Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr Vloch's Wochenlchrifl Seite 343 Vertretungskörpern die Gewähr bieten, daß sie jederzeit mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln für die rücksichtslose Durchsührnng der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Staatsbürger eintreten werden. Dieser Standpunkt des Vereines fand in mehreren vom Vorstande einberufenen Vertranensinänner-Bersammlungen, die ausschließlich ans jüdischen Wählern des I. Bezirkes bestanden, einmüthige Zustimmung, und in allen diesen Versammlungen wurde dem Unwillen darüber Ausdruck gegeben, daß trotz des einmüthigen Zusammenwirkens aller reactivnären Parteischattirungen und Elemente bei fortschrittlichen Vereinen ein Kanipf und eine Principienreiterei überhaupt noch möglich sei! Ebenso fand die Aufstellung der drei Candidatnren, und zwar der Herren Dr. K r o n a w e t t e r, Constantin N v s k e und Dr. Ofner einstimmige und begeisterte Aufnahme. Nur bezüglich der vierten Candidatur bestand arlsangs eine Meinungsverschiedenheit. Während ein großer Theil angesichts der hervorragenden Verdienste. Dr. Kopp's, nicht minder seiner wissenschaftlichen Bedeutung, seiner besonderen Gesetzes- und Verwaltnngskenntniß und seiner socialen Stellung, für diese Candidatur Stellung nahm, trat der aridere, überwiegendere Theil bei aller Würdigung der in's Treffen geführten besonderen Eigenschaften Dr. K o p p's, für die Aufstellung der Candidatur des bisherigen Abgeordneten Carl W r a b e tz ein, welcher, von dem richtigen Gefühle geleitet, im IX. Bezirke freiwillig von seiner Candidatur zu Gunsten des Professor von Philippovich zurücktrat und bei jeder Gelegenheit, selbst mit Hintansetzung seiner persönlichen Interessen, in ebenso energischer, wie rücksichtsloser Weise den Kampf gegen die antisemitisch-reactionäre Ströinung führte, zudem auch auf gewerblichem Gebiete als einer der berufensten Vertreter gilt. Mit Rücksicht auf diese Momente hat der Vereinsvorstand, der ursprünglich neben K r o n a w e t t e r, N o s k e und Ofner als vierten Candidaten Dr. K o p p nominirte, sich nochmals nach reiflicher Neberlegnng aller Umstände mit dieser Candidatur eingehend befaßt und beschlossen, als vierten Candidaten nunmehr Herrn Carl W r a b e tz anfzustellen. Der Vorstand ließ sich hiebei auch von der Thatsache leiten, daß diese Candidatur in dem deutsch-fortschrittlichen Central-Wahlcomite einstimmig, die des Dr. Kopp nur mit Majorität angenommen wurde, daß daher das Gros dieser Parteischattirung auf erstere Nominirung noch mehr als auf jene K o p p's Gewicht lege, W r a b e tz daher die größeren Chancen besitze. Der Referent richtete schließlich an die Anwesenden die Bitte, für die vom Vorstande des Vereines anfgestellten Candidaten : Dr. Ferdinand K r o n a w e t t e r, Constantin N o s k e, Dr. Julius Ofner und Carl W r a b e tz geschlossen zur Urne zu gehen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) An dieses Referat knüpfte sich eine lebhafte Debatte, an welcher sich die Herren: M a r c u s, B r o d, Dr. Weiß, Dr. H o r o w i tz, Dr. Kann, B i e l i tz, Dr. R o s e n f e l d. Dr. Brauner, Ritte r, Dr. I. Koh n, Dr. Meitner und Dr. Alex. M i n.tz betheiligten. Bei der Abstimmung wurden die vom Vorstande durch den ^Referenten vorgeschlagenen Candidatnren der Herren Dr. Kronawetter, N o s k e und Ofner einstimmig, die des Herrn W r a b e tz mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Nothschrei aus jüdischen Lehrerkreisen Wiens. Immer mächtiger, immer dröhnender werden die Wogen des Antisemitismus, welcher Schmach und Schande über unser Jahrhundert gebracht. Sie, die unter der Fahne der Freiheit und Gerechtigkeit in's Wiener Rathhaus eingezogen, welche die Landstube im raschen Siege erstürmt, die bereits begonnen, das Parlament zu ergattern, sind ausgegangen, jene Bevölkerungsschichten zu beglücken, welche sie in absehbarer Zeit verlassen werden. Diese fromme Gesellschaft, welche mit der christlichen Religion, der Religion der Liebe, hausiren geht, unternimmt es, profane Hand anzulegen an die Neuschule, die jüdischen Lehrer als die Parias der Jugendbildner zu behandeln. Mit welch' abscheulichen, rücksichtslosen Mitteln diese Luegersreunde kämpfen, beweisen die Besetzungen von Lehrerstellen im Wiener Schulbezirke. Den 15.000 jüdischst Kindern stehen blos 140 jüdische Lehrpersonen gegenüber, so daß auf einen Lehrer über 100 Schüler entfallen. Abgesehen davon, daß im Verhältnisse zu den israelitischen Kindern viel zu wenig Lehrpersonen derselben Consession angestellt sind, haben es diese frommen Gläubigen verstanden, für die Zukunft dadurch vorzubeugen, daß seit fünf Jahren an der staatlichen Lehrerbildungsanstalt in Wien kein jüdischer Candidat mehr ausgenommen wurde, somit ein Nachwuchs im Vorhinein abgeschnitten ist. Wie Hilst sich aber diese christliche Gemeinderathsmajorität, um auch die bereits angestellten Lehrpersonen, welche als provisorische Unterlehrer mit Bezügen von 400 fl. bis 600 fl. per Jahr hungern, aus der gut katholischen, vulgo interkonfessionellen Schule hinaus zu spediren? Hier die Antwort: Der christlrcb-sociale Stadtrath einer „k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt" Wien läßt überhaupt keinen jüdischen Lehrer im Dienste vorrücken, was die vorjährigen und heurigen Stellenbesetzungen erhärten. Er verfolgt dabei einzig und allein die Absicht, diese materiell schwer geschädigten Lehrpersonen auszuhungcrn, sie zu zwingen, aus dem kommunalen Dienste zu scheiden, um Lehrern arischen (?) Ursprunges aus der streng katholischen Währinger Lehrerbildungsanstalt Platz zu machen. Glaubensgenossen! In diesem schwierigen Kampfe zwischen Recht und Unrecht, wo auf der einen Seite die brutale Gewalt, auf der anderen Seite die moralische Macht steht, ist die Wiener Lehrerschaft, jeder Hilfe entblößt, auf dem Schlachtfelde. Wir jüdischen Lehrer Wiens sind vogelfrei erklärt, keine einzige Schulbehörde Wiens nimmt uns, obwohl sie es könnte, in Schutz. Vom Bezirk^ schulrathe angefangen, von der Mittelstation Landesschulrath unterstützt, wird diese das Gesetz verletzende Ungerechtigkeit von der höchsten Instanz, dem Unterrichtsministerium, bewußt geduldet und nicht als ungesetzlich zurückgewiesen. Die wirthschastliche Noth der jüngeren Lehrerschaft hat das höchste Maß erreicht, die Erbitterung ist aufs Höchste gestiegen. Der Wiener Lehrerschaft sind zwei Wege offen : Entweder dem Gegner das Feld räumen oder ausharren, soweit es ihre Kraft gestattet. Das Feld räumen hieße sich selbst richten, es würde Feigheit bedeuten, Ausharren bezeugte den Manneswuth. Wohlan denn Glaubensbrüder Wiens! Schließet euere Reiben, Ihr, welcke das Wohl und Wehe Euerer Kinder beachtet, die Ihr das Leiden des jüdischen Bürgers in der Haß athmenden Großstadt „Wien" selbst fühlt, gedenket der Lehrer Euerer Kinder, gedenket jener Jugenderzieher, welche verurtheilt sind, so lange in der untersten Dienstkategorie zu dienen, bis daß den christlich-socialen Machthabern die Larve von den getäuschten, am Gängelbande geführten Bürgern, herabgerissen wird. Damit nun die materiell ichwer geschädigte, jüngere Lehrerschaft in diesem Kampfe nicht unterliege, auf daß der Feind nicht triumphirend seine Zähne fletsche, ist es nothwendig, daß die Glaubensgenossen folgende Punkte erfüllen. 1. Jeder Jsraelite, welcher seinen Kindern Privatunterricht eriheilen lasse, übertrage denselben einem Communallehrer jüdischer Consession, welcher die vom Staate gesetzlich geforderte Lehrbefähigung nachzuweisen im Stande ist. 2. Jeder Jsraelite. der sein Kind bisber von einem judenfeindlichen Lehrer unterrichten ließ, weise diesen Unterricht einem jüdischen Communallehrer zu. Es ist dies nur ein Act der Gerechtigkeit, umsomehr, da es unter den gegenwärtigen, aller Beschreibung spottenden, mißlichen Verhältnissen keinem jüdischen Volksschullehrer gelingt, in einem christlichen Hause Nebenverdienst zu erlangen. 3. Selbst Hofmeister- und Erzieherposten mögen jüdischen unverheirateten Lehrern Vorbehalten bleiben, dir gewiß mit wahrer Freude Geist und religiöses Gemüth bilden werden. Die Wiener jüdische Lehrerschaft hofft daher, daß diese Zeilen nicht im Wind verhallen, daß sie in den Herzen, worin jüdisches Blut circulirt, Anklang sinden, daß die bemittelten Glaubensgenossen im eigenen und im befreundeten Kreise dem Sinne dieses Ausrufes gemäß wirken, auf daß der von unseren Feinden so oft citirte Satz: „Ein Jsraelite verläßt den anderen nicht" als Gewissens- und Herzenssache in Erfüllung gehe. Das walte Gott! Ein Jünger für Biele! Revanche für die Neunziger-Jahre im XYIII. Jahrhundert. Im Jahre 1793 wurde in Paris die Religion abgesetzt und die Göttin der Vernunft auf den Thron gesetzt. Es wurde im Chor der Pariser Kathedralkirche ein sogenannter Tempel der Vernunft und ein Sitz von grünem Rasen errichtet. Eine junge Frau, in ein weißes Gewand und einen himmelblauen Ueberwurf gehüllt, erschien und nahm auf dem Rasensitze Platz. Weiß gekleidete Mädchen mit Eichenkränzen im Haar trugen Hymnen zu Ehren der neuen Göttin vor. Die GötUn der Vernunft verließ hierauf die Kirche und begab sich mit ihrem Gefolge nach denk Convent, wo die Einsetzung des Vernunftcultus als ein Sieg des Lichtes über die Finsterniß in schwülstigen Reden gefeiert wurde. Der Präsident des Convents umarmte die Göttin, welche — eine Comödiantin war. Es ist nun ein ganz passendes Gegenstück, daß in den Neunziger-Jahren des XlX. Jahrhunderts in Wien wieder die Vernunft vonl Throne gestürzt und wohl nicht die Religion, aber doch wenigstens die religiöse Unduldsamkeit auf den Thron gesetzt wird. Wie einseitig bleiben doch stets die Menschen in ihrem