Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 Vr. VIoch«< WochenptzrW. Seite 27S Doctor Lueger hat wieder einmal, wie schon so oft, bewußt gelogen. Er hat beispielsweise das Märchen von der Frau eines Rothschild erzählt, die gesagt haben soll, es könne kein Krieg entstehen, bevor ihr Mann nicht die Erlaubniß dazu gebe. Die Haltlosigkeit dieser läppischen Legende ist schon oft genug dargethan worden, man braucht sich daher nicht zu ereifern. Aber bisher wurden diese Worte von antisemitischen Lugenschüppeln nur der Frau eines Frankfurter Rothschild in den Mund gelegt. Lueger escamotirt: Es war die verstorbene Frau des Chefs des Wiener Hauses Rothschild, der diese Aeußerung angedichtetwird. Ueber Lueger sind wohl die Acten geschlossen. Es istbezeichnend.daß imParlament wenigstens die antisemitischen Volkssänger ausgespielt haben. Ihre Kunststücke ziehen nicht mehr. Das antisemitischeBrettl wird in der gesetzgebendenKörperschaft bald verwaist sein.KrampfhafthatDoctorLueger letzten Dienstag seine altenNoten, seineabgesungenen Couplets,seine verbrauchten Gesten hervorgesucht, um mit ihnen die oft erzielte Wirkung noch einmal hervorzurufen. ES ist nicht gelungen. Und daß es nicht gelungen ist, ist ein erfreuliches Anzeichen für das neue Parlament. Wir wollen die Debatte, mit der die neugewählte Volksvertretung inaugurirt wurde, in ihrem moralischen Werth nicht überschätzen. Aber immerhin ist es zu hoffen, daß von Zeit zu Zeit wenigstens das ode Judengeschimpf, über das die hochmögenden Freunde des Lueger und Schneider sich im Verborgenen nicht wenig gefreut haben mögen, eine zweckmäßige Abwechslung erfahren dürfte. Die Mittermayer-Frartion. Während das frühere Parlament von Regierungswegen den Ehrentitel des „Großen" zuerkannt bekommen hat, einen Ehrentitel, mit dem Großväter und Parlamente mit Nachsicht der Taren und der Verdienste benannt zu werden pflegen, hat auch dieses Abgeordnetenhaus, das ja noch in den politischen Windeln liegt, eine Bezeichnung bekommen. Und wenn sie auch keinen Ehrentitel bedeutet, wenn man ein Certificat dieses Inhalts sich nicht hinter den Spiegel zu stecken pflegt, io muß man immerhin zugeben, daß es kennzeichnend ist: „EinParlament, das einenge st ändigenDieb in seiner Mitte dulden muß." Der polnische Socialist, welcher sich diese Worte ehrlicher Entrüstung abgerungen hat, kennt die Wiener Reinlichkeitszustände nicht, er weiß nicht, wie schlecht es mit unserer moralischen Canalisation» mit unserer ethischen Hygiene bestellt ist. Ihm mag es einigermaßen verwunderlich vorgekommen sein, als er das Haus der Volksvertretung betrat und ihm zugemuthet ward, den Herrn Mittermayer Collega zu nennen. Collega Mittermayer — das darf sich der Rittmeister der Reserve Prinz Liechtenstein erlauben. Collega Mittermayer — damit hat sich die ganze Lueger-Partei, die von hohen geistlichen und weltlichen Herren patronisirte Fraktion der Wiener Demagogen abgefunden. Aber dem Mann, der von fernher in die Großstadt gelangte, aus jenen Gegenden, die man vor nicht allzu langer Zeit als Halbaffen bezeichnete, sind diese westeuropäischen Begriffe von Ehre und Anstand, deren man sich in Wien, in der Hauptstadt der österreichisch-ungarischkn Monarchie rühmt, etwas Fremdes, etwas Neues. Wahrlich, diese Mittermayer-Comödie ist ein Spectakelstück allerersten Ranges und die Veranstalter des Volkstheaterabends, die immer etwas Neues, Originelles, noch nicht Dagewesenes bieten wollen, hätten es nicht nothwendig gehabt, nach China zu gehen, chinesische Comödien aufzuführen. Sie hätten sich mit den Streichen der Wiener Chinesen begnügen sollen. Gibt es ein Schaustück, das drastischer zu wirke n in der Lage ist, als Ernst D e r g a n i, der über Mittermayer zu Gericht sitzt, der antisemitische Ehrenrath, mit dem Ehrenrichter von M ü h l d o r f an der Spitze. Mittermayer, der vacirende Kellner, hat seine Schuldigkeit gethan, sein Einfluß in den weitesten Pülcherkreisen, seine Beziehungen zu den hervorragendsten Strizzi der Jetztzeit haben anläßlich der Wahlen in der V. Curie jene prächtigen Resultate gezeitigt, die wir am 9. März in Wien beobachteten. Der Riscontoliebhaber hat seine Schuldigkeit gethan Und nun bequemt sich Dr. Lueger und seine Freunde zum moralischen Bollbade. Solange Karl Mittermayer die Unwahrheit der gegen ihm vorgebrachten entehrenden Beschuldigungen nicht vor Gericht dargethan hat, ist er nicht zur christlich-socialen Partei zu zählen, solange er nicht nachgewiesen hat, daß er kein Dieb ist, will Ernst B e r g a n i mit ihm nichts zu thun haben. Der grundlegende Unterschied zwischen Riscontos und Gemeindeobligationen ist auf diese Weise für alle Zukunft festgestellt. V e r g a n i und Mittermayer, das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Ersterer ist ein kleiner vacirender Kellner und Letzterer ein großer Hausherr und Zeitungsspeculant. Den kleinen D—allesbruder Mittermayer hängt man, den großen D—eputirten Bergan! läßt man laufen. Diese antisemitische Ehrenrettungs-Comödic ist eine der heitersten Erscheinungen der Gegenwart. Stampiglienfälscher und Gemeindeobligationen-Sammler wollen mit dem Risconto-Liebhaber nichts zu thun haben. Ein hervorragender Criminalist der Gegenwart, der Staatsanwalt in Graz, Doctor Groß, hat ein Handbuch für Untersuchungsrichter geschrieben, das in seiner Art für die Juristen kreise Oesterreichs eine grundlegende Bedeutung gewonnen hat. Dieses Buch hat einen Abschnitt, das von der Psychologie der Gaunerwelt handelt. In diesem Capitel werden die merkwürdigsten Streiflichter geworfen auf den Ehrgeiz der Diebe, auf ihre Eitelkeit, indem sie Einen ihresgleichen, der nicht so viel gestohlen hat wie sie, dem nicht so tiefe Eingriffe in die Taschen Anderer gelungen sind wie ihnen, alz einen Paria, als einen Staatsbürger zweiter Classe, als keinen Umgang für sie beurtheilen. Wir haben es nicht nothwendig, psychologische Studien des Ehrbegriffs der antisemitischen Parteigrößen zu machen. Wahrhaftig es ist bezeichnend für den Niedergang des Parlamentarismus, daß Stunden lang Debatten geführt werden, ob ein Reichsrathsabgeordneter, dem ein hochnothpeinlicher Criminalproceß an den Hals gehängt worden ist, auf freien Fuß gesetzt werden darf, oder ob er seine Abneigung gegen die Schlachta in langwieriger Untersuchungshaft büßen soll, während Karl Mittermayer auf freiem Fuß sich befindet und Ernst Bergani darüber feine Distinctionen an stellt, ob Mittermayer würdig ist, mit ihm zu Verkehren, oder nicht. Moritz Lazarus. Mit freudiger Spannung sehen Tausende von geistig hochstehenden Glaubensgenossen dem Tage entgegen, an welchem der Berühmtesten Einer in Israel» vielleicht sogar der bedeutendste jüdische Denker der Ge enwart, als Begründer einer neuen Wissenschaft geradezu eine historische Persönlichkeit, uns durch einen Vortrag über die völkerpsychologische Bedeutung des Judenthums nun auch persönlich näher treten wird. Der Umstand, daß Nahida Ruth Remy seine zum Judenthum übergetretene Gemalin, selbst als Schriftstellerin wohlbekannt, den greisen Gelehrten begleitet, erhöht noch das Interesse einer Veranstaltung, für welche das geistige Wien dem rührigen Präsidenten des politischen Volksvereines. Herrn Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Hermann Fialla, besonders verpflichtet ist. Das geistige Wien, und zwar keineswegs blos in den engen Grenzen einer konfessionellen Minorität! In unserer haßzerklüfteten Metropole c ibt sich auch in den geistig hervorragenden Sphären der christlichen Bevölkerung ein lebhaftes Interesse für die Doppelvorlesung kund, welche am 11. und 13. April d. I. im Musikvereinssaal stattfinden soll. Es ist uns eine Freude, den ersten Willkommgruß an unseren illustren Glaubensgenossen zu richten, und wird es wohl auch unseren Lesern nicht unwillkommen fein, bei dieser Gelegenheit ein nach authentischen Daten entworfenes Lebensbild unseres verehrungswürdigen Gastes zu erhallen. Moritz Lazarus war erst 32 Jahre alt, als er sein Hauptwerk veröffentlichte. Hinter ihm lag ein labyrinthisch irrer Bildungsgang. In der kleinen Stadt Filehne in Posen am 15. September 1824 geboren, hatte er sich ursprünglich dem Kaufmannsstande gewidmet, betrieb jedoch in den Mußestunden seiner GeschÄftsthätigkeit mit rastlosem Eifer — was sich bekanntlich in jenen Zeiten nur schwer zu vertragen schien — hebräische und philosophische Studien. In der