Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-02 · 14 (2.4.1897) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
14 (2.4.1897)
Date
1897-04-02
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021183--06619-3030908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 298 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 14 Eines Tages bemerkte bei einer Heerschau der General Guilleminot den verstörten GesichLsausdruck David Blum's; er erkundigte sich nach dem Grunde bei dem unmittelbar Vorgesetzten Officier. „Das ist ein elsässischer Jude", lautete die Antwort, „ein sehr schlechter Soldat, ohne Krast und Muth." Bei diesen Worten stieg David das Blut ins Gesicht, die Zornesader schwoll ihm, mit Lebhaftigkeit erhob er sich und griff nach seinem Degen, allein bald beruhigte er sich und ward theilnahmslos wie zuvor. Seit dieser Zeit konnte seine tiefe Erschlaffung nichts stören. In den größten Gefahren bewahrte er die bewundernswertheste Ruhe. Er sah den Brand Moskaus und des Kremls mit unheimlicher Gleichgiltigkeit an. stets erfüllte er jedoch aufs Gewissenhafteste seine Pflicht. Am 24. Oktober 1812 befand er sich in der von dem russischen General Kutusoff auf der Flucht verfolgten ftanzösischen Division; der französische Cömmandant Guilleminot ließ ettva hundert Grenadiere eine die Gegend beherrschende Kirche besetzen, um auf diese Weise den Rückzug zu decken. Unter diesen Tapferen war auch David Blum. Mit Todesverachtung wehrten sie die wiederholten Angriffe des Feindes ab und ermöglichten dadurch die Sammlung der ftanzösischen Colonnen. Nach dem glücklichen Erfolge ließ der General Guilleminot die wenigen Ueberlebenden jener tapferen Schaar vortreten. David Blum wurde ihm als einer der Kühnsten bezeichnet. „Wie heißt Du?" ftagte ihn der General. „David Blum, ein elsässischer Jude, den man Ihnen vor ungefähr Vier- Jahren in Spanien als schlechten Soldaten genannt hat." „Du bist ein Held, David Blum, und ich ernenne Dich.zum Officier." „Ich danke, General, ich wünsche nichts; ich habe gekämpft, weil es sich um das Leben meiner Waffengefährten handelte, allein ich habe nichts gethan für Ihren Kaiser, der meine Familie zugrunde gerichtet, entehrt und vernichtet hat." Einige Wochen später erfolgte der traurige, schreckliche Rückzug über die Beresina, dem so viele Franzosen zum Opfer fielen; die hartgefrorene Ebene war mit Leichen übersäet, unter den von der Kälte und dem Hunger Gequälten herrschte die größte Verwirrung. Da bemerkte Napoleon, der sich an einem Bivouakfeuer wärmte, mit einem Male eine in aller Ordnung sich zurückziehende Abtheilung seiner unglücklichen Soldaten. Er erstaunte darob. „Unserem Cameraden David Blum", sagten chm Jene, „verdanken wir unsere Rettung; sein Muth hat den unserigen angeeifert, seine Tapferkeit hat uns aus den Scharmützeln der Kosaken gerettet und seine Klugheit hat uns immer Lebensmittel und Feuer verschafft." „David Blum", sagte der Kaiser, „Du bist ein tapferer Soldat, Deine Stelle ist in der alten Garde vorgemerkt." Sodann nahm er das silberne Kreuz von seiner Brust und heftete es dem jüdischen Soldaten an. In dessen Innerem wogte der Kampf zwischen dem langjährigen Hasse, den er gegen den eigentlichen Zerstörer seines Seelenfriedens und seines Familienglückes empfand, und der Ehrfurcht, die Jeden ergriff, der dem gewaltigen Manne gegenüberstand. Er unterdrückte seine Empfindungen und antwortete mit Festigkeit: „Sire, ich bin ein elsässischer Jude und kann weder ein Avancement, noch eine Auszeichnung annehmen, denn dies hieße den Preis des Blutes meiner durch das odiose Decret vom 17. März 1808 entehrten Familie annehmen." „Ah!" erwiderte der Kaiser mit unzufriedener Miene, „man hat mich diesbezüglich hintergangen; allein wir werden darauf zurückkommen." Dabei ward sein Gesichtsausdruck düster, er faltete seine Stirne in Runzeln, und als ob er einen lästigen Gedanken von sich weisen wollte, schwang er sich auf's Pferd und ritt, von seinem Generalstabe begleitet, schweigend davon. David Blum blieb stramm stehen, salutirte mit der einen Hand, mit der anderen hielt er das Kreuz der Ehrenlegion, das ihm der Kaiser gegeben hatte; er war ungemein aufgeregt und blickte starr vor sich hin. Doch bald wurde er aus seiner Ueberraschung gerissen, eine Schaar von. Kosaken war auf dem Plane erschienen und griff die flüchtigen ftanzösischen Truppen an, die der Uebermacht alsbald erlagen. Auch David wurde verwundet und gefangen. Man fiihrte ihn nach Moskau, von dort ward er unter vielen Qualen nach Sibirien verschickt. In einem Bergwerke des unwirthlichen Landes mußte er die Leiden einer barbarischen, unmenschlichen Behandlung mit Ergebung ertragen. Achtundzwanzig Jahre mußte der Unglückliche in dem vorzeitigen Grabe, fern von jedem theilnehmenden Herzen, die schwere Arbeit eines Bergwerkssclaven verrichten. Er hatte nicht mehr zu hoffen gewagt, daß ihm noch einmal die Sonne der Freiheit leuchten werde, als ihm eines Tages die Mittheilung gemacht wurde, daß er ftei sei. Er begriff nicht mchr die Bedeutung dieser Kunde und nahm sie ohne jede Emotion auf. Doch kaum hatte er den blauen Himmel über sich erblickt, da erweiterte sich sein Herz und die Freude bemächtigte sich seiner. Allein, als er wieder zum Bewußtsein seinertraurigen Lebensgeschichte gelangt war, als er wieder seiner Einsamkeit auf Erden inne ward, da ward ihm so schwer um's Herz, daß er einen Augenblick lang die Absicht hatte, wieder zur Stätte seines Siechthums zurückzukehren, uni unter der Knute und der schweren Bergwerksarbeit sein Leben zu schließen. Doch die Liebe zum Vaterlande richtete ihn wieder auf, und er trat die schwere Wanderung durch die ungastlichen Steppen Asiens und die weiten Reiche Europas wackeren Muthes an. Im December 1840 langte er endlich in seinein Geburtsorte an. Als strammer, von Kraft strotzender Jüngling hatte er ihn verlassen, als gebrochener, frühzeitig gealterter Mann betrat er ihn wieder. Ein Fremder fühlte er sich unter Fremden. Ersuchte die Gräber seiner Ellern auf, thränenden Auges verrichtete er daselbst sein inbrünstiges Gebet und wieder griff er zum Wanderstabe. Er hoffte, in der Hauptstadt seines Vaterlandes, wo man sich eben anschickte, die von St. Helena überführte Asche des großen Kaisers feierlich im Dom der Invaliden beizusetzen, dem einen oder anderen seiner. alten Waffengefährten zu begegnen und mit ihrer Hilfe für den Rest seiner Tage die Noth zu bannen. Am 14. December betrat er die große Stadt ohne alle Mittel. Lange irrte er in den Straßen herum, die Nacht war herangebrochen und David Blum wußte nicht, wo er sein müdes Haupt niederlegen werde. Von der Müdigkeit übermannt, ließ er sich auf einem Eckstein in der Vorhalle eineß Theaters nieder. Er zitterte vor Kälte und konnte nicht entschlafen. Da mag er wohl die Vergangenheit sich wieder in's Gedächtniß zurückgerufen und über die Ursache seines traurigen Geschickes nachgedacht und gefunden haben, daß dies auf die Laune eines Despoten zurückzuführen sei, der durch ein Gesetz die Juden des Elsaß völlig rechtlos gemacht hatte. Während er so seinen Gedanken nachhing, drang der von Tausenden ausgebrachte Ruf: „Vive l’Empereur!" an sein Ohr. Es war die Menge, die zum Jnvalidendom steuerte, um dem großen Kaiser die letzte Ehre zu bezeigen, an ihm vorbeigezogen. David richtete sich auf und schloß sich der Masse an. Er war Zeuge der großen Feier, die überwältigend auf ihn gewirkt hatte. Was in jener Stunde in ihm vorgegangen war, wer vermöchte es zu schildern? Er fiel mit der Menge auf's Knie, als der Sarg mit den irdischen Ueberresten des gewaltigen Mannes vorbeigetragen wurde. Die Mattigkeit und die vielfachen Entbehrungen hatten ihn so sehr geschwächt, daß er sich nicht mehr aufzurichten vermochte. Nachdem die Feier beendet war und die Menschenmasse sich zerstreut hatte, fand man den entseelten Körper des schwergeprüften Dulders neben einer Säule des Triumphbogens aus gestreckt. Am nächsten Tage las man in den Tagesblättern den folgenden Polizeibericht: „Zu den gestern hier vorgefallenen Ereignissen gehört das Ende eines Mannes, der bewußtlos in den Champs Elysees gefunden wurde. Man hat es nicht ermitteln können, ob er ein Opfer der Noth, der Kälte oder des Menschenstromes geworden ist. Er wurde ins Hospital Beaujon überführt, woselbst man Wiederbelebungsversuche, jedoch ohne Erfolg, machte. Heute wird der Unbekannte in der Morgue ausgestellt werden. Man hat bei ihm weder Geld noch Schriftstücke gefunden; blos in seiner erstarrten Hand hielt er krampfhaft an der Brust gestemmt ein kleines Päckchen; darin war ein Kreuz der Ehrenlegion mit dem Bildnisse Napoleons und ein gedruckter Zettel enthalten, der so abgenützt war, daß man nur mit schwerer Mühe die folgenden Worte entziffern konnte: OßLret imperial concernant les iuifs, 17 Mars 1808.“ Der Inhalt dieses Päckchens drückt in der prägnantesten Weise die Leidensgeschichte der Juden aus: Auf der einen Seite die Ehrung des Einzelnen, auf der anderen die Bedrückung und Verfolgung der Gesammtheit. Dr. H. Bl. Briefkasten. Dr. S. W. Die Mittheilungen haben uns sehr interessirt. Ihre Vermuthung aber, uns betreffend, ist ein vollständiger Jrrlhum. Ein getaufter Jude. Hofrath Professor Grünhut ist keineswegs ein getaufter Jude. L. in Wien. Ludwig Börne sagt in den Briefen aus Paris: „Uns sagtman, wirwären aus dem Oriente gekommen, wirwären fremd im Lande und wir betrachteten unsere Mitbürger als Fremdlinge. Doch das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.