Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Vr. Vlorh's MvchrnfchrM Stimmen. Wenn man nun bedenkt, daß sich von den 1200 Eingeschriebenen 400 der Wahl enthalten haben, welch' Letztere mit Rücksicht darauf, als die Antisemiten ihren letzten Mann zur Urne brachten, gewiß nicht als Antisemiten bezeichnet werden dürfen, so ergibt sich aus dieser Aufstellung unzweideutig, daß die Majorität der Wählerschaft Mödlings liberal und nicht antisemitisch gesinnt ist. Wenn man noch die Qualität der liberalen Wähler, welche sich bei der Agitation und Wahl für Professor Mar che t einsetzten, in Betracht zieht, so muß unbedingt, ich wiederhole das nochmals, angenonimen werden, daß die Majorität der Wählerschaft Mödlings liberal ist. Ich fühle mich zu dieser Erklärung in meiner Eigenschaft als Borsteher der israelitischen Cultusgemeinde Mödling geradezu verpflichtet, um durch unrichtige Voraussetzungen unsere Glaubensgenossen von denr Sommeraufenthaltnehmen in Mödling nicht abzuhalten. Ich bitte, diese meine Zeilen in der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes zu veröffentlichen und danke Ihnen hiefnr im Vorhinein verbindlichst. Mit vorzüglicher Hochachtung Israelitische Cultusgemeinde Mödling Der Vorsteher: Joel Singe r. „Eine Flankenbewegung nach Rechts". Geehrter Herr Redacteur! So sehr ich es vermeiden möchte, in persönlicher Angelegenheit das Wort zu ergreifen, sehe ich mich doch durch die Entgegnung des Herrn C., der meinen Aufsatz in Nr. 12 d. Bl. einer Kritik unterzog, dazu veranlaßt, um durch mein Schweigen nicht den Anschein zu erwecken, als ob ich mit den Behauptungen C.'s einverstanden wäre. Ich muß mich vorerst gegen den Schlußsatz der genannten Entgegnung verwahren, als ob meiner Arbeit das übliche Borurtheil des „akademisch gebildeten" Mannes gegen den „Philister" zu Grunde liegen möchte. Eben als „akademisch gebildeter" Mann muß ich es doch wissen, daß die Geschichte der Wissenschaften dieses Vorurtheil nicht kennt, daß es auf geistigem Gebiete kein Zunftwesen gab, wenigstens nicht in dem Sinne, daß die Hallen der Wissenschaft sich nur jenen geöffnet hätten, die mit dem Diplom einer Facultät ausgerüstet waren. Als Rabbiner nmß ich es wieder selbst ohne Delitzsch wissen, daß unsere Lehrer keine Zunftgelehrten waren, daß es unter ihnen auch Handwerker gab, als Maml endlich, der seine Zeit nicht verschläft, sondern die socialen Erscheinungen der Gegenwart aus seiner stillen Klause beobachtet, weiß ich es, daß es nicht „die reich oder wohlhabend gewordenen jüdischen Kaufleute" waren, die aus ungesunder Ehrsucht oder eitlem Protzenthum ihre Kinder einer wissenschaftlichen Laufbahn zugeführt haben, sagen doch schon unsere Weisen, daß eben armer Leute Kinder zur Beschäftigung mit der Thora, mit dem Studium berufen sind. Man möge die sociale Stellung jener Eltern, die ihre Kinder studiren lassen, ihre Bermögensverhältnisse und Beschäftigungen durchmustern, die Zahl der wohlhabenden und reichen unter ihnen wird eine verschwindend geringe sein. Auch ich gebe es zu, daß „der Mensch seinen Stand macht", und nicht umgekehrt, ich will aber, daß die Juden sich einen guten „Stand machen", daß sie in allen Berufen sich eine Stellung erringen, die ihnen zur Ehre gereicht. Dahin führt aber nur ein einziger Weg, der der Intelligenz und des Studiums. Darum, weil die Industriellen und Großkaufleute seit Jahrzehnten bestrebt waren, ihr Bildungsniveau zu heben, weil die Großhändler, die keinen Brief orthographisch richtig schreiben konnten, auf den Aussterbeetat gesetzt sind, darum ist ihre „sociale Werthschätzung" in Zunahme begriffen. Nicht der formalen Bildung, sondern der Bildung ^überhaupt wollte ich das Wort reden, nicht den Geisteswissenschaften allein, sondern auch — und diesen fast noch mehr — den Naturwissenschaften. Unberufene und Unbefähigte mögen der Universität ferne bleiben, so lange aber Herr C. mir keinen verläßlicheren Gradmesser einer Zeitcultur, als den Besuch der Lehranstalten anzugeben vermag, infolange wird er es mir nicht verargen können, wenn ich in der Verminderung der jüdischen Hochschüler das erblicke, was darin wirklich aus gedrückt ist, näm- Uch eine — Flankenbewegung nach rechts. Also keine Zunftgelehrten, mein lieber Herr C., sondern gebildete Leute, intelligente Juden niöchte ich haben und gebe Seite 307 mich der angenehmen Hoffnung hin, daß auch Ihre Bemerkung nicht im Stande sein wird, den dazu berufenen Jünglingen den Weg zur Universität zu verlegen. M i ß l i tz. Tr. G o l d s ch m i e d. Dr. Roschmann, der Abgeordnete für Sereth, Radautz. Suczawa In Nr. 13 der „Oesterr. Wochenschr." haben wir den neugewählten Abgeordneten für Sereth, Radautz und Suczawa, Dr. R o s ch m a n n, Professor an der deutschen Universität in Czernowitz, nach Berichten aus der Bukowinaer Landeshauptstadt als einen" deutschnationalen Antisemiten bezeichnet und unserer Verwunderung Ausdruck gegeben, daß jüdische Cnltsvorsteher eine derartige Candidatur unterstützeil dursten. Dem entgegen wird uns aus Wählerkreisen mitgetheilt, daß Proiessor Dr. R o s ch m a n n in allen seinen Candidatenreden den streng freisinnigen Standpunkt festgehalten und betont hat. Er bekannte sich offen als Gegner der antisemitischen Bewegung und als Allhänger der Socialpolitiker, denen er sich im Parlament anzuschließen beabsichtigt, falls eine solche Gruppe sich bildet. In einer seiner Reden in Sereth sagte er wörtlich: „Seit meiner Kindheit habe ich, selbst ans einer durch und durch liberal denkendeu Familie stammend, immer hochgehalten, was man die angeborenen Menschenrechte nennt. — Von meinem Großvater her und von meinen Ureltern kann ich sagen, war es eine Tradition, daß wir immer freiheitlich gedacht und gefühlt haben, das ist etwas, was ich ganz kurz erwähne, weil ich es heutzutage als eine einfache Voraussetzung ansehe, daß ein gebildeter Mensch nicht derartigen wüsten Treibereien sich hingibt, wie sie leider heutzutage in die Massen geschleudert werden. Die Versicherung kann ich Ihnen geben, weil ich es als selbstverständlich finde, daß lnan derartigen Treibereien nicht nur nicht angehören darf, sondern daß man denselben entgegentreten muß — daß ich im Reichsrathe, wo dieses Treiben herrschen sollte, denselben nicht nur entgegentreten werde, sondern daß es meine Aufgabe sein wird, die Interessen der Angegriffenen ob sie dieser oder jener Confessio» oder Nation angehören — zu vertheidigen." Im weiteren Verlauf seiner Rede bezeichnete der Candidat es als eine Nothwendigkeit dem A n t i s e m i t i s m u s e n tgegenzutreten, und betonte die Nothwendigkeit des Friedens aus nationalem und confessionellem Gebiete, um auf wirthschaftlichem und culturellem Gebiete tüchtige Arbeiten zu leisten. Was seinen politischen Parteistandpunkt anbelangt, so erklärte Dr. R o s ch m a n n Folgendes : „Sie sehen, daß ich vor allem Anderen Arbeit haben will, daß der Abgeordnete, wie ich ihn mir vorstelle, fleißig, selbstlos sein muß, derselbe darf sich nicht kümmern, sitzt hier ein Christ, ein Jude, ein Rumäne oder Ruthene, das muß ihm gleichgültig sein, er hat die Bevölkerung so zn betrachten, als ob er einen Auftrag hätte, ganz neutral seine Pflicht zn erfüllen; vor allem Anderen hat er den socialen und wirthschastlichen Fragen sein volles Augenmerk zuzuwenden. — Ich sage Ihnen offen: Ich gehöre seit meiner Studienzeit einer fortgeschrittenen socialen Richtung an. Gerade diese fortgeschrittene sociale Richtung aber geht von denr Grundsätze aus, daß es keinen Unterschied geben soll zwischen den Menschen in confessioneller und nationaler Beziehung, sie strebt vor allem Anderen den Frieden und strebt die wirthschastliche Fortbildung an. Das ist in kurzen Zügen mein Programm." „Soweit die Verhältnisse im künftigen Abgeordnetenhause sich überblicken lassen, werde ich mich einer jener Gruppen anschließen, die social denken, dabei nicht reactionär, aber auch nicht allzu stürmisch sind, denn ich glaube, es ist viel besser, auf dem ruhigen Wege der Reformen als mit überhastender Eile Dinge sichren zu wollen, die nicht nothwendig sind. — I ch werde mich der socialpolitischen Partei gleich meinem College» P h i l l i p o w i c z a n s ch l i e ß e n, falls diese zu Stande kommen würde, es ist eine Vereinigung, der jetzt schon Leute verschiedener Nation und Consession beitreten, die bei einander sitzen, weil sie etwas Besseres zu thun haben, als über Dieses und Jenes zu streiten." „Sollte diese Partei nicht zu Stande kommen, so werde ich Wilder bleiben, bis sich die Gelegenheit bietet, dieses Programm in großem Kreise zur Verwirklichung zu bringen." In ähnlicher Weise beantwortete Dr. R o s ch m a n n i die von israelitischen Wählern an ihn gerichteten wiederholten