Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 280 Vr. Vloch's Mochenkrtzrifl Nr. 14 Schlußskizze von „Treu und Frei" hat er selbst mit echt jüdischem Gefühl die Stätte seiner Jugend geschildert, seinen Vater mit den zweiunddreißig Vormundschaften, die Urgroßmutter seiner Frau, Bobe Zorteleben, die sich vor Wohlthätigkeitspflichten den Besuch des geliebten Urenkelkindes nur am Sabbath vergönnen kann, die Religionslehrerin für verlobte Dienstmädchen mit einem Groschen wöchentlichen Honorars, den Hausirer, dem „es plötzlich träumt, daß er ein Lehrer ist" und der daraufhin sofort zu lehren anfängt, den Rabbi, der beim Juchezen aus der Bauernschänke allen Ernstes fragt, ob denn diese Leute vielleicht eine „herbe Frage" aus „Tossefoß" beantwortet haben, die Gemeinde von 200 Dorfgehern und Handwerkern, worunter 40 mit dem stolzen Titel „Morenu", kurz, das ganze so unendlich rührende Milieu der echten Judengemeinde alten Schlages, voll von jener Genügsamkeit, Gottergebenheit, keinen praktischen Zweck anstrebenden Lernbegierde und unaffectirten, ganz selbstverständlichen Brüderlichkeit, die man noch gesehen haben muß, um sie auch nur für möglich zu halten Aus dieser heiligen Innigkeit altjüdischen Lebens ist denn auch die feinfühlige Sinnigkeit eines Lazarus hervorgewachsen. Zweiundzwanzig Jahre zählte der Jüngling bereits, als er sich nach Absolvirung der Gymnasialstudien in Braunschweig dem Universitätsstudium zuwenden konnte. Hier erfaßte sein wissensdurstiger Geist mit heißer Begier Alles, was sich darbot; Jus, Philosophie, Geschichte und besonders Naturwissenschaften. Als er 10 Jahre später sein Hauptwerk zu veröffentlichen in der Lage war, trug es den bezeichnenden Titel: „Das Leben der Seele". Bezeichnend! Denn das ist es, was allen Schriften dieses großen Psychologen ihren eigenartigen Zauber gibt, daß sie seelisch erlebt sind und daher auch für den Leser ein seelisches Erlebniß bedeuten. Die Wissenschaft gewinnt Leben und Seele durch die Magie seines Stiles, ohne an Ernst und Tiefe zu verlieren. Das deutsche Publicum, sonst nicht gerade im Rufe bereitwilligen Bücherkaufes, bereitet dem Greise eben jetzt den Triumph einer vierten Auflage seines Jugendwerkes. Ich habe dabei die Damen sehr im Verdachte starker Mitwirkung, die ihrem Geschmack und Feinsiun übrigens nur Ehre macht. Das Buch ist eine Psychologie von künstlerisch vollendeter Darstellung, aber nicht in dem steifen Gefüge eines schulgerechten Systems, sondern in der freieren Form eines Kranzes von Essays oder, wie der Autor sie nennt, Monographien, die Jedem und Jeder etwas bieten. Bildung und Wissenschaft, Ehre und Ruhm, der Humor, das Verhältniß des Einzelnen zur Gcsammtheit, bilden die Probleme des ersten Bandes. Der zweite Theil behandelt Geist und Sprache, unter anderem die pädagogisch so überaus wichtigen Fragen der „Erlernung und Fortbildung der Sprache"; ihm gilt das Wort Hebbells, diese Abhandlung zähle zum „Tiefsinnigsten, was jemals über diese geheimnißvollste aller Materien geschrieben worden". Der dritte und letzte Band enthält die feinsinnigen Ausführungen über den Tact, das Zusammenwirken der Künste, und die Freundschaft; in der neuesten Auflage ist die Abhandlung Wer „Die Reize des Spieles" hinzugekommen (1884 bei Tümmler, Berlin, separat erschienen). Schon die Wahl der Themen zeigt, daß für Lazarus selbst ein wenig das zutrifft, was er gelegentlich einmal äußerte: Die erfolgreichsten Lehrer müssen in ihrer Eigenart ein dem weiblichen Sinne verwandtes Element haben. Der außerordentliche Erfolg dieses Buches führte zu einer Berufung an die Universität Bern (1860). Schon vorher (1851) hatte Lazarus durch die Abhandlungen „Ueber den Begriff und die Möglichkeit einer Völkerpsychologie als Wissenschaft" die That seines Lebens, die Begründung einer neuen Wissenschaft angebahnt und durch die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" (1859) in Gemeinschaft mit seinem ebenbürtigen Arbeitsgenossen Steinthal der jungen Wissenschaft eine entwicklungskräftige Pflanzstätte gesichert. Fünfundvierzig Jahre hat Lazarus unermüdlich auf diesem Gebiete geforscht; Sprache Lebensweise, politische und sociale Formen, poetische und künstlerische Darstellungen, Religion und Wissenschaft hat er als Aeußerungen der Volksseele dargestellt und das Psychische am Volksthum gegenüber dem Körperlichen der Race hervorgehoben. Seine Abhandlung über den „Ursprung der Sitten" (1860) und seine Rectoratsrede über „Die Ideen in der Geschichte" (1864) steigerten seinen Ruf derart, daß seine Reise nach Wien anläßlich der 500jährigen Jubelfeier unserer Universität sich zum Triumphzuge gestaltete. Seit 1866 wirkt der gefeierte Gelehrte in Berlin, zuerst an der Kriegsakademie, seit 1872 an der Universität. Im Jahre 1878 dursten ihn seine Wiener Verehrer zum zweiten Male in ihrer Mitte begrüßen; der Vortrag, den Lazarus damals in der „Concordia" hielt, ist unter dem Titel „Zeit und Weile" seinen „Idealen Fragen" einverleibt worden, welchen auch seine geist- und schwungvolle, etwas panegyrisch gehaltene Gedenkrede auf seinen Meister Herbart beigefügt ist. „Ein psychologischer Blick in unsere Zeit", „Das Herz", „Gedanken über Aufklärung", sinnige Bemerkungen „Ueber Gespräche" bilden den Rest des Buches, in dessen oft geradezu melodischer Sprache eine Fülle von Anregungen mit verschwenderischer Anmuth ausgestreut wird. Was ist beispielsweise die Aufsehen erregende Rectoratsrede des nur zu früh verstorbenen Adolf Exner über „politische Bildung" Anderes gewesen als eine kunstvolle Symphonie über das Thema, das Lazarus mit dem einen Satze anschlägt: „Das Reich der idealen Interessen wie des idealen Wissens leidet darunter, wenn man gewaltsam ihm eine Signatur aufdrücken will, welcher es nun einmal der Natur der Sache nach nicht zu entsprechen im Stande ist. Diese Signatur ist nach dem Zusammenhänge der betreffenden Stelle (Ideale Fragen, 3. Auflage, S. 25) nichts anderes als Exner's berühmter „naturwissenschaftlicher Zopf". Auch auf den Zinnen der Wissenschaft und auf den Höhen des akademischen Lebens hat Lazarus seiner Jugendliebe, des Judenthums, nicht vergessen. Unsere älteren Zeitgenossen werden sich der Aufregung noch erinnern, welche seinerzeit durch die Synoden von Leipzig 1869 und von Augsburg 1871 hervorgerusen wurden. Beide tagten unter seinem Vorsitze. So lebhaft die Opposition auch naturgemäß war, welche sein Vorhabeneine freireligiöse Entwicklung im Judenthum hervorzurufen, in strenggläubigen Kreisen erwecken mußte, so werden ihm selbst die einsichtsvolleren unter seinen Gegnern die Huldigung nicht versagen können, daß sein Ehrgeiz ein edler war. Wie Moses Mendelssohn, dessen Andenken er zwei Reden gewidmet hat, wollte er die Menschen „eine Stufe weiter bringen". Denjenigen, welche durch ihre Erziehung und Berufsthätigkeit dem altjüdischen Leben entfremdet sind, wollte er ein ihren Verhältnissen angepaßtes Judenthum bieten, statt sie vom Judenthum innerlich völlig loslösen zu lassen. Freilich hatteer die Macht des conservativen Elementes unterschätzt; schon der Name Synode war den Hütern des Gesetzes viel zu unjüdisch und vollends mußten sie empört sein über Sätze wie: „Niemand ist hier unter uns, der sich gesträubt hat, irgend Etwas abzuschaffen, gesträubt, nur deshalb, weil es überliefert ist", (Treu und Frei, 3. Ausl., S. 12). Daß seine Neuerungslust indeß kein Ausfluß der Jmpietät, sondern eine Frucht der innigsten Liebe zum Judenthum gewesen ist, das er verjüngen zu können glaubte, bewies Lazarus unzweideutig, indem er sich seit 1879 angesichts des wiederauflebenden Judenhasses kampfessroh seinen Brüdern zur Seite stellte. Seine Reden: „Was heißt national?" „Unser Standpunkt", „An die deutschen Juden" sind Denkmale einer mustergiltigen Vereinigung patriotischen und. jüdischen Gefühls. Sie finden sich nebst seinen Synodal- und Gedenkreden in dem Bande. „Treu und Frei!" Dieselbe hohe Begeisterung, die seine Feder in allen triefen' Werken