine Eigenihüiiilichkeit, stine Individualität. (S. 19.) Im Sinne des zweiten Jesaias ein „Licht der Nationen" zu werden, bis ans Ende der Erde das Heil der Welt gelangen zu lagen, ist seine Ausgabe." Für den „Staat", den „Bürger", diese Angelpunkte der antiken Ethik, hat die hebräische Sprache nicht einmal „adäquate Ausdrücke": ein schroff ausschließrndes Nationalbewußtsein im Sinne der alten Völker lag ihm ferne. Ob hier nicht der Fachmann der jüdischen Theologie sein Gebiet überschreitet? Wir werden ihm achtungsvoll lauschen, wenn er den Geist der Thora oder der Propheten auslegt, aber ob Dr. Güdemann, wenn er den Geist der alten Griechen und Römer citirt, ihnen nicht unwillkürlich die Nationalitätsidee des 19. Jahrhunderts unterschiebt, deren sie schon als Sclavenhalter nicht ganz fähig waren? In den homerischen Gesängen spielt Nationalgefühl insofern keine Rolle, als es sich nicht um einen Kampf zwischen verschiedenen Nationen handelt. Achaeer und Troer haben gleiche Sprache, Götter, Sitten und Waffen; nur einzelne Spuren eines nationalen Unterschiedes kommen vor: Die Troer rücken mit Geschrei, die Achaeer schweigend zur Schlacht an. Der nationale Begriff ist durchaus moderner Natur. Unserer heutigen Weltanschauung erscheint das hellenische Nationalgefühl engherzig, welches zum Stadtgefühl sozusagen sich zersplitterte und einschrumpste, ähnlich jenem Municipal-Patriotismus der italienischen Städte, die im Mittelalter auch oft einander bekriegten und erst in unserer Zeit ihre Eifersucht in die Begeisterung für das Eine Italien rühmlich aufgehen ließen. Im Mittelalter hat der religiöse Gedanke sowohl im Morgenals im Abendland alle nationalen Schranken niedergerissen. Neben dem Gegensätze zwischen Christenthum einerseits, andererseits Heidenthum, Judenthum und Islam verschwand der Gegensatz zwischen den europäischen Nationen. Das Lehenswesen, das römische Königthum griffen über alle nationalen Unterschiede fort. Schwäbische Kaiser hielten Hof in Sicilien. Vollends die Kirche überwob die ganze Christenheit mit einem Netze national indifferenter Machtfäden. Die nationale Idee in ihrer allbeherrschenden Machtentfaltung ist ein Erzeugniß der modernen Cultur; es gilt die Prüfung ob Natur und Eigenart des Judenthums den Nationalismus verträgt^ Aus Güdemann's Prämisse, daß die historische Mission des Judenthums geradezu in der Bekämpfung des exclusiven Nationalbewußtseins bestehe, kann sich für die Beurtheilung des Nationaljudenthums nur ein Schluß ergeben, den zu ziehen der Autor auch nicht zögert. „Würde das Judenthum in allen seinen Anhängern das Bestreben erwecken, wieder eine Nation zu werden, so beginge es einen Selbstmord." (S. 35.) „Allerdings hat es im Judenthum niemals an Männern gefehlt. welche über seine transitorische nationale Erscheinung seine ans das Allgemeine gerichtete Bestimmung aus den Augen verloren. (S. 36.) Aber niemals ist von irgend einer berufenen Seite an die Gesammlheit der Juden der Aufruf zu einem sogenannten unblutigen Kreuz;ug zur Wiedergewinuung ihrer nationalen Selbstständigkeit ergangen, die» wäre als ein Eingriff in die Führung Gottes erschienen, in dessen weisem Plane auch die Diaspora ihre vorbestimmte Stelle einnimmt." (S. 41.) „In der That ist die Diaspora eine der ruhmreichsten Partien der Geschichte des Judenthums, insoferne dieses während derselben seine Unzerstörbarkeit erwiesen und gezeigt hat, daß es mehr ist, als ein nationales Gebilde." (S. 39.) „Die Hauptabschnitte der Diaspora werden durch die Namen Philo, Maimonides, Mendelssohn bezeichnet. Diese Männer waren aber nicht blos hervorragende Bannerträger des Judenthums, sondern sie glänzen auch in der Culturgeschichte ihrer Zeitalter. Wenn also »ie heutigen Nationaljude n über die A s s i m i l a t i o n s best r c b u n g e n den Stab brechen, so beweisen sie ein kurzes G e d ä ch t n i ß." (S. 37.) „Auch mit dieser Anpassung an die jeweiligen Zeitverhältnisse ist . . das Judenthum nur sich selbst 'treu geblieben . . . Ueberall hat es sich acclimatisirt und assimilirt: es war unter den Griechen griechisch, in Persien persisch, unter den Arabern arabisch . . denn das Judenthum konnte nicht „vor den Nationen von Gott zeugen (Jes. 55, 4,) nicht konnten alle Völker der Erde sehen, daß der Name des Ewigen über ihm genannt sei" sB. M. 28, 10), wenn es sich von der Welt ab- und in eine Dunkelkammer einschloß. (S. 36.) „Warum sollte es heute anders sein? Warum sollten sich die deutsche« Juden nicht wie bisher als Deutsche, die französischen Juden als Franzosen u. s. w. betrachten. Weil die Anderen sie nicht so betrachten? Wenn wir die Anderen gefragt hatten, wären wir längst keine Juden mehr. Jeder Mann muß wissen, was seine Pflicht und was sein Recht ist. Wird ihm das Letztere verwehrt» so muß er es erkämpfen, erstreiten. Dies gilt auch für die Juden." (S. 42). „Es, nämlich das Nalionaljudenthum, ist selbst ein Product zuweitgehender Assimilation, insoferne es den Chauvinismus der Gegenwart auf das Judenthum überträgt". (S. 38). „In eine nationale Neugründung kann die Laufbahn des Judenthums, welches sich als den Siegelbewahrer der prophetischen, die ganze Menschheit umfassenden Verheißungen betrachten darf, nicht ausmünden. — Dies wäre die blanke Verwirklichung des horazischen Spottverses: Oemnit in piseem mulier tormosa superne. Um zu dieser von den nationalen Juden dem Judenthume zugedachten Höhe aufzusteigen, müßte es erst Alles vergessen, seine Thora, seine Propheten, seine Psalmen, seine Geschichte, die ihm eine ganz andere Zukunft ausmalen, als feine nationale Rehabilitation ihm bieten könnte, eine Zukunft, welche vielleicht die Zukunft der ganzen Menschheit ist. Denn der wahre Zionismus ist von der Zukunft der Menschheit nicht zu trennen." t S. 40). „Ein Judenthum aber mit Kanonen und Bajonetten würde die Rolle Davids mit der Goliaths vertauschen und eine Travestie jener selbst sein". (S. 38). „Lassen wir uns nicht das Kuckucksei der Nationalität in unser Nest legen, es wird nichts Gutes davon ausgebrütet. Wie sagt doch Grillparzer: „Von Humanität — durch Nationalität — zur Bestialität". (S. 43). Es ist dem Oberrabbiner voll Grvß-Wien in der Aera des Antisemitismus und des Nationaljudenthums zngekommen, sich über diese Frage zu äußern, und er hat es mit dankenswerther Rückhaltslosigkeit und Unzweideutigkeit gethan. — u Delegirtenversämmlung der israelitischen Grotzgemeindrn Oesterreichs. Am 7. und 8. d. M. fand in Wien über Einladung des hiesigen israelitischen Cultnsvorstandes die angckündigte gemeinsame Conferenz von Delegirten aller Großgemeinden Oesterreichs statt. Die Conferenz behandelte zahlreiche interne Angelegenheiten des Gemeindelebens und zog auch die gegenwärtige Lage des österreichischen Judenthnms in den Kreis einer eingehenden ernsten Discussion. Schon daß diese Conferenz zusammengetreten, ist "eine erfreuliche Thatsache, ein hohes Verdienst des derzeitigen israelitischen Cultnsvorstandes, welcher in dankenswerther Weise die Initiative zu dieser Zusammentretnng ergriffen. Außer den Vertretern und Vorstehern der Wiener israelitischen Cultusgemeinde haben an beit Berathungen nachstehende Herren theilgenommen : B r ü il n : Alois Witrofsky, Vorstand der Cultnsgemeinde Brünn, Dr. Joachim Oppenheim, Secretär der Cultusgemeinde Brünn; Czernowitz: David Tittinger, Reichsraths-Abgeordneter, Vicepräsident der Czernowitzer Handels- und Gewerbekammer und Vorsteher der Cultusgemeinde Czernowitz; Dr. Benno Straucher, Reichsraths-Abgeordneter und Vorsteher der Cultusgemeinde in Czernowitz. Graz: David Stern, Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde, Ludwig Koppmann. Hohenems: Lucian Brunner, Genreinderath der Stadt Wien. Krakau: Dr. Leon Horowitz, Präsident der israelitischen Cultusgemeinde Krakau; Hirsch Landau, Vicepräsident der israelitischen Cultusgemeinde Krakau. Lemberg: Dr. Emil Byk, Reichsraths-Äbgeordneter und Vicepräsident; Dr. Simon Schaff, Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde in Lemberg. Linz: Ignaz Hahn, Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde in Linz. O l m ü tz : Dr. Jakob Eben, Vorsteher - Stellvertreter der israelitischen Cultusgemeinde in Olmütz. Prag: Dr. Arnold Rosenbacher, Präses der israelitischen Cultusgemeinde in Prag; S. Elbogen, Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde in Prag. T e s ch e n : I. Ph. Glesinger, Präses, Fritz Fassel und Dr. Kleinberg Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde in Teschen. T r o p p a u: Dr. Theodor Sonnenschein, Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde in Troppau. Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschast: Dr. Moriz Lichteustern, Obmann. Mährischschlesisch-jüdischer Landesmassasonds: Dr. Salomon Spitzer. Dienstag am 6. d. M., halb 8 Uhr Abends, fand zunächst un „Hotel Continental" eine zwanglose Zusammenkunft zur gegenseitigen Begrüßung der Delegirten statt. * * * Mittwoch den 7. d. M. wurde die erste Berathung im Sitznngssaale der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde unter