Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Vlvch's Wochrnfchrtfi Seite 339 Gefahr, und dies wäre auch kein Grund fiir die Entfrenidung i der Juden von der wiffenschaftlicheli Laufbahn. j Aber auch der Umstand, daß den Juden die BeamtencarriLre verschlossen ist, kommt nicht in Betracht. Wohl liegt darin eine Schmälerung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte, und eingefleischte Staatsrechtler mögen darob bitter Klage führen. An Ausnahmsgesetze waren wir seit jeher gewöhnt, wir wissen es, daß die ausgleichende Gerechtigkeit des Staates dort aufhört, wo der Jude beginnt. Ja, es gibt unter uns praktische Köpfe, die diese Ausnahmsstellung nicht als Unglück auffassen, und auch darüber, ob dabei der Staat oder das Judenthum verliert, ließe sich streiten. Sicherlich hat diese Ausnahmspraxis die Verringerung der Juden an den Universitäten nicht verschuldet. Ein paar jüdische Landesgerichtsräthe oder Adjuncten mehr oder weniger, Lage und Gesinnung der Inden bleiben trotzdem unverändert. Die Scheidewände, die uns von dem Gebiete der Administrativbeamten trennen, konnten wir nicht niederreißen, wir haben auch schon längst darauf verzichtet, dies Gebiet zu erobern. Möglich, daß in den Flitterwochen der Verfassung solch hochfliegende Pläne hie und da vorhanden waren, zur Zeit, als wir uns von der Traumhaftigkeit solcher Pläne überzeugten, blieb die Zahl der jüdischen Studirenden nach wie vor dieselbe. Diese Abnahme fällt mit dem Auftreten der antisemitischen Bewegung zusammen und ist auf den bereits erwähnten Vorwurf, baß wir uns nur jener Laufbahn zuwenden, die uns ein leichtes Fortkommen sichert, zurückzuführen. Wird aber dadurch dieser Vorwurf zum Schweigen gebracht? Die Thatsachen beweisen uns das Gegentheil. Trotz der Abnahme der jüdischen Intelligenz nehmen die gegnerischen Angriffe an Rohheit und Heftigkeit zu, in dieses letzte Decennium fällt das beispiellose Anwachsen der judenfeindlichen Strömung. Warum bringen wir also ein solches Opfer, durch welches dieser Vorwurf nicht zum Schweigen gebracht wird und welches uns viel tiefer schädigt, als es für den ersten Augenblick den Anschein hat? Unsere Intelligenz ist unsere mächtigste, aber auch unsere einzige Waffe, und es könnte bald die Zeit kommen, in der wir es sehr zu bedauern hätten, wenn wir sie uns entwinden ließen. Denn ist es auch heute Noch die rohe Kraft, welche die Bestialität der Gegenwart, um ein Wort Grillparzer's zu gebrauchen, im Zaume hält, so dürfte doch die Hoffnung, daß die Menschen sich nicht immer der Intelligenz verschließen werden, ihre Berechtigung haben! Unter den Verhältnissen der Gegenwart verfehlt aber diese Flankenbewegung nach rechts völlig ihren Zweck, denn die jüdische Jugend, die sich der geistigen Laufbahn entzieht, muß sich doch naturnothwendig anderen Gebieten zuwenden. Man muß doch leben und der Erwerb muß, wenn er auf diesem Gebiete nicht zu holen ist, auf einem anderen gesucht werden. Ist aber die Industrie und der Ackerbau ein solches Gebiet? Wer die Gegenwart und ihre socialen Zustände kennt, wird diese Frage mit aller Entschiedenheit verneinen müssen, denn in der Industrie hat das zünftige Meisterthum sich abgelebt, es ist todt, trotz aller Bemühungen und Anstrengungen des politischen Jndustrieritterthums, es ist todt und kein Anwalt des kleinen Mannes, er mag noch so bewundert und gehätschelt sein, wird seinen Sargdeckel sprengen. Da gibt es nur Ausbeuter und Ausgebeutete. Für diese Rolle halte ich aber die Juden viel zu gut, durch jene laden wir aber ein neues Odium auf unsere, unter der Last des Hasses ohnehin gebeugten Schultern. Wollen wir uns aber dem Ackerbau, der Urbeschäftigung des alten Israel, zuwenden, dann dürften wir, wie die Sachen beute stehen, eine neue Form des Antisemitismus in's Leben rufen, nämlich den, den ich als Agrar-Antisemitismus bezeichnen möchte. Ob wir aber das Gebiet des ohnedies unbegrenzten Judenhasses erweitern dürfen, dies mögen Jene beurtheilen, die in der Errichtung gewerblicher und Ackerbauschulen das zukünftige Heil des Judenthumes erblicken. Ich betone hier nachdrücklich, daß ich hier nur von den Juden spreche,-die an der westeuropäischen Cultur betheiligt sind, also von dem weitaus kleineren Theile der Juden überhaupt. Für jene, die in noch nicht oder nur halbcivilisirten Ländern leben, für die Juden Rußlands und Rumäniens, des Orients, Afrikas und die überseeischer Colonisationsversuche halber ausgewanderten Juden mögen Handwerks- und Ackerbauschulen nützlich sein, obwohl bei der Lage des europäischen Marktes ihre Concurrenz mit der europäischen Landwirthschaft nicht ganz ohne Folgen für die Judenfrage unseres Continents bleiben dürfte. Aber selbstsüchtige und eigennützige Motive sollen nicht in Betracht kommen dort, wo es sich um die Aufbesserung der Lebenslage unserer meistbedrückten Brüder handelt. Wir werden auch von dieser neuen Form des Antisemitismus, der in dem Augenblicke auftreten wird, in welchem die Production dieser jüdischen Colonien mit der europäischen in Concurreuz treten wird, _ wir werden also auch mit dieser Art von Antisemitismus fertig werden, wenn wir nur über eine genügende, Zahl geschulter und tüchtig gebildeter Männer verfügen. Wohin immer wir uns also wenden, von wel hem Standpunkte immer wir diese Angelegenheit betrachten, erweist sich ein Zurückströmen unserer Jugend von der wissenschaftlichen Laufbahn als ein Mittel, das ebenso verkehrt ist, wie es verhänguißvoll für uns werden kann. Es ist verkehrt, denn der geistige Horizont des Judenthums läßt sich nicht in die Grenzen eines um sein tägliches Brot sich abrackernden Arbeiter-Proletariats zwängen, nachdem er schon die lichtesten Höhen menschlichen Wissens und Strebens umfaßt hat. Es ist verderblich, denn wir geben dadurch das einzige Gebiet preis, auf welchem für uns, vielleicht in nicht allzuferner Zukunft, ein Sieg möglich ist. Schlimmer, als der jüdische Lehrling oder Geselle ist aber auch der jüdische Student nicht daran. Beide haben sie es nur mit den verschiedenen Formen derselben Gesinnuugsrvhheit zu thuu, auf welche der Jude schon von Kindesbeinen an gefaßt sein muß. Weder in den Lehrsälen, noch in den Werkstätten blüht die edle Blume der Gleichberechtigung, und wenn ich mich schon mit meiner Umgebung um mein bischen Luft und Licht herumschlagen muß, so ist doch — so sollte man meinen — das Helle, freundliche Studierzimmer der dumpfen Atmosphäre einer schmutzigen "Werkstätte vvrzuziehen. Hier wie dort begegnet unsere Jugend einer tiefen Gehässigkeit, hier müßte sie ihre Arme brauchen, dort ihren Geist. Es entspricht besser dem ganzen Wesen des Judenthums, wenn wir diese letztere Waffe wühlen, darum nur weiter in der alten Richtung und keine Concession, keine Flankenbewegung, am allerwenigsten aber eine solche — nach rechts. Mißlitz. Rabbiner Dr. L. Goldschmied. Der Keligionswechsel unter den Inden. Jüngst war in einem französischen Journal das Agence zu lesen, man müsse schon recht viel Religion haben, um seine Religion zu wechseln. Dieser Satz ist ebenso wahr als vielfach den Thatsachen widersprechend; es gibt allerdings Schacherjuden in der unangenehmsten Bedeutung des Wortes, das sind d i e Juden, die mit ihrem Glauben hausiren und ihn für ein Billiges losschlügen. (Man denk.z. B. an Max Anton Löw und an die Geschichte seiner Conversion.) Es ist von einem gewissen Standpunkte ans zu'verstehen,wenn die Urarierso eifrig vigiliren,ob denn nichtder oder jener unter ihren Freunden und manchmal der laute, von Juden abstamme; sie glauben nicht an die Aufrichtigkeit des Uebertrittes und meinen, die Zugehörigkeit dieser Judenstämmlinge zu den Ariern sei vielfach auf eine Lüge oder auf eine Feigheit zurückzuführen. Selbstverständlich ist die Möglichkeit ganz ehrlicher Convertirungen — es ist fatal, daß dieses Wort auch in Fiuanzsachen gilt — nicht von der Hand zu weisen. Im Mittelalter galt zuweilen ein recht radicales Mittel, um unter den Neuchristen die Spreu vom Weizen zu sondern; man confiscirte das Vermögen jedes getauften Juden. Der vornehme Herr, dem die Judensteuer zu entrichten war, sagte sich: was nützt es mir, wenn die Seele gerettet wird, wenn ich mein Geld verliere. Ist aber derZlebertritt aus unehrlichen Motiven geschehen, warum sollten die Sünden der Väter nicht geahndet werben an Kindern und Kindeskindern bis in's dritte und vierte Geschlecht, warum sollte dem Gedächtniß der vergeßlichen Nachgeborenen nicht einigermaßen aufgeholfen werden! Es' ist beobachtet worden, daß auf den sonst so wohlgepflegten jüdischen Friedhöfen einer Großstadt einige Gräber sich finden, die zwar mit prächtigen Denkmälern geschmückt sind', die aber sonst sehr verwahrlost sind. Geht man dem Grunde dieser Vernachlässigung nach, so erfährt man, daß die Nachkommen Christen sind und aus Furcht, ihre Beziehungen zu jüdischen Familien aufzudecken, lieber die Grabstätten ihrer Vorfahren meiden und sie verkommen lassen. Es kann einer im Judenthum geboren sein und durch fein Nachdenken aus dem Kreise jüdischer Gedanken hinansgeführt worden sein; das ist bedauerlich, aber berechtigt ihn noch nicht, ein Bekenntniß auszusprechen, das gleichfalls seiner Seele fremd