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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-26 · 13 (26.3.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 258 Dr Vlortz's Wochrnsttzrift Nr. 13 durch, dessen gefügige Persönlichkeit dem Centr.al-Wahlcomite weit angenehmer ist als der geistig immerhin bedeutendere und daher selbstständigere Dr. Goldhammer. Ein reizender Handel wurde auch im Krakauer Wahlkreise der V. Curie versucht, nur zeigten sich hier unsere Glaubensgenossen klüger als das Central-Wahlcomite. Das Letztere hatte in der Städtecurie die Aufstellung des Präsidenten der Krakauer Cultusgemeinde Herrn Dr. Leo Hörowitz zugesagt, wenn die jüdischen Wähler in der V. Curie für den Regierungscandidaten und gegen den Socialdemokaten stimmen wollten. Aber noch vor der Wahl merkten unsere Glaubensgenossen aus verschiedenen Aeußerungen im Wahlcomitö, daß man sie zum Besten halten wolle. Dr. Horowitz reiste nach Abbazia ab und die jüdischen Wähler ftimmten. geschlossen für den Socialisten. Der „Czas", das Krakauer Organ der Schlachta, brachte darauf einen wüthenden Drohartckel gegen die Juden und würzte denselben mit den heftigsten antisemitischen Mätzchen. Auch in der benachbarten Bukowina machte sich die jüdische Intelligenz zu Schleppträgern judenfeindlicher Interessen. Im Städtewahlbezirke Sereth-Suczawa-Radautz entfalteten die jüdischen Cultusvorsteher Dr. Finkler und H a t s ch e k eine eifrige Agitation für den deutschnationalen Antisemiten Rosch mann, obgleich sie vorher gegenüber einer anderen Wahlbewerbung erklärt hatten, daß sie gegen den bisherigen liberalen Abgeordneten M i s k o l c z y nicht auftreten könnten. Herr R o s ch m a n n wurde gewählt und erhielt nach vollzogener Wahl einen Fackelzug, bei welchem stürmische Hochrufe auf Dr. Lueger ausgebracht und gleichzeitig dem Herrn Dr. Finkler Ovationen bereitet wurden. So häufen in Galizien und der Bukowina die jüdischen Führer Schuld auf Schuld, die sich in dem Augenblicke, wo die immer mächtiger anschwellende Volksbewegung in Galizien die Dämme durchbrechen wird, zunächst an den Juden bitter rächen muß. Und wenn einmal in Galizien der Judenhaß zum Ausbruch gelangt, daun können wir Dinge erleben, gegen welche die Greuel von Kiew und Odessa das reine Kinderspiel sind. Die volle Verantwortung für kommendes Unheil fällt auf die Schultern Derer, die aus Gründen persönlichen Eigennutzes ihre Vertrauensstellung zu solch' gefährlichen politischen Geschäften mißbrauchen. Kreta in Wien. Splitternde Glasscheiben, erbrochene Fensterläden, gesprengte Waarenkisten, geplünderte Geschäfte, im Hintergrund der Inhaber» händeringend, von rohen Fäusten mißhandelt. Die Frau und die Kinder haben wuchtige Schläge roher Fäuste zu Boden geschmettert. Ueberall Verwirrung, Gesetzlosigkeit. Ein kleinmüthiges Zagen und Zittern vor dem kommenden Umsturz aller Dinge. Aus den Worten, die wir unseren Ausführungen vorausgeschickt haben, kann man bekanntlich mit geringer Mühe ein — Telegramm aus Kreta machen. Wenn dort die wilde Wuth fanatischer Musel, männer sich gegen die christlichen Eingeborenen richtet, ihr Hab und Gut, ihr Leben und ihre körperliche Integrität bedroht, dann sendet der Telegraph nach allen Winden die Kunde von den furchtbaren Greueln, die inmitten des civilisirten Europa geschehen sind, und die Blätter in Nord und Süd, in Ost und West, sie bringen flammende Proteste, Artikel und sentimentale Klagefeuilleions. Und sie wenden sich an alle Völker um Hilfe. Europa meint einschreiten zu müssen. Botschafter-Conferenzen finden statt; und arbeiten sie nicht schnell genug, dann heißt es allüberall, Europa verkenne seine Pflichten, es schände durch das diplomatische Zögern den Ehrentitel des XIX. Jahrhunderts. Schön und gut. Aber wenn man näher zusieht, so passen alle Dinge, die wir oben als markante Momente aus den Kretenser Schreckensberichten hervorgehoben haben, auf jene Scenen, die sich am Montag Abends in der Rrichshaupt- und Residenzstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie, im Centrum von Wien, im zweiten Gemeindebezirk abgespielt haben. Wir wissen es ganz gut: zum Schutze der an Eigenthum und Leben bedrohten.Juden wird keine Botschafterconferenz zusammentreten. Wir wissen es ganz gut: nicht nur die hohe auswärtige Regierung, sondern, was viel näher liegt, die hohe inländische Negierung wird sich um, die Schreckensscenen, die wir schaudernd miterlebt haben, sehr wenig kümmern. Herr Lueger und Consorten werden nach wie vor einen werthvollen Theil der Ausgleichsmajorität bilden, mit der Graf Badens,' der niemals geführte Führer, im neuen Haus zu wirken gedenkt. Die Regierungsfähigkeit der Antisemiten, ihre in den Ministerialbureaus erfolgte Anerkennung als staatserhaltende Partei wird unbeeinträchtigt bleiben. Aber wenn man die Geschehnisse dieser Woche unter einem anderen Gesichtswinkel als den verkümmerter Hofräthe und sonstiger Bureaukraten betrachtet, dann wird man uns zugeben, wenn wir ruhig die Thatsache aussprechen, daß wir am Anfang vom Ende zu stehen scheinen, daß die wüste Hetze gewissenloser Agitatoren, verbunden mit der unbegreiflichen Indolenz der maßgebenden Faktoren, es rhatsächlich dahin gebracht habe, daß wir heute oder morgen in Wien jene Judenhetzen mitmachen können, die noch vor wenigen Jahren so scharf verurtheilt, so unbegreiflich gefunden wurden, als sie sich nicht innerhalb der Mauern einer Großstadt, sondern auf russischen Steppen zutrugen. Kreta in Wien. Die verfolgten Wiener Juden haben vor den verfolgten Kretenser Christen etwas voraus. Denn während beinahe sämmtliche Berichte übereinstimmen, baß die Wahl wehe thut zwischen den fanatischen Muselmännern und den fanatischen Christen in Candia, wird Niemand daran zweifeln können, daß die Excesse, durch welche Montag Abends die Ehre Wiens, soweit dieselbe noch vorhanden ist, geschändet wurde, zwar planmäßig arrangirt, aber in keiner Weise provocirt worden waren. Es ist eben einfach die Theorie von der Gütergemeinschaft, die von christlich-socialer Seite den Socialdemokraten gegenüber so glänzend ausgenützt wurde, in dieSchneider- Mittermayer-Praxis übertragen worden. Nicht allein mit den Juden sondern auch mit den jüdischen Liqueurflaschen muß aufgeräumt, nicht allein die semitischen Principien, sondern auch die semitischen Orangen müssen beiseite geschafft werden, ganz ebenso wie Gemeindeobligationen, Stimmzettel und Riscontos. Das antisemitische G emeindecassenblatt, das Organ des Abgeordneten für Stein und Umgebung,, hat allerdings es verstanden, in beliebter Kratly-Baschik-Manier die Ezcesse von Montag den Juden in die Schuhe zu schieben. Welche Ansicht dieses Ehrenblatt von seinem Leser, dem dümmsten Kerl von Wien, hat, geht aus dieser plumpen Fälschung, deren sich jeder berufmäßige Ernst Schneider schämen würde, deutlich hervor. Man sollte es nicht für möglich halten, daß ein Blatt den Muth hat, zu erklären, die jüdischen Geschäfte sind von Juden geplündert worden, von Juden, die augenscheinlich über den Durchfall des Cooperators Dittrich sehr gekränkt waren. Die Regierungsorgane nehmen eine ganz merkwürdige Stellung ein. Die eiserne Hand trägt den Glacehandschuh. Ztvar die Plün derungen können nicht in Abrede gestellt werden oder wenigstens nur hie und da und mit großem Aufwand casuistischer Schlauheit. Auch ist man in dem Preßbureau in der Herrengasse nicht auf den Verganischen Einfall gekommen, den Juden die Schuld an den antisemitischen Räubereien zu geben. Aber man wäscht die antisemitische Partei rein. Man behauptet von Regierungswegen, daß nur zweifelhafte Elemente sich dem antisemitischen Heerbann angeschloffen, hätten, kneift, dem Dr. Lueger wohlwollend in die Wangen und bittet ihn, seine siegreiche Armee von derlei Troß zu befreien. Gut und schön! Die Antisemiten sind Lämmchen, denen sich nur leider die Wölfe aus den Branntweinbudiken angeschlossen haben. Aber merkwürdig bleibt es, daß gerade die Antisemiten sich dieses Anschlusses zu erfreuen hatten, da doch auch andere Parteien im Wahlkampfe besiegt wurt en. Die Liberalen haben Niederlagen zu verzeichnen gehabt und am 9. März haben die Socialdemokraten einen Mißerfolg zu verzeichnen gehabt, wie er trauriger und schmerzvoller nicht gedacht werden kann. Merkwürdig, höchst merkwürdig bleibt die Thatsache, daß nur die antisemitische Niederlage durch jene solenne Trauerfeier begangen wurde, die ihren Höhepunkt in geplünderten Läden und geraubten Geschäften, in der Mißhandlung ruhiger Staatsbürger fand.

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