Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 302 Dr. VlorVs Wochrnfchrist Nr. 15 bilden und so dem Grafen B a d e n i das Prävemere zu spielen. Der Polenclub hat sich damit in directen Widerspruch mit den Intentionen der Krone gesetzt und gegen diese Herren vor Allem richtet sich jene scharf prononcirte Stelle des kaiserlichen Handschreibens, die wir oben citirt haben. Eines ist damit klar geworden: daß an entscheidender Stelle Herr v. I a w o r s k i und dessen Freunde nicht als diejenigen Männer angesehen werden, denen das gesammtstacuüiche Interesse am Herzen liegt. Der Poleuclub hat ftetLeine innige Zuneigung zur clericalen Partei gezeigt; heuH aber ist er die ausgesprochene Stütze der Reaction, ja er marschirt an der Spitze aller reactionären Bestrebungen. Ein Act der Feindseligkeit gegen den Grafen B a d e n i war die Allianz des Polenclubs mit Herrn D i p a u l i, ein offener Schlag gegen sein Programm. Man hat eine Majorität gebildet, die Graf Badens perhorrescirt, und nun erscheint das kaiserliche Handschreiben, welches das Cabinet jeder Rücksicht auf diese reactionäre Fronde entbindet. Das ist eine merkwürdige und völlig originelle Situation. Der Polenclub will seine egoistischen Interessen durchsetzen und ganz Oesterreich unter sein Joch beugen. Und nun erhebt sich das in der geheiligten Person des Monarchen verkörperte Interesse des Gesammtstaates gegen den Polenclub. Damit hat ein gewaltig?r Ringkampf begonnen. Die Reaction ist so übermüthig geworden, daß sie in ihrem titanischen Trotze das Aeußerste wagt. Aber noch gibt es eine starke Macht, welche ihre schützende Hand über die Rechtsgrundlage des modernen Staates breitet. In der nächsten Zeit wird in unserem Parlament die Entscheidungsschlacht zwischen der Alles zersetzenden Reaction und dem österreichischen Staatsgedanken geschlagen werden. Der Polenclub, dessen Besonnenheit einst sprichwörtlich war, ist verblendet genug, Alles auf eine Karte zu setzen. Wir werden ja sehen, ob er seine Kräfte nicht überschätzt hat i „Hoch Mittermayer!" (Wien bleibt Wien) Nicht die Thatsache hat uns überrascht, daß der Abgeordnete Mittermayer dem Landesgcrichte abgetreten wurde, beziehungsweise der Risconto und die Brieftasche, welche die rühmlichsten Behelfe und zugleich Trophäen seiner außerparlamentarischen Thätigkeit bilden. Wieder Einer! Daß die Lehre von den Strafausschließungsgründen in den Trägern des antisemitischen Bolksvertrauens praktische Verkörperung findet, ist ja nichts Neues. Der Eine lebt von thätiger Reue, der Andere fristet seine Freiheit auf Grund der eingetretenen Verjährung. Denn voraussichtlich wird den Untersuchungshäftlingkn im grauen Hallte jene schlechteste Gesellschaft erspart bleiben, welche der gebieterische Wille des Herrn von Wien den österreichischen Volksvertretern anfgezwungen hat. Herr Mitterm aper sitzt mit beiden Aermeln und was dazu gehört im Hause auf dem Franzensring; das Haus in der Alserstraße hat er nur mit einem Aermel gestreift, und findet sich einmal ein Dichter, der unser Strafgesetzbuch zur Allegorie, zum Märchendrama umschaffr, dann wird der Theaterzettel vielleicht ein Perfonenverzeichniß aufweisen: Die thätige Rey" — Herr Bergani Die Verjährung — Herr Mittermayer Aber licht muß es im Zuschauerraum bleiben. Beileibe keine Verdunkelung. Gott beschütze unsere Biieftaschen vor dem Bayreuther System; sonst könnten diese Comödianten von den Brettern herabsteigen und sich ihrer alten eigenthumsgefährlichen Neigungen erinnern. Aber das sind alte, abgedroschene Geschichten. Wenn wieder ein antisemitischer Würdenträger als Gauner entlarvt wird, dann steht diesem Vorgänge die Oeffentlichkeit mit jener Gleichgiltigkeit gegenüber, mit der man den Wechsel von Tag und Nacht, die Aufeinanderfolge der Jahreszeit beobachtet, und der letzte Pflastertreter wird zum weisen Aklba. Ein Anderes hat der Mittermayer-Berhandlung ihr Relief gegeben. Vor einem dicht gedrängten Auditorium war die Gechichte des Riscontos erzählt worden, der Brieftaschen-Roman hatte aufmerksame Hörer gefunden» die Nacht im „Flöhtrücherl* war drastisch geschildert, das Ehrenwort Mittermayer's beleuchtet, und der ganze Mann stand da, von Röntgen-Strahlen durchbohrt, jeder Zoll — ein antisemitischer Abgeordneter. Und der Richter stand auf und sagte „Ich, simpler Bezirksrichter, bin Deiner nicht würdig. Ehre, wem Ehre gebührt. Mann des höheren Strafsatzes, i ch will Deiner Bestimmung nicht hindernd in den Weg treten. Jn's Landesgericht!" Und Mittermayer trat auf die Gasse. Der geständige Dieb, welcher die Briefe, in denen von der Plünderung fremder Brieftaschen die Rede ist, unter dem Drucke des gerichtlichen Verfahrens als die seiniaen anerkannt hatte, zeigte sich der Menge. Ein Volksgericht! Jetzt sahen die Wiener ein, wie sie getäuscht worden waren. Jetzt erkannten die Bürger, was man an ihnen gesündigt. Jetzt fielen ehrenhaften, unbescholtenen Menschen die Schuppen von den Augen. Schamröthe bedeckte die Wangen. Und Zornesrunzeln durchfurchten die Stirne. Und ein unbestimmtes Brausen ging durch die Menge. Das Volk ist erwacht. Der Leu ist los, prächtig anzuschauen auch in seinem Zorne, in seiner zehrenden Wnth. Ist nicht Wache in der Nähe? t Sprengt doch heran auf gewaltigem Rosse, ihr Männer der Ordnung! Entreißt ihn der Wuth des Lynchgerichtes. Auch der Sündige ist uns Bruder. Auch für ihn sind wir verantwortlich. . . Aber wir sind ja — in Wien. Welch' thörichte Hirngespinnste! Welch' lächerliche Angst in der Stadt der Mitiermayers, in der Hochburg der Berganis. Er ist wieder da l Wieder zurück aus dem Gerichtsgebäude. Und das will etwas heißen. Wahrlich, ein gefährlicher Gang für Seinesgleichen. „Ein gefährlicher Gang, den Mancher an Deiner Stelle nicht wagen möchte", wie Georg von Frundsberg L u 1 h e r n sagte, als dieser nach Worms ging, um zwar nicht für Riscontos und Brieftaschen, wohl aber für Ueberzeugungen Rede zu stehen. Und als man Mittermay er wieder heil auf freiem Fuße sah, da Pflanzten sich stürmische Rufe „Hoch Mittermayer!" durch die Straßen von Hernals. Er ist seiner Wähler, seine Wähler sind ihres Erkorenen würdig. Wir fordern zu ein?r Subscription für ein Mittermayer-Denkmal mit Brieftaschenreliefs auf, schlagen Ernst B e r g a n i als Ehrencassier vor, an den alle Beiträge einzusenden sind, und bitten gesinnungsverwandte Blätter um Nachdruck. Der alte Meidinger im Parlament. Hundert Knallerbsen oder Du sollst und mußt lachen. Man weiß ja, daß manche Abgeordnete ihre Diäten als parlamentarische Hanswurste, als politische Bajazzos erhallen. Ihre Aufgabe ist es, in die Langweile sachlicher Debatten durch mehr oder weniger läppische Scherze, Caprioleu und Bocksprünge einige Abwechslung zu bringen. Die Fürsten des Mittelalters, die ihre Hansnarren hatten, die genossen freilich die nicht zu unterschätzende Bequemlichkeit, den Narren, wenn er allzu naseweis und vordringlich wurde, einen Fußtritt oder eine Tracht Prügel zu applicieren. So gut haben es die Völker nicht. Die Narreteien der parlamentarischen Luftigmacher sind sogar gefährlich, denn der Kropfträger gibt es genug, die sich nur allzu leicht verleiten lassen, eine possirliche Anecdote für würdigen Ernst zu nehmen, vielleicht deshalb, weil der Narr sich mitunter darauf caprizirt, ernst sein zu wollen und sein Ernst dann meistens eine unwillkürliche und unbezwingbare Komik enthält. Die Wahrheit der Rothschild- Anecdote, die der Lustigmacher Lueger in der Szajer-Debatte dem hohen Hause mitgetheilt hatte, haben wir bereits vergangene Woche an dieser Stelle beleuchtet. Die Stellung, die ein Lueger im Hause einnimmt, braucht wohl nicht erst näher gekennzeichnet zu werden. Es ist eine alte Geschichte, wer wollte denn leugnen, daß der Herr Lueger bei seinen Reden ein zahlreicheres Auditorium um sich versammelt, als die kenntnißreichsten, die politisch angesehensten, die beredtesten Parlamentarier? Die Sache ist leicht erklärlich. Wer erinnert sich nicht an jene kurz vergangene