Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Bloch » Wochenschrift Seite 317 stattet sein, obwohl wir auch jetzt in einer traurigen Zeit leben, in welcher die sinsteren Mächte des Glaubenshasses und der Verfolgungssucht, in der häßlichen Gestalt des Antisemitismus, gegen uns Juden sich erheben. Doch wie viele Apostaten und Judenfeinde haben schon der jüdischen Nation und ihren Glauben zu schaden versucht, doch auf die Dauer ist es diesen nicht gelungen. Ja wie oft sehen wir sogar christliche, aufgeklärte und humane Priester, Philosophen und Staatsmänner, die das Judenthum gegen seine Verleumder vertheidigen und trotz ihres Glaubensunterschiedes der Mutterreligion die Achtung nicht versagen. Biele besitzen sogar den Muth, dem Judenthum eine schöne Zukunft zu prophezeien und seinen Bekennern Muth und Hoffnung zuzusprechen. So sagt z. B. der berühmte Emilie Castelar: „Wenn der Athener der Künstler, der Römer der Politiker, der Phönizier der Handelsmann, der Assyrer der Astrolog und der Perser der Soldat, so ist der Jude durch seinen Teinpel und durch seinen Gott der Priester des Alterthums. Die Hauptidee unserer Theologie des absoluten und ewigen Seins ist seine Idee, das Moralgesetz, das uns noch jetzt mit seinen Geboten beherrscht, ist geschrieben worden in der Gluth des Dornbusches am Horeb! und beim Funkeln des Blitzes am Sinai. Nur die Zähigkeit eines solchen Volkes konnte die Idee der Einheit Gottes unverletzt erhalten, als die Sphinxe auf ihren Piedestale von Granit sich bewegten und die Nymphen und Sirenen ebenso in den Wogen der Lüfte wie in dem Laufe der Bäche sangen, um die Welt heidnisch zu machen." Vielleicht bestätigt der Scheut auf der Kirche gegen die Absicht seines — Schreibers diese schönen und erhebenden Worte des großen Staatsmannes und Philosophen. II. Das Meraglimhaus und die ml't e „große Schul'". Das Ende des schmalen und winkeligelt Grünstübelgäßchen^ in Preßburg bilden zu beiden Seiten zwei uralte Häuser, die mit der Hauptfront auf den Hauptplatz der früheren Krönungsstadt stehen, um welche sich ein ganzer Kreis von Sagen gebildet, deren Entstehen wohl nicht leicht zu ergründen, die sich aber seit mehreren Jahrhunderten bis in unsere Gegenwart erhalten haben. Das eine dieser Gebäude ist ein vierstöckiges festungsartig gebautes Haus mit je vier Fenstern in jeder Etage und auf der dem Grünstübelgäßchen zugewendeten Seite, mit vielen nach oben gerundeten, jedoch vermauerten Fenstern. Abgesehen davon, daß es das höchste und einzige vierstöckige Gebäude in Preßburg ist und schon deshalb von den übrigen Häusern der Stadt absticht, macht es noch durch sein schmuckloses Aeußere, die vielen vermauerten Fenster, sowie durch die vielen Risse und Sprünge, die sich überall an dem alten Mauerwerk zeigen, einen recht düsteren und unheimlichen Eindruck auf den Beschauer. Das andere Haus, ein etwas moderner, verhältnißmäßig noch gut erhaltener Bau, der in einer späteren Zeitperiode erstanden zu sein scheint, ist charakteristisch durch ein steinernes Reliefbild auf dessen Giebelfront, welches die Meraglim^), eine große Weintraube auf einer Stange tragend, darstellt Die uralte, nach vielen Geschichtsschreibern schon von den Römern gegründete Stadt Preßburg oder Posonium, toie diese sie nannten, hat so manche Stürme erlebt, so viele welthistorische Ereignisse in ihren Mauern sich vollziehen gesehen; sie hat nach mehrhundertjähriger Glanzperiode als Ort, wo die ungarischen Könige gekrönt, als Sitz der Regierung und des Landtages auch eine Zeit des Niederganges erlebt und ihren früheren Glanz entschwinden gesehen; doch die zwei alten Häuser auf dem Hauptplatz haben alle diese Zeiten überdauert und kaum sind es zehn Jahre, seitdem. das eine vierstöckige Haus mit den vielen vermauerten Fenstern wegen Baufälligkeit der Axt der es demolirenden Arbeiter überantwortet wurde, um einem Neubau Platz zu machen, während das andere mit dem Reliefbilde der „Meraglim" noch heute unberührt vom Zahne der Zeit dasteht. Ueber diese beiden, aus früherer Zeit stammenden Gebäude circuliren im Judenviertel zu Preßburg allerlei Sagen und diese wollen wir als Sohn dieser Stadt dem geehrten Leser vorführen. Das alte, einen unheimlichen Eindruck machende Gebäude mit den vielen vermauerten runden Fenstern wird nach einer im Volksmunde circulirenden Sage für das alte Schulhaus gehalten, wo vor mehreren hundert Jahren die „große Schul'" (Synagoge) gestanden, die aber nachdem die Juden anläßlich eines Krawalls und Judenmasacres aus diesem Stadttheil vertrieben wurden, längere Zeit unbenützt und leer gestanden, später jedoch zu einem Wohnhaus umgebaut wurde. In das noch heute bestehende schmale Grünstübelgäßchen, in dessen Eckhaus sich die Synagoge befand, soll zu dieser Zeit anläßlich des obenerwähnten Judenkrawalls ein solch' schreckliches Blutbad unter den dort wohnenden Juden angerichtet worden sein, daß die Feder sich sträubt, Einzelheiten zu schildern. Wenn die alten Häuser dieses Gäßchens reden könnten, sie würden so manche Schreckensscenen, die sich vor ihnen abgespielt, zu erzählen haben. Darum wollen wir lieber einen Schleier ziehen über das häßliche Bild der greulichen Mißhandlungen, ^die laut alter Sage die damaligen jüdischen Bewohner dieses Stadttheiles zu erleiden hatten. Nach derselben Sage sollen es in der später zu einem Wohnhaus umgebauten „Schul" die Wohnparteien nicht lange ausgehalten haben, da es, um mit dem Volksmunde zu reden, dort „umging" und nicht ganz geheuer gewesen. Nach Aussage der Bewohner des alten „Schulhauses" sollen dort um die Mitteruachtsstunde die Geister ihre Tänze aufgeführt und einen ganzen Hexensabbath abgehalten haben. In einer späteren Zeit sogar, als den Juden wieder gestattet war, diesen Stadttheil zu bewohnen. wollen Biele, die dort um die Mitternachtsstunde vorübergingen, ,,Duchenen"'o) gehört haben und manche Passanten zu dieser Zeit „aufgerufen" worden sein. Als nun Einer diesem Rufe Folge geleistet und das einstige Schulhaus betreten, soll er, so erzählt die Sage, in einen hell erleuchteten Saal gekommen sein, in welchem eine vollständig eingerichtete Synagoge sich befunden, wo er in der Mitte derselben auf dem „Almemar"") ein geöffnetes Sefer Thora'') gesehen, ohne daß die dazu gehörenden Personen,, der Baal Kare13) und Baal Szegen*4) sichtbar gewesen wären, trotzdem er aber die vorlesende Stimme des Baal Kare gehört habe. Vor Schreck über das Gesehene soll dieser sehr schwer erkrankt sein und nach seiner Genesung das Gesehene erzählt haben. Doch auch in unserer Zeit stand dieses alte Schulhaus in solch üblem Rufe, daß es, als es vor zehn Jahren demolirt wurde, aus Mangel an Wohnparteien unbewohnt geblieben und die darin befindlichen Wohnungen zumeist als Magazine und Berkaufslocale vermiethet werden mußten. Doch so sehr die Sagen über die „alte große Schul" übereinstimmen, so differiren dieselben in Betreff des Meraglim- Hauses. Während nach der einen es einst das Koholshaus'") gewesen, in welchem der Vorstand der Gemeinde seine Sitzungen abgehalten habe, soll es nach einer anderen Sage das Beth Hamidrasch16) gcttJcfen sein. Nach einer aber unwahrscheinlichen Sage soll dasselbe einst eine recht profane Bestimmung gehabt haben und nämlich ein Preßhaus gewesen sein, in dem sich dort eine Weinpreffe befunden habe, wofür auch die Männer mit der Traube auf dem Reliefbilde zeigen sollen. Da das Archiv der Preßburger jüdischen Gemeinde bei einem großen Brande im Jahre 1793 verbrannt und vernichtet wurde, so stehen Schreiber dieses keine bestimmten Daten über die Wahrheit der einen oder anderen Annahme zur Verfügung. Doch da das Eine laut alten, bis auf unsere Jetztzeit sich erhaltenen mündlichen Ueberlieferungen feststeht, daß vor mehreren Jahrhunderten die Juden einen großen Theil des Stadtbezirkes, der jetzt die „innere Stadt" bildet, bewohnt haben und nur in Folge großer Judenkrawalle denselben räumen mußten, so kann mit einiger Bestimmtheit angenommen werden, daß das mysteriöse vierstöckige Haus mit den vermauerten runden Fenstern die einstmalige Synagoge oder die „große Schul" gewesen sei, die aber später, als die Juden aus diesem Stadttheile vertrieben, zu einem Wohnhause umgebaut wurde, in welcher Form es unsere jetzige Generation zu sehen Gelegenheit hatte. Was nun das Meraglimhaus aubelangt, so scheint die allgemein in Preßburg geltende-Annahme, daß es das ehemalige Gemeindehaus gewesen sei, eine scheinbar berechtigte zu sein, und würde auch der Umstand, daß dieses neben dem Schulhause sich befindet, sowie die Die Benediction der Priester recitiren. ") Ein Tisch, auf welchen beim Verlesen des Wochenabschnittes die Thorarolle gelegt wird. '-) Thorarolle. ,3) Vorleser. ") Der, welcher dem Vorleser der Thora die Worte deutet. t5) Gemeindehaus. 16) Lehrhaus. 0 Kundschafter, IV. B. M. 13, 23.