Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 238 Vr. Vlortz's Wortzrnfchrifl Nr. 12 zu schreiten, die leichte Möglichkeit gegeben, sich der Pflicht der Zahlung einer Cultussteuer zu entziehen. Es ist dies ^auch vorgekommen. Von rund 90.000 jüdischen Bewohnern Berlins, von mehr als 16.000 steuerpflichtigen Mitgliedern der Cultusgemeinde haben im Laufe von 37« Jahren im Durchschnitte — acht per Jahr, also je einer auf elftausend jüdische Bewohner Berlins, „wegen religiöser Bedenken" ihren Austritt aus der jüdischen Cultusgemeinde erklärt, und es ist wohl anzunehmen, daß bei Einigen, vielleicht sogar bei der Mehrzahl unter jenen acht das Motiv ihres Austrittes weniger in den vorgeschützten „religiösen Bedenken", als in der ihnen zur Zahlung auferlegten Cultussteuer gefunden werden dürfte. Wir wollen auch noch beifügen, daß die Jahres-Rechnungsabschlüsse der Berliner jüdischen Gemeinde bedeutende Activüberschüsse ausweiseu. Und nun in Wien? Das Maximum der Cultussteuer ist mit 3000 Gulden statutenmäßig festgesetzt, und wir können mit aller Ruhe behaupten, daß unter den 14.000 Wiener jüdischen Cultussteuer - Contribuenten nur sehr wenige sein dürften, welche in Berlin nicht zu einer bedeutend höheren Cultussteuer herangezogen würden. In den nächsten Tagen dürste der bereits fertiggestellte Rechnungsabschluß der Wiener Cultusgemeinde für das Jahr 1896 öffentlich aufgelegt werden. Wir werden dann Gelegenheit haben, denselben einer Besprechung zu unterziehen; wir können aber schon heute mittheilen, daß, wie seit Jahren, so auch im abgelaufenen Jahre sich ein bedeutendes Gebahrungsdeficit ergeben hat, und daß die Vermögensbilanz eine passive ist. Die Berliner jüdische Gemeinde mit ihren 90.000 Angehörigen liefert einen jährlichen Cultussteuerertrag von nahezu einer Million Mark, die Wiener israelitische Cultusgemeinde mit ihren 133.000 Angehörigen soll nunmehr auf einen Cultussteuerertrag von jährlich etwa 330.000 fl. gebracht werden. Kanu man da noch die Frage aufwerfen: Wozu? Damit eben das sich seit Jahren fortschleppende Gebahrungsdeficit beseitigt und die Gemeinde endlich in die Lage gesetzt werde, den dringenden Bedürfnissen, den berechtigten Anforderungen ihrer Angehörigen nur einigermaßen nachzukommen. Wir überlassen es nun unseren Wiener Gemeindeangehörigen, unseren Glaubens- und Stammesbrüdern, die entsprechenden Folgerungen aus dieser Darlegung zu ziehen. ^näU6U8 Vi6NU6U8i8. Eine Flankenbewegung nach recht«*). Die Zahl der jüdischen Hochschüler an den österreichischen Universitäten ist in Abnahme begriffen. Von 2085 im Wintersemester 1884 85 ist die Zahl der jüdischen Hochschüler auf 1875 im Jahre 1892/93 gesunken. Diese Abnahme von 5 9 Percent zeigt deutlich, daß die Juden sich von der wissenschaftlichen Laufbahn zurückziehen und sich anderen Berufszweigen zuwenden, auf welchen man auch ohne Taufscheine fortkommen kann. Als ein Ergebniß der unablässigen Vorwürfe, daß wir Juden uns nur solchen Berufen zuwenden, die keine große Kraftentfaltung erfordern, und als Resultat der systematisch betriebenen Ausschließung der Juden von den besser dotirten Aemtern des Staates, ist dieses Zurückströmen zwar sehr begreiflich, aber vom Standpunkte und im Interesse des Judenthums kann eine solche Flankenbewegung nicht tief genug bedauert werden. Man hätte es schon längst aufgeben sollen, gegen die bodenlose Medertracht antijüdischer Geistesblindheit mit dem Lichte der Vernunft zu kämpfen. Nicht, daß der Jude dies oder jenes ist, daß er überhaupt ist, wird ihm da als Sünde vorge- Z Diese Arbeit ist ein Thril dcs im Laufe dieses Jahres erscheinenden Buches „Jüdische Zeit- und Streitfragen" von Rabbiner Dr. Goldschmied in Mißlitz. worfen. Wir müßten daher, um uns die Gunst dieser Herren zu erringen, zu sein aufhören, dann wäre es auch mit ihrer Größe bald zu Ende. Nun kann aber das Judenthum nicht — auch den Herren Wiens zuliebe nicht — seine Existenz aufgeben, es darf daher auch nicht eine seiner Hauptadern unterbinden, sonst verkümmert ein Theil Israels, der unter allen der edelste ist und auf welchen wir in den uns bevorstehenden Kämpfen besonders angewiesen sind. Es ist dies die jüdische Intelligenz, die sich nach langer Zeit endlich wieder dem Judenthum zuwendet. Ob unsere Intelligenz ihr jüdisches Herz, das so lange verborgen lag, wieder entdeckt, ob sie, die auswärts verkannte, der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, reumüthig in den Schoß des Judenthums zurückkehrt, mag unerörtert bleiben. Die Thatsache, daß das Judenthum nunmehr über eine tüchtige Schaar akademisch gebildeter Leute zu verfügen hat, die ihm in seinen schweren Stunden rathend und helfend zur Seite stehen, beweist, daß die Intelligenz ein Kampfmittel ist, auf welches zu verzichten wir noch nicht stark genug sind. Trotz der zunehmenden Frequenz der Mittel- und Hochschulen von den Angehörigen anderer Confessionen geht doch ein bildungsfeindlicher Zug durch unsere Zeit, und — nebst anderen Gründen — dürfte dieser auch der oben verzeichneten Abnahme jüdischer Hochschüler zu Grunde liegen. Zu den vielen Schlagwörtern unserer Zeit gehört auch jenes von der Ueberhandnahme des geistigen Proletariats. Dieses Wort hat sich sogar in jüdischen Kreisen tief eingewurzelt, und ein jeder jüdischer Vater, dem man den Vorschlag macht, seinen Sohn einer wissenschaftlichen Laufbahn zuzuwenden, wird mit säuerlicher Miene das Allerweltswort vom geistigen Proletariat nachplappern. Ich gestehe es offen ein, daß ich gar wenige geistige Proletarier kennen lernte, hingegen lungert das beschäftigungslose arbeitende Proletariat in den Straßen der Vororte zu Tausenden herum. Hat sich Jemand der wissenschaftlichen Laufbahn zugewendet und besitzt er die für diese erforderliche geistige Begabung und Energie des Willens, dann wird er sich gewiß nicht in die dunklen Tiefen des geistigen Proletariats hinabdrücken lassen, er wird vielmehr auf der freundlichen Oberfläche der „Bourgeosie" verweilen. Eine höhere geistige-Begabung und ein zäher, fester Wille gehörten aber seit jeher zu den charakteristischen Merkmalen des Judenthums. Ohne sie hätte es in dem schweren Kampfe, den es nunmehr seit Jahrtausenden führt, längst unterliegen müssen. Nur durch die Macht der Stinnne hat es sich erhalten können, die Benützung der Hände hat ihm der Urvater auf seinen langen Leidensweg nicht mitgegeben. Dies ist aber keine zärtlich thuende Sentimentalität und auch kein Urtheil, das den Juden die manuelle Fertigkeit und die Fähigkeit zu Handwerken abspricht. Es ist ein bloßes Constatiren historischer Thatsachen, welche durch sämmtliche Vereine, die die Förderung der Handwerke unter den Juden bezwecken, nicht erschüttert werden können. Der Jude war und bleibt Kat exoedev ein lernendes Volk. Als solches hat es sich seit jeher bewiesen, im Alterthume sowohl, als auch im Mittelalter, in welchem es den Verkehr zwischen zwei einander fremd gegenüberstehenden Weltanschauungen, der semitischen und griechischen, vermittelt hat. Als solches hat es sich bewährt, indem es das Studium — wenn auch nur das seiner eigenen Lehre — zur Pflicht des ganzen Volkes gemacht hat, so daß es kein Monopol der Wissenschaften duldete. Und dieser Zug war es, der, vielleicht unbewußt, die Juden am Morgen nach der bürgerlichen Gleichberechtigung der wissenschaftlichen Laufbahn zusührte. Als ein lernendes Volk wußten sie die Segnungen der Cultur zu schätzen, sobald sich diese ihnen eröffnet hatten. Es war nicht die Affenliebe jüdischer Eltern, die ihre Kinder eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen ließ, sondern die durch und durch praktische Erkenntniß, daß auch die Schlachten der Menschheit nicht durch die Menge der Kämpfenden, sondern durch die geistige Ueberlegenheit der Führer entschieden werden. Und da wollten die jüdischen Eltern ihre. Kinder nicht zu gemeinem Kanonenfutter, sondern zu befehligenden Führern erziehen. Ist dies eine Eitelkeit, so hat sie wenigstens edle Triebfedern. Ist dies ein Fehler, so ist er vielleicht leichter zu entschuldigen als jener andere, der aus blinder Furcht vor dem Gespenst des geistigen Proletariats sich von dem Gebiete der Intelligenz feige zurückzieht. Die jüdische Jugend hat noch'nie das geistige Proletariat vergrößert, ihr praktischer, Sinn, ihr angeborener Eifer, und ihr ernstes, mannhaftes Streben hat sie vor diesem Fehltritte bewahrt. Von dieser Seite droht also keine