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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-19 · 12 (19.3.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
12 (19.3.1897)
Date
1897-03-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 Vr. Vloch's Wochenfchrtfi. Seite L41 gerade das gesellige Leben ist ein Gebiet, wo dem Judenfreunde Erfolge möglich wären. Was nützt es uns, wenn die Herren es beklagen, daß die Inden von so vielen öffentlichen Aemtern ausgeschlossen sind, daß sie in den Zeitungen verleumdet, vom Pöbel beleidigt werden? Dagegen kann ein aufgeklärter und geachteter Mann, wenn er sich dem Borurtheil widersetzt und einen Juden, der sonst unantastbar ist und gesellschaftliche Vorzüge besitzt, zu seinem Verkehr wählt, zu seinen Festen ladet, viel nützen und ohne Weiteres manchen Gegner bekehren; freilich, manch' verbissener Antisemit wird sich von ihm zurückziehen; aber dies eben ist der Probirstein, ob seine Gesinnung echt ist, wenn er zu diesem Opfer bereit ist. Was können die Matadore des Vereines zur Abwehr einem Antisemiten erwidern, der ihnen zurüft: „Ich rufe Euch selbst zu Zeugen für-meine, Sache; warum verschließt Ihr einem Juden, der sonst mit Euch auf gleicher Stufe steht, das Haus, wenn nicht aus — Antisemitismus? So billigt Ihr im Haus, was Ihr öffentlich mehr abzuwehren vorgebet, als abwehret." Der gesammten jüdischen Sache ist es vielleicht nützlich, wenn auch unsere Vornehmsten und Feinsten mit gleichem Maße gemessen werden, wie die Schlichten und Einfachen, wenn die Empfindung des Hochmuths gar nicht aufkommen kann, als seien nur die Mindergebildeten das Ziel des Judenhasses; so wächst das Bewußtsein der Solidarität; aber lieber wäre es uns doch, wenn dieses dem Auge nicht sichtbare und doch so stark umschlossene Ghetto nicht vorhanden wäre. Besonders peinlich ist diese gesellschaftliche Aechtung für die Jugend; wenn ein junger jüdischer Referendar von seinen christlichen Kameraden zurückgrstoßen oder auch nur zurückgeschoben wird, so ist das ein bitteres Weh; ein junger Mann kann nicht sogleich auf der Höhe stehen, stolz zu sprechen: „Ich bin niemals weniger allein, als wenn ich allein bin"; er sucht geselligen Anschluß, er würde sich zu accommodiren trachten, wenn ihn irgend eine Aeußerlichkeit auffällig macht; aber er wird verbittert durch unmotivirte Zurücksetzung, und nun erst gar, wenn liberale Leute an diesem Unfuge Antheil nehmen. Es ist richtig, die Deutschen treiben auch unter sich die Unart, aus das gesellige Leben die Unterschiede der Berufe, der Aemter, des Besitzes, der Religion zu übertragen; die Deutschen sind, den Stammtisch ausgenommen, ein ungeselliges Volk; in Dar «3 salaam soll es neue Casinos geben, um die Unterschiede des Ranges auch gesellig zu markiren. Wir Juden ertragen diese gesellige Misere wie so manche andere. Aber Denen, die sich unsere Freunde nennen, sollte das gesellschaftliche Elend der Juden nicht gleichgiltig sein. B. R. Vsron Hirsch-Stiftung. Der soeben erschienene Bericht des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung pro 1895 —1896 ist nicht blos ein nüchterner Geschäftsbericht, er kann mit Fug und Recht auch vom culturhistorischen Standpunkte als ein werthvoller Beitrag für die Zeitgeschichte betrachtet werden. Der Historiker, der einst die Geschickte des lichtvollen Fortschrittes in Galizien und der Bukowina, die heilbringende Entwicklung des Schulwesens und die Hebung des Handwerkes unter den dortigen Juden wird schildern wollen, wird in dem vorliegenden Berichte eine Fülle des Materials finden, der ihm reichlich Aufschluß und Berathung bietet, er wird darin Daten und statistische Ziffern gesammelt erblicken, die an und für sich eine beredte, überzeugende Sprache bieten. Bevor das Curatorium zur Mittheilung dessen schreitet, was im Laufe des Jahres geschaffen und gewirkt wurde, entspricht es einer selbstverständlichen heiligen Pflicht der Pietät, indem es dem Andenken des Baron Hirsch, dieses großen unsterblichen Philantropen, folgende Zeilen widmet: „Das Jahr 1896 wird in der Geschichte unserer Stiftung als ein Trauerjahr unvergeßlich bleiben. Am 21. April ist eines plötzlichen Todes gestorben der Schöpfer unserer Stiftung in dessen Geist der große Gedanke erblühte, eine Volksschichte durch Jugendunterricht aus der Tiefe des Elends zu heben, in welche Jahrhunderte widrigen Geschickes sie hinabgezogen haben. — In voller Lebensfreude, das gedankenreiche Haupt erfüllt von Plänen, die dem Ausbau seiner großen Humanitätswerke gälten, schloß ihm der rasche Tod die Augen für immer! Seine letzten Augenblicke mag e i n Gedanke tröstend erhellt haben, der auch uns und der Stiftung den schweren Verlust zu mildern geeignet ist, — der Gedanke, daß er eine verständnißvolle Erbin seiner Pläne hinterläßt. Baronin Hirsch hat mit einer Kraft der Empfindung und mit einer Klarheit des Verständnisses die großen Aufgaben erfaßt, die ihr verewigter Gemahl ihr hinterlassen, daß wir in dankbarer Bewunderung auf ihr Wirken blicken können, das ebenso weiblichen Zartsinn als männliche Energie verräth. Das Wirken dieser „Stifterin" — so dürfen wir fie schon jetzt, kaum ein Jahr nach dem Tode des Stifters, nennen — hat bereits bis in die fernsten, äußersten Zweige der SUftungsthätigkeit fördernd, hebend, veredelnd sich fühlbar gemacht." Von den wichtigsten Punkten, des Berichtes seien auszugsweise folgende Stellen mitgetheilt: A. Volksschulen. Mit Beginn des Schuljahres 1895/1896 wurden 10 neue Schuleneröffnet; die Zahl der Stiftungsschulen beträgt also jetzt 35. Die Zahl der Schüler betrug im abgelaufenen Schuljahre 5439, die der Lehrkräfte 88. Was die Leistungen und die Entwicklung der Stiftungsschulen anbelangt, so hat der galizische Landesschulrath sich hierüber folgendermaßen geäußert: „Die Schulen haben sich schon bei der Bevölkerung eingebürgert. Die gegen dieselben anfangs sich geltend machenden Vorurteile sind schon überwunden. Diese Anstalten haben demnach alle Bedingungen für eine gedeihliche Entwicklung." Vielfach zeigt es sich, daß die Räumlichkeiten der Schulen dem Andrange der sich meldenden Kinder nicht genügen. Trotzdem sind leider, namentlich in größeren Städten, zahlreiche jüdische Knaben ohne jeden Schulunterricht. Die Frequenz der Stiftungsschulen steigt jedoch in erfreulicher Weise von Jahr zu Jahr. Nur gegen Ostern zeigten viele Schulen eine abnehmende Frequenz. Als Ursache wurde allgemein angegeben, daß viele Eltern, durch die Noth gedrängt, ihre Kinder beim Backen der Osterbrode verwenden lassen, um sich den zur Anschaffung der nöthigsten Sommerkleidung erforderlichen Geldbetrag zu verdienen. Diesen Unzukömmlichkeiten wurde dadurch gesteuert, daß das Curatorium, hvchherzigst unterstützt vom Stifter, es unternommen hat, die ärmsten Schulkinder vor den Osterfeiertagen mit Sommerkleidern und Wäsche zu versehen. Diese Maßregel war vom besten Erfolge gekrönt. Ueberhaupt ist die Gewährung von Kleidern und Schuhen und der Beköstigung während der Wintermonate von ganz außerordentlicher Wichtigkeit für die «Kinder der Stiftungsschulen, welche ja fast ausschließlich den allerärmsten Bevölkerungsclafsen angehören. Abgesehen davon, daß die Nackten bekleidet, die Hungrigen gespeist werden, wird ihnen hiedurch die Möglichkeit geboten, die Schule regelmäßig zu besuchen. Daß aber die Wtiftung auch nach dem Hinscheiden des verewigten Stifters hMe Wohlthat und in so großem Ausmaße zu gewähren in der ^age ist, verdankt sie einzig und allein der Hochherzigkeit derBaronin Clara von Hirsch-Gereuth, welche die hiezu erforderlichen Mittel auf das Entgegenkommendste gewährt hat. Der Handfertigkeits-Unterricht hat sich zu einem integrirenden Bestandteil des Schulplanes entwickelt und die Wichtigkeit desselben ist wohl Jedem einleuchtend. Das Curatorium ist bestrebt, diesen Unterrichtszweig nach und nach in allen Stiftungsschulen einzuführen und mit gebotener Sorgfalt zu pflegen. E r umfaßt Arbeiten an der Hobelbank, Holzschnitzerei, Drechslerei und Cartonnage. Ebenso wie der Handfertigkeits-Unterricht sind auch die Abendcurse, welche ftir die dem Schulalter entwachsenen A nalphabeten eingeführt wurden, unzertrennliche Bestandteile der Stiftungsschulen geworden. Diese Abendcurse werden von Jünglingen und jungen Männern besucht. Es erwacht eben allenthaben bei den Analphabeten aus dem Handwerker- und Arbeiterstande das Verlangen, die Elementarkenntnisse nachzuholen, deren Mangel sie schwer zu empfinden beginnen. B. Handwerk. Bon Jahr zu Jahr steigert sich die Anzahl von Absolventen der Stiftungsschulen, welche, wie bereits erwähnt, fast sämmtlich den ärmsten Bolksclassen angehören und durch Zuführung zum Handwerk existenzfähig gemacht werden müffen. Die Unterbringung einer so großen Anzahl von Knaben bei Handwerkern gestaltet

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