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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-09 · 15 (9.4.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
15 (9.4.1897)
Date
1897-04-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 304 Vr. VLvrtz's Woitzrnschrifl. Nr. 15 Doch die hochsinnige Frau halte unter der schroffen Härte trauriger Verhältnisse viel zu leiden; ihr Herz blutete und an diesem blutenden Herzen nährte sie das Kindlein, mit dem Gott ihren Lebensbund gesegnet hatte. Da wuchs es heran, begabt mit der mütterlichen Lust zum Fabulieren und mit einem wundersamen Feingefühl für den Schmerz der Bedrängten, für die Qualen blutender Herzen. Das Kind war schwach, die Mutter leidend, der Anblick der Heimat erneuerte in. ihr stündlich schmerzliche Erinnerungen, stärker und immer stärker regte sich in der Dichterin die Sehnsucht nach dem Paradiese des Künstler- Herzens, nach dem sonnverklärten Italien. Dahin zog Nahida Sturmhoefel im Jahre 1854 mit ihrem fünfjährigen Töchterchen. Rastlos literarisch thätig, widmete sie ihre Muße ganz dem geliebten Kinde, welchem in den nächsten zehn Jahren durch die geniale Anregung der Mutter die Augen geöffnet wurden für alle die Herrlichkeiten, welche Italiens Natur und Kunst dem sinnigen Betrachter darbietet. Von dem unvergleichlichen Panorama der Riviera bis zum Jnselzauber Siciliens zog die ganze Halbinsel mit dem unnachahmlichen Farbenreize ihrer wechselnden Landschaften und Volkstypen au dem träumerischen Blicke des aufblühenden Mädchens vorüber. Der Anblick Italiens machte sie zur Malerin, das Beispiel der Mutter zur Schriftstellerin, und zwar zu der Schriftstellerin, als welche wir sie kennen lernen werden, zu einer unerschrockenen Vorkämpfern! für Alles, was sie einmal als wahr erkannt hat, und gegen Alles, was den Kainszug des Unrechtes an der eisernen Stirne trägt. Schon als blutjunges Mädchen hatte sie den bangen Schritt gewagt, dem Wiener Hofburgtheater einen Einacter einzusenden. Die Schicksale des kleinen Lustspieles waren so fröhlich wie sein Inhalt. Es wurde angenommen und erzielte bei seiner Aufführung (mit Frau Aiit erwurzer, Herrn Hartmaun und Dr. Förster in den wichtigsten Rollen), einen schönen Erfolg. Bald versuchte sich die unternehmende junge Dame in allerlei Dramen, Novellen und culturhistorischen Skizzen. Im Jahre 1873 vermählte sie sich mit dem Kunstkritiker Dr. Max Remy; sie war damals 24 Jahre alt (geb. 3. Februar 1849). Ihre Ehe war mit Dramen reich gesegnet, die in Berlin das Licht der Welt erblickten — fünsactige Schauspiele, wie „Constanze" mit Frau Claar- Delia in der Titelrolle, und „Die Grafen Eckardstein", Volksstücke, wie „Schicksalswege" und „Nationale Gegensätze", entflossen in rascher Folge ihrer nimmermüden Feder und gelangten in Berlin zur Aufführung. Doch nach wenigen Jahren schon sollten sich die Schicksalswege ihres eigenen Lebens leidvoll verwirren. Ihr Gatte wurde das Opfer eines schweren Leidens und bedurfte der hingebendsten Pflege. Als er ihr 1881 durch den Tod entrissen wurde, suchte die Vereinsamte in der Wiederaufnahme ihrer Studien und ihrer schöpferischen Thätigkeit Trost und Erhebung. Wehmuthsvoll gedachte die Trauernde der trauernden Insel im sonnverbrannten Süden, deren Volksleben ihren Jugenderinnerungen unauslöschlich eingeprägt war. Ihre „Sicilianischen Novellen" (1886) zeichnen anschaulich, was sie mit eigenen Augen gesehen hatte. Ungleich bedeutender in ihr großer cultur- und kirchenhistorischer Roman in 2 Bänden: „Geheime Gewalten", dessen historisches Material selbst bei bedeutenden Gelehrten, wie Maurenbrecher in Leipzig und Nippold in Jena achtungsvolle Anerkennung gefunden hat, ohne daß die spannungsvolle Entwicklung durch gelehrten Ballast gehemmt würde, wie das Publicum unserer Leihbibliotheken längst durch eifrige Lectüre festgestellt hat. Bis zu diesem Punkte ist die,Laufbahn Nahida Remy's von derjenigen der meisten begabten Schriftstellerinnen nicht erheblich verschieden. Das Eigenartige und Beispiellose ihres geistigen Werdeganges sollte sich erst mit dem Beginne der Achtziger-Jahre unseres Jahrhundertes einstellen. Damals erhob sich die Meute des deutschen Antisemitismus auf einen Pfiff des wilden Jägers, dessen Stoßins-Herz-Politik über Berge von Menschenleichen hinweg ihren Zielen zuzustreben pflegte und dem es auf die Thränen und Qualen von ein paar Huuderttausenden gehetzter Opfer gewiß nicht ankann Empört über die Orgien eines Fanatismus, der sich vom mittelalterlichen nur durch seine Unaufrichtigkeit unterscheidet, begann die muthige Frau ihre tiefgehenden Studien über Juden und Judenthum, um den bösartigen Ignoranten, den verleumderischen Renegaten und ihren hochunwürdigen Protectorm, kurz, dem ganzen Höllengekläffe der entfesselten Bosheit und Niedrigkeit an der Hand geschichtlicher Thatsachen mit Wissen und Würde entgegentreten zu können. Ihre Liebe zu den unverfälschten Lehren der Geschichte ließ sie als Repräsentantin des Judenthums nicht die Elenden hinstellen, die durch betrügerisches und wucherisches Treiben den Namen unseres leidensgeprüften Volkes schänden und in dem Grade noch heute schänden, als man die Schwankenden durch ein teuflisches System der Abschneidung von ehrlichen Berufszweigen zu diesen Cloaken des Erwerbslebens hindrängt. Um das Wesen des Juden zu erkennen, blätterte sie in dem Buche der Geschichte zurück, bis sie ihn frei von entstellendem Drucke fand, und sie lernte das Volk der Bibel verstehen als ein Volk von priesterlich gestimmten, um ihrer ehemaligen Sclaverei willen auch dem Fremdling und dem Knechte ein brüderlich barmherziges Mitgefühl entgegenbringenden Ackerbauern, Weinpflanzern und Handwerkern, als ein Volk, aus dessen gottbegeisterten Seelen dem schwelgenden Heidenthum das Hallelujah des Psalmengesanges entgegenjauchzte und der Prophetismus mit seiner sittlichen Strenge grollend entgegendonnerte, freilich mit der versöhnenden Fernsicht auf das messianische Reich des ewigen Völkerfriedens. Der hochherzigen Christin war das Judenthum vor Allem der Mutterboden des Gesetzes aller Gesetze: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Eine glühende Verehrerin der Bibel, scheute sie die Mühe nicht, ein volles Jahrzehnt hindurch die hebräische Sprache gründlich zu studiren Man muß das 12. Capitel der „Culturstudieu über das Judenthum von Nahida Remy (Berlin 1:93)" lesen, um nachzufühlen, welchen Schatz sie gehoben zu haben sich bewußt ist, welche Begeisterung für die „Gewissenssprache der Menschheit", welche Verachtung für ihre Verachtung durch unsere eigenen Brüder und Schwestern das Gemüth dieser Nichtjüdin erfüllte. In ihr ist eben jene christliche Liebe, von der wir Juden so viel zu hören und so wenig zu sehen bekommen, wirklich zur Wahrheit geworden. Mit dieser Liebe erfaßt sie auch das Judenthum, darum versteht sie es; denn man versteht nur, was man liebt. So würdigt sie denn in ihren „Culturstudien" das ganze jüdische Gebetbuch und Ceremoniell mit Sympathie, freilich auch mit Kritik. Ich wüßte keine schönere, keine sinnigere Einführung in unsere Liturgie für freireligiös erzogene Knaben und Mädchen. Die Perle des Ganzen ist vielleicht in dieser Beziehung das vierte Capitel: „Sittenlehre als Gottesdienst", enthaltend die „Sprüche der Väter", mit hübschen anekdotischen Zusätzen aus dem Talmud, von denen das Buch überhaupt wimmelt, das mit seinen r ichen Citaten aus den Schriften von Zunz, Geiger, Jost, Nöldecke, Grau und anderen jüdischen und christlichen Theologen eine ganz respectable Gelehrsamkeit bekundet. Das gelesevste Werk der feinsinnigen Schriftstellerin „Das jüdische Weib", ist derzeit in dritter Auflage erschienen. Es ist ein Heldengedicht des jüdischen Weibes, ein hohes Lied auf die Thaten und Tugenden jüdischer Frauen, deren merkwürdigste Gestalten treu nach der Geschichte vorgeführt werden. Kein zarteres Angebinde für die, die dem

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