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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-26 · 13 (26.3.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 260 Vr. Vlvch's WortzrnfchrM. Nr. 13 rünstige Luegerische Dogma vom „Köpfen" oder „Hängen" der Juden nick t befindet und weil die Socialdemokraten voraussichtlich die Einzigen im Reichsrathe sein dürften, welche den Muth haben werden, die durch die Alliance mit den Clericalen machtvoll gewordene Antisemiten-Bande offen zu bekämpfen. Was speciell die hierländischen Vorgänge betrifft, muß bemerkt werden, daß die Juden bei uns durch die kopflose Taktik der Polen in das sociale Lager förmlich gedrängt wurden! Es pflegte sonst hierzulande stets vor jeder Wahl in eine parlamentarische Körperschaft eine gewisse Annäherung zwischen den christlichen und jüdischen Wählern stattzufinden. So wurden immer während der Wahlperiode die Juden „na8i bracia israelici“ („Unsere israelitischen Brüder") genannt, um sie für die Candidaten dieser oder jener Partei zu gewinnen. Auch ist es ein unleugbares Factum, daß die Juden in Galizien bisher stets für die sogenannten Regierungscandidaten gestimmt haben. Diesmal haben unsere Nationalen aller Parteischattirungen offenbar in Folge ter antisemitischen Strömung geradezu den Verstand verloren. Auf allen Wählerversammlungen in den Städten und Dörfern haben die Candidaten der Clericalen und Antisemiten einen förmlichen Kreuzzug gegen die Juden gepredigt, und zur größeren Wirkung dieser judenfeindlichen Candidatenreden wurden dieselben in allen hiesigen polnischen Blättern abgedruckt! Nur die Candidaten der Socraldemokraten haben öffentlich die Juden in Schutz genommen. Was Wunder also, daß Letztere bei der Reichsrcühswahl in der Krakauer V. Curie mit den Socialdemokraten und nicht mit den offenen Judenfeinden gestimmt haben, indem die jüdischen Wähler aus Selbstachtung nicht jenem russischen Soldaten ähnlich sein wollten, der, nachdem er fünfzig Knutenhiebe erhalten hat, seinem Peiniger, dem Officier, noch überdies den Dank durch einen demüthigen Fußfall ausdrücken muß! Arthur E i b e n s ch ü tz. Stimmen in Betreff des Vorschlages Oswald I. Simon's. Uebersetzt von Ignatz Kaufmann. II. Mr. S im o n's Entwurf zur Gründung einer Kirche Israels zeigt, daß er den Pulsschlag eines jungen Geschlechtes gefühlt hat, das über den Werth und die Bedeutung des Erbes, das die Vergangenheit zu hüten bestrebt war, im Zweifel ist. Er hat eingesehen, daß unsere triumphirende Emancipation jetzt ihre natürlichen Resultate an uns zeitigt; daß ein fortgesetzter Verkehr mit Nichtjuden im Vereine mit weltlicher Bildung unsere Ansichten wesentlich beeinflussen müsse; daß wir, die jungen, ernsthaften Freunde unserer Religion, mit den neuen Ideen kämpfen, die wir kaum zu formuliren wagen, weil sie alleir hergebrachten Ueberlieferungen widersprechen und daß unsere Begriffe von solcher Art sind, daß es den Anschein hat, als sei unsere Trennung eine blos äußerliche und künstlich hervorgerufene, unser Racenunterschied oft kaum noch wahrzunehnien und unsere religiösen Ideen beinahe mit jenen der Theisten und echten Unitarier identisch. Mr. Simon begreift auch, daß wir nicht nothwendigerweise unreligiös sind,', weil weniger dem Herkommen treu als unsere Eltern, und endlich, daß das Judenthum keineswegs Schaden leiden müsse, wenn es weitherziger aufgefaßt wird. Es ist unmöglich, uns wieder ins Ghetto zurückzuziehen, um dem zersetzenden Proceß des modernen Lebens zu entgehen. Wir, die zukünftigen Träger des englischen Judenthums, müssen daher darauf vertrauen, daß der Bestand unseres Glaubens nicht einzig abhängt von einer Abschließung, die von zwei wachsenden Gewalten niedergehalten wird: BÜdung und Duldung. Kein Märtyrerthum, nicht einmal Israels langes Märtyrerthum, hat mehr bewiesen als den Glauben des Märtyrers, noch hat es die Menschen von einer Wahrheit überzeugt, die chnen das eigene Herz nicht offenbarte. Abschließung predigen und Vermischung üben, weckt schmerzliche Zweifel, aber nicht den Glauben eines Märtyrers. Wir können nicht Alle unter den modernen Verhältnissen billiger Weise Gesetze annehmen, die unseren Vätern der Traum des Lebens waren. Ein großer Jude sagte: „Einige von Euch rühmen sich, daß Euere Gesetze fast wie vor hundert Jahren sind! Ihr habt eben Gesetze,um zu bestimmen, was schon zu existiren aufgehört hat . . . Gesetze, die in Folge des Wandels menschlicher Geschicke den wahren Zwecken der Institution (der Synagoge) immer neue Hindernisse bereiten, aber für die neuen Umstände, die sich entwickelt haben, seid ihr ohne Gesetze". Gewiß, es geziemt dem treuen Reste, wenn ihm die Erhaltung des Glaubens wahrhaft am Herzen liegt, unsere wachsenden Schwierigkeiten zu erkennen und durch Milderung der Strenge Jene zurückzugewinnen, die durch die Macht neuer Umstände sonst unvermeidlich hinweggefegt würden. Die praktische Aneignung eines weiteren Judenthums würde sofort nicht nur - Jungisrael selbst zahllose Proselyten zurückbringen, sondern auch die, die mit der jüdischen Religion sich befreundet haben. So wird Mr. S i m o n's Kirche Israels die Schutzwache des modernen Judenthums werden. Denn das Judenthum nach unseren Begriffen ist größer als die Juden. Es ist sicherlich bestimmt, der Glaube der Zukunft zu werden, weil das wahre jüdische Ideal schließlich mit dem Zeitgeiste identisch ist. Das wahre jüdische Ideal verbirgt sich hinter liebgewordenen Tradirionen und Gebräuchen, Verbindungsgliedern einer religiösen Bruderschaft, ihrer Natur nach jedoch von vorübergehendem Werthe. Das wahre jüdische Ideal beruht auf zwei Dogmen: der Einheit Gottes und dem messianischen Zustande, d. h. Einheit des Gesetzes und Triumph der Gerechtigkeit in dieser Welt oder Einheit der Kräfte und Glaube an Fortschritt. Wenn also der Israelit des Alten Testamentes in Freundlichkeit sich dem nähert, der, die Mythen des Neuen Testamentes beiseite setzend, glaubt, nur was Beiden gemeinsam ist — an die Liebe eines Einzigen Gottes, an die Liebe zu Gerechtigkeit, Gnade und Wahrheit — was Wunder, wenn ein solches Begegnen nicht Aussöhnung bedeutet, sondern Erkenntniß? Sylvie d’Avigdor. in. Der Wunsch, die Ideen und das Leben der Religion Jenen zu verschaffen, die sie nicht haben oder sie umsonst unter vorhandenen Organisationen gesucht haben, muß von jedem Theisten getheilt werden. Der allgemeine Zweck also, den Mr. S im o n vorhat, fordert sofort die Sympathie jedes ehrlichen Gläubigen heraus. Es fragt sich nur: Inwiefern ist es wahrscheinlich, daß das Judenthüm im Stande ist, diese Lücke auszufüllen und durch welche Mittel? Wenn, wie es wahrscheinlich ist, meine Bemerkungen zu den Anregungen Mr. S i m o n's eine Befangenheit in der allgemeinen Unkenntniß des geistigen Lebens des Judenthums verrathen, so möge das Vorgebrachte wenigstens dazu dienen, die Art von Schwierigkeiten zu enthüllen, mit denen eine solche Bewegung zu kämpfen haben wird. Ich will nur zwei Punkte anführeu und dabei von der nicht weiter zu erörternden Voraussetzung ausgehen, es existire bereits eine genügend starke Classe, wie sie Mr. Simon schildert. Vor Allem wird es da einem solchen Bemühen unmöglich sein, der Frage nach der religiösen Glaubwürdigkeit zu entgehen, die ebenso einen der Hauptgründe für die Entfremdung vom dogmatischen Christenthum bildet und die Unbestimmtheit im Glauben, sowie ein Nachlassen des Interesses am Gottesdienste im Gefolge hat. Nun mag es ja ein großes Mißverständniß sein, aber im Allgemeinen wird in Bezug auf das Judenthum die Ansicht gehegt, daß es auf zwei Grundlagen beruhe, mit denen in ihrer rohen Gestalt kein Nichtjude sympathisiren könne. Die erste Basis derselben sei das Racenelement; die zweite ein im Gesetz und in den Propheten enthaltener eigenthümlicher Offenbarungsbegriff. Um den Letzteren zuerst zu besprechen, so wird er, insofern die neue Religionslehre auf Begriffe der hebräischen Schriften sich stützen soll, die den älteren vorkritischen Ideen der christlichen Bibel ähnlich sind, verfehlen, auf Jene eine Anziehung zu üben, die schon von den engeren Auffassungen der einzelnen Kirchen abgestoßen sind. Es wird daher nothwendig sein, einerseits den Sinn des Gesetzes und seiner Institutionen und andererseits den der messianischen Idee — sie möge in dieser oder jener Gestalt im modernen Judenthum gütig begründet sein — klar auseinanderzusetzen. In dieser Beziehung jedoch glaube ich, wenn auch frische Stimmen frische Hörer gewinnen, daß das Judenthum Nichts mehr bieten kann, als die Ünitarier. Dagegen scheint mir das Racenelement einer neuen, eindrucksfähigen Behandlung fähig zu sein. Läßt es sich von der physischen Basis lostrennen, die kein Nichtjude annehmen kann, und in einen permanenten historischen Typus von rein. geistiger Erfahrung umwandeln? Durch eine außerordentliche Glaubenstreue inmitten fast unbegreiflicher Leidensprüsungen hat das Judeuthum den Begriff gewisser ursprünglicher religiöser Wahrheiten festge halten. Dadurch wurde nothwendiger Weise von den Juden ein un--

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