Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 15 Vr. Bloch's VochrnkchrM. Seite 313 Krakau, 5. April. In der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde herrscht gegenwärtig eine sehr lebhafte Bewegung, die in einer starken Opposition gegen das seitens der jetzigen Cultnsrepräsentanz an die Statthalterei eingereichte neue Gemeindestatut Ausdrnck findet. Aus einer anfangs nur kleinen Gruppe sogenannter „Malcontenten" hat sich allmälig eine sehr bedeutende „Volkspartei" aus allen Kreisen der hierortigen jüdischen Bewohnerschaft gebildet, die sich zur Aufgabe machte, die Genehmigung des gedachten, offenbar nur persönlichen Ehrgeiz fördernden, den wirklichen Bedürfnissen und Verhältnissen der Culüisgemeinde keine Rechnung tragenden Statutes zu vereiteln, und ein anderes, den zeitgemäßen Anforderungen entsprechendes zu überreichen. — Zu diesem Zwecke finden hier jetzt sehr häufig, Tausende von Theilnehmern zählende jüdische Volksversammlungen statt, die in der Regel einen sehr stürmischen Verlauf haben. Auf der letzten Volksversammlung wurde einstimmig die Resolution gefaßt, daß das an die Statthalterei eingesendete neue Statut, durch den in demselben enthaltenen, geradezu unlegalen Modus der Wahl der Mitglieder der hiesigen Cnltusrepräsentanz, die Rechte der überwiegenden Mehrheit der Krakauer jüdischen männlichen Bevölkerung in krasser Weise beeinträchtigt, daß daher ein anderes, die in der Administration und bei den Wahlen in die Cultusrepräsentanz herrschenden Mißbräuche beseitigendes, gerechtes Statut an die Statthalterei überreicht und daß ein Comite gebildet werde mit der Aufgabe, alles Erforderliche energisch anzuwenden, um die Bestätigung dieses Statutes herbeizuführen. — Man ist hier allgeniein auf den Ausgang dieser immer größere Dimensionen annehmenden Bewegung ungemein gespannt. Der hiesige allgemein geachtete Dampfmühlenbesitzer Herr Norbert W a s s e r b e r g, der dilrch seine mühevollen, wahrhaft patriotischen Leistungen als Mitglied des Comites für die Auswanderung der ans Rußland vertriebenen Juden sich unstreitig große und auch anerkannte Verdienste erworben, hat seine Tochter, sein erstes Kind, mit dem Herrn Wilhelm Eibens ch ü tz, Theilhaber der hiesigen Wechselstubenfirma „Brüder Eibenschütz" verlobt und aus diesem Anlasse aus allen Sphären der hiesigen jüdischen Gesellschaft warme Glückwünsche erhalten. Lemberg, 6. April. (Die Excesse in Chodoro w.) Seit einigen Monaten sind in Chodorow einige Hundert Mazuren beim Eisenbahnbau Podwysokie-Chodorow beschäftigt. Dieselben wohnen und speisen bei Israeliten in Chodorow. Die Arbeiter beklagten sich über die zu hohen Preise und die schlechte Nahrung, die Juden über das rücksichtslose Benehmen der Arbeiter. Am Sonntag Nachmittags entstand ein Conflict zwischen einem Arbeiter und einem jüdischen Orangenhändler. Der Conflict artete durch die Parteinahme anderer Juden und Arbeiter in ein Handgemenge aus. Man begann in israelitischen Wohnungen die Fenster e i n z u s ch l a g e n. Dem Eingreifen der Gendarmerie gelang es, die Gemüther zu beruhigen und den -Conflict beizulegen. Montags Früh etttstand zwischen diesen und den Juden wieder ein Conflict und sodann eilt Handgemenge. Einer der Arbeiter rief die außerhalb der Stadt beschäftigten Kameraden zu Hilfe. Diese eilten herbei. Man begann F e n st e r u n d T h ü r e n e i n z u s ch l a g e n, H ausein r i ch t u n g e u zu vernichten und d i e L ä d e n zu plündern. Die Israeliten schickten ihre Familien aus der Stadt und filchten selber Zuflucht in den Kellern. Auf telegraphische Berufung traf um die Mittagsstunde aus Bobrka ein Bezirkscommissär ein, denk es gelang, die aufgeregten und durch Branntwein erhitzten Excedenten zu beruhigen und aus der Stadt zu drängen. Da jedoch die Gefahr eines neuen Angriffes drohte, forderte der Commissär telegraphisch Militärassistenz aus Rohatyn. Um 5 Uhr Nachmittags langte der Bezirkshauptmann aus Bobrka ein. Gerade als er eintraf, verbreitete sich das Gerücht, einem Arbeiter sei der Kopf mit einer Axt e i n g e s ch l a g e n worden. Die Arbeiter durchbrachen den Gendarme r i e c o r d o n u n d st ü r m t e n auf d e n R i n g p l a tz. Es wiederholten sich nun die früheren Excesse und dauerten über zwei Stunden, wobei die Juden mit dem Tode bedroht wurden. Sowohl die 800 beim Bahnbau in Chodorow beschäftigten, als auch 300 Bahnarbeiter aus Psary überfielen die jüdischen Häuser, zerstörten Fenster und Thüren, rissen sogar die Fußböden auf und schleuderten alle Habseligkeiten auf die Gasse. Inzwischen trafen die Be- * zirkshauptleute aus Bobrka und Rohatyn ein, welche die Menge beruhigten. Zwölf Juden und sechs Arbeiter sind verwundet. Der achtzigjährige Josef Stein, welchem die Hände gebrochen wurden, liegt imSterben. Hunderte Familien verließen die Stadt, welche heute wie nach einem T a r t a r e n ü b e rf a l l aussieht. Lemberg. Am 20. d. M. wurde eine Versammlung von den Herren Samuel K l ä r m a n n und Dr. Jacob H o r o w i tz in eeit Saal des Hotel Bellevue behufs Dankeskundgebung an Herrn Moritz Lazarus für die Stiftung eines neu zu erbauenden israelitischen Spitales einberufen. In dieser Versammlung gaben die Herren Samuel K l ä r m a u n und Dr. Jacob Horowitz dem Gefühle der Dankbarkeit fiir den hochherzigen Stifter Ausdruck und es wurde nach diesen Reden beschlossen. an Herrn Directyr Lazarus eine Deputation zu senden. Am nächstfolgenden Tage begab sich eine aus zahlreichen Mitgliedern der Lemberger Gemeinde bestehende Deputation zum Herrn Direktor Lazarus, um ihm die Dankeskundgebung zu überbringen. Auf die Ansprachen der Herren K l ä r m a n n und Dr. C z e s ch e r antwortete Herr Lazarus tief gerührt: „Ich danke für diese mich höchst ehrende Kundgebung, ich denke, wenn mir Gott das Leben schenkt, noch an Etwas." - Die Wirkung der Rede des Herrn Dr. C z e s ch e r war auf alle Anwesenden eine bewältigende. Lemberg. Am 7. v. M. fand die XXXVI. ordentliche Generalversammlung des Vereines „Chesed Weemeth", des bedeutendsten hiesigen Wohlthatigkeitsvereines, statt. Derselbe hat im abgetanfenen Jahre 1896 an Kranken-, Witwen- und Waisennttterstützungen fl. 1877 und an Beerdigungskosten unbemittelter Mitglieder fl. 174 73 verausgabt. Der Bermögensstand des Vereines belief sich mit Jahresschluß auf fl. 23.722 42 und die Anzahl der Mitglieder auf 270. Für das Jahr 1897 wurden zur Function berufen die Herren Emil Edler von Mises als Präsident, Herr Ignaz Fried als Vicepräsident, Herr Doctor Maximilian S o k a l als Depositär, Herr Simon H a y als Schriftführer und Herr Rudolf W e i n r e b als Cassier, ferner die Herren Jonas Ehrlich und Nathan Mayer. Die Zusammensetzung des Ausschusses bietet die.Gewähr, daß der Verein auch weiterhin seinem Ziele: Humanität und Fortschritt, treu bleiben wird. Stanislau. Zum 50jährigen Regierungsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers hat der Gemeinderath beschloffen, mit dem Kostenaufwande von fl. 70.000 auf dem 3 Morgen nmfaffenden städtischen Garten an der Haliczergasfe ein Greisenasyl und Siechenhaus zu erbauen. Nach dem Entwürfe des Ingenieurs, Gemeinderath Jägermann und den Plänen des Stadtbaumeisters Zachar y a s i e w i c z werden mitten im Garten zwei Gebäude mit vis-a-vis-Fronten, allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprechend, erbaut werden. Der Fassungsraum beider Pavillons ist auf 72 Personen berechnet, und zwar sollen in dem einen 36 christliche und dem anderen eine gleiche Anzahl jüdischer Siechen untergebracht werden. Hinter den Gebäuden wird ein Spital und Bad erbaut, ferner eine Capelle und ein jüdisches Bet-Locale. Dieser von humanem Geiste getragene Gemeinderathsbeschluß verdient gewiß allerorten uachgeahmt zu werden. F. Brünn. Samstag, den 6. März fand die statutenmäßige Voll- Versammlung des „Jüdischen Vereines" statt. Da die Mitgliedschaft bereits in einer kurz zuvor abgehaltenrn Versammlung die Rechenschaftsberichte der Ausschußmitglieder zur Kenntniß genommen und sich in einer Vorbesprechung über die Art der Besetzung des neuen Ausschusses geeinigt hatte, schritt der Obmann des abtretenden Vorstandes, Dr. S t r a ch. sofort nach Eröffnung der Versammlang und Begrüßung ver Anwesenden an die Wahlen. Es wurden durch Acclamation gewählt: Phil. u. Med. Dr. E. Löw enstein» Obmann, Ludwig Straffer, Obmann-Stellvertreter, Oscar Tr am er, I. Schriftführer, Arth. T i n 1 n e r. II. Schriftführer, Siegsr. K o h n, Cassier, Siegfried Deutsch, Cassier-Stellvertreter, W. Sonderling, Bibliothekar, Julius W i e s n e r, Bibliothekar-Stellvertreter. Hierauf übernahm, auf das Herzlichste begrüßt, Dr. L ö w e n st e i n das Präsidium. Zunächst für das ihm dmch die Wahl bewiesene Vertrauen dankend, entwickelte rr in längerer» oft von stürmischem Beifall unterbrochener Rede in großen Zügen sein Programm. Ausgehend von der Thatsache, daß an der Judennoth nicht zumindest eine kriecherische Assimilation und die Verleugnung des Stammesbewußtseins Schuld trugen, erklärte er es für eiue Hauptaufgabe, dieser