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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-19 · 12 (19.3.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
12 (19.3.1897)
Date
1897-03-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 244 Dr. Vlmtz's Wochen,chrtst. Wahne und in ihrem Fanatismus! Werden die Menschen von N»een geleitet, oder sind die Ideen nur Schattenumriffe der sich raufenden und herumbalgenden Menschen? Die Menschen haben es noch immer nicht gelernt, in Frieden und Eintracht neben einander zu leben, so gilt es auch von ihren höchsten Ideen. Sie balgen sich herum, es darf immer nur das Eine oder das Andere sein — kein Sehnen, kein Drang, kein Streben, keine zum kräftigen Durchbruche gelangende Strömung, von Vernunft und Religion in harmonischer Vereinigung das Menschenherz beherrscht zu sehen. Dr. M. L. Stern. Jude«, Tasche« zu! Die Moral steht nicht auf der Tagesordnung. In der Stadt der SchneideirS und Mittermayers hat man es längst verlernt, sich zu entrüsten. Das Erröthen ist außer Mode. Wenn Bierundzwanzigtausend dem Riscontomaher ihre Stimmen geben, wenn der Stampiglienfälscher der Mann des öffentlichen Vertrauens ist, dann darf man sich auch nicht wundern, wenn die Geschichte, die letzthin ein Advoeat in einer fortschrittlichen Wählerversammlung erzählt hat, keinen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat, wenn man mit blasirter Gleichgiltigkeit die erbauliche Kunde von den Thaten des Wiener Magistrates vernommen hat, wenn man dieselbe anhört und liest, wie eine harmlose Pikanterie, wie einen guten Gelegenheitswitz. Die Geschichte verdient festgenagelt zu werden. Sie lehrt, wie „Mein" und „Dein" ein überwundener Standpunkt geworden ist, wie falsch eS ist, wenn man sich heute über den Mangel an nothwen« diger Objektivität beklagt, wie lächerlich die Beschwerde ist, daß die derzeitigen Machthaber im Gemeindehaus und im Landhaus Juden und Christen nach ungleichem Maße beurtheilen. Wenn es nur das wäre! Man hat israelitischen Waisenkindern eine Subvention verweigert und hat dadurch mit eiserner Stirne negirt, daß die jüdischen Steuerträger ganz ebenso zahlen, wie die christlichen. Was in der fortschrittlichen Wahlerversammlung im Lannersaal der Advocat Dr. Galitzenstein mitgetheilt hat, ist weit bedeutsamer. Da stirbt eine Frau und will ihr baares Vermögen an arme israelitische Frauen und entlassene Sträflinge der Neudorfer Anstalt vertheilt wissen. Statt daß unsere Antisemiten derselben danken, daß durch dieses Legat ohnehin für hervorragende Parieigenoffen in der wirkungsvollsten Weise Vorsorge getragen worden ist, erkühnt sich der Wiener Magistrat, auf eigene Faust, eine Converffon vorzunehmen. Plötzlich bekommt der Testamentsrxecutor eine Zuschrift: Der Stadtrath verzichtet. Der Stadtrath verzichtet auf das Legat zu Gunsten der armen israelitischen Frauen, er verzichret zu Gunsten des Klosters der „Guten Hirten." Das ist einer der flagrantesten Rechtsbrüche. Das Gericht hat die Naivität der Wiener Stadträthe gebührend zurückgewiesen. Es hat dem Herrn W ä h n e r und Consorten deutlich zu verstehen gegeben, daß bis auf Weiteres, daß dermalen die berufsmäßige Escamotage, die Kartenkunststücke der kommunalen Kratki-Baschkis vom österreichischen Rechtsstaat nicht anerkannt werden. Wir wollen die Frage, „wie lange noch" nicht aufwerfen. Die Schneiders und Mittermayers werden in eigenstem Interesse gewiß dafür sorgen, baß nach der Aufhebung des Staatsgrundgesetzes zunächst das Strafgesetz daran kommt, denn, wenn man es genau nimmt, so hat das Strafgesetz, welches die — christliche Moral dieser Christen so energisch zurückweist, der Partei, der die Herren angehören, weit schwerere Wunden geschlagen wie das Staatsgrundgesetz, welches nur den kleinen Fehler hat, Juden und Christen gleich zu behandeln, und überdies die Entschuldigung für sich anführen kann, daß es ja immer — auf dem Papier stehen geblieben ist. Aber die Sache hat etwas Bedenkliches. Etwas Bedenkliches, das auch durch die Entscheidung des österreichischen Gerichtes bezeichnetwird, welches den Stadträthen so tüchtig aus die tauschlustigen Finger geklopft hat. Wie viel Spenden werden direct in das Rathhaus geschickt: „Für Arme der Stadt Wien ohne Unterschied der Confeffionen." In wie viel Fällen wird die Bertheilung dem freien Gutdünken, dem Ermeffen des Herrn Bürgermeisters überlassen! Wie zahlreich sind es gerade die jüdischen Wohlthäter, welche davor zurückschrecken, einzig und allein Hilfsbedürftige ihres Glaubens zu unterstützen, welche da meinen, wenn jüdische Wohlthäter sich öffentlich zeigen, wie sie allen Hilfsbedürftigen Gaben zuwendeten, dann müffe dies die natürliche Folge haben, die Gemeinheit, die Versolgungswuth der Gegner einzudämmen. Nr. 12 Juden, Taschen zu! Das ist die Lehre, die man aus der Geschichte von den entsagungsvollen Stadträthen ziehen soll. Wenn derlei mit kühnem Wagemuth in einem Fall unternommen wird, wo doch der ehemalige Advocat Dr. Karl Lueger seinen analphabetischen Stadtrathsfreunderln die Belehrung zu theil werden lassen konnte, daß eine derartige Expropriation vom Standpunkt unseres Rechtes absolut unzuläffig, unter Umständen etwas Strafbares ist, dann kann man sich denken, wie mit den jüdischen Spenden, mit den Liebesgaben israelitischer Wohlthäter gewirthschaftet wird, die nicht immer gerade das Kloster der „guten Hirten" als besonders unterstützungswürdig im Auge haben. * * * Juden, Taschen zu! Da wollen wir mit kurzen Worten ein Geschichtchen erzählen, welches verdient, als Pendant der Geschichte vom vertauschten Legat an die Seite gestellt zu werden. Es besteht in Wien ein Wohlthätigkeits-Jnstitut. Jüdisches Geld hat seine Gründung bewerkstelligt, jeder Ziegelstein einer Mauer wurde, um es geradezu herauszusagen, von Juden ausgeschnorrt, die Fortdauer dieses Institutes wurde nur durch jüdische Spenden ermöglicht. Und aus dem Vorhergesagten ergibt es sich von selbst, daß arische Knopflöcher dafür decorirt werden, daß heute nur mehr arische Bedienstete angestellt, arische Aerzte verwendet und wo möglich, auch nur arische Patienten darin gelabt nnd gepflegt werden. In diesem Institut wirkt ein jüdischer Cassier. Er stammt noch aus jener Zeit, da man den Mischen Brieftaschen den christlichen Portemonnaies gegenüber eine gewisse freundliche Reverenz wenigstens äußerlich an den Tag legen mußte. Als die Agenden des Instituts allzu zahlreich wurden, da bekam er schon allein deshalb, um seinen „jüdischen Einfluß" zu paralysiren, einen gut arischen, antisemitischen Collegen. Das war der Herr Hilfscassier, welcher in den Mittagsstunden den Dienst zu versehen hatte. Vor einiger Zeit berichteten die Blätter, daß dieser Hilfscassier in die Fußtapfen verschiedener antisemitischer Partei größen getreten war. Natürlich war es ein purer Zufall, daß die Miltheilung, die dieser Herr Hilfscassier in den Mittagsstunden, wo er unbeaufsichtigt war, sich widerrechtlich größeren Geldbesitz angeeignet hatte, nicht unter der Spitzmarke „jüdischer Defraudant" stand. Die Defraudation wurde entdeckt, und nun kam die salomonische Entscheidung. Der jüdische Cassier wurde für die Defraudation seines christlichen Amtscollegen entsprechend gezüchtigt. Dem jüdischen Cassier wurde die defraudirte Summe von seinem Gehalt abgezogen. Begründung unleserlich. Das ist die „christliche" Moral der modernen Christen. Aus dieser christlichen Moral soll man eine echte, rechte Judenmoral folgern. Und dieses Moralsprüchlein, welches wir nicht genug empfehlen können, lautet klipp und klar: „Juden, Taschen zu!" Bergan» contra Sanders. Dieser Tage ist Daniel Sanders gestorben. Daniel Sanders hat die deutsche Wissenschaft zu den bedeutendsten Sprachforschern gezählt. Daniel Sanders wurde in der vorantisemitischen Zeit das Verdienst zugesprochen, daß er, der Jude, auf dem Gebiete der deutschen Sprachforschung der Nachfolger der Gebrüder Grimm gewesen ist, daß seine Schriften zu den bedeutendsten Juwelen zählen, die Deutschland in der Schatzkammer seiner Wissenschaft besitzt. Sein Wörterbuch der deutschen Sprache ist ein rühmliches Beispiel deutschen Gelehrtenfleißes und deutscher Gründlichkeit. Seitderp hat man aber die Entdeckung gemacht, daß die Juden keine Deutschen sind. Und nun handelte es sich darum, nachdem der deutsche Forscher fürimmer seine müden Augen geschloffen, den Mann auS der Ruhmeshalle Germaniens hinauszustehlen. Sanders muß behandelt werden wie eine Gemeiirdeobligation. Er muß spurlos verschwinden. Für Schadensgutmachung wird schon gesorgt werden. Wer wird den Schaden gut machen? Es haben sich große Männer gefunden, welche das Kunststück zusammengebracht haben, Daniel Sanders plötzlich zu verdrängen und auf einmal in die Welt hinauszuschreien, daß der Mann eigentlich gar kein Gelehrter sei, daß das, was er geleistet, zu' den überwundenen Standpunkten gehöre.

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