Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-02 · 14 (2.4.1897) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
14 (2.4.1897)
Date
1897-04-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021183--06614-3030903
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 14 Vr. Vlvch's MochrnkchrM. Seite 293 Bürgerschaftspräsident H i n r i ch s e n, ihm zur Linken der Adjutant, während die übrigen Ehrenplätze von den eingeladenen Ehrengästen eingenommen wurden. Nach Absingen der Psalmen 24, 21 und 118, Vers 21—29 durch Cantor und Chor hielt Herr Oberrabbiner Marcus Hirsch die Festpredigt. Nach beendigtem Gottesdienste sprach Graf Waldersee dem Oberrabbiner sowie den Vorstehern seine Zufriedenheit über das Gehörte aus. Warschau, Ende März 1897. Das Warschauer Tagblatt „Kurjer Codzienny" vom 24. März brachte folgende Nachricht, die dem hiesigen hebräischen Journal „Hazfirah" entnommen war und von mehreren polnischen Zeitungen wiederholt wurde: Als Se. Excellenz der Erzbischof von Warschau Popiel in Raciaz zum Begräbniß des Pfarrers Gratian Rzewuski weilte, stellte sich ihm der Vorstand der is r a e li ti s ch en G e m ei nd e, mit dem Rabbiner Neufeld an der Spitze, vor und Letzterer hielt an Se. Excellenz folgende Ansprache in classifch-hebräifcher Sprache: „Ew. erzbischöfliche Gnaden! Im Namen aller in RaciaL wohnhaften Juden heiße ich Ew. Excellenz willkommen und drücke Ihnen unseren Schmerz und unsere Trauer infolge des Heimganges des gerechten Priesters, des Kathedral-Canonikers Gratian Rzewuski, aus. Er ruhe in Frieden! Durch den Tod dieses gerechten P r i e st e r s hat die katholische Kirche einen ihrer Auserwählten, wir Juden aber einen unserer wohlwollendsten Freunde verloren. Seinen Tod empfinden wir um so tiefer, als in unseren Tagen es viele gibt, die den Samen der Zwietracht zwischen den Kindern verschiedener Religionen zu säen trachten, obwohl dieses im krassesten Widerspruch mit den Grundsätzen jener erhabenen Religion steht, die die Liebe zu allen Menschen ohne Ausnahme kündet. Wir hoffen jedoch, daß der Tag nicht mehr fern fei, an dem sich die Worte Jesaja's erfüllen werden: „Es wird kommen ein Tag, so alle Völker sich vereinigen werden, um zusammen Gott zu dienen"?) Se. Excellenz der Herr Erzbischof dankte dem Rabbiner herzlich und hob in seiner Erwiderung unter Anderem hervor, daß er stets für die Juden Achtung und Wohlwollen gehegt habe und schloß mit den Worten des Propheten: „Haben wir nicht Alle Einen Vater? Hat uns nicht Ein Gott geschaffen? Warum sollen wir denn Bruder gegen Bruder kämpfen?"-) Diese von den Zeitungen ohne jeden Commentar gebrachte Notiz über ein Geschehniß, das durchaus nicht zu den seltenen in Polen gehört, hat gerade für Wien, wo eine eminent antichristliche, obwohl als christlich-sociale unter falscher Flagge segelnde Gesinnung zum Ausdruck gekommen ist, eine actuelle, für den Antisemitismus in Oesterreich überhaupt eine principielle Bedeutung. Wer die polnischen Landstädtchen in ihrer Urwüchsigkeit kennt, der wird sich ein Bild von der Gemeinde Raciaz, die in einem von orthodoxen und chassidischen Juden bevölkerten Kreise (Mlawa) liegt, machen können. Fernab von irgend welchem Culturcentrum, ohne Eisenbahnverbindung und jeglichem Verkehr mit der großen Welt, in ihren socialen Verhältnissen mittelalterlich, in ihren religiösen Ueberzeugungen stocktalmudisch und in ihrer politischen Bethätigung — paradiesischunschuldig und ohne entfernteste Kenntniß der Zeitfragen, sind die armen Juden von Raciaz weit davon entfernt, diplomatische Comödien behufs captatio benevolentiae aufzuführen oder Asfimilirungsbestrebungen an den Tag zu legen, welche ihre von den Hausgelehrten der Antisemiten mit solcher verbohrter Ausdauer verschrieene Verachtung für die Gojim verdecken sollen. Diese Aeußerung von Dankbarkeit (eine unauslöschliche Tugend jedes echten Juden) der israelitischen Bevölkerung von Raciaz ist also eine spontane, zugleich aber auch eine echte, ungekünstelte, von keiner raffinirten Parteipolitik inscenirte. Wir sehen, daß einfache polnische Juden, deren einzige Richtschnur in fast allen Lebenslagen der Talmud und der Schulchan-Aruch sind, von einem Goj, einem Priester der „Akkum", wie unsere Antisemiten im Sinne des Judenthums mit Gewalt alle Nichtjuden, also auch die Christen identificiren, mit der Liebe und Achtung, ja sogar in denselben Ausdrücken sprechen, wie von ihres Volkes besten Todten! Der Pfarrer Rzewuski ist ihnen ^„gerechter Priester" (Kohen Zedek), sie halten ihn also für würdig, mit demselben Prädicat bedacht zu werden, das nur den Mitgliedern vom heiligen Stamme Ahrons gebührt. Seinem Andenken spenden sie denjenigen Segensspruch („Friede sei mit ihm"), der nur den Seelen jener Heimgegangenen Gerechten gilt, die man mit Zu- *) Cap 2, 3, seqq. a) Maleachi, 2, 10. verficht im Paradiese weiß. Alle diese kleinen Einzelheiten gewinnen, nicht minder als das Ganze, große Bedeutung zu einer Zeit, da die Hamane trotz ihrer Bornirtheit noch so viel Schlauheit besitzen, ihr häßliches Treiben des compromittirend-barbarischen Beigeschmacks, den jede Judenhetze als etwas Pöbelhaftes einmal nicht loswerden kann, dadurch berauben zu wollen, daß sie die Mißgeburt aus der Kreuzung der mannigfachsten bösen Jnstincte und noch böseren Interessen, den gelehrten Namen „Antisemitismus" gaben und das Scheusal qua>i mit allen Waffen moderner wissenschaftlicher Federkriegstechnik ausstatteten. Mögen doch die arisch-germanifchenTalmudisten undSchulchan-Aruchologen, die ihre Unwissenheit durch virtuose Lügenhaftigkeit zu ersetzen suchen, die betreffenden Paragraphe unserer „Geheimbücher" ausfindig machen, und, wenn sie wirklich die ausschließlich privilegirten Pächter der höheren Moral, der Ehrenhaftigkeit und Wahrheitsliebe sind, sie der Welt mittheilen, wie es einem Gegner ziemt, dem man Achtung soll zollen können. Oder schreien die Schneider, Liechtenstein, Gregorig, Schlesinger s tutti quanti noch immer mit dem Eifer von Besessenen: „Der Talmud und Schulchan Aruch müssen übersetzt werden!?" Ungebildete, unverfälschte Juden eines weltvergessenen polnischen Nestes haben in ihres Herzens Einfalt ein interessantes Capitel ans ihrem Sittencodex verrathen und einen fteien Einblick in ihre Ethik Andersgläubigen gegenüber gewährt — haben sie aber damit den Antisemiten einen Dienst erwiesen?.Ich glaube, sie haben bewiesen, daß der einfachste, von „arischer" Cultur noch gar nicht beleckte polnische Jude einer ethischen Gesinnung und schönen Handlungsweise fähig ist, die bei seinen ihn im Namen einer stolzen Superiorität und dünkelhaften Racenadels arg verfolgenden Widersachern vorauszusetzen jeder Einsichtige schon lange verlernt hat. H e i n r i ch L i ch t e n b a u m. Mohilev. Wir haben Ihnen heute einen traurigen grausamen Vorfall zu melden, der das Herz jedes fühlenden Menschen mit Mitleid und Abscheu erfüllen muß. ©in Jude, Namens Penzner, soll gegen einen russischen Priester unehrerbietige Bemerkungen gebraucht haben. Anstatt nun, wie das Gesetz es vorschreibt, den Schuldigen vor dem Gerichtshof zu belangen und dort zu beweisen, daß die Klage begründet sei, berichtete der Priester den Vorfall dem Gouverneur M. Dembovetsky, welcher P e n z n e r 50 Birkenruthenstreiche verabreichen ließ. Da Penzner's Gesundheit sehr geschwächt war, wurde ihm die Strafe mit Unterbrechungen gegeben. Der Commissär So l ov e t s k y, der das Urtheil des menschenfreundlichen Gouverneurs vollziehen ließ, fand nun, daß fünfzig Streiche zu wenig seien und fügte aus eigener Machtvollkommenheit noch fünfzig hinzu. Der arme P e n z n e r erkrankte unmittelbar nach der ©£ecutum und starb kurze Zeit darauf. Petersburg. Der Correspondent der „Odessa Liftok" schreibt folgendermaßen über die russisch-jüdischen Auswanderer, welche aus Argentinien nach Constantinopel gekommen sind: In Galata befinden sich 20 solcher Auswandererfamilien im hilflosesten Zustande. Trotzdem der Gesandte M. d e N el i d o f f selbst dafür eingetreten sein soll, gestattet die russische Regierung den Aermsten der Armen, den Heimatlosen die Rückkehr in ihr Vaterland nicht. Da sie der türkischen Sprache nicht mächtig sind, können sie in Constantinopel wenig oder gar keine Beschäftigung finden. Das Elend soll furchtbar sein, die Meisten können weder Miethzins bezahlen, noch haben sie Geld auf Brot. Man muß diese unglücklichen Menschen selbst gesehen haben, um sich einen Begriff von ihren Leiden zu machen; die abgemagerten Frauen und Kinder jammern nach Brot. Das Geld, das die Baronin Hirsch, Rothschild und Ginzb u r g gesendet haben, ist in Unrechte Hände gekommen und die Auswanderer haben nicht einen Heller davon erhalten, die jüdische Gemeinde kann sie nicht unterstützen und die Unglücklichen sind dem Hungertode verfallen. 9lur die Erlaubniß zur Rückkehr in die Heimat könnte sie retten. Riga, 5. März. Einen Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgungen in Finnland berichten finnländische Zeitungen in Reval und Helsingfors. Seit vierzig Jahren wohnt in Tavastehus ein 63 Jahre alter Mann, von Profession Schlächter, namens Kropivitzki. Seine Arbeit schaffte ihm und seiner Fcunilie den Unterhalt. Kropivitzki und seine Familie waren mosaischer Confession und stammten vermuthlich aus Rußland. Im Jahre 1893 wurde einer seiner Söhne nach Rußland behufs Ableistung der Militärpflicht berufen, aber nicht angenommen. Nach Verlauf einiger Zeit kehrte Kropivitzki mit einer Jüdin, mit welcher er sich inzwischen verehlicht hatte, nach Tavastehus zurück. Da den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.