Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021184--06627-3030917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15 Dr. Bloch's wochrnfchrifi Seite 305 Manne durch das herrliche, altjüdische Ideal der Ehe „geheiligt ist nach den Gesetzen Moses und Israels!" Mit Recht wünscht Lazarus in seiner Vorrede zur letzten Auflage, daß dem „aus dem tiefen Quell der dreitausendjährigen Stammesgeschichte geschöpften, . köstlichen Büchlein" vor Allem jüdische Leserinnen beschieden sein mögen; ob diese aber auf die Dauer der lockenden Verführung widerstehen werden, ausgewählte Quellenstellen auch einem männlichen Publicum zu unterbreiten, bleibt zweifelhaft. „Jeder Mensch esse und trinke weniger als seine Vermögensverhältnisse erlauben; nach seinen Verhältnissen kleide er sich, aber sein Weib ehre er mehr als seine Verhältnisse gestatten," citirt Nahida Ruth Lazarus aus dem Talmud. Nicht wahr, meine Damen, der Talmud ist doch nicht so schlimm wie sein Ruf? Und nun erst der Gesang der fastenden Junggesellen am Versöhnungstage: „Wer kein Weib hat, lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Liebe, ohne Lehre, ohne Schutz und ohne Frieden." Und so etwas hat man abgeschafft. O, diese Rabbinen! Doch wohin führst Du mich, anmuthige Erzählerin, der ich dieses Blatt verehrungsvoller Sympathie gewidmet habe? Freilich wäre meine Skizze gar zu unvollständig gewesen, hätte ich den echt weiblichen Zug zum Schalkhaften nicht erwähnt, welcher zwischen den Zeilen von Nahida Remy's Büchern sein harmloses Spiel treibt. So sei sie uns denn herzlich gegrüßt, die uns am nächsten Dienstag ihren „Seelenkampf" aus eigenem beredtem Munde kennen lernen lassen will. Seit 1894 mit ihrem „Lehrer und Führer" Lazarus vermählt, hat sie sich bei ihrem liebertritte zum Judenthum mit dem sinnigen Namen Ruth geschmückt, wohl eingedenk des alten, schönen Spruches ihrer biblischen Namensschwester: „Dein Volk ist mein Volk, und Dein Gott ist mein Gott!" Mit dem altjüdischen: „Gesegnet sei der Kommende im Namen des Ewigen" haben wir vor Wvchenfrist Nahidas Lehrer und Gemahl begrüßt. Ihr selbst aber, die obwohl „innerlich neutral", sich kämpfend zu dem schwächeren, zu dem bedrängteren Theile gesellt hat, möchten wir den tiefsinnigen Gruß widmen, den einst der gekrönte Sänger an die kluge Abigail richtete: „Gesegnet Deine Gründe, gesegnet Du selbst." Nicht jeder und jede Neubekehrte unserer Stadt dürfte auf diesen Segen reflectiren. Darin aber scheint mir der tiefere Sinn der bevorstehenden Lazarus-Vorlesungen zu liegen, daß sie uns Allen, die wir im Wiener Seelenkampfe stehen, zurufen: „Gesegnet, der da kommt im Namen der ewigen Wahrheit! Gesegnet Deine Gründe, gesegnet Du selbst!" Veras. Der ronfessiunelle Eid. (Alls Deutschland.) .-Lange schon lechzte die schwarze Schaar voni Orden Antisems nach einer herzerquickenden Judendebatte im deutschen Reichstage. An antisemitischen Geistreicheleien und erschütternden Witzen fehlt es zwar im Tempel der Volksvertretung bei reiner Gelegenheit, und die genialen Weltreformer verstehen die edle Kunst, alles Mögliche und Unmögliche mit dem Judenthum zu verzwicken. Für sie gibt es nur ein drohendes Fragezeichen in der Welt: die Judenfrage. Die sociale Frage, die ethische Frage, die Frauensrage — was bedeuten sie alle gegen die Frage aller Fragen, gegen das Alpha und Omega aller christlich-germanischen Politik? So bildete der Antisemitismus im deutschen Reichstage stets die Würze, um die abgeschmackte feudal-reactionäre Suppe pikanter zu gestalten. Aber so eine echte und rechte Judendebatte, wo man sein Herz ausschütten und stundenlang über die bösen Juden sprechen kann, ohne vom Präsidenten unterbrochen zu werden, weil es „zur Sache gehört" — das ist doch etwas Anderes, das gibt der arischen Politik erst die rechte Weihe. Endlich ist es gelungen. Man hat den alten Confessionseid,der über zwanzig Jahre eingesargt und begraben war, von seiner dumpfen Gruft heraufbeschworen. Herr Liebermann von Sonnenberg war es dieses Mal, der die Sittlichkeit, die echte Religion und den Geist der Wahrheit mit heroischer Kraft rettete. Er stellte den Antrag, beu allgemeinen religiösen Eid abzuschaffen und die specifisch confessionelle Eidesformel einzuführen. Jede Confessio» solle ihren besonderen Eid am Gerichte schwören. Ach, man schwört heute in Deutschland „bei Gott dem Allmächtigen und Wahrhaftigen", das kann doch am Ende auch der Gott der Juden sein. Wie soll das genügen, um die christlichen Männer und Frauen vor einem Meineide zu schützen? Gewiß, es werden heute viele Meineide geleistet und — wie schrecklich! — sie werden nicht allein von Juden, sondern auch von auserlesenen Christen, von antisemitischen Führern und conservattven Glaubenshelden geschworen. Ergo sind die Juden daran schuld und sie sollen es büßen. Es soll für sie ein specifischer Eid eingeführt werden, damit Richter und Geschworne, Bertheidiger und Zuschauer sofort erfahren, daß man es hier mit einem Juden, «it einem Bürger zweiter Classe zu thuu habe. Interessant zur Beurtheilung des Geistes dieses famosen Antrages ist seine Begründung: „Man muß den Gewisfenscoitflict, in den Christen gesetzt werden, zum Beispiel durch die Eidesabnahme durch einen jüdischen Richter, beseittgen." Also, das christlich-religiöse Gesiihl leidet darunter, wenn man Gott zum Zeugen in Gegenwart eines jüdischen Richters anruft. Wie subtil doch so ein religiöses Empfinden ist! Anfangs folgerte man aus diesem gewaltigen Argument: „Die Juden müssen hinaus aus dem Richterstande!" heute ist man bescheidener geworden, man verlangt nur, daß der liebe Gott in den Hallen der Justiz mit besonderem Namen bezeichnet wird, damit man ja genau weiß, welchen Gott man eigentlich meint. Aber ist es denn wirklich so ein großes Unglück, wenn man gemeinsam mit den Jude» einen Eld hat? Man hat doch gar Manches mit ihnen gemein, so zum Beispiel den Monotheismus und Alles, was im Ehristenthnm voll sittlicher Kraft und von wahrer Menschlichkeit zeugt. Was also thuu? Da gibt es keine Auswege: wer jegliche Gemeinschaft mit dem Geiste des Judenthums zerstören will, der muß das Christenthum verleuglien, muß die Lehre des Rabbi I v s ll ah v o n N a z z a r e t h ablegeu und zur Wotananbetulig zurückkehren. Ja, die einzige consequente Richtung im antisemitische» Tohuwabohu ist thatsächlich die D ü h r i u g'sche, die das Christenthum fanatisch haßt, weil sie in ihm ein zwar nicht verbessertes, aber verändertes Judenthum erblickt. Freilich, es ist eine müßige Arbeit, beit Gedaukengaug eines Lieberma n n zu verfolgen. Dieser glückliche Herr braucht keine Gedanken, denn er hat — Worte. Ideen oder gar Logik wäre für seine Partei ein verhäugnißvoller Luxus. Mau weiß, was er will: über Juden sprechen und Juden demüthigen. Dieses Hauptziel war ja durchsichtig, der ganze Reichsrath merkte die Absicht, aber — er wurde nicht verstimmt. Mein Gott, wer nicht naiv ist — und das ist man im Reichstage kaum — der weiß es zur Genüge: nicht die Religiosität, sondern die Androhung von Zuchthausstrafe schreckt die Meisten vor Meineid zurück. Und wenn man den Eid noch so sehr mit Weihrauch umhüllen und mit dem mystischen Nimbus der Confession umgeben könnte, es würde nicht genügen, um die Habgier oder die unheilvolle Leidenschaft — die Motive des Meineides — zu bekämpfen. Eine Statistik würde beweisen, daß man unter Atheisten nicht mehr Meineide findet, als unter den positiven Religiöfeu. Der Talmud sagt fein psychologisch: „Der Dieb fleht zu Gott, daß die Bestohlenen nicht erwachen mögen." Jeder Criminalpsychologe wird die Erfahrung schon gemacht haben, daß die meisten Verbrecher sich leicht mit ihrem religiösen Gewissen abfindeu. Das Alles hätten die gelehrten Volksboten wissen können, wenn — sie es wissen wollten. Sie brauchten ja nur ihr Gedächtniß ein wenig zu Hilfe zu rufen. Vor 2 Jahren trat ein in der Oeffentlichkeit bekannter Mann vor die Schranken des Schwurgerichtes in Hannover, angeklagt wegen wissentlichen Meineids. Der „arme Mann" hatte die Frau seines intimen Freundes verführt und dann vor Gericht als Zeuge ihre Unschuld beschworen. Sein ganzes Leben war eine fortgesetzte Kette von Lüge und Heuchelei, bis er jäh von der Höhe bürgerlicher Ehren in den tiefen Abgrund stürzte und ins Zuchthaus gesperrt wurde. Das war kein Jude, d«s war auch kein liberaler Atheist, sondern der stomme antisemitische Reichstagsabgeordnete L e u ß. Ein Jahr später wurde in Berlin ein Mann, der in christlichen Sitten und Tugenden ergraute, wegen Urkunden-