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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-19 · 12 (19.3.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
12 (19.3.1897)
Date
1897-03-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Nr 12 Dr. Vlortz.s Wochrnsttzrist. Seite 484 auch söyft hilflos war, beschloß ich neben meinem Zwecke, jenen Unbekannten aufzufinden, auch nach ihrem Vater zu forschen, und ich muß gestehen, daß mir eine Ahnung vorschwebte, daß zwischen diesen Beiden eine Beziehung obwalte. Wir zogen nun so zu Vieren, ein Lahmer, eine Blinde, ein stumm Gewesener, der kaum noch reden konnte und eine augenscheinlich Wahnsinnige, sämmtliche Länder, die zur Krone Polens gehören, durch, unser Leben durch'milde Gaben von imseren Glaubensgenossen fristend. Auch nahm ich meine einstige ärztliche Kunst gelegentlich wieder vor und es gelang mir eine und die andere Cur. An manchen Orten gar huldigte ich der neuen Strömung, die nach Wunder verlangt und übte sie auf eine mit abenteuerlichen Gebräuchen verbrämte Art aus, was besser anschlug und mehr eintrng. Dadurch, kam ich auch in den Ruf eines Wunderthäters. Das dauerte so volle zehn Jahre, während welchen ich bemerkte, daß mein Sohn für das Mädchen mehr als freundschaftliche Gefühle an den Tag legte. Er hütete sie beständig, beschützte sie des Tages vor Hitze und Kälte, des Nachts, wo immer wir unser Quartier aufschlugen, hielt er an ihrem Lager Wacht, bis sie einschlief, und war manchmal der Weg, den wir wanderten, beschwerlich, so trug er sie förmlich auf den Händen. Dies aber geschah in aller Züchtigkeit, und meine Frau sagte mir, daß Beide kaum ein Wort miteinander wechselten, wenn sie allein waren. Das Mädchen schien auch während der ganzen Zeit geistig normal zu sein, nur den Wahn hatte sie noch, daß ihr irgendwo eiu Vater lebe, den sie suchen wolle. Zu dieser Zeit war in Polen nach den vielen Wirren der Friede wiederhergestellt worden, mich und meine Frau ergriff die Sehnsucht nach unserer Heimatstadt mächtig und wir beschlossen, nach Warschau zurückzukehren. Wir wanderten wieder so bettelnd und wo es anging, ich meine Kunst verwerthend, von Ort zu Ort in der Richtung nach der Hauptstadt zu. Mir ganz unbewußt war durch meine Euren, die mir auf dem Wege gelangen,, der Ruf eines Wunderarztes vorausgeeilt; von unseren alten Bekannten in der Hauptstadt lebte fast keiner mehr, Niemand erinnerte sich meiner und das machte, daß, kaum in derselben angelangt, ich zu Hofe gerufen wurde. Der König nämlich, der sein wiedergewonnenes Reich in der letzten Zeit schon ziemlich glücklich regierte, war zum Sterben erkrankt. Die ans aller Herren Länder berufenen Aerzte bemühten sich umsonst, seinen zwar außerordentlich robusten, aber weniger durch Alter als durch Genüsse und Anstrengungen abgenützten Organismus wiederherzustellen. Die Höflinge, welche von mir gehört, riethen, vielleicht aus wirklicher Anhänglichkeit an den König, mich zu rufen. Ws ich eintrat und ihn in seinem Lehnsessel sitzend antraf, erschrocken wir Beide, der König und ich, über die auffallende Aehnlichkeit, die auf den ersten Blick zwischen uns Beiden herrschte. Ich hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, ihn persönlich oder sein Porträt zu Gesicht zu bekommen; die Hauptstadt hatte ich »kein volles Jahr nach seiner Besteigung des polnischen Thrones verlassen, als er noch nicht ständig in Warschau weilte und in den Wirren der Zeiten war ich ihm nirgends begegnet. Jetzt, da e r alt und krank, i ch aber von der langen Gefangenschaft abgehärmt war, konnten wir sogar von den nächsten Bekannten verwechselt werden, wenn wir die Kleider getauscht hätten; höchstens konnte mich meine Lahmheit vor ihm kenntlich machen. Als ich das so bei mir bedachte, stieg mir mit einemmale die Gewißheit auf, daß ich den Mann, der meine Frau verführt haben sollte, vor mrr habe. Auch der König war von meinem Anblicke sichtlich betroffen; er mochte sich jetzt an den Augenblick erinnern, da er mich die Stiege hinunter warf und mich zum Krüppel für's Leben machte. Nachdem ich ihn untersucht und die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes ihn nicht verhehlt, erkundigte er sich mit Interesse nach meinen Verhältnissen und ich erzählte ihm alle meine Erlebnisse. Als er. erfuhr, daß ich der Arzt Simson Kohn sei, daß meine Frau zwar blind sei aber noch lebe und das Wunder, welches mit meinem Sohne geschehen, auch die Geschichte mit Stryczynski, die ich ihm erzählte und daß ich das Mädchen bei mir habeund zeigte ihm die Kapsel, die sie um denHals trug, und was sie enthielt, da ließ er sie alle vor sich kommen und sprach zu uns folgendes: „Du Simson und deine Frau, die ich Euch doppelt unglücklich gemacht, weil Ihr selbst daran unschuldig wäret, Ihr müßt mir verzeihen, denn ich kann Euch das verlorene, verfehlte Leben nicht wiedererstatten, aber dafür will ich an Euerem Sohne, so viel es in meiner Macht steht, Euch das wiederzugeben suchen, was ich Euch genommen." Und zu mir allein sprach der König: „Wisse Simson, daß Deine Frau wie die Sonne rein ist und an dem, was Du sie verdächtigt, vollkommen unschuldig ist und will ich Dir dieses Zeugniß in -meinem Testamente aufstellen, damit sie in aller Augen gerechtfertigt erscheint. Ich will dort auch aufhellen, daß daß Mädchen, welches Ihr mitgebracht, in Wahrheit meine und nicht meines gewesenen Hofarztes Tochter ist, und weil Du sagst daß Dein Sohn sie liebt, so soll sie sein werden und ich will ihre Zukunft sorgenfrei gestalten." Das that auch der selige König, er machte einen Zusatz zu seinem Testamente, den Ihr unter den Papieren, die ich Euch übersende, findet und ist durch ' dasselbe die Ehre meiner armen Frau auch nach den Vorschriften unserer heiligen Lehre wiederhergestellt, da sein Zeugniß vollständig selbstlos, daher ganz glaubwürdig ist. Auch bestand er darauf, daß mein Sohn mit dem Fräulein noch vor seinen Augen getraut wurde, nachdem sie zum Judenthum übergetreten. Dann starb der gute König und ich konnte nicht anders als ihm beweinen, trotzdem er so viel Leid über mich gebracht. Gott schenke ihm die ewige Ruhe und bringe seine Seele in den Bund des ewiger: Leberrs. Jetzt aber leben wir, Dank unserem neuen König und Herrn, glücklich, friedlich und sorgenfrei und segnen das Andenken unseres Wvhlthäters und alle, die uns Gutes erwiesen. Euch aber übersende ich alle die Briefe und Schriften, die auf das Schicksal meines Lebens Bezug haben; möget Ihr sie aufbewahren für Euch und Euere Nachkommen, damit sie sie lesen, die wunderbaren Fügungen Gottes kennen lernen und ein Andenken bewahren an Eueren endlich glücklichen Freund jj Simson. || Auch meine Frau, mein Sohn und, Tochter grüßen Euch und sagen Dank allen unfern Wohlthätern in euerer heiligen Gemeinde. (Forts, folgt.) Das Such Esther. Von Rabbiner Dr. Isidor Kah a n. Die größten Geister und Dichter haben ihrer rückhaltlosen Bewunderung nicht nur für den Inhalt, sondern auch für die Darstellung der biblischen Bücher in beredten Worten Ausdruck verliehen. Herder im „Geist der ebräischen Poesie" ist namentlich für die poetischen Stücke der Heiligen Schrift begeistert. Er hebt Stücke aus Jesaja, Psalmen und Hiob hervor, um daran die selbst von Home r nicht erreichte Schönheit zu zeigen. Goethe gefällt besonders das Hohelied, „das zarteste und unnachahmlichste, was uns von Ausdruck leidenschaftlicher, anmuthiger Liebe zugekommen." Das Buch Ruth nennt er „das lieblichste kleine Ganze, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist." Heine vollends ist von der Patriarchengeschichte begeistert und stellt die Erzählnngs,weise der Bibel in eine Reihe mit derjenigen Homer's und Shakespeares. Bei uns Juden hat kein Buch der Bibel soviel freudige Begeisterung je hervorgerufen, als das Buch Esther. Und doch ist gerade dieses Buch profan gehalten, kein Wunder greift in die verhängnißvollen Ereignisse ein, Alles spielt sich natürlich ab, ja nicht einmal der Gottesname wird darin genannt! Der Gedanke liegt nahe, daß gerade die Natürlichkeit des Vorganges das Wunder zu Stande bringt, daß jahraus, jahrein die Megilla die hellsten Flammen der Begeisterung in Millonen von Herzen entzündet. Hier hat es ein Freigeist gewagt, offen und deutlich auszusprechen, daß das jüdische Volk nicht von einem Wunde r, sondern von der natürlichen Entlarvung seiner Verleumder Rettung aus der Gefahr erwarten soll.... Aber nicht nur der Gedanke, auch seine Einkleidung, seine Darstellung, die hochdramatifche Form, die feine Ironie, mit welcher das Buch stark gewürzt ist, vermag uns die höchste Bewunderung abzuringen. Wie fein ist das Ganze eingeleitet! Freude und Festesjubel erfüllt das weite Perserreich : Der mächtige König Achaschwerosch bewirthet sein Volk, er prunkt mit seinem großen Reichthum, läßt den Wein in goldenen Pocalen credenzen. Er will auch mit seinem schönen Weibe prunken, aber es versagt ihm den Gehorsam und das lustige Fest endet mit einer Familientragödie — die Königin, welche ihre Reize nicht den Gaffern zur Augenweide darbieten wollte, wird grausam verstoßen und das nach vorheriger Berathung mit den Weisen des Reiches! Nun wird eine Schönheitsconcurrenz veranstaltet, deren Preis nichts Geringeres als die persische Königskrone bilden soll. Wie pocht da das Herz der schönen Evastöchter arischen Stammes! Wie wird da geputzt und hergerichtet — zwölf Mo-

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