Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 13 (26.3.1897)
- Date
- 1897-03-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 13 Vr. Vloitz's WochrnptzrM Seite 361 geheurer Schatz moralischer Arbeit aufgespeichert, für den in der älteren Literatur natürlich die Psalmen das glänzendste Beispiel bieten. Können sie diese Borräthe sittlicher Kraft in ihrer Religionslehre verwerthen? Können sie zeigen, d<H ihr inneres Leben in Wirklichkeit nicht aus einer äußerlichen Offenbarung, sondern auf einer ununLerbrochenen Reihe von Erfahrungen binnen mehr als zweitausend Jahren beruht? Dann werden sie eine Grundlage haben, ähnlich derjenigen, die der Christ in der Kirche findet, ohne ihre dogmatischen Verwicklungen, und können direct an das einfachste religiöse Bewußtsein appelliren. Zweitens gibt es gewisse Richtungen des religiösen Bestrebens, die man mit Recht oder Unrecht als dem Christenthum eigenthiimlich ansieht. Man betrachte jenes Verhalten zur Sünde, jene Erlösungsbewegung, die aus den Worten spricht: „Der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war." Hat das Judenthum jemals an diesem Verhalten einen natürlichen Antheil gehabt? Möglich, daß es durch die Macht der Umstände gedrängt war, all seine Kraft auf die eigene Selbsterhaltung zu sammeln. Doch möchte es den Nichtjuden interessiren, zu wissen, inwieweit das Judenthum auf Bestrebungen, wie die eines Franz von Assisi, eines Wesley oder General Booth anregend zu wirken im Stande war? Von einem gewissen Gesichtspunkte aus ist das Christenthum ein Kampf gegen alles physische und sittliche Uebel. Jede frische Lehre, die das Judenthum bieten kann, wird in gleicher Weise durch ihre Anwendbarkeit auf neue gesellschaftliche Ideale sich zu erproben haben, die keine Racenbegrenzungen erkennen lassen dürfen. Die Großherzigkeit reicher Juden gegen ihr eigenes Volk ist wohl bekannt. Jene jedoch, die das Predigen der Kirchen nicht befriedigt und eine religiöse Führung, gestützt auf die breitesten Thatsachen menschlicher Erfahrung verlangen, werden eine allgemeine und keine nationale Philantropie fordern. Wenn die Zeit reif ist für neue Anregungen, die von der Synagoge in dieser Richtung ausgeheu sollen, wie es jene war, die vor mehr als 1800 Jahren der Neberzeugung Einiger zufolge die große Aera für die Geschichte des Abendlandes hervorrief, dann müssen die Theisten sämmtlicher Schulen die neue Sache zu ihrer eigenen machen und alle verfügbaren Kräfte in ihren Dienst stellen. I. Estlin Carpenter. IV. Ich stimme der Theorie Mr. S i m o n's vom Judenthum und seiner Mission vom Herzen bei und glaube, man leiste den Juden euren großen Dierrst, wenn man sie immerhin und auf alle mögliche Weise mit seinen Anschauungen bekannt nracht. Die Wechselfälle der Juden in den verschiedenen Ländern ihres Aufenthaltes — Verfolgung, Rechtlosigkeit, Elend, Reichthum — füllen fast ihre ganze Geschichte aus. Bemühungen, theils um ungerechte bürgerliche Beschränkungen abzustellen und andererseits eine Abschließungsmauer aufzurichten, um ihren Glauben vor der Zerstörung zu schützen, haben ihr Denken und Handeln derart in Anspruch genommen, daß die Meisten von ihnen niemals an den Zweck ihres Daseins auf der Welt dachten und denken. Sogar jener Theil, der um Rückkehr nach Jerusalem bittet, hat eine blos dunkle Vorstellung von dem, was sie hier zu wirken haben. In dem Maße, als die Emancipation fortschreitet, dürfte das Verlangen, das adoptirte Vaterland zu verlassen, abnehmen, und man kann es nicht hoch genug anrechnen, daß das Ideal Mr. S i m o n's, diesem Umstande vorgreifend, allgemeine Verbreitung unter den Juden finden soll. Doch scheint mir die Zeit noch nicht reif zu sein für einen Versuch, die Mission des Judenthumes der Welt im Großen zu verkünden. Erst muß ein weit größerer Theil der Juden selber sie erfassen. Einige wenige Beispiele sind so gut als ein ganzer Ballast von Vorschriften. Lasset unser Volk vor Allem sich unter den Völkern niederlassen, die Früchte der Emancipation genießend als ruhigenützliche, unaufdringliche Bürger, die in mannigfachen Berufsarten ibren Lebensunterhalt sich verdienen. Ich halte es für äußerst zweckmäßig, den jüdischen Mädchen und Knaben einzuprägen, daß sie das Banner des jüdischen Ansehens schwingen und daß, wenn sie in den Schulen und Hochschulen mit der übrigen britischen Jugend sich mischen, sie dies stets im Geiste tragen und darnach leben sollten. Auf diesen Punkt der jüdischen Mission, so wage ich zu glauben, könnte man mit Vortheil an den Herbstfeiertagen, wo mit dem neuen jüdidischen Jahre zugleich das neue Jahr des Schul- und Jndustrielebens eingeweiht wird, von den Kanzeln herab mit Nachdruck Hinweisen. Um es kurz zusammenzufassen, glaube ich, thut es uns noth, daß uns selber die wahre Mission des Judenthums gepredigt werde, beständig und beharrlich in vielfachen Formen und durch vielfache Stimmen. Mr. Montefiore und Mr. Simon haben in die „silberne" Trompete geblasen und die Führerschaft angetreten und ich hoffe und glaube, Hunderten von Juden und Jüdinnen wird ihr Ideal Hilfe und Begeisterung bringen. Julia M. Cohen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Zwei Borträge des Professor Lazarus und seiner Gemalin. Dem Borstande des „Politis chen Bolksvereines" in Wien ist es gelungen, den berühmten Philosophen und Universitätsprofessor, Geheimrath Dr. M. Lazarus und dessen Gemalin, die illustre Schriftstellerin Frau Nahida Ruth Lazarus (früher Nahida Remi), für zwei öffentliche Vorträge zu gewinnen, welche am 11. und 13. April d. I., halb 8 Uhr Abends, im großen Musikv e r e i n s s a a l e vor geladenen Gästen stattfinden werden. An dem ersten dieser Abende wird der gelehrte Begründer der Wissenschaft der Völkerpsychologie eine „Völkerpsychologische Betrachtung des Judenthums" vortragen, während für den zweiten Abend die ausgezeichnete Literatin das Thema: „Ein Seele nkampf" gewählt hat. Es ist im Ganzen bisher zweimal und dies in bereits fernab liegenden Zeitpunkten geschehen, daß dem Wiener Publicum Gelegenheit geboten war, den berühmten Gelehrten zu hören. Das erste Mal war dies anläßlich der fünfhundertjährigen Jubelfeier der Universität in Wien im Jahre 1865, bei welcher Professor Lazarus die hier aus allen Gauen Deutschlands und Oesterreichs versammelten Professoren, wie die Studentenschaft durch seine glänzende Rednergabe begeisterte. Das zweite Mal entzückte der psychologische und philosophische Forscher seine Wiener Zuhörer, als er im Jahre 1878 in einem zu Gunsten der „C o n c o r d i a" gehaltenen Bortrage über: „Zeit und Weile" ein vollendetes Meisterstück tiefer Gedankenfülle und akademischer Beredsamkeit darbot, welches später in seinem Werke „Ideale Fragen" auch weiteren Kreise» zugänglich gemacht wurde. Seither sind nahezu zwei Decennien verflossen und die Zeitgenossen von damals, sowie die nachgewachsene Generation werden die Gelegenheit freudig begrüßen, den unermüdlichen Gelehrten wiederzusehen und zu hören, den noch heute die Frische und Rüstigkeit des thatkräftigen Mannesalters erfüllt und der sich mit seinem inzwischen vollendeten Hauptwerke: „Das Leben der Seele" ein unvergängliches Monument errichtet hat. Und an seiner Seite erscheint seine illustre, auch als Rednerin weitbekannte Gemahlin, die, noch unvermält, als Schriftstellerin Nahida Remi mittelst vieler vortrefflicher Werke, unter denen ihr biblisch-historisches Buch: „Das jüdische Weib" eine hervorragende Stelle einnimmt, ihren Ruhm begründet und nach ihrem Uebertritt zum Judenthume dem großen Deuker und Forscher ihre Hand zum Lebensbunde gereicht hat. Mit spannungsvollem Interesse sieht man in weiten Kreisen den oben angekündigten Vorträgen dieser beiden congenialen Persönlichkeiten entgegen, deren Hervortreten in Wien, wo sie persönlich noch am wenigsten gekannt sind, den wärmsten Sympathien begegnet. Die Veranstaltung der beiden Vortragsabende erfolgt in vornehmster Weise derart, daß die Sitze zu denselben weder verkauft noch öffentlich ausgegeben, vielmehr seitens des Präsidiums des „Politischen Volksvereines", und zwar seitens des Herrn Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Hermann F i a l l a, I., Schottenring 23, mittelst schriftlicher Einladung direct den Gästen zugesandt werden, ohne daß irgend welche Zahlung zu entrichten ist. Wir können diese erfreuliche Mittheilung nicht schließen, ohne dem „Politischen Volksverein" und zumal dessen vielverdientem Präsidenten Herrn Dr. F i a l l a speciell vom Standpunktedes Judenthums aus für diese hochinteressante Veranstaltung unseren Glückwunsch und Dank auszusprechen. Eine Niedertracht des „Deutschen Bottsblatt". Alljährlich vor Ostern debutirt das „Deutsche Volksblatt", welches