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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-02 · 14 (2.4.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
14 (2.4.1897)
Date
1897-04-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 Vr. Vloch's »ochenschrtfi. die Mauern der Häuser. Wir richten nun an unsere Brüder folgenden Appell aus dem innersten Grunde unserer Seele, wobei wir bitten, unseren flehentlichen Aufruf, der die n a t ü r l i ch st e S e l b st v e r t h e i d i g un g bezweck t, n i ch t m i t i r g e n d e i n e m w i r t h s ch a f tlichen Boycott politischer Natur zu verwechseln. Die politische Richtung der Badener u. s. w. kann uns Juden, die in allen Schichten der Bevölkerung vertreten sind, unter welchen sich Orthodoxe und Freisinnige, Reiche und Arme befinden, vollkommen gleichgiltig sein. Ist es aber mit dem Begriffe der Ehre irgendwie vereinbar, daß wir Jenen, die in geheimer Wahl einem Manne die Stimmen geben, welcher den glühendsten Haß gegen uns predigt, wirthschaftliche Unterstützung zu theil werden lassen, blos um, übrigens ganz ungerechtfertigten Rücksichten der Bequemlichkeit (?) und des Luxus (??) zu fröhuen? Was nnißten sich die Antisemiten aller Schattirungen, ja alle Anständigen denken, wenn wir bei Jenen, die unsere Leiber und Seelen beschimpfen, welche unsere Frauen und Kinder schmähen, Gastfreundschaft suchen! Was haben wir den Badenern und Mödlingern Schlechtes gethan, daß sie uns so verfolgen? Haben wir die Kleingewerbetreibenden ausgebeutet, ihre Sitten vergiftet, haben wir ihnen Familie, Religion oder Nationalität geraubt? Wir fordern demnach alle unsere Brüder und Schwestern auf, auf die stinkenden Schwefelquellen Badens zu verzichten. Es gibt noch andere stärkere Heilquellen dieser Art für die wenigen Kranken. Alle jene, welche den Sommeraufenthalt, den E rh o l u n g s- und Ruheort für sich und ihre Familie suchen, haben andere, menschenfreundlichere und christlich gesinnte Orte aufzusuchen! Mögen unsere Frauen, wenn dies überhaupt nothwendig erscheint, kleinere materielle Opfer, wie dies die Antisemitinnen thun, bringen, mögen unsere vermögenderen Juden ihre Villen in Baden u. s. w. in diesen traurigen Zeiten meiden. Sie haben ja so viel Mittel, andere, freundlicher gelegene Orte, wo bessere Menschen wohnen, die schönere Lieder singen, als den Luegermarsch, aufzusuchen, und sie werden sich auch die Anerkennung — der Badener Antisemiten, die von dem „frechen Eindringlings sprechen, erwerben. Jene, welche Angaben für Sommerwohnungen entrichtet haben, mögen unserer Ehre, unserer Existenz ein kleines Opfer bringen und jene verfallen lassen. Dieser: Aufruf aber bitten wir möglichst zu verbreiten, damit man erkenne, wer unter den Inden auf die Sicherheit der Ehre seiner Familie noch etwas hält oder nicht. Viele Juden, welche in Frieden mit allen wahrem: Christen leben wollen. „Eine Flankenbewegung nach Rechts." Aus Anlaß des unter vorstehender Ueberschrift erschienenen Artikels des Herrn Dr. L. Goldschmied in Mislitz erhalten wir nachstehende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redacteur! Ich glaube nicht, daß Herr Rabbiner Goldschmied Recht thut, für das Studiren unserer Jugend noch eine Lanze zu brechen. Beruft er sich auf die Tradition unseres Volkes, so sind wir im Gegentheil darauf stolz, daß unsere Lehrer keine Zunftgelehrten waren — sondern, wie von Delitzsch und Anderen hervorgehoben wurde, Handwerker. Wahre Bildung und Bildungstrieb haben eben — wie ja das Beispiel der studirenden Jugend unleidlich genug erweist, nichts mit bestimmten Berufen zu thun, und man muß, fürchte ich, keinen offenen Blick für die Geschichte der letzten Jahre gehabt haben, um den sparsameren Besuch der Universität auf Bildungsfeindlichkeit zurückzuführen. In Wahrheit beruht wohl die Abnahme der Zahl jüdischer Studirender auf der Reaction gegen ein ungesundes Gefühl. Die reich oder wohlhabend gewordenen jüdischen Kaufleute wollten ihren Söhnen gesellschaftliche Stellung schaffen, sie hielten die gelehrten Berufe für etwas Höheres als ihren Stand, während ja in Wahrheit nicht der Stand den Menschen, sondern der Mensch seinen Stand macht. Und wegen dieses Vorurtheils, das in weniger zünftisch gegliederten Ländern wie England und Amerika nicht existirt, wurden viele junge Leute in das Studium Hineingetrieben, die dazu weder Lust noch Fähigkeit besaßen und schließlich schlecht und recht Hand¬ Seite 383 werker des Beamtenthums wurden. Hiezu kommt im öffentlichen Leben die Verdrängung der formalen Bildung — der sogenannten Geisteswiffenschaften — durch die Naturwissenschaften, an Stelle von Gambetta trat Freycinet. Mit der zunehmenden socialen Werthschätzung des Grvßkaufmannes und Industriellen im modernen Staate — im Gegensatz zu der früheren Stellung des Kaufmannes, entfiel der Anreiz für die Eltern, ihre Söhne auch dann in das Studium zu treiben, wenn sie lveder Lust noch Fähigkeit dazu hatten. Es liegt meiner Ansicht nach keine Veranlassung vor, für die Vermehrung der jüdischen Studirenden, die ohnehin unverhältnißmäßig zahlreich ans der Universität sind, eine Propaganda zu treiben. Wer den heiligen Drang in sich fühlt, der wird seinen Weg zur Universität auch ohne Artikel wie den Goldschmied'schen finden, dem das übliche Bornrtheil des „akademisch gebildeten" Mannes gegen den „Philister" zu Grunde zu liegen scheint. Hochachtungsvoll C. Wien. (Eduard K u l k e.) Von Hofrath Professor E. Mach erhält die „N. Fr. Pr. einige sympathische Gedenkzeilen, denen wir Folgendes entnehmen: An: 20 d. M. starb hier der Schriftsteller Eduard K u l k e. Durch einen Zufall lernte ich 1863 den Mann im Caf« Griensteidl kennen. An einem Nachbartisch debattirten einige Musiker lebhaft über die „Charakteristik der Tonarten". Man beobachtete meine Aufnierksamkeit und zog mich in's Gespräch. Ich trat auf K u l k e's Seite, der in besonders klarer und geistvoller Weise seine nüchterne Anschauung dargelegt hatte. Wir blieben dauernd Freunde. Bei seiner kritischen Beschäftigung mit der Kunst, bei seiner ungewöhnlichen musikalischen Literatnrkenntniß, welche ihn befähigte, die einzelnen Stimmen der Partitur aus dem Gedächtnisse anzugeben, hatte K u l k e auch ein lebhaftes Interesse und Verständniß für naturwissenschaftliche Fortschritte. Dieser Combination von Fähigkeiten entsprang seine interessante kleine Schrift: „Ueber die Umbildung der Melodie". Bezeichnend für K ulk e's Naturell ist es, daß ich die Niederschrift und Pnblication dieser Arbeit, auf welche ich als Verehrer Darwin's Werth legte, nur durch Anwendung einer List erreichen konnte. So wie in dieser Schrift, tritt auch in Kulke's Buch über „Richard Wagner", in seiner „Entwicklungsgeschichte der Meinungen", in seiner Schrift über Nietzsche, in seiner fast vollendeten „Aesthetik" die kritisch-wissenschaftliche, die philosophische Begabung hervor, während uns aus anderen Arbeiten, so insbesondere aus den gemüthstiefen, gefühlsinnigen nird psychologisch feinen Erzählungen sein hohes poetisches Talent entgegenleuchtet. Bei voller Freiheit in confessionellen Dingen bewahrte K u l k e doch stets eine treue, pietätvolle Anhänglichkeit an seine Stammesgenossen. Eine seinerzeit um den Preis der Taufe iit Aussicht gestellte Professur lehnte er ab; er hätte das Gegentheil fast als Berrath empfunden. Geschäftliches Talent, die Fähigkeit, Geld zu erwerben, fehlte ihm vollständig. Ihn: war nur das Talent eigen, in beschaulicher Weise seinen Gedanken und Phantasien zu folgen, ein Talent, das wenig einträglich ist. Aber dem stillen freundlichen Manne fehlte es nicht an Muth und ethischer Kraft, wenn es galt, einem Unrecht entgegenzutreten. So wußte er, wenn die' Gelegenheit ihm die Pflicht anferlegte, die herausfordernden Aeußerungen roher Antisemitlinge gebührend zurückzuweisen, ein nachahmenswerthes Beispiel für manche wohlsituirte Herren, welche in vornehmer Nichtachtung über Alles hinweggehen, wovon sie persönlich unberührt bleiben. Jüdische Arbeiter. Man schreibt uns: Die Anlisemiten- Häuptllnge hetzen das Volk gegen die Inden ans, mit der verlogenen Behauptung: Die Juden wollen nicht arbeiten! Ich erlaube mir aber aus Grund der Erfahrungen, die ich in Wien gemacht habe, die Bauunternehmer jüdischer Confefsinn zu bitten, sie mögen den jüdischen Handlangern und T a g l ö h n e r n, die als gewissenhaft und verwendbar sich überall erprobten, Arbeit geben, da diese Armen Dank der antisemitischenStrömung bei Nichtjuden zumeist abgewiesen werden. I. S. S. Der berüchtigte Antisemit Normann-Schumann, der sich zur Zeit als Correspondent englischer Blätter im griechischen Hauptquartier in Larissa aufhält, soll bei dem Versuch, das türkische Lager in Augenschein zu nehmen, von den Türken fürchterlich durchgeprügelt worden sein. — Wenn die Meldung wahr ist, so hätten die braven Türken nachgehvlt, was im Abendland wiederholt versäumt worden ist. D»e Insel Creta in der Bibel. Es bütfte von Interesse sein, wie sich der berühmte Orientalist Dr. Julius Fürst in seinen wissenschaftliche» Anmerkungen zur heiligen Schrift in dieser Frage ausspricht.

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