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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-26 · 13 (26.3.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 274 Dr. Vloch's Wochenlchrifi Nr. 13 rege machen zu können, überhaupt da sie unserer Verzeihung jeden übereilten Schrittes gewiß war. Aber sie war zu weit gegangen, trotzdem wir das Treiben des Nichtswürdigen gar nicht gewahrten, bis sie eines Tages, gerade als wir von dem Schwedenkönig hart bedrängt wurden, mit einander aus unserer Umgebung verschwanden, wiewohl wir wußten, daß, sie ein Kind von uns unter dem Herzen trug. Wir hören nun, daß Stryczynski zu unseren Feinden übergegangen, die Arme an der Auszehrung bald starb und ein Kind zurückließ, das sie uns in einem Schreiben als das Unsere empfahl und welches wir auch anerkennen. Da nun Stryczynski für das Leid, welches er über die Familie des Arztes Simson gebracht, die verdiente Strafe ereilt, suchen wir unsere Mitschuld an diesem Unrecht dadurch zu sühnen, daß wir diese unsere Tochter den Simson zur Frau geben und verfügen, daß sie aus unserem Nachlasse so viel erhalten, daß sie alle in Sorglosigkeit leben können, welchen unfern Willen wir unserem geliebten Sohne zur Ausführung empfehlen.!! Somit geben wir Ihnen unseren väterlichen Segen und bitten zu Gott, daß er Ihnen unsere Schuld nicht anrechnen möge, sondern sie glücklich und zufrieden leben lasse. Amen. >! Gegeben zu Warschau im August 1733.1 August. König, il Cadur. Von Dr. Sigismund Feßler. Auch Ziegen haben ihr Temperament. Die meisten Vertreter dieses würdigen Geschlechtes hat die Natur mit einem auf die reale, sinnlich wahrnehmbare Welt gerichteten Phlegma ausgestattet; Gras und Salz begrenzen den Horizont ihrer Wünsche, und wo solche Atzung zu finden ist, da lecken und zehren sie mit Gleichmuth und Beharrlichkeit. Dafür werden sie auch groß, schön, fleischig und außerordentlich fruchtbar, und die jungen unter ihnen geben einen ganz vorzüglichen Braten. Es gibt aber auch Melancholiker unter den Ziegen; sie erklimmen einzeln einen schwer zugänglichen Felsvorsprung, den selbst eine Heuschrecke ob seiner Kahlheit verachtet, und in wehmüthigem Schmerze darüber, daß sie das gelobte Ziegenland nicht gefunden, starren sie Stunden lang sinnend in die Tiefe, bis das Gestirn des Tages im Westen versinkt. Diese sind kleine und elende Thiere, eine verkrüppelte, unergiebige Rasse, die bald verwildert; ihr Fleisch schmeckt wie Wildpret; selten Pflanzen sie sich fort, denn gewöhnlich fallen sie sich zu Tode. Jedoch die markantesten unter den Ziegen sind die Sanguiniker, von denen unsere Schneider ihre Phisiognomie abgeborgt, lebhaft und geschmeidig mit gleißendem Bart. Sorglos Hüpfen sie über Gräben und Gerolle und tragen mancherlei Ulk in die Heerde, dadurch schweres Leid dem arglosen Hirten bereitend. Sie liefern ein sehr zähes Fleisch, grobfaserig wie Schneiderzwirn. Einem solchen sanguinischen Zicklein, welches muthwillig die Böschung hinauf nach der über den Apennin in Serpentinen sich schlängelnden Fahrstraße sprang, setzte Beppa, die Hirtin, im Schweiße ihres Angesichtes nach. Was die Ziege oben wollte, war nicht klar abzusehen; denn am Saume der Chaussee wuchs nichts als stacheliger Cactus, den windige Libellen als Stopfnadeln des Teufels umkreisten. Es mußte also bloße Neugierde gewesen fern, was das Geislein nach der Höhe lockte, Neugierde nach den Carosien, welche in sengender Mittagsgluth die staubige Landstraße hinab rollten. Beppa aber mit chren schweren, plumpen Schuhen war es nicht leicht, dem springkundigen Thiere zu folgen, und wenn sie es einem Moment aus den Augen verlor, da floh alles Blut aus ihren Wangen; der Sindaco im Dorfe war ein böser, strenger Mann, und er hatte sie mit ihrem Kopfe für jedes Stück Vieh haftbar gemacht. Und als sie endlich auf dem Kamme der Böschung anlangte und sich beim Durchschlüpsen durch die Cactushecke die Füße wund riß, weil sie keine Strümpfe am Leibe hatte, sah sie gerade noch, wie der Vetturin vom Bocke des Postwagens mit der Peitsche nach einer einsamen Mohnblume schlug, als ärgerte ihn jegliches Unkraut. Die Mohnblume sank zerrissen in den Staub, in welchem auch der Wagen mit dem Vetturin verschwand; die verloren geglaubte Ziege aber hatte ihren Meister gefunden an Lionardo, der sie wie ein lebender Schraubstock an den Hörnern festhielt, bis Beppa athemlos heran kam. Beppas Unmuth über die ungerathene Ziege war bald verflüchtigt, als sie Lionardo in die Augen sah; die lange Gerte, die nur an der Spitze einige spärliche Blätter trug, und mit der die Hirtin schon zum Streiche nach dem Thiere ausholte, ließ sie rasch zur Erde sinken und so. stand das Mädchen, wie der Soldat Gewehr bei Fuß vor Lionardo. Sie kannten einander schon seit Jahren, und doch waren sie überrascht, sich zu sehen. Wie eine böse Erinnerung tauchte es in ihrer Seele auf, als. sie zum ersten Male sich zusammenfanden. Das war beim Sindaco, einem herben finsteren Manne, in einer tristen Amtsstube, in der es fürchterlich zugig war, weil alle Fensterscheiben in Scherben am Boden lagen. Zitternd hatten sie auf jedes seiner Worte gehorcht, als er über ihr Schicksal entschied. Sie waren zwei „jüdische Kinder", durch Hunger und Noth aus Rimini Hinausgetrieben. Vielleicht gefiel ihnen die Freiheit besser als der schmähliche Druck der engen Judengasse. Abgegangen waren sie jedenfalls in Rimini Niemanden; es gab nach deren Verschwinden dort nur um zwei „Glaubensgenossen" weniger. Eltern besaß weder Beppa noch Lionardo; arme Judenkinder sind in der Regel verwaist. Verwandt waren sie auch nicht, Bettelvolk weiß nichts von Ahnen und Stammbaum. Und da die Beiden hier im Dorfe auch Niemanden angehörten, so sollten sie in Gnade und Barmherzigkeit das Mittagessen täglich bei einem anderen Bauern holen; in Hast und Eile zählte der Sindaco eine Reihe von Namen vor; Beppa und Lionardo konnten dieselben unmöglich im Gedächtniß behalten, und da sie selbst nicht schreiben konnten und der Sindaco auch nicht, so war es oft geschehen, daß sie an den Unrechten. kamen, und dann hatten sie eben nichts zu essen. Beppa und Lionardo waren zwei lästige Kostgänger ihres Dorfes, verachtete häßliche Raupen. Unnütz waren sie freilich nicht; denn für die schmale Kost, die sie erhielten, war Beppa als Vogt über die Ziegen gesetzt und Lionardo . . . Bei Riola tritt die Straße über den Apennin in das Gebiet ihrer bedeutendsten Bodenerhebung. Kühn wie ein echter Alpenpaß ist sie fast unvermittelt aus der fruchtbaren Ebene von Bologna auf unwirthliche Bergkämme hinauf gestiegen; die Steigung wird stellenweise eine beängstigende wie auf dem Albula oder der via mala, und mit Entsetzen starrt das Auge des Passagiers aus dem Postwagen von der durch armseliges Bollwerk geschützten Straße in die fast senkrecht steilen Abstürze, welche zur Vermehrung des Grausens von wild tosenden Bergwässern dnrchbraust werden. Auf einer der gefährlichsten Stellen stand Lionardo Schildwach vom frühen Morgen bis in den späten Abend und legte den vorüberfahrenden Wagen den Radschuh an. Ein geisttödtendes Handwerk, sich von den Strahlen der italienischen Sonne durchglühen zu lassen und dabei den Kalkstaub einer vernachlässigten Chaussee zu schlucken! Und das alles für ein elendes Mittagessen bei einem Bauer im Apennin! Freilich ab und zu flogen auch einige Soldi über Lionardo's Kopf dahin, wenn er unter den Wagen kroch, um den Radschuh einzuhängen; doch das geschah selten; denn die Fremden ziehen die Fahrt mit der Eisenbahn vor und was in Italien die Landstraße benützt, wirft nicht leichtsinnig mit Soldistücken herum. Jahre lang hatte Lionardo bereits mit dem Radschuh hantirt und doch hatten seine Ersparnisse noch nicht hingereicht, sich dafür eine neue Hose zu kaufen. Beppa sah ihn also noch in seinem alten Beinkleid, das möglicher Weise ein von Herrschaften abgelegtes war, welches aber durchaus nichts von seiner aristokratischen Herkunft verrieth. Es machte auch nicht den geringsten Eindruck auf Beppa, deren Toilette übrigens auch nicht das Bestrickende der Gewandung einer hellenischen Jungfrau besaß; denn hoch geschürzt reichte das einst rothe, nachmals braune Röcklein nur wenig über das Knie, weil die Kleider nicht die Gewohnheit haben, mit den Menschen zu wachsen. Von den sonstigen Attributen eines Gigerls männlichen und weiblichen Geschlechtes war aber noch keine Kunde bis auf die Höhen des Apennin gedrungen; wenigstens Beppa und Lionardo schienen nichts davon zu wissen. Aber dafür besaß Beppa zwei Augen, die wie ein Bergwerk schwarzer Diamanten aus ihren Höhlen glühten, und die jetzt zu Lionardo hinüberleuchteten wie ein heiliges Wetterfeuer, dauernd und dankbar. Wenn sie selbst eines Tages vom Felsen hinabgestürzt wäre nach der Tiefe, das ganze Dorf hätte ihren Tod mit Freuden begrüßt wie die Löschung einer Staatsschuld; mit einer Ziege dagegen hatte das ein anderes Bewandtniß, und Lionardo hatte sie vor dem Verluste einer Ziege bewahrt. Er trug diese sogar der Hirtin nach über die Straße und ließ sie nicht früher von seinen Armen, als bis sie sich jenseits der Böschung mitten unter der grasenden Heerde befanden.

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