Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 316 Vr. Vloch's Wochrnsttzrist Nr. 15 Feuilleton. Jüdische Sagen und Alterthümer in Preßburg. Von Hermann L ö w i n g e r. I. Der Schem') am Fenster der Franziskanerkirche. Ungläubig sehe ich den Leser den Kopf schütteln; „Der Schem am Fenster einer Kirche", höre ich ihn ausrufen, „das ist ja unmöglich!" Und doch existirt dieses scheinbar Unmögliche in der Franziskanerkirche zu Preßburg. Wenn man, durch das alte Michaelerthor kommend, die innere Stadt betritt und links in das schmale Schloffergäßcheu einbiegend, dieses durchschreitet, so muß Jedem an dessen Ende die Jahrhunderte alte Franziskanerkirche in's Auge fallen. Unterzieht man diesen alterthümlichen Bau einer näheren Betrachtung, so wird man an einem der hohen Kirchenfenster, trotz der verwitterten, halbblinden Scheiben noch so ziemlich deutlich in großen hebräischen Schriftzeichen den aus vier Buchstaben bestehenden heiligen Namen Gottes sehen, der, wie er niedergeschrieben, auszusprechen nicht gestattet, und der kurzweg mit dem Namen Schem benannt wird. _ lieber die Entstehung dieser jeden jüdischen Glaubensgenossen Peinlich berührenden Inschrift auf dem Fenster der Kirche erzählt uns die Sage nachfolgende Geschichte. Vor ungefähr zweihundert Jahren kam nach Preßburg ein von Ruffisch-Polen ausgewanderter Jude sammt Frau und Familie, um sich dort ansäßig zu machen. Ueber dessen Vergangenheit und Herkunft konnte man nichts Genaues erfahren. Er gab sich als Sofer-) aus, welche Kunst er auch bald auszuüben begann, nachdem er Jedem seine Geschicklichkeit als Sofer angepriesen. Doch die Aufträge, die er erhielt, waren spärlich. Als Fremden begegnete man ihm zu dieser Zeit mit Mißtrauen und konnte er sich nur kümmerlich ernähren, da er nur von den untersten Classen der jüdischen Bevölkerung mit Aufträgen, zumeist aber nur mit Reparaturen von Tefilin und Mesusoth betraut wurde. Ein Sefer Thora * 2 3) zu schreiben bekam er schon gar nicht. Um ihn mit einer solchen, einen besonders ftommen Lebenswandel erfordernden Arbeit zu betrauen, dazu kannte man ihn zu wenig und war auch sein sonstiger religiöser Lebenswandel nicht geeignet, Vertrauen zu erwecken. Man sah ihn selten in der Synagoge uud auch sonst flüsterte man sich im Judenviertel so manches Abträgliches über seine religiöse Führung zu. Zu dieser Zeit war Preßburg schon eine große jüdische Gemeinde, welche die berühmtesten talmudischen Koryphäen zu ihren Rabbinern hatte und die vornehmsten uud angesehensten Männer und Takifim4 *) zu ihren Vorständen und Gemeindemitgliederu zählte. Die Vorstände der Preßburger Gemeinde recrutirten sich zumeist Ms den vornehmsten und reichsten Patrizierfamilien, deren es zu jener Zeit viele gab, wie zum Beispiel die Familien Teben, Lwuw (Lemberger), Brüll, Breisach rc., die sozusagen eine erbliche Dynastie bildeten und mehrere Menschenalter hindurch die Ehrenämter in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde inne hatten. Die Aufnahme in den Verband der Gemeinde war damals nicht so leicht zu erlangen. Um als Baal Boos b) ausgenommen zu werden, mußte man, um mit dem Volksmunde zu reden, „von guten Eltern her sein"; man mußte vor Allem eine längere Reihe von Jahren in Preßburg ansäßig sein, sich eines guten Leumundes erfreuen und einen ftommen Lebenswandel Msweisen können. Besonders gegen Fremde und umsomehr gegen solche, die aus dem fernen RußlMd eingewandertz war man, wie bereits oben angedeutet, sehr mißtrauisch und war es für diese sehr schwer, das jüdische Bürgerrecht oder die »Cheskath Hakehilo«, wie man dieses zu damaliger Zeit nannte, zu erlangen. Diese mußten sich außerdem noch über Vermögen oder eine gute Lebensexistenz ausweisen, um so die Befürchtung, daß sie etwa der jüdischen Gemeinde zur Last fallen könnten, zu beseitigen. ') Der vier Buchstaben enthaltende Name Gottes. 2) Thoraschreiber. 3) Thorarolle. 4) Bei der Regierung einflußreiche Männer. b) Gemeindemitglied. Nach dieser kurzen Abschweifung kehren wir zu der Hauptperson unserer Sage, nämlich zu dem eingewanderten Sofer, zurück. Nachdem dieser nun mehrere Jahre in Preßburg wohnhaft gewesen, reichte er eines Tages beim Vorstande der Judengemeinde ein Gesuch um Erlangung der »Lheskath Hakehilo« ein. Doch die vielen Bedenken über feine räthfelhafte Vergangenheit, die berechtigten Zweifel über seinen religiösen Lebenswandel, über den man sich so manches ihn Compromittirende in der Gemeinde erzählte sViele hielten ihn sogar für einen „Schöbsen" °)] und schließlich seine kümmerliche Existenz, welche die Befürchtung, daß er sammt Familie der Gemeinde zur Last fallen könnte, wachrief, veranlaßten den damaligen Rosch Hakohol 7J, sein Gesuch abschlägig zu bescheiden. Als er hernach sich persönlich auf das Koholshaus 8) begab und dort gegen den abschlägigen Bescheid Vorstellungen machte und bei dieser Gelegenheit noch vom Rosch Hakohol grob angefahren und nochmals abgewiesen wurde, so stieß er dort laut die Drohung aus, daß er sich an der jüdischen Gemeinde schon rächen und sich in einem anderen Gemeindeverbande, von dem er keine Abweisung zu befürchten habe, aufnehmen lassen werde. Nicht lange darauf wurde es in der Stadt bekannt, daß der russische Sofer sammt Frau und Familie die Taufe genommen und durch Vermittlung eines Ordensgeistlichen der Franziskaner zum Christenthum übergetreten sei. Kaum hatte sich die Aufregung in der Gemeinde über den plötzlichen Uebertritt des russischen Sofers, den man wohl nie recht getraut hatte, ein wenig gelegt, als eine Nachricht die Preßburger Judenschaft auf das Neue alarmirte, nämlich daß der Apostat als Laienbruder dem Franziskanerorden beigetreten sei. . Doch dies war noch nicht genug, denn um seiner Rache gegen seine früheren Glaubensgenossen zu fröhnen und diesen ein großes Aergerniß zu bereiten, erbot er sich den ihm im christlichen Glaubet! aufgenommenen Geistlichen des Franziskanerordens in hebräischer Inschrift das Heiligste der Juden, nämlich den aus vier Buchstaben bestehenden Namen Gottes, den Schem, niederzuschreiben und ihm an einem Fenster der Franziskanerkirche, wo er für Jedem sichtbar, zu befestigen. Dieses Anerbieten wurde von dem Geistlichen mit Freuden. angenommen und bald darauf wurde,unter großem Schaugepräge und mit allem kirchlichen Gepränge und unter großer Ansammlung des Volkes von dem Apostaten dieser Act vollzogen. Doch da geschah zum Schrecken und Staunen der anwesenden Menge das Unerwartete. Kaum hatte der Apostat den Racheact vollzogen und die Tafel mit dem „Schem" am Kirchenfenster befestigt, als ihn plötzlich ein Schwindel erfaßte uud er von der hohen Leiter hiuunterstürzte, wo er sofort den Tod fand. Trotz dieses Aufsehen erregenden Vorfalles, der als ein Fingerzeig Gottes betrachtet wurde, ist dieses uns Juden heilige Wort an seinem Platze belassen worden, wo inan es noch heute sehen kann. Daß diese an diesem Orte angebrachte Inschrift jedem vorübergehenden Juden gelinde gesagt, die unangenehmsten, ja schmerzlichsten Gefühle erweckt und peinlich berührt, ist selbstverständlich. Bilden doch diese am Kirchenfenfter angebrachten hebräischen Buchstaben den heiligen Namen Gottes, wie er niedergeschrieben nur von dem Hohenpriester am Versöhnungstage, und auch dann nur im Allerheiligsten des Tempels in Jerusalem auszusprechen gestattet war. Es haben auch so, wie sich Schreiber dieses zu erinnern weiß, die frommen und gelehrten Männer Preßburgs es vermieden, diese Gasse zu paffiren, und lieber einen Umweg über den grünen Marktplatz gemacht, wenn sie zur durch das Schlossergäßchen näher zu erreichenden Hauptpost gelangen wollten. Im Uebrigen ist diese sonderliche Inschrift in einer Kirche keine vereinzelte. Das Gegenstück befindet sich in der Michaelerkirche vor dem Burgplatze zu Wien, wo der Vorübergehende noch jetzt über dem Hauptthore eine Figur, eine Engelsgestalt darstellend, erblickt, die ein vergoldetes Schild hält, auf dem in hebräischen Buchstaben „Schem" deutlich zu lesen ist. Das sind noch die traurigen Ueberreste aus der düsteren Zeit des Mittelalters, wo gegen den. armen, unterdrückten Juden und dessen Religion von Apostaten Alles erlaubt war. In unserer Jetztzeit kommen solche Fälle nicht mehr vor und würde auch von der Regierung die Anbringung von Inschriften, die das religiöse Gefühl einer anderen Confession verletzen und bei einem Theile der Bevölkerung öffentliches Aergerniß erregen, nicht ge- 6) Sabbathianer, eine Secte, die unsere Tradition untergrub und den Messias in ihrem Gründer Sabbathi Zewi, als schon gekommen sah. 7) Vorsitzender des Vorstandes. 8) Gemeindehaus.