Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 240 Vr. V Lochs Wochenschrift Nr. 12 ist. Es ist nur die rechte Strafe, wenn denen, die etwas kaschiren wollen, das Handwerk gelegt wird. Ein jüdischer Kaufmann in den Rheinlanden, der sich allmälig die praktische Ausübung des Judenthums abgewöhnt hatte, trat später zur herrschenden Kirche über; als er zur Carnevalszeit in einem Gasthause saß, trat eine Maske an ihn heran mit den Worten: Isidor, früher sagte man von dir, was ist das für ein Goj, jetzt sagt man, was ist das für ein Jüd! Was dem religiösen Israeliten ein Stolz und ein Segen ist, ist dem Abtrünnigen mit Recht ein Fluch. Bon diesem Gesichtspunkte gereichen gewisse nette Geschichtchen, die jüngst in diesen Blättern berichtet worden sind, uns zu besonderer Genugtuung, und es ist der Humor der Weltgeschichte, daß die grimmigsten Judenfeinde die Peitsche schwingen, um unsere Rache zu rächen, um die Ueberläufer bis auf's jüdische Blut zu peinigen. Als einmal in einer Gesellschaft von eurem Juden mit stark ausgeprägten jüdischen Gesichtszügen gesagt wurde, daß er seine Kinder taufen lassen wolle, meinte ein Anderer: So lieb hat der seine Urenkel gar nicht; aber wir haben Beispiele erlebt, daß die Schuld der Väter noch nicht einmal bei den Urenkeln vergessen wird. Gerade in diesen Fällen zeigt sich der rein geschäftliche Charakter des modernen Judenhasses auf's Schärfste. Die Form ist der Teutonismus, aber der Kern ist, man will sich die Concurrenz mtt allen Mitteln vom Leibe halten. Haman gibt zehntausend Talente dem Könige für das Decret, die Juden auszutteiben; aber sonst lassen sich's die Judenhasser in der Regel nicht viel kosten; auch Haman hat wahrscheinlich in sein Calcul gezogen, daß sich König Ahasverus nicht lumpen lassen und das Geld nicht annehmen werde; er ist der Typus jener nicht nur schlechten, sondern auch feigen Gesellen, die dem Juden gegenüber sich auf den Vornehmen ausspielen und selbst jede DemüchMng von Setten eines Höhergestellten mit fast cynischer Devotwn erttagen. Haman folgt, ohne mit den Wimpern zu zucken, dem Befehl, den verhaßten Mordechai wie einen Sclaven durch die Straßen zu führen, und entwürdigt sich vor aller Welt; unsere modernen Hamans wären zu ähnlichen Opfern bereit, wenn ein Sttahl hoher Gunst auf einen Juden fiele. Es. ist kein Zufall, daß so viele der Convertiten gerade mit dieser Sorte sich verbinden. Der wahrhaft fromme Christ wird angewidert von diesem Schacher; er ehrt die Treue in jeder Form und verachtet den Treulosen, auch wenn die Untreue in einer Huldigung für das christliche Bekenntniß ausklingt. Aber oft wird dieser Thatbestand verdunkelt und besonders unbequem ist es, wenn ein Jude diese Verdunkelung verübt. In den neuesten Nummern der „Zukunft" von Maximilian Harden schreibt ein Jude, W. Hartenau, einen Aufsatz : Höre Israel! Schon der Titel läßt nichts Gutes hoffen, es ist nicht recht, den Beginn des den Juden heiligsten Grundwortes ihres Glaubens um der Sensation wegen zum Titel eines Zeitungsartikels zu nehmen. Hartenau hat Herrn Harden viele stylistische Künste abgesehen; wenn Harden in allerhand geistreichen Wendungen einen politischen Gedanken hierhin nnd dorthin gedreht hat, dann weiß der Leser am Schluffe meist nicht ein und aus und Ist über die eigentliche Meinung des Autors weniger unterrichtet als je vorher. So ist es schwer festzustellen, wohin Hartenau zielt, er hat von sich betreffs seiner Fähigkeit, in die vollkommen teutonische Seligkett einzugehen, eine ausgezeichnete Meinung und gibt in Worten, die es erkennen lassen, daß er im deutschen Styl noch Manches zu erlernen hat, sich selbst als einen Mann, der nur deswegen nicht Übertritt, weil er die mit dem Uebertritt verbundenen Vortheile — fürchtet. Wer so lose mit dem Judenthume zusammenhängt, ist, so scheint es, wenig zum Berather der Juden berufen. Dieser liebenswürdige Jude schreibt nun: „Es besteht die unbestreitbare Wahrheit, daß die besten Deutschen einen tiefen Widerwillen gegen jüdisches Wesen und Treiben hegen. Die am Meisten, die nicht viele Worte davon machen uud etliche Ausnahmen — gleichsam als seltsame Naturspiele — zugeben". Der Berfaffer ist nicht unbewandert in den Künsten perfider Schrrststellerei. Das ist so die Manier dieser schlauen Buben, wenn sie etwas durchaus Zweifelhaftes behaupten, den Satz mit: „es ist eine unbestreitbare Wahrheit" oder ähnlich zu beginnen. Aber wenn nun Jemand mit einer stattlichen Reihe von Freundschaften zwischen trefflichen christlichen und jüdischen Männern gegen die „unbestreitbare Wahrheit" anrücken wollte, so hat sich der pfiffige Fechter den Rücken gedeckt, da ja jeder etliche Ausnahmen zugebe; es ist wohl nach solchen Proben nicht gewagt, zu behaupten, daß sein feines Ehrgefühl Herrn Hartenau die Taufe nicht lange mehr verbieten wird. Dieser edle Herr schreibt nun über die Convertiten: „den Besten unter euch habt ihr das Leben so zuwider gemacht, so daß sie euch den Rücken kehrten, und als sie abtrünnig wurden, habt ihr nichts vermocht, als sie zu verwünschen; daher kommt es, daß es ihnen gut geht." Wieder sind es einmal die Besten, im vorigen Citat die besten Deutschen, jetzt die besten Juden. Jedenfalls gehört Hartenau nicht zu den Besten, denn der ist uns ja (beinahe hätte ich gesagt leider) geblieben. Also die Juden haben die trefflichsten Glaubensgenossen aus ihrer Mitte gettieben; schade, daß Hartenau die Geschichtskenntnisse seiner Leser überschätzt und keine Namen nennt; wer will es denen, die um ihres Glaubens willen Vieles duldeten, verargen, wenn sie dem Ueberläufer einige Verwünschungen nachsenden; das war auch nicht so schlimm gemeint; F r i e d b er g, der als Ministerund Ritter des schwarzen Adlerordens gestorben ist, erzählte harmlos, daß die Juden auf ihn, als er als christlicher Referendar in die Heimat zurückkehrte, mit den Worten zeigten: „Seht nur den Meschumed!" Wir wollen Herrn Hartenau wegen solcher grober Ahlwardtereien nicht verwünschen. Aber wünschen möchten wir, daß, wenn Jemand soviel Gift und Galle gegen uns sprüht, er die Wirkung des Giftes nicht noch dadurch verstärkt, daß er mit stechen Worten seine jüdische Zugehörigkeit betont. Daß es Vögel gibt, die ihr eigenes Nest beschmutzen, lehrt leider nicht nur die Naturgeschichte, sondern auch die jüdische Geschichte. In Wirklichkeit haben wir auch da, wo die geschäftliche Seite des Abfalles ganz offenbar itt, viel zu große Nachsicht und lassen uns im Verkehr mit diesen moralisch Minderwertigen nicht stören. L. B. Der Verein;ur Abwehr und die gesellschaftliche Aechkung der Inden. Der Verein zur Abwehr in B e r l i n hatin seiner General" Versammlung das Thema erörtert, das wir jüngst dringlich ihm an's Herz gelegt haben, nämlich die Abwehr gegen die Ausschließung der Juden aus dem gesellschaftlichen Verkehr. Wir haben keine Gunst in den Augen der Generalversammlung gefunden. Ueberhaupt waren die Debatten so geartet, daß sie in dem schönsten antisemitischen Verein ganz am Platze gewesen wären; ein Herr verlangte eine energische Privatpolizei, um jüdische Sünden aufzufinden und an's Licht zu ziehen. Wir wissen aber sehr gut, daß, wo erst das Bestreben, vorhanden ist, Sünden aufzufinden, sich bald auch die Neigung einstellt, solche zu erfinden. Was würde der Herr Professor zu einem Vereine sagen, der, um das Deutschthum zu heben, alle Schandthaten der Deutschen auf dem weiten Erdenrunde aufstöbert und in die Oeffentlichkeit bringt! Auch das Schächten erregt den Ingrimm dieses sonderbaren Philosemiten, obgleich, wie ihm von jüdischer Seite sehr gut entgegnet wurde, wahrscheinlich das Schächten jetzt die allgemeine Schlachtart wäre, wenn, ja wenn sic nicht v o n Iu d e n h erst a m m t e. Es gehört doch nicht viel Einsicht dazu, um zu erkennen, daß der Verein zur Abwehr seinen Beruf verfehlt, wenn er die Geschäfte der Antisemiten besorgt. Auch die gesellschaftlichen Kränkungen, denen heute der Jude seines Judenthums wegen ausgesetzt ist, will der Verein nicht abwehren; er will, wie die schöne Redensart lautet, nicht in's Privatleben übergreifen. Wir haben das volle Vertrauen, daß Herr Rickert es mit der Abwehr durchaus ehrlich meint, während viele Andere nur durch den Namen G n e i st's, des einstigen Präsidenten, vor Jahren geködert worden sind und sehr zu Unrecht dem Verein angehören. Wie oft ereignet es sich, daß irgend ein jüdischer Gerichtsrath oder Rechtsanwalt, der viele Jahre mit christlichen Familien verkehrt, in geselligen Vereinen geglänzt hat, plötzlich von einem jungen Manne, oder vielmehr Flegel brüskirt wird; er sieht sich um, ob nicht irgend einer seiner älteren Freunde sich seiner oder seines Weibes oder seines Kindes annehmen wird, da entdeckt er lauter verlegene Mienen, einige „Freunde" sind gar zur rechten Zeit aus dem Saale verschwunden, und der kluge Manu merkt, daß er und die Seinen in dem Saale durchaus entbehrlich sind. Und