Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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^eite 312 Dr. Vloch's Wochrnschrtfl. Nr 15 Es ist vollständig uitwahr, daß in Carlsbad Antisemitis- . mus herrscht — die anderen Curorte kenne ich soweit nicht.! Es ist vollständig unwahr, daß der jüdische Curgast brüsk - behandelt wird.! Es ist ferner unwahr, daß er hintangesetzt, geprellt, überj vortheilt oder chicanirt wird.! Wahr vielmehr ist in Allem und Jedem das Gegentheil. Es wird keinen einzigen jüdischen Curgast geben, der hier wegen seines Glaubens irgendwie zu leiden hätte oder nur behelligt worden wäre. Zu Hunderten wohnen Juden bei nichtjüdischen Bürgern und jeder Einzelne wird vollauf befriedigt sowohl seine Wohnung, als auch seinen Miethsherrn verlassen. Ich bin einer von Denjenigen, die Gelegenheit haben, in viele nichtjüdische Häuser während der Saison zu kommen, wenn sich da ein Kranker befindet, und deren gibt es ja so viele bei uns; da findet er eine aufopfernde und hingebungsvolle Pflege, auch wenn der Kranke ein Jude ist, wie er sie zu Hause nicht bester haben könnte. Um nicht weiter in die Einzelheiten eingeheu zu müssen, erkläre ich, daß „Alles", was dieser Menschenfreund Nachtheiliges von Carlsbad geschrieben — unwahr ist. Bemerken will ich nur noch, daß das, was er mit seinen „sogenannten Heilquellen" meint, mir, wahrscheinlich auch ihm, unverständlich ist. Indem ich Sie, geehrter Herr Redacteur, höflichst ersuche, diese Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen, zeichne ich mit aller Hochachtung S. Gütig. Prag. Man schreibt uns aus Prag: Infolge der Wahlen herrscht in Böhmen, besonders in Prag, große Aufregung unter den Czechen. weil die Juden sich erkühnten, eine selbstständige Regung zu bekunden und dem böhmischen Lueger Bt-eznovsk)' ihre Stimmen nicht geben wollten. Seit kurzer Zeit hat sich hier in Böhmen sehr Vieles zu unseren Ungunsten verschoben. Nach der Wahl BkeznovE's hielt Dr. Eduard Gregr eine Rede, worin er sagte: „Gott sei Dank, heute ist ganz Prag antisemitisch!" — darauf tosender minutenlanger Beifall, der nicht enden wollte! — Die „Närodnö Listy" haben die antisemitische Trommel bereits gerührt und drohen den Juden unverhohlen! So ist das böhmische Volk über Nacht antisemitisch geworden. Noch intensiver wäre diese Strömung geworden, wenn die Wahl zu Gunsten des Socialdemocraten Dödi« ausgefallen wäre, da man die Juden, die für alles Unglück auf der Welt verantwortlichgemacht werden, diese Niederlage doppelt hätte fühlen lasten. Ohnehin wird der Kreuzzug gepredigt, das ^svüj k sveum“ kommt in Schwung, „Boycott" ist das Losungswort der „freisinnigen" czechischen Presse. Daß Vertreter des Capitals — als welche die Juden doch gelten — zu ihren größten Gegnern Zuflucht nehmen müssen, ist ein noch nie dagewesenes Schauspiel, in das uns die Bourgeoisie mit ihren Halbheiten getrieben. Die Juden stehen als gebildeter Mittelstand im Lager des schärfsten Radicalismus, im Lager der grimmigsten Opposition, mit Peitschenhieben hineingetrieben von der arischen Bürgerschaft. Und Alles wundert sich darüber! Man hat in der arischen Bourgeoisie kein Gefühl für die Summe von Unrecht und Unbill, die man uns angethan. Man war auch gewöhnt, daß die Juden nicht opponiren, und weil diese nicht wieder die politischen Prügeljungen der Bourgeoisie fein wollen, ist die Wuth unbeschreiblich. Köuigiuhof, 1. April. Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 31. März kehrte ich hier im „Hotel Kopp" (Hotelier F. R o 6 e k) ein; gleich beim Eintritt hörte ich spöttische Rufe von einen Geistlichen und noch Einigen, die neben ihn saßen, beachtete dies' jedoch nicht, sondern setzte mich zu einem anderen Reisenden. Nachdem das Gelächter beim Tische des Geistlichen und eine immer wiederholte Melodie im Ariston nicht aufhörte, fragte mich der Reisende, ob ich Jude sei, was ich bejate. „Nun," erwiderte dieser, ..wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich den Geistlichen, den Wirtb und das Ariston hinausfeuern! Man hört solch' eine Comödie bei Tag genug, Abends könnte man Ruhe haben? Lesen Sie sich den Titel des Liedes im Ariston und Sie werden schon wissen." Und siehe da, der Lueger-Marsch war eingehängt. Ich ersuchte den Kellner, er möge den Wirth, Herrn R o 6 e k, der anwesend war, hereinschicken, selber erschien jedoch erst nach einer Stunde. In aller Stille interpellirte ich ihn betreffs des provocirenden Marsches, nachdem er doch darauf reflectirt, daß jüdische Reisende bei ihm wohnen, und ftagte ihn, wie er so etwas dnlden könne. Er gab mir in einem sehr erregten Ton die Antwort: Na to Vam däm Z3'tra odpoved! Auf das gebe ich Ihnen morgen Antwort! und geberdete sich in einer solch rüden Weise, daß ein College heraustrat und ihm zu verstehen gab, wenn er sich nicht anständig benehme, so werde er sofort übersiedeln. Dies zur Richtschnur allen jüdischen Reisenden, die nach Königinhos kommen. Hohenelbe» 2. April. (Ein a n t i s e m i t i s ch e r F a b r ikant.) Bor geraumer Zeit brachte die „Oesterreichische Wochenschrift" eine kurze, die antisemitische Gesinnung des Herrn A. E h i n g e r, hier, betreffende Notiz. Herr A. E h i n g e r sah sich damals veranlaßt, diese Behauptung durch eine Richtigstellung, ein Wohlverhaltungsattest eines hiesigen jüdischen Advocaten und durch andere Mehrere in Abrede zu stellen, da, wie allgemein bekannt, die jüdischen Web- und Manufacturwaaren-Firmen in Wien in seinem Sündenregister recht zahlreich vertreten sind und er in Folge dessen nicht ohne Grund befürchten mußte, daß alle diese ihm die weitere Geschäftsverbindung aufkündigen werden. Man hätte glauben sollen, daß Herr A. Ehinger nach dieser Affaire und nach der öffentlichen Publieirung seines Betragens anläßlich der Constitnirung des Deutschen Bolksvereines in Hohenelbe, umkehren werde. Wie jedoch die jüngste Reichsrathswahl zeigte, hat sich diese Vermuthung nicht bewahrheitet, zumal die letzten Vorkommnisse mit Deutlichkeit darauf Hinweisen, daß Herr A. Ehinger nicht nur seiner Gesinnung treu geblieben, sondern auch die Tendenzen jener Leute gebilligt hat, die da von dem Standpunkte ausgehen, man müsse jeden Juden aus seiner socialen Stellung verdrängen und zu diesem Behufe eine allgemeine „Entjudungscur" vornehmen. Die antisemitische Partei ist sich dessen voll bewußt, daß viele ihrer Anhänger nur von Juden leben, sie weiß daher auch, daß sich deren Schaar wesentlich verkleinern würde, wenn ihr Programm die Clause! enthielte, die Anhänger der deutschen Volkspartei haben jeden Verkehr mit Juden, sei es privat oder geschäftlich, zu losen; sie läßt es sich in Folge dessen nicht einfallen, einen solchen Punkt einzuschieben. Und so können diese Herren mit Leichtigkeit ihren „Heilö"- Schlachtruf in die Welt hinausposaunen, sie können mit geringer Gefahr ihre gleichlautenden Hetzreden vom Stapel lasten, können sich dabei auch mit Ruhe vom Juden füttern lassen, betrachten vielleicht Letzteres als ein Mittel zum Zweck, und wenn sich dann der Jude ermannt und die Schlange, die er am eigenen Busen nährte, verscheucht, dann stehen sie da als Märtyrer der Nation, appelliren an das Mitgefühl ihrer Gesinnungsgenossen und bitten, Jene mögen sie nicht verlassen, da sie sonst ruinirt wären. > Von einem solchen Falle zeugte auch die anläßlich des zweifelhaft n Sieges Wolf's im hiesigen Stammlokale der Antisemiten stattgehabte Siegesfeier, und unserer bescheidenen Ansicht nach dürfte unserem ehrenwerthen Stadtoberhaupte auch etwas hievon bekannt sein. Um aber wieder auf Herrn A. E h i n g e r zurückzukommen, so constatiren wir, daß der zweifelhafte Sieg der Deutschen Volks- Partei im Trautenauer Reichsrathswahlsprengel, der mit Hilfe der Pohrlitzer Czechen zu Stande kam, zum Theile auch das Verdienst des genannten Herrn ist. Wir wollen ihm die Anerkennung hiefür in ungeschmälertem Maße angedeihen lasten und hier einige Punkte seiner verdienstvollen Thätigkeit hervorheben: Am Tage der Wahl sah man diesen Herrn vor dem Wahllokale trotz strömenden Regens, die ihm von seiner Partei zugewiesenen Wächterdienste treu erfüllend, die Wähler mustern, man bemerkte, wie eifrig er sich bemühte, manches, nach seiner Idee fehlgehende Schäflein auf den richtigen Weg zu leiten. Wer das den Herrn E h i n g e r seit Jahren plagende Podagra kennt, der wird auch seine Thätigkeit, welche mit Rücksicht auf das damals herrschende Unwetter verdienstvoll und aufopfernd genannt werden muß, richtig zu beurtheilen wissen. Die Galaequipage des Hauses Ehinger mit dem paradelivrirten Kutscher am Bock, brachte jene Wähler rur Urne, bei denen die.Wölfe befürchteten, sie könnten im letzten Momente umkehren und sich der Wahl enthalten. Selbst sein jüngster 18jähriger Sprössling Ernst Ehinger, der in der Bleiche der Firma A. Ehinger und Clay beschäftigt ist, hat seinen Vater treu unterstützt. So geschah es unter Anderem, daß dieser halbwüchsige Knabe an jenem Abende, an welchem der liberale Abgeordnete Glöckner zu einer Ermahnung an die Bauern der nahegelegenen Ortschaft Langenau benützte, besten Rede heimlich hinter der Thüre belauschte und zum Schluffe mit dem Ausrufe: »Lastet Euch nicht beeinflussen!" in den Saal eindrang. Es würde wohl zu weit führen, alle Momente der g l o rreichen Thätigkeit des Herrn A. Ehinger zu schildern. Und so muß man aus seinem ganzen öffentlichen Leben den unzweifelhaft klaren und logischen Schluß ziehen, er sei ein Antisemit, dessen heiligste Aufgabe es ist. die Bestrebungen seiner Partei zu fördern und die Existenz dxr Juden mit allen Mitteln zu bekämpfen. Ob hievon die jüdischen Web- und Manufacturwaarenfirmen am Quai in Wien auch Kenntniß haben? Hodie mihi, cras tibi!