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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-09 · 15 (9.4.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
15 (9.4.1897)
Date
1897-04-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 306 Dr Vwrtz's Wochenschrift Nr. 15 fälschung und Uuterschlaguug ins Zuchthaus geschickt und dieser Mann fügte — was in Preußen durch Cabinetsordre gestattet ist -- seinem Eide die Worte hinzu: „Durch Pesumschriftthnm zur ewigen Seligkeit". Das war der berühmte christlich-conservative Kämpfer, derFreumd Stöcker's, Freiherr v. Hamm erst e i n. Noch ganz vor Kurzem fand es der conservativ-antisemitische Jntriguant v. Tausch für nöthig, seinem Eide die evangelische Formel anzuschließen und — in einigen Wochen wird er wegen dieses Eides im Zuchthause eine Zuflucht finden. Wo bleiben also die Hoffnungen, die man sich von der coufessionellen Färbung des Eides macht? Nein, wir wollen es offen aussprechen: man erwartet von dieser Neuerung nur das Eine, den Fortschritt des Antisemitismus. Der salonclericale Centrumsführer Dr. Lieber, dieser schlaue und aalglatte Politiker, betonte freilich, für ihn scheide bei diesem Anlage und seiner Begründung Alles, was nach Antisemitismus schmeckt, vollkommen aus und er unterstützte den Antrag nicht, weil er von Antisemiten kommt, sondern tro tzd e m. Aber welche Gründe sind es, die er für den confessionellen Eid ins Gefecht führte? Sie sind wahrlich nicht stärker als die der Antisemiten. Unsere Verfassung, meint er, basire aus christlicher Anschauung, für ihn sei die Religion öffentliche Angelegenheit, daher müsse auch der Eid einen coufessionellen Act darstellen. Aber nein, Herr Dr. Lieber, die Verfassung des Reiches ist gar keine christliche und soll auch keine sein. Wie kann eine Verfassung, die die Gleichberechtigung aller Bürger, unabhängig von ihrem Glaubensbekenntnisse, ausspricht, eine christliche sein. Der moderne Staat ist eben nicht christlich, diese Mär ist längst ad absurdum geführt worden. Wie kann denn ein Staat mit einer gemischten Bevölkerung ein christlicher sein? Er müßte doch dann eine katholische oder evangelische Prägung annehmen, denn der Begriff „christlich" ohne confessionelle Bezeichnung existirt heute nicht mehr. Bor einem Jahre mußte ein Polizeibeamter am Rhein über einen Herrn ein Protokoll aufnehmen. Als er zur Bezeichnung der Religion gelangte, entspinnt sich folgendes Gespräch: Beamter: Religion? Vernommener: Christ. Beamter: Katholik? Vernommener: Nein. Beamter: Also Protestant: Vernommener: Nein, Christ. Beamter (wüthend): Also Dissident, warum sagen Sie es denn nicht? Das ist charakteristisch für die moderne Auffassung. Und die religiöse Kraft des Eides, die das Centrum erstrebt? Sie genügt für den wirklich Religiösen schon in der heutigen Form. Ja, sie würde genügen auch ohne Anrufung Gottes, denn die Wahrheit ist doch schließlich die Urquelle aller Religion und aller Sittlichkeit. Herr Dr. O s a n n hat offenbar recht, wenn er meint: „Die Herren geben uns einen etwas unangenehmen Einblick in die christliche Natur. Wenn das Gesetz vorschreibt, die Wahrheit der Aussage zu bekräftigen unter Anrufung Gottes, des Höchsten in der ganzen christlichen Weltanschauung, ja, was wollen Sie denn noch Höheres eigentlich anrufen? Wollen Sie Untergeordnetes, weniger Wichtiges noch hineinziehen in die Eidesformel nach dem Allerhöchsten? Ich muß sagen, der Gedanke, daß das nicht einmal fest und kräftig genug sei, um den Christen bei der Wahrheit zu erhalten, macht ganz besondere Zumuthungen an Diejenigen, welche nicht auf dem Standpunkte der Gegner stehen. (Sehr richtig! links.! Nein, wenn ich auch zugebe, daß der Eid in seiner geschichtlichen Entwicklung von Mancherlei entkleidet ist, so hat er schließlich doch eine Form angenommen, welche dem größten Theil des deutschen Volkes als annehmbar erscheinen kann, welcher in der Religion sich befindet, in ihr die gewaltige Kraft sieht, die den Menschen mit den unnahbaren Gewalten des Himmels verbindet. Wer in dieser Weise sich in der Religion befindet, der sollte damit einen Abschluß machen, indem er den Namen des Höchsten anruft." Ja, die ganze Sache war eben nur berechnet. Agitation zu machen und neue Recruten für den Antisemitismus zu werben. Daß die Conservativen mit in den Chor der Antisemiten einstimmteu, das ist selbstverständlich. Wann hätten diese Edlen sich je für etwas, was reactionär ist, was nach Mittelalter und Judenhaß riecht, nicht begeistert? Ein tragikomisches Intermezzo bildet noch die erregte Auseinandersetzung zwischen L i e b e r m a n n und L e n zm a n n. Der Antisemitenführer warf dem Freisinnigen vor, er wäre im Grunde seines Herzens nichts weniger als Philosemit und habe sich schon oft im vertrauten Kreise stark antisemitisch ausgedrückt. L e n z m a n n wehrte sich gegen diesen Vorwurf und der freisinnige Papst Eugen l. eilte ihm zu Hilfe. Aber wir müssen gestehen, die Vertheidigung war eine sehr schwache und auf den Unbefangenen hinterließ diese Scene den Eindruck, daß dieser Vorwurf, trotz der unlauteren Quelle, nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Vielleicht sehen die deutschen Juden endlich ein, den Kampf gegen den Antisemitismus den Rittern des Freisinns zu überlassen. Für den Einsichtigen ist es gar kein Geheimniß mehr, daß die Freisinnigen nicht nur als Stütze zu schwach, sondern auch nicht immer zuverlässig sind. Der antisemitische Antrag ist selbstverständlich mit großer Majorität angenommen worden, und wir sind neugierig, wie die Regierung sich dazu stellen wird. Wir sagen „neugierig", denn ein großes Interesse nehmen wir an der Thatsache nicht. Wir wissen sehr wohl, daß von dem Moment an, wo die Antisemiten in Deutschland parlamentarisch werden, vorsichtig zu Werke gehen und praktische Politik treiben, sie bei uns Glicht weniger als in Oesterreich zu einer Macht werden und Vieles erreichen. Wir.sind also nicht überrascht. Mit der Aufhebung des allgemeinen Eides fängt man an und mit der Annullirung der bürgerlichen Gleichberechtigung wird man aufhören. F. S. Vom Jahrmarkt des Lebens. Baden-Mödling. Geehrter Herr Redacteur! In Ihrem geschätzten Blatte vom 2. d. M. veröffentlichen Sie einen Aufruf an jene Glaubensgenossen, die bereits Sommerwohnungen in Baden gemiethet haben, diese Wohnungen mit Rücksicht auf den Airsgang der dortigen Wahl nicht zu übernehmen und die bereits entrichteten Angaben fallen zu lassen. Gestatten Sie, daß ich als Jurist meine geehrten Glaubensgenossen daraus aufmerksam mache, daß der Verfall der Angabe voir der Verpflichtung, die Wohnung zu übernehmen, nicht b efreit. So begründet also auch Ihre Aufforderung ist und so wünschenswerth es auch wäre, daß unsere jüdischen Mitbürger ihr gutes Geld nicht mehr an die Badener Antisemiten wegwerfen, so möchte ich doch vor übereilten Entschließungen warnen. Die „Aufnahme" einer Wohnung, ob sie nun mündlich oder schriftlich erfolgt, ob eine Angabe entrichtet ist oder nicht, kommt einenr rechtskräftig abgeschlossenen Vertrage gleich und der Vermiether kann den Miether gerichtlich zwingen, den Zins für die ganze Sommersaison zu entrichten, respective die Wohnung zu übernehmen. Nur dort, wo stricte Beweise dafür erbracht werden können, daß der Hausherr von Haß gegen seine Miether beseelt ist, könnte man sich weigern, die Wohnung zu beziehen; aber auch da riskirt man einen kostspieligen und langwierigen Proceß. Für die freundliche Aufnahme dieser Zeilen bestens dankend, Hochachtungsvoll ergebenst Dr. M. B. ~ Mödling, 5. April. Löbliche Redaction! Bezüglich Ihres Auftufes in Ihrem geschätzten Blatte ddo. 2. April d. I., Nr. 14, in welchem Sie unsere Glaubensgenossen' auffordern, Baden und. wie zwischen den Zeilen durch leise Andeutung zu entnehmen ist, auch Mödling als Sommeraufenthalt zu meiden, sehe ich mich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, veranlaßt, soweit sich Ihre Aufforderung auf Mödling bezieht, die Vorgänge und das Stimmenverhältniß bei der Reichsrathswahl im Wahlorte Mödling wahrheitsgetreu zu schildern. Mödling, welches einige Tage vor der Wahl von Herrn Dr. Lueger anläßlich einer Wählerversammlung zu Gunsten des Candidaten Foller als Domäne und Hochburg des Antisemitismus proclamirt wurde, hat den Antisenliten nach der Wahl viel zu denken gegeben. Es wurde nämlich von Seite des liberalen Agitationscomites calculirt und als besonders günstig angenommen, wenn ans den liberalen Candidaten 150 Stimmen bei der Wahl entfallen würden. Am Wahltage entfielen auf Professor M a r ch e t im Wahlvrte Mödling von 800 abgegebenen Stimmen circa 300

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