Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 278 Dr. VLoch's Wochenschrift. Nr. 14 Ist es nicht hoch an der Zeit, daß die bedrängten Juden Oesterreichs sich organisiren und unter Führung des Wiener Cultusvorstandes und der Allianz aus der resignirten Haltung zur thatkräftigen Abwehr heraustreten? Als in den Sechziger-Jahren die galizischen Juden unter dem Regime Goluchowski's von der Besitzfähigkeit noch ausgeschlossen waren, während sie Jenen der anderen Provinzen bereits zugestanden gewesen und die Cultusgemeinden Lemberg, Krakau, Brody und Tarnow diesbezüglich Deputationen nach Wien entsandten, war's ebenfalls der Wiener Vorstand, der an die Spitze derselben trat, und Josef v. Wertheimer der Sprecher. Täuschen wir uns über die nächste Zukunft nicht. Das neue Parlament wird nicht liberaler und besser als das verwichene sein, im Gegentheil wohl noch um einige Nuancen schwächer und schwärzer. Die Mehrzahl der neuen Mandate gehört leider der vereinten Schaar der Antisemiten und Clericalen; der wenigen Männer des Fortschrittes sind noch weniger geworden und ihre Matadore haben sich zurückgezogen. Aus diesem Abgeordnetenhause geht uns ebensowenig die Sonne auf, wie aus dem niederösterreichischen Landtage oder der Wiener Gemeindestube. Hilfe ist nur an höchster Stelle zu suchen. Bei der Hochherzigkeit und der Gerechtigkeitsliebe unseres allverehrten Monarchen steht zu hoffen, daß eine Jmmediatvorstellung durch eine vereinte Deputation aller Juden der diesseitigen Reichshälfte, in welcher auf unsere bedrohte Stellung und die wachsenden Gefahren hingewiesen und um den allerhöchsten Schutz gebeten wird, nichi Zuchtlos bleiben werde. Dafür bürgt das Herz des Kaisers. Man sage nicht, auch der Kaiser vermag nichts gegen die Strömung und Stimmung, gegen die von verruchten Händen im irregeleiteten Volke künstlich erzeugte und eifrig genährte Gährung. Der Wille des Monarchen vermag sehr viel, wenn er der Negierung als Directive verkündet und ihr der Weg vorgezeichnet wird, den sie zu wandeln hat, und was dies bedeutet, haben wir in Ungarn erfahren, wo Minister T i s z a mit wuchtigem Tritt die Hydra des Antisemitismus rasch zertrat. Fängt die Regierung nur erst bei ihren Beamten an, so ist viel gewonnen. Auch an der höheren Geistlichkeit hätte sie eine Stütze, da dieser das wüste Treiben ihrer Untergebenen, der aus Rand und Band gerathenen Hetzcapläne und die Lockerung der sonst so strammen Disciplin der katholischen Kirche bedenklich werden müssen. Die Bischöfe haben lange nicht mehr jene weitragende Autorität, die sie früher besaßen; die subalternen Geistlichen, welche aus ihrem stillen Wirkungskreis in die geräuschvolle Arena des öffentlichen Lebens treten, finden sich nicht mehr in den Gehorsam und in die Verehrung; gehen ihre eigenen Wege, huldigen anderen Autoritäten und bekennen sich angesichts der hohen Einkünfte ihrer Vorgesetzten zu Ideen, die ihnen früher so ferne lagen, wie der Abfall. Die Kirchenfürsten ihrerseits können somit die jetzigen Zustände auch nicht sehr erbaulich finden und würden in ihrer Bekämpfung die Regierung zweifellos unterstützen, wenn diese sich zu einer kräftigen Initiative aufraffen und die aufgewühlten Geister eindämmen würde. Die Regierung aber scheint zu einer Repressivmaßregel nicht geneigt zu sein, denn die Seuche des Antisemitismus frißt immer weiter und hat auch schon Deutschböhmen ergriffen. So ist's denn nothwendig, die Krone anzurufen und aus der wachsenden Bedränguiß an den Kaiser zu appelliren. Zu diesem Zwecke erscheint es geboten, daß die gesammten Juden Oesterreichs zu einer festen Solidarität zusammenschmelzen und sich unter eine Führung stellen, die mit aller Thatkraft ihre Aufgabe auffaßt, die dahin gehen soll, die Interessen, die Stellung und die Rechte ihrer Glaubensbrüder unentwegt zu schützen und so eine wahre „Israelitische Allianz" zu bilden, die niemals so nothwendig, niemals so gerechtfertigt war, als in dieser wildbewegten Zeit der An- und Uebergriffe! Meran, 22. März. Aus den an anderer Stelle der vorliegenden Nummer publicirten Sitzungsprotokollen des Wiener israelitischen Cultusvorstandes erfährt man, daß das Präsidium der Wiener israelitischen Cultusgemeinde an die Vorstände der Großgemeinden von Prag, 'Brünn, Linz, Graz, Hohenems, Krakau, Lemberg, Czer nowitz, Troppau und T e s ch e n die Einladung zu einer gemeinsamen Conferenz ergehen ließ. Diese Delegirtenversammlung wird voraussichtlich in der ersten Hälfte des Monates April in Wien stattfinden, und hat zunächst die Aufgabe, über einzelne interne Angelegenheiten der Gemeinde, wie Gründung eines Gemeindebundes zum Zwecke der Wahrung der Gemeindeinteressen, ferner ein gleichmäßiges Verfahren bei Pensionirung und Altersversorgung der Beamten, zu berathen. In dieser Conferenz wird es sich voraussichtlich auch zeigen, ob es möglich ist und hinreichende Vorbedingungen vorhanden sind, eine gemeinsame dauerndeOrganisation der österreichischeu Judenschaft zum Schutze der immer gefahrvoller sich ge - st alten den äußeren Bedrohungen zu begründen. Wir werden über das Ergebniß der Conferenz seinerzeit berichten. Anfang gut, Alles gut?? Das neue Abgeordnetenhaus hat seine erste Debatte gehalten. Die neuen Männer haben gesprochen. Heftige Worte fielen. Der Leidenschaft öffnete sich ein weites Feld. Und unsere Antisemiten saßen still und stumm. Nothgedrungen, nicht dem eigenen Triebe gehorchend, erhob sich schließlich der Herr von Wien, um mit einigen nichtssagenden Witzen, mit einigen abgedroschenen Phrasen, mit einigen bierdunstigen Gemeinplätzen, wenn es irgend anging, den Ernst der Debatte zu verringern, in die Respect einflößende Parlaments-Ouverture den heiseren Ton der vorortlichen Bierhaus-Brettlen hineinklingen zu lassen. Die Debatte, welche vergangenen Dienstag über die Freilassung des Abgeordneten S z a j e r geführt wurde, erinnerte an die schönste Zeit des österreichischen Parlamentarismus. Wir sind es ja längst nicht mehr gewohnt, eine leidenschaftlich erregte Debatte zu hören, deren Leitmotiv anders lautet, wie hepp! hepp! Auch dünkt es den meisten der jüngeren Zeitgenossen namentlich als abgeschmackt und veraltet, wenn dem Fortbestand der Verfassung das Won geredet, wenn die Erinnerung an die Staatsgrundgesetze wachgerufen wird, wenn von dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, von Freiheit und Männerwürde die Rede ist. Das ist das Verdienst der Socialisten, die be ihrem ersten Auftreten die Pfade gewiesen haben, die zu wandeln sie sich vorgezeichnet haben. Für den Polenclub, der durch seinen Obmann den jüdischen Abgeordneten Dr. Bloch an den Prinzen Liechtenstein verschacherte; der mit Hilfe von Militär und Polizei den jüdischen Wählern den Zugang zum Wahllocal gewaltsam versperren ließ, damit sie ja nicht den gesürchteten und gehaßten Dr. Bloch wählen, für diese Kerntruppen der österreichischen Neaction nahet der Zahltag. Die Socialisten haben sich für Einen der Ihren eingesetzt, ihrem muthigen Vorgehen ist es zu danken, daß zukünftige Minister es wohl oder übel vermeiden werden müssen, dem Beispiel des Grafen B -a d e n i zu folgen. Es könnte ja einem Minister mit der einen eisernen Hand ein Minister mit zwei eisernen Händen folgen, der sogar noch außerdem über eine metallene Stirne verfügen wird. Und der würde einfach alle oppositionellen Abgeordneten einsperren lassen und dafür sorgen, daß nur Jene ein Certificat erhalten, welche entweder die schöne Schweig-Tactik des alten Polenclub sich zum parlamentarischen Lebensprincip erwählt haben oder aber Oppositionsmänner vom Schlage des Doctor Lueger, welche beim Hauptportal des Ministeriums „Nieder mit Badeni!" und „Fort mit der polnischen Wirthschaft l" rufen, um sich dann zur Hintertreppe zurückzuziehen, um sie katzenbuckelnd und schweifwedelnd zu ersteigen. Es werden sich noch andere Anlässe Herausstellen, bei denen in erster Reihe den socialistischen Abgeordneten die Sorge zusallen wird, daß das Parlament nicht wirklich, wie der Abgeordnete Daszynski sagte, zu einer Carricatur herabsinke. Wie sehr das Parlament zu einer Carricatur werden kann, haben wir im alten Haus oft genug gesehen und das Vorgehen des Doctor Lueger in der Debatte über die Freilassung des Abgeordneten Szajer zeigt, daß die Antisemiten, die Christlich-Socialen es noch keineswegs aufgegeben haben, das Parlament in ihrer Weife zu persifliren. Es lohnt sich eigentlich nicht der Mühe, auf die Escamotage des schönen Carl näher einzugehen.