Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Gelle 248 Vr. Vloür's Mortzrnjlltzrtlt Nr. 12 Wieu. 15. März. (B a r m i z w a h - F e i e r i n der Familie Rothschild.) Wie helllcnchtende Sterne am nächtlichen Himmel glänzen die jeweiligen Feste des Freiherrlich Rothschild'schen Hauses am nmdüsterten Firmamente Israels, ein beredtes Zeuguiß achtenswerther Pietät gegen die angestammte Religion, die ja die Mitglieder der Freiherrlich Rothschildffchen Familie allezeit auszeichnete. Auch der jetzige Stammhalter des Hauses, Herr Albert Freiherr von Rothschild, empfing diese religiöse Richtung von seinen in Gott ruhenden Eltern und bemüht sich, denselben ethischen Geist auf seine Kinder zu vererben. So fand sich auch am verwichenen Samstage den 13. d. M. (parsedLr sochoi) Herr Baron Albert Freiherr von Rothschild mit seiner edlen Kinderschaar beim Gottesdienste in der Seitenstettensynagoge ein, um Zeuge der Barmizwahfeier seines zweitjüngsten Sohnes Daniel Engen zu sein. Nachdem der Vater, Herr Baron Albert von Rothschild zur Thora gerusen und namhafte Spenden für Wohlthätigkeitsanstalten leistete, betrat der jugendliche Baron Daniel Eugen als Maftir das Vorbeterpult, um Segenssprüche und Hasthora mit laut klingender Stimme und verständnißinnig vorzutragen und hierauf durch die Herren Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n und Obercantor Singer den üblichen Segen und Mischeberach zu empfangen. Nach beendigtem Gottesdienste fand im Freiherrlich Rothschild'schen Palais in der Heugasse ein Dejeuner statt, zu welchem außer den beiden obgenannten Herren Synagogenfunctionären auch der Religionslehrer des Hauses, Herr Schulinspector Dr. K a n i tz, die Herren Cultusvorsteher Baurath Stiaßny und Rechtsanwalt Dr. Stein, die Herren Polizeirath Frankl, Regimentsarzt Dr. Weiß, Moriz K a r p e l e s, Emil Horner und mehrere hervorragende Beamte, sowie die Brüder des Barmizwah zugezogen waren. Beim Champagner des Festmahles, welches unter Leitung des Restaurateurs Herr Tonello in wirklich großartiger Weise beigestellt wurde, ergriff der Confirmand das Wort, um zuvörderst, selbst ergriffen und alle Anwesenden ergreifend, seiner Heimgegangenen edlen Mutter zu gedenken und seinem geliebten Vater für die mannigfache Mühe zu danken, deren er sich seinen Kindern gegenüber in so aufopfernder Weise unterzieht, und gleichfalls Herrn Oberrabbiner Dr. G ü d e in a n n und Obercantor Singer für den an ihm vollzogenen Segen seinen Dank auszusprechen. Herr Albert Freiherr von Rothschild begrüßte sodann die erschienenen Gäste und richtete tief empfundene Worte an den Barmizwah, wie an seine übrigen Söhne, stets dieser feierlichen Stunde und der in derselben ausgesprochenen Gelöbnisse eingedenk zu sein und die religiösen Traditionen ihrer Familie heilig zu halten, worauf Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a u n in einem launig-ernsten Toaste der im Hause Rothschild stets bethätigten religiösen Tradition seine Anerkennung ausdrückte und in trefflichen Worten darauf hinwies, daß der Geist jener herrlichen Frau, die ja als seltene Gattin, Mutter und Hausfrau in diesem Hause wie ein holder Genius gewaltet, immer noch seine schirmenden Fittige aus lichten Höhen über ihre zurückgelaffene Familie breitet. Hierauf trug der Confirmand in ausgezeichneter Weise das Bentschen vor, in dessen Verlaufe Herr Obercantor Singer einen für die Feier verfaßten Horachamon wirkungsvoll einschaltete, nach welchem die Tafel aufgehoben wurde. Es erübrigt uns nur noch, Herrn Schulinspector Dr. K a n i tz als den Religionslehrer des Freiherrlich Rothschild'schen Hauses nicht allein für die Trefflichkeit seiner Lehrmethode, die ja in den ausgezeichneten Vorträgen des heutigen Confirmanden mannigfache Bestätigung fand, sondern mehr noch für das herrliche, religiöse Saatkorn, welches er in die Herzen seiner Pflegebefohlenen zu senken versteht, hier öffentlichen Dank auszusprechen. Die Anerkennung des BeztrksschnlratheS. Der Wiener Bezirksschulrath hat der Lehrerin Fräulein Rosa Goldhammer für ihre „seit mehreren Jahren sehr erfolgreiche und unentgeltliche Ertheilung des Unterrichtes" an der Nothabtheilung für schwachsinnige Kinder der Mädchenvolksschule im II. Bezirk, Leopvldsgaffe 3, den Dank und die besondere Anerkennung ausgesprochen. Frl. Goldhammer hat im Jahre 1894 an der Leopoldschule, an welcher sie als Lehrerin wirkt, mit Bewilligung des Bezirksschulrates eine Abtheilung für schwachsinnige Kinder errichtet, an welcher sie in selbstloser Weise unentgeltich Unterricht ertheilt. Gegenwärtig befinden sich in dieser Abtheilung acht Mädchen und fünf Knaben, von denen die meisten erfreuliche Fortschritte aufzuweisen haben. Auch dem Oberlehrer Josef Friedl und der Jndustrielehrerin Frl. Rosa Warenitsch wurde vom Bezirksschulrathe die Anerkennung ausgesprochen. Wien. Friedrich Hebbel's unsterblicher Schustermeister muß die bunten Geistesströmungen unserer Tage geahnt haben. Mit ihm müssen wir österreichische Juden unwillkürlich ausrufen : „Ich verstehe diese Welt nicht mehr!", wenn wir folgende Nachricht vernehmen: Herrn Israel Der er a, Kaufmann in Temesvär, ist mittelst Decretes Sr. Majestät' des Königs von Ungarn vom 19. Februar l. I. der e r b l i ch e Adel taxfrei verliehen worden. Einen schlagenderen, flagranteren Beweis für die Naturnothwendigkeit des Dualismus in Gesammtösterreich kann es nicht geben. Fürwahr, die Leitha müßte eigens gegraben werden, wenn sie der Allweise und Allgütige nicht schon in seinen! Schöpfuugsplane vorgesehen hätte. Als einem Kinde blutarmer Eltern wurde unserem Jsrae wahrlich nicht an der Wiege vorgesungen, daß er im Alter von siebzig Jahren dereinst, im April des Jahres 1897, nach Wien wallen werde, um dort dem apostolischen Könige von Ungarn seinen unterthänigen Dank für diese Auszeichnung zu sagen. Aus den denkbar bescheidensten Anfängen, mitten aus dem Pauperismus heraus, hat dieser Mann kraft zähester Beständigkeit es zu einer hochgeachteten Stellung gebracht. Ein seif made man — kein Millionär — war er aber auch schon zu einer Zeit für das gemeine Wohl thätig, als er erst über ganz mediocre Wohlhabenheit verfügte, und in dem Maße, als seine Mittel zunahmen, wuchs auch seine Wohlthätigkeit und die Intensität seines Wirkens im öffentlichen Interesse. Die Werthschätzung seiner Mitbürger ohne Unterschied der Confession bekundete sich schon frühzeitig, und so ist Derera heute nicht blos Präses der Temesvärer spaniolischen Judengemeinde, sondern auch Inhaber einer ganzen Reihe bürgerlicher öffentlicher Ehrenämter, Stellungen, die er ohne jede Streberei erlangte, zu eigener Ehre, und — unserer Meinung nach — auch zur Ehre Derjenigen, die sie ihm verliehen. Heute, im Greisenalter, ist ihm das Glück beschieden, seine Trefflichkeit und Makellosigkeit von der erhabenen Krone selbst gekrönt zu sehen, und — und die von Derer a's werden fürder von Geschlecht zu Geschlecht in dankbarer Ehrfurcht ihres Ahnherrn gedenken, nicht blos ob seiner ausgezeichneten persönlichen Qualitäten, sondern Hauptsächlich, weiter so weltklug gewesen — in Ungarn das Licht der Welt zu erblicken, daselbst zu wirken und — so wünschen wir es ihm — noch recht lange zu leben' Die lange Reihe der Gratulanten ob dieses local-sensatiünellen Ereignisses, Glückwünschende aus allen Schichten der Bevölkerung, eröffnete der Obergespan in eigener Person. Sollte man es glauben, daß Ungarn von Wien aus in einer Stunde zu erreichen ist? Wien. (Wie man auf der N o r d b a h n fährt.) Im „Wr. Tagblatt" war vor Kurzem die nachstehende ungemein charakteristische Mittheilung eines Passagiers zu lesen: „In der Station Marchegg begab ich mich in Gesellschaft mehrerer Mitreisender in den Wartesaal, an welchen das Restaurationslocal angrenzt. Durch die offene Thür bemerkten wir in demselben eine Tischgesellschaft, welche zumeist aus B a h nbeamten und Be am ten der Marchegger Ziegeleien bestand. Als diese Gesellschaft unser ansichtig wurde, stimmte sie demonstrativ das Luegerlied an, und provocirte uns mit Rufen „Nieder mit den Juden!" Da wir aber auf diese Angriffe nicht reagirten, schütteten uns die Lueger- Enthusiasten mit Bier und Siphon an. Ganz besonders that sich hiebei der S t a t i o n s c a s s i e r hervor, der, nebenbei bemerkt, den Dienst in der Station v e rs ä h. Wir zogen uns unter höhnischen Zurufen des Bahnpersonals auf den Perron zurück, während gleichzeitig diejenigen. Passagiere, welche in den Coupes zurückgeblieben waren, dieselben verließen, um zu sehen, was vorgefallen sei. In diesem Augenblicke begann das gesammte Bahnpersonal, sogar die Weichenwächter und die Kellner der Bahnrestauration, wieder „Nieder mit den Juden! zu rufen. Nur die den Zug begleitenden Conducteure verhielten sich ruhig. Während dieser ganzen Scene war der Stationsvorstand nicht zu finden. Als aber der Tumult bedrohliche Dimensionen annahm, erschien er endlich, ohne daß jedoch seine Autorität die Beamten von weiteren Provocationen abgehalten hätte. Nach langen Bemühungen gelang es ihm schließlich, den Cassier zu bewegen, daß er den Perron verließ und sich in sein Bureau zurückzog. Darauf konnten die Passagiere unbehelligt den Zug besteigen, der nach langer Verzögerung endlich die Station verließ. In Preßburg wurde seitens des