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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-26 · 13 (26.3.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Vlortz's Wochenschrift Seite 259 Der interviewte Mittermayer. Ein auswärtiger Journalist besuchte dieser Tage den Abgeordneten Carl Mittermayer. um ihn über die mannigfachen Mittheilungen zu befragen, die über seine Person circuliren. Es soll sich folgendes Gespräch entwickelt haben: Der Interviewer: Ich lese in den Blättern, daß Sie die Absicht haben, Ihr Mandat niederzulegen. Würden Sie die Güte haben, mir hierüber eine Auskunft geben zu wollen. Mittermayer: Bitte sehr, bitte gleich. Ich kann Ihnen mit aller Entschiedenheit sagen, daß ich nicht im Traum an derlei denke. Lächerlich, einmal im Leben habe ich einen Posten erlangt, wie ich ihn mir immer gewünscht habe — und den soll ich freiwillig aufgeben. Lächerlich! Wenn ich das thäte, verdiente ich eingesperrt zu werden. Jn's Irrenhaus meine ich. Der Interviewer: Aber ich las diese Behauptung selbst in der „Reichswehr", also in einem Blatte, das überaus sympathisch den Antisemiten gegenübersteht. Mittermayer: Sie, das Blatt kann mir auch gestohlen werden! Zerbricht sich meinen Kopf, kränkt sich darüber, daß ich neben einem Vergani und Schneider Platz im Parlamente nehmen werde .... Zu dumm! Warum soll ich nicht dort sitzen, wo die sitzen? Warum sollen die nicht dort sitzen, wo ich sitze? Wirklich niederträchtig!. . . . Der Interviewer: Gewiß, gewiß.... Aber man meint, Dr. Lueger werde vielleicht seinen alten Freunden Schneider und Vergani gegenüber einen anderen Maßstab anlegen, als Ihnen gegenüber, der Sie ein Neuling sind.... Mittermayer (stolz): Lueger? Hm... . mit dem Carl werde ich die Sache schon in Ordnung bringen. Wir werden noch Spezis werden! Ich heiße ja auch, wie Sie wissen werden, Carl! Ich hoffe, man wird von uns einmal noch als von den „beiden Carl" sprechen, die der Geschichte Oesterreichs ihren Stempel — nicht die Stampiglie etwa — aufgedrückt haben. Der Interviewer: Wenn abrr der andere Carl, ich meine Dr. Lueger, doch Unterschiede machen wollte... . Mittermayer (aufbrausend): Er hat aber keine Unterschiede zu machen! So ein Ehrenmann wie Schneider und Vergani bin ich, Gott seis gesund, auch noch. Meine Feinde sagen mir manches nach, erinnern mich an alte Geschichten .... Nun, sagt man Vergani und Schneider zu wenig nach? Erinnert man sie nicht täglich an alte Geschichten, ohne daß sie darauf Antwort geben? Hab ich jemals Obligationen mir ausgeborgt, an deren Zurückstellung ich erst erinnert werden mußte? Habe ich je fehlende Gelder ersetzt? Oder.... Der Interviewer: Gewiß, gewiß. . . Das ist Alles recht schön. Aber man sagt, Ihr selbstgeschriebener Brief sei..... Mittermayer (höhnisch lachend): Lächerlich! Nehmen wir an, der Brief wäre echt, ist er darum compromittirender, als eine falsche Stampiglie? Nein, mein Herr. Ein Unrecht läßt sich ein Mittermayer nicht gefallen. Ich bleibe, wo ich bin. Ich will im Parlamente sitzen. Der Interviewer: Glauben Sie, daß Sie sich dort behaglich fühlen werden? Mittermayer: Na und ob! Zwar, daß ich ohne Dittrich sein werde, kränkt mich, aber mein Lieber, ein echter Antisemit wie ich thut Alles, um anständig leben zu können und deshalb . . . Der Interviewer: Nun ja, die Diäten werden Ihnen ein sorgenloses Dasein ermöglichen! Mittermayer: Ja, das hoffe ich. Da gehe ich Numero sicher. Und dann, die Immunität! Die Immunität, mein Lieber! Die braucht unser einer wie einen Bissen Brod. Die Immunität gebe ich nicht für einen echten Terno her. . . Der Interviewer: Freilich, für einen Politiker ist es ein erhebendes Gefühl, frei und offen sprechen zu dürfen. . . Mittermayer: Auch das ... ja, auch das. Aber ich dachte nicht daran. Ich faßte die Immunität anders auf. Ich stehe da auf dem Standpunkte Schneider's. Säße der nicht jeden Augenblick wo anders, wenn er nicht immun wäre? Immunität! Danach lechzte meine Seele schon in den frühesten Kinderjahren. Das Gefühl, mit Anzengruber sich sagen zu können: „Es kann Dir nix g'schehn, es kann Dir nix g'schehn"! Sehen Sie, das verstehen Leute wie Schneider und ich zu würdigen. Und da kommen wehleidige Narren und faseln, ich werde mein Mandat niederlegen. Daß ich nicht lach'! Der Interviewer: Und Ihre Wähler? Mittermayer: (Entrüstet). Mir scheint, Sie wollen sich auch einen Witz mit mir erlauben. Meine Wähler! Wenn Lueger den Wählern einen Schneider, einen Vergani empfehlen konnte, durfte er mit gutem Gewissen sich sagen, daß die Wähler entzückt sein werden, einem Mann von meinen Talenten und meinen Fähigkeiten ihr Vertrauen zu schenken. Lueger weiß, wozu ich fähig bin! Der Interviewer: Also waren die Gerüchte alle falsch. . . Mittermayer: Na, und wie! Ich laß' mir mein Mandat nicht stehlen. Das halte ich fest, bei Tag und bei Nacht. Das trag' ich nicht in der Brieftasche bei mir herum, das vertraue ich auch keinen fremden Händen an. Mir kann wer immer winken — ich werde nicht aufbrechen, ich werde meinen Platz im Parlamente behalten, bis an's Ende. Der Interviewer: Und welchen Fragen werden Sie im Parlamente Ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden? Mittermayer: Hm . . . daran dachte ich noch nicht. Vielleicht werde ich die Aufhebung des Lotto durchsetzen . . . oder mit Vergani zusammen an einer Reform des Obligationenrechtes arbeiten. . . Bei Einbrüchen in die Staatsgrundgesetze — die sind ja eh nur für die Juden gemacht — wird man stets auf mich rechnen können... Auch bin ich für eventuelle Ausnahmsgesetze gegen die Socialdemokraten, denn das sind wirklich gefährliche Menschen. . . Der Interviewer: Warum verlangt aber die officiöse „Reichswehr" die Zurücklegung Ihres Mandates? - Mittermayer (Ueberzeugt): Gewiß, weil ich ein Radicaler bin und bei Anwesenheit solcher Abgeordneter im Parlamente Graf Badeni alle Ursache hat, um sein „Portefeuille" besorgt zu sein. Ursache des Zusammengehens der Inden mit den Sorialdemoirraten während der Aeichsrathswahlen. Krakau, 21. März. Zu den eigenartigen, mitunter auch abnormen Erscheinungen, welche die gegenwärtigen politischen und socialen Verhältnisse in Oesterreich zu Tage fördern, gehört unstreitig die merkwürdige Thatsache, daß anläßlich der jetzigen Reichsrathswahlen die jüdischen Wählerschaften in nahezu ganz Cisleithanien, ohne irgendwelche vorangegangene Verständigung und gemeinschaftliche Beschlußfassung, sondern offenbar durch einen gewissen gemeinsamen Jnftinct mit den, seitens der angeblich „staatserhaltenden" Clericalen verschrieenen Socialdemokraten gestimmt haben. Dies gelangte in besonders eclatanter Weise hier zum Ausdrucke, wo die in der allgemeinen Curie für den hiesigen Socialisten-Führer Ignatz Daszynski wie Ein Mann abgegebenen jüdischen Stimmen zu der erfolgten Wahl desselben beträchtlich beigetragen haben. Dieses im Hinblicke auf die „ftomme" Stadt Krakau (das „polnische Rom") unleugbar sehr bedeutsame und symptomatische Ereigniß, hat selbstverständlich in der hiesigen clerical-feudalen Partei eine unsagbare Consternirung hervorgerufen und unseren Antisemiten Anlaß zu der geradezu blödsinnigen Behauptung gegeben, daß die hierländischen Juden mit Haut und Haar ins socialistische Lager übergingen und fiaatsgefährliche, subversive Tendenzen verfolgen! — Diese Verleumdung ist umso verruchter, als die Antisemiten selbst von der Unwahrheit ihrer gegen die Juden geschleuderten denunciatorischen Anwürfe überzeugt sind. Die Loyalität der Juden ist notorisch; ihre ungeheuchelte, auftichtige Treue zu jedem Staatsoberhaupt beruht sogar auf einem altrabbinischen Gesetze („Dine de malchise dine“). Daß die Juden anläßlich der jetzigen Reichsrathswahlen zusammen mit den Socialdemokraten gingen, beruht auf einem nicht sowohl politischen als vielmehr psychologischen, und deshalb auch ganz begreiflichen Grunde. Von dem täglich mehr umsichgreifenden, in Oesterreich leider bereits zur Herrschaft gelangten, brutalen und gewissenlosen Antisemitismus schonungslos verfolgt, von keiner anderen, wenn auch angeblich „liberalen" Partei niit der erforderlichen Energie in Schutz genommen, befinden sich die Juden in Oesterreich in der desperaten Lage eines Menschen, der, von raubsüchtigen Banditen überfallen, in jedem ihm Rettung verheißenden Succurs sein Heil erblickt! Die jüdischen Wähler haben sich jetzt den Socialdemokraten angeschlossen, weil sich in dem Programme der Letztgenannten das unmenschliche, blut-

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