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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-09 · 15 (9.4.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
15 (9.4.1897)
Date
1897-04-09
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 318 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 15 biblischen Gestalten an dessen Faeade, mit welchen oft die jüdischen Zwecken gewidmeten Gebäude geschmückt waren, für diese Annahme sprechen. Doch welche Provenienz und Vergangenheit diese zwei alten Gebäude, diese Ueberreste aus uralten Zeiten, auch immer haben mögen, für unsere Väter und Urväter, wie für unsere jetzige Generation waren und bleiben die beiden von einem zauberischen Sagenkreise umwobenen alten Gebäude ehrwürdige Denkmäler aus längst vergangener Zeit, zu denen jeder Preßburger mit einer gewissen heiligen Scheu und Ehrfurcht emporblickt und die in so Manchem die mannigfaltigsten Gedanken und Erinnerungen wachrusen, von der guten alten Zeit, in welcher der Glaube so fest begründet war, daß man neben allem Möglichen auch an alles Unmögliche glauben konnte. Wie sagt doch Shakespeare in seinem „Hamlet": „Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich, unsere Schulweisheit nichts träumen läßt." literstur. Jüdische Theologie. aus Grund des Talmud und verwandter Schriften gemeinfaßlich dargestellt von Dr. Ferdinand Weber. Zweite verbesserte Auflage, Dörffling u. Franke, Leipzig. 8 Mark. Während die systematische Ordnung des halachischen Theiles des Talmud zahlreiche Bearbeiter gesunden hat, von Maimonides bis herab zu Abraham Danzig, hat die geordnete Darstellung des haggadischen Theiles noch keinen jüdischen Bearbeiter gesunden. Unsere Kenntniß des Jdeenkreises der alten Synagoge ist sehr mangelhast, da wohl selten Jemand das übergroße Gebiet des Talmud und der Midraschim ganz beherrschen wird, um eine klare Vorstellung zu haben, wie die Haggada über Gott, Menschen, Verdienst. Sünde und dergleichen denkt. Deswegen wird Weber's Buch Jedem willkommen sein, der, ob Fachmann oder Laie, ein Compendium der religiösen Haggada haben möchte. Für die Gediegenheit des Buches spricht schon der Umstand, daß es nach dem Tode oes Verfassers 1880 von Franz Delitzsch und jetzt von dessen Freund I. I. K a h a n in Leipzig mit herausgegeben wurde. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, daß es die erste Arbeit dieser Art ist, und daß es selbst Maimonides nicht erspart blieb, vieler Jrrthümer überführt zu werden. Andererseits müssen wir im Auge behalten, daß es nicht nur ein evangelischer Pfarrer geschrieben, sondern daß er es auch vom christlichen Standpunkte aus geschrieben har, wodurch die Objectivität eines wissenschaftlichen Werkes, trotz der Versicherung der Herausgeber, zuweilen sehr starke Stöße bekommen hat. Außerdem kommen Fehler äußerlicher Art vor, welche, wenn auch nicht wesentlich, die Freude an dem sonst so gediegenen Buche beeinträchtigen. Wir wollen mit den Letzteren anfangen. Der Verfasser spricht wiederholt von Parasche statt Paiascha, er citirt Bammidbar statt Bemidbar, den Wochenabschnitt Pikkude statt Pekude, Schallach statt Schelach, Waeihehannen statt Waethchannan n. dgl. Aber das nur nebenbei. Viel schwerer fallen die vielen sachlichen Fehler ins Gewicht, welche uns beim Gebrauch des Buches große Vorsicht auferlegen und zur Pflicht machen, sehr häufig die Quellen nachzuschlagen, um den Verfasser zu berichtigen J Zunächst ist es nun der christliche Standpunkt, welcher den Verfasser zu Jrrthümern verleitete. Bekanntlich hat Paulus an Stelle des Gesetzes den Glauben gesetzt, welcher allein den Menschen Heil bringt. Nun haben die Propheten allerdings oft betont, daß die äußere Gesetzlichkeit ohne innere Gesinnungsreinheit nichts werth ist. Aber haben nicht eben diese Propheten zur Heiligung des Sabbath, zur Feier des Sukkothfestes aufgefordert? Hat nicht Jesaja den Schweinefleisch- Effenden den Untergang angedroht? Maleachi vollends eifert dagegen. daß man fehlerhafte Opfer darbrmgt und ruft zum Schluß die wohl nicht mißznverstehende Mahnung aus: Gedenket der Thora meines Dieners Mose, dem ich am Chsreb für ganz Israel aufgetragen habe Satzungen und Rechte. Sollen wir der Thora gedenken, um sie — abzuschassen? Weber ist dieser Meinung. Er sagt Seite 5: Maleachi richtet dieses Wesen (der Gesetzeserfüllung); seine Hoffnung geht auf das Kommen des Herrn!— Ferner ist es ein beliebtes Argument der christlichen Apologeten, daß die jüdische Vorstellung von einer absoluten Einheit Gottes „die inuergöttliche Lebensbewegung" ausschließe, daß die Gottheit eine „trinitarische", eine dreiheitliche sein müsse, wenn sie die Menschen in Liebe umfassen und heiligen soll. Wenn ich den etwas dunklen Gedanken recht verstehe, so muß für die Eigenschaft der Liebe und Heiligkeit in der Gottheit je eine Einheit in derselben angenommen werden. Nun möchte ich aber bei der Gottheit auch die Weisheit, die Macht, die Gerechtigkeit nicht vermissen. Soll ich dementsprechend meiner Gottheit eine Sechseinigkeit zuschreiben? Wenn Weber objectiv sein wollte, so müßte er die Anschauungen der Synagoge einfach constatiren und seine subjective Meinung darüber für sich behalten. Er aber schreibt Seite 153 Ende: Der Mangetan der Erkenntniß, daß Gott in der Heiligkeit diesich selbst miltheilende, entgegenkommende,dem Anderen einwohnende Liebe ist, hinderte die Erfassung des trinitarische» Gottesbegrisscs und machte den jüdischen Gottesbegriff zu einem abstrakt monistischen. — Auch sonst muß man, so oft Weber zu Philosophien beginnt, unwillkürlich sagen: si taeni8863! Bei der Geburt Kains, des ersten M ö rd e r s, spricht Eva: Kanithi isch eth Adonaj, was Onkelos richtig übersetzt: ich habe erworben einen vom Herrn her. Weber (Seite 156) gefällt die Uebersetzung der Kirche besser: ich habe erworben den Mann, den Herrn — „das tiefsinnige Wort" nennt er es. Ist es aber wirklich so tiefsinnig, in dem ersten Mörder den Heiland der Welt ymbolisch darzustellen? . . . Aber auch da, wo Weber sachlich die Quellen der rabbinischen Literatur wiedergibt, begeht er grobe Fehler, die kaum verzeihlich sind. Wie in der Halacha die Meinungen oft auseinander gehen und man sich nach bestimmten Principien für die eine oder die andere entscheiden muß, so auch in der Haggada. Weber hat dies oft nicht beachtet, ja er verschmilzt manchmal zwei streitende Meinungen zu einem System! Samuel sagt: Es ist kein anderer Unterschied zwischen der gegenwärtigen Welt und den Tagen des Messias, als die Knechtschaft durch die Reiche allein. (Schabbat 151b.) Der Talmud, sagt daselbst ausdrücklich, daß die sonstigen Meinungen von anderen Zuständen in den Tagen des Messias der Samuels widerstreiten (upheliga). Bei Weber vertragen sich die kühnsten Erwartungen, daß zum Beispiel die Bäume alle Tage neue Früchte tragen würden, ganz gut mit Samuel (Seile 381)! Manchmal sind die Jrrthümer Weber's geradezu gefährlicher Natur. Seite 72 schreibt er: Wird der Jude vom Heiden über die Thora befragt und gibt er ihm Bescheid aus seine Fragen und Zweifel, so thut er es doch nicht, ohne seine Rede mit einem Fluch gegen den Heiden einzuleiten. Er citirt dazu Bereschith rabba e. 11. Ich war ganz starr, als ich dies las. Wie? Sollten unsere Weisen uns so niederträchtige Lehren gegeben haben? Sollte wirklich eine so heimtückische Vorschrift im Midrasch enthalten sein? Ich schlage die Stelle nach und war glücklich, als ich Folgendes las: Turnus Rufus der Bösewicht fragte den R. Akiba und sprach zu ihm: warum ist ein Tag anders als die anderen Tage? „Warum ist ein Mann anders als die anderen Menschen?" Was habe ich Dir gesagt, und was sagst Du mir? — „Du sagtest zu mir: warum ist ein Tag anders als die anderen, daß heißt warum ist der Sabbath verschieden von den anderen Tagen? Ich erwiderte darauf: warum ist ein Mann anders als die anderen, das heißt, warum ist Turnus Rufus ausgezeichnet von den anderen?" — Der König wollte mich ehren. — „Den Sabbath hat auch der Heilige, gepriesen sei Er, ehren wollen." — Nach längerem Wortwechsel, den R. Akiba nicht mit einem Fluch eingeleit e t, geht Turnus Rufus fort. Er kehrt nach einiger Zeit wieder und spricht zu R. Akiba: Wenn es sich so verhält, wie du sagst, daß Gott den Sabbath ehrt, so mag er doch an demselben keinen Winde wehen, keinen Regen fallen, kein Gras wachsen lassen! Da sprach zu ihm R. Abika: den Geist soll doch dieser Mensch aufgeben! Ich will Dir durch ein Gleichniß die Sache klar machen u. s. w. — Das ist also der Fluch, den R. Akiba höchst wahrscheinlich im Scherz dem Quälgeist nach einer langen Unterhaltung ins Gesicht schleuderte! Vor dieser Erzählung ist eine Unterredung Rabbi Hannassis mit Antoninus, und nach derselben eine solche eines heidnischen Philosophen mit R. Hoschaja wiedergegeben, ohne daß die frommen Rabbinen ihren Bescheid mit einem Fluch eingeleilet hätten! .... Einen Stich ins Drollige hat folgender Jrrthum Weber's: Zur Beantwortung der Frage: Wer ist ein Am Haarez? führt er Seite 43 die Stelle aus Sota 22» an, wo es unter Anderem heißt: Wer aber weder Schrift noch Mischna gelernt hat, auf den ist Jer. 31, 27 und Spr. 24, 21 anzuwenden. Ich schlage die Stellen nach Jer. 31,27 heißt es: und ich säe das Haus Israel und das Haus Juda Samen von Menschen und Samen vom Vieh. Das stimmt: der Am Haarez gleicht dem Vieh. Nun aber Spr. 24, 21. Da heißt es.'Fürchte den Ewigen, mein Sohn, und den König: mit Veränderlichen (aekonim) lasse Dich nicht ein. Was hat das in aller Welt mit dem Am Haarez zu thun? Ist der Am Haarez, der gewöhnliche Bauer etwa so revolutionssüchtig? Aber Weber ist hier ein kleines Malheur passiri. Mit dem Vers aus den Sprüchen fängt ein neuer Abschnitt an und wird durch das Wort schonim mit den Mischn a-Lernenden in Verbindung gebracht! Man sieht nun zur Genüge, daß man Weber's Jüdische Theologie nicht leichtgläubig benutzen kann, man muß ihm sozusagen überall auf die Finger sehen — und doch lohnt es sich, ihm zu folgen! Gerade das Nachschlageu der Quellen macht ihn so interessant und belehrend, und am Ende gewinnt man doch einen ziemlich klaren Ueberblick über das gesammte Gebiet der jüdischen Theologie. Waidhofen a. d. Thaya, den 12. März 1897. Rabbiner Dr. Isidor K a h a n. Briefkasten. Rabbiner Dr. I. Hirsch, Prag, Karolinenthal. Wir bestätigen Ihnen gerne, daß der in Nr. 10 der „Oesterreichischen Wochenschrift" erschienene, mit H. Unterzeichnete Bericht über die Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Böhmen nicht von Ihnen herrührt.

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