Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 294 Nr. 14 Dr Vloch's WochrnphrM. Juden, welche geheiratet haben, die Niederlassung hier verboten ist, war es Kropivitzki nicht möglich, für sich und seine Frau den nöthigen Unterhalt zu finden. Er entschloß sich endliche eine kleine Delicateßwaarenhandlung unter der Firma „Grönholm" zu eröffnen und schlug sich auf diese Weise recht gut durch., Jetzt erwachte aber der Brodneid seiner Concurrenten. Die Stadtbehörden wurden von anonymen und Unterzeichneten Briefen überfluthet, welche alle darüber Beschwerde führten, daß ein Jude in der Stadt sein Unterkommen gefunden. Da formell aber nicht ein Jude Kropivitzki, sondern „Grönhvlm" der eigentliche Geschäftsinhaber hieß, hantirte Kropivitzki einige Zeit noch unbehelligt weiter. Doch die Feinde ruhten nicht und entdeckten als gewünschtes Mittel das im Jahre 1889 am 29. März erlassene berüchtigte Kanzleidecret, daß ein Jude, sobald er heiratet, des Landes verwiesen werden solle. Das war den Feinden Wasser auf die Mühle, konnten sie ja jetzt den Juden los werden. Bon Neuem flutheteu hie Beschwerden in die Stadtverwaltung. Eines schönen Tages im verstrichenen Sommer wurde Kropivitzki vor den Magistrat geladen, wo ihm der Bescheid wurde, daß er binnen 14 Tagen das Land verlassen solle. Es geschah jedoch, daß die besseren Menschlichkeitsgefühle an maßgebender Stelle diesen Befehl in Vergessenheit gerathen ließen. Die Angeber ruhten jedoch nicht und setzten ihre Bemühungen um Entfernung des Juden auf das Eifrigste fort. Die Bosheit gegen Kropivitzki ging so weit, daß bei seinen Creditoren Mißtrauen erregt und sein ehrlicher Name untergraben wurde. Die Folge hievon war, daß ein großer Theil der Creditoren ihm den weiteren Credit kündigte und Forderungen an Kropivitzki für den geleisteten Credit stellte. Man kann sich leicht denken, daß die Lage des anspruchslosen, stilllebenden Mannes eine überaus peinliche wurde und endlich am 16. d. M. füllte sich sein Leidensbecher bis an den Rand. Der Magistrat schrieb an den Gouverneur und bestand auf der Ausweisung des Juden Kropivitzki jun., und der Gouverneur billigte dieses Verlangen. Kropivitzki wurde vor den Gouverneur gerufen und erhielt den Befehl, binnen einer Woche das Land mit seinem Weibe zu verlassen. Der Stadtfiscal erhielt die Ordre, darauf Acht zu geben, daß diesem Befehle seitens des Kropivitzki Folge geleistet werde, widrigenfalls Kropivitzki bis auf Weiteres dem Gefängniß überliefert werden soll. Der Siadtfiscal machte Kropivitzki hievon mündliche Anzeige. In Verzweiflung über eine solche Behandlung, welche nicht einmal Verbrechern zu Theil wird, verschwand Kropivitzki Plötzlich am 12. v. M. mit seiner Frau aus der Stadt, sein Hab und Gut sowie die Geschäfte dem Schicksal preisgebend. Die Creditoren sahen, sich gezwungen, Kropivitzki unter Concurs zu stellen und gaben sein Local nebst Maaren dem Stadtfiscal in Verwahrung. Der Magistrat, welcher soeben erst Kropivitzki ausgewiesen, gab dem Fiscal nun Contre-Ordre, nach Kropivitzki zu forschen und ihn zurückzurufen, damit er seine Geschäfte erledigen solle. So lautet die wahre Geschichte! Es thut Noth, so schließen die finnländischen Zeitungen ihren Bericht, die Judenfrage zur Ehre Finnlands durch gründliche Gesetze zu regeln! Paris. Gelegentlich der Discussion des Budgets für Algier im Senat machte Senator T r e i l l e, der erst vor einigen Wochen in Constantine gewählt worden war und der ein Antisemit ist, einen heftigen Angriff auf die Obrigkeit von Algier, unter welcher sich eine große Anzahl Juden befindet; er tadelte die Regierung, daß sie den in Algier wohnenden Juden so viel Ehre erweise und schloß seine heftige Rede mit der Bemerkung, daß man Algier nicht zum Asyl für Juden aus Mittel- und Osteuropa erniedrigen dürfe. Mit eisigem Schweigen wurde die Rede Dr. Treille's entgegengenommen. Der Justizminister, M. D a r l a n, sagte in seiner Erwiderung, die Bemerkungen Dr. T r e i l l e's seien ein bloßes Geschwätz. Er machte die antisemitische Partei und Dr. T reille vor den Versammelten lächerlich und schloß seine Rede, indem er sagte, nie und nimmer dürfe der religiöse Glaube eines Mannes ein Hinderniß bilden bei Besetzung einer Stelle. Als der Justizminister seinen Platz wieder einnahm, wurden Hochrufe laut. London. Jn^dem prachtvollen Londoner Palais des Lord Rothschild, das an Aspley Honse, au die Residenz des Herzogs von Wellington anstößt, befindet sich im großen Marmorsäule ein herrlicher Fries, von dem ein Stück unvollendet geblieben ist. Das steht im Einklang mit unserem Gesetz, welches jedem treuen Anhänger unserer Lehre verbietet, sein Heim auf Erden für ein anderes, als ein vorübergehendes, nur eine Zeit lang dauerndes, folglich unvollendetes zu betrachten. Lord R o t h s ch i l d's besonderes Steckenpferd ist die jüdische Armenschule in Whitechapel, die bestbesuchte Schule der Welt, da sie täglich von mehr als 4000 Kindern besucht wird. Die Schule wird größentheils von Lord Rothschild erhalten. Jedes Kind erhält täglich ein gutes Frühstück, bestehend aus heißer Milch und einem Bntterbrod. Einmal jährlich bekommt jedes Kind einen neuen vollständigen Anzug. Um die Sparsamkeit der Kinder anzufeuern, erhält jedes, der sich eine kleine Summe verdient und erspart, für dieselbe lOpercentige Zinsen. London. Der Bürgermeister von London gab am vergangenen Dienstag dem amerikanischen Gesandten Mr. B ay a r d zu Ehren ein glänzendes Bankett. Unter den Gästen befanden sich Mr. S. H. F a u d e l - P h i l l i P s, Mr. Philipp G. Henriques, Mr. H. I. Davis, Mr. Adlermann Samuel, Mr. Solomon, I. S o lo m o n, Sir Saul Samuel, Sir I. Sebag-Montefiore, Mr. F. D. M o c a t t a, Mr. John H. B e d d i n g t o n. Es wurden große Reden gehalten vom Bürgermeister, von Lord Salisbury und Lord H e r s ch e l l. London. Der berühmte Mathematiker Professor Sylvester ist vorigen Montag in seinem 83. Lebensjahre gestorben; James Joseph Sylvester wurde am 3. September 1814 in London geboren. Er studirte in Liverpool und Cambridge und dürfte der erste jüdische Student ait einer englischen Universität gewesen sein. Von 1837—44 war er Professor der Physik am University College in London. Dann wurde er Professor der Mathematik an der Universität zu Virginia. Nach England zurückgekehrt, wurde er im Jahre 1855 durch Lord Brougham's Einfluß Professor an der Königlichen Militärakademie in Woolwich. 1870 zog er sich ganz zurück, als aber 1877 die Johns Hopkins-Universität in Baltimore gegründet wurde, nahm er einen Ruf dahin an. 1883 erhielt er eine Berufung nach Oxford. Zehn Jahre später, als seine Gesundheit und seine Augen schon sehr geschwächt waren, übersiedelte er nach London, wo er den größten Theil seiner Zeit im Athenäumclub verbrachte. Alle gelehrten Gesellschaften bemühten sich stets, ihm Ehre zu erweisen. Er war Mitglied der Königlichen Gesellschaft (Royal Society) der. Nationalakademie der Wissenschaften in den VereinigtenStaaten (United States National-Academy of Sciences), der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Neapel, Boston, St. Petersburg, Berlin, Rom, Belgien rc. rc. Er war Ehrendoctor von Oxford, Lublin, Edinburgh und Cambridge u. s. w. Sylvester war nie verheiratet und führte in Folge dessen ein ziemlich zurückgezogenes Leben; er überlebte seine Schwestern. Die letzten Lebensjahre waren durch körperliche Leiden verbittert, besonders durch unaufhörliche, heftige Kopfschmerzen. Seine äußere Erscheinung war die eines höchst intelligenten Mannes. Seine wissenschaftliche Thätigkeit umfaßt mehr als ein halbes Jahrhundert. Doch können nur Specialisten den Werth der Arbeiten ermessen, die er mit seinem Freunde. Professor Cayley veröffentlichte; man nannte die beiden „die großen Zwillingsbrüder der modernen Wissenschaft". Die wissenschaftliche Welt Europas hat in Professor Sylvester einen der bedeutendsten Männer verloren. Professor Sylvester war aber nicht nur einer der bedeutendsten Mathematiker, er war in jeder Beziehung ein interessanter und ausgezeichneter Mann. Er war musikalisch und versuchte sich öfter in Versen. Das Begräbniß fand am vorigen Freitag statt. London. Bei dem Levee, das Se. königl. Hoheit der Herzog von Counaught Montag abhielt, ließ er sich Herrn Isidor S p i e l m a n, den ,Ehrensecretär der Section S ch ö n e r K ü n st e der Brüsseler Ausstellung, vorstellen. Es waren ferner anwesend Sir Francis Montefiore und Mr. Nathauiel Louis Cohen. Stuttgart,. 25. Februar. Aus Anlaß des heutigen köuig- ' lichen Geburtsfestes wurde dem Bankdirector Landauer in Gerabronn für seine großen Verdienste um die wirthschaftlichen Verhältnisse seines Bezirkes das Ritterkreuz I. Classe des Friedrich- Ordens verliehen. — Dem Kanzleibeamten bei der Israelitischen Oberkirchenbehörde, Herrn E. Rothschild, wurde der Titel eines Secretärs mit dem Rang auf der 9. Stufe der Rangordnung verliehen.