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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-16 · 16 (16.4.1897) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
16 (16.4.1897)
Date
1897-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Hr. 16 4 Dr. Bloch’s Jahrgang XIV. Cenkralorgsn für die gefammten Interessen des Iudenthums. L. K. Postsp«rrsWen-Aml Ltraringd erkessr Nr. 810.976. Lrd«rUon und Adminiflrstton: Wie« Mntrre Nnosrlrnprstzel» Telephon-Nr. 6535. =* Wien, 16. April 1897. & Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wie». j] »rr»g»prrtei fllr Srsterrrtrd: Halbjährig 4 fl. 8 SU. Aiurelexemplare 95 kr. Für'» Ku»IkMd: halb^hrig »fl. ---ISKr. ganzjährig »0 „ 30 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 19 kr. Inhalt: Leitartikel: „Nationaljudenthum". — Delegirtenversammlung der israelitischen Grotzgemeinden Oesterreichs. — Fünf Jahre „Ferienheim". — Nach den Wahlen in Böhmen. — Bom Jahrmarkt des Lebens: Szajer's Erinnerungen. Arische Geschäflskniffe. „Die Wiener essen dös a!^ Eingesendet. — Correspondenzen: Wien, Baden-Mödling, Marienbad, RoLnau, Dobra, Brandeis a. E. Hohenau. Olmütz, Lemberg, Krakau, Prag, Tabor, Gleiwitz, Bromberg, München, Tremessen, Glogau, Ratibor, Jericho, Jaffa, New-Pork. — Vermischtes: Wien, Böhmifch-Leipa, Stanislau, Budapest, Raab, Mährisch-Weißkirchen, Hohenems, Berlin. — Feuilleton: „Aus dem Lande der Knechtschaft". — Briefkasten. — Inserate. — Inhalt der Bei age: 1. Lazarusabend. — 2. Lazarusabend. — Die Erlösung durch Eintracht. — Der neueste antisemitische „Freisinn" der Breznovsky-Partei vor Gericht. „Nationaljudenthum." Bon Oberrabbiner Dr. Güdemann.*) Es ist ein kleines Büchlein, das aber nicht wenig Aufsehen erregen dürfte, und es kommt zur rechten Zeit, als Festgabe an der Schwelle des Pessach. Auch auf den 15. Nisan könnte man das Wort anwenden, das unser Machsor für das Neujahrsfest reservirt; auch das Fest der Ueberschreitung und der ungesäuerten Brote ist im Grunde der Geburtstag einer ganzen Welt, der Geburtstag der Freiheit für ein ganzes Volk, der Geburtstag eines Volkes, das der ganzen Welt die vernünftigsten Formen des Gottesbewußtseins geschenkt hat und vielleicht noch dereinst' der ganzen Welt die Freiheit des Denkens zu retten berufen ist. Dieses Volk rüstet sich nun — unsere Hausftauen wissen etlvas davon zu erzählen — seit Wochen zur Feier seines . . . Geburtstages. Nach altem Brauch wird das Geburtstagsmahl angerichtet und was wünscht man dem Geburtstagskinde? Auf dem ganzem Erdenrunde erhebt sich dasselbe Gebet zum Himmel: Es lautet: „Im kommenden Jahre in Jerusalem!" „Im kommenden Jahre in Jerusalem", wird nun bald an Tausenden von jüdischen Ostertischen andächtig gerufen werden. In welchem Jerusalem? Im physischen Jerusalem, bei den Türken Xüäsi-LcbZrif genannt und Sitz eines leibhaftigen Mut^ssariff, in der Stadt des verfallenen Ostens, welche nicht einmal die verschiedenen Konfessionen der Christen einander vergönnen, geschweige denn die Christen uns oder die Mohammedaner den Christen! Oder in einem idealen Jerusalem? Ist vielleicht das ideale Jerusalem überall, wo das Heiligthum des Herrn aufgerichtet wird? Mit anderen Worten : Ist die Verheißung von der Zurückführung nach Jerusalem auf eine Neugründung des Nationalstaates zu beziehen, oder bedeutet sie das ideale Ziel der Erhebung aller Völker zur Höhe eines von allen unwesentlichen Zuthaten geläuterten Gottesglaubens und humanen Denkens? Niemand konnte kraft seiner Stellung und seiner Gelehrsamkeit dringender berufen sein, diese Frage zu beantworten, als der Oberhirt der größten Judengemeinde Oesterreichs. Es ist dankenswerth, daß er dabei seine schwere gelehrte Rüstung abgelegt hat, so daß auf unserem Tische ein Laienbrief liegt, lesbar für Alle**), ein Geburtstagsgeschenk für das VolkIsrael. *) Verlagsbuchhandlung M. B r e i t e n st e i n, Wien, IX/3, Währingerstraße 5. **) Hie und da freilich verräth das populäre Schriftchen doch einen hochgelehrten Urheber, so durch Melanchthon's „nicht ungesalzene Etymologie", wonach das Wort Germania — „was werden wohl die Deutfchvolklichen sagen" — von 6erim-pere§rim (Fremdlinge) herrühre. Das Büchlein ist in seinen drei ersten Abschnitten der Vergangenheit gewidmet, im vierten der Zukunft zugewendet. Die erste Gruppe könnte betitelt sein: Israel als der natürliche Feind der Nationalitätsidee, die zweite geradezu: Dr.Güdemann eontra Dr. Herzl. In einer kurzen Einleitung, in welcher die Entrüstung gegen den Antisemitismus als die Geburtshelferin des Nationaljudenthums bezeichnet wird, fordert der Verfasser, daß die jüdisch-nationale Idee vor Allem vom Standpunkte der Religion und im Geiste der Geschichte beurtheilt werde, nicht nach dem Bedürfnisse des Augenblicks, wobei es geschehen könnte, daß „über der Absicht, den Juden zu helfen, das Judenthum zu Grunde geht." (S. 5). Dr. Güdemann führt sodann aus, daß Israel im Gegen-, satze zu allen Völkern des Alterthums nur ausnahmsweise Eroberungskriege geführt und das Verdienst an den Siegen nur Gott zugeschrieben hat. „Die allen Völker sind recht eigentlich durch Krieg entstanden. Der Volksbegriff war in Israel ein anderer als überall, denn er war unzertrennlich von seinem Gottesbegriff. Unmöglich konnten daher in ihm das blos volksmäßige Nationalbewußtsein und Nationalgefühl so stark vorschlagen, wie anderwärts im Alterthum und selbst in der Gegenwart. Sie hatten für Israel ihren Ursprung in Gott, aber auch ihre Schranke an Gott."*) Consequent stellt nun der gelehrte Verfasser Israel als nicht an die Scholle gebundene „Glaubensgemeinde" (S. 27), als „Lehrer der Völker" dar. „In nicht weniger als 49 Variationen wird die Rechtsgleichheit des Einheimischen und Fremden, die Pflicht, den Fremdling wie sich selbst zu lieben, ihn nicht zu kränken rc. vorgeschrieben. Derartige Bekenntnisse und Anschauungen waren doch nur bei einem Volke möglich, dessen Lebenszweck nicht mit der Scholle verknüpft war, das seinen Beruf überhaupt nicht durch territoriale oder nationale Grenzen beschränkt sah, sondern dessen Blick und Sehnsucht auf Höheres, Ewiges, Allgemeines gerichtet waren. Dieses war die eigentliche Heimat Israels; *) Wir gestehen, daß 'wir bei dieser sachlich so richtigen Ausführung und an vielen Parallelstellen den Hinweis auf das III. Buch Mos. 4, 22 und seinen Gegensatz zu B. 2—4 geradezu vermißt haben. Sündigt der Naffi, so ist dies seine persönliche Schuld, sündigt der Priester die des ganzen Volkes. Wie könnte deutlicher ausgesprochen sein, daß das jüdische Nationalgefühl damals eine bloße Erscheinungsform des religiösen gewesen ist? (S. 26). (Zu S. 11 fei im Borübergehen bemerkt, daß nicht nur heidnische Helden ihre Trophäen im Heiligthum aufzuhängen pflegten. Vergl. I, Sam. 21, B. 10, über das Goliathschwert hinter dem Ephod in der Stiftshütte der Priesterstadt Nob.)

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