Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 228 Vr. VLortz's Wochrnschrist. Rr. 11 Marienbad, 3. März. Bis vor ganz kurzer Zeit hat das Prämonstratenserstist Tepl nicht nur christlich-sociale Tendenzen nicht favorisirt, sondern es gab auch Aebte, die liberalen Anschauungen huldigten, wie P. Liebsch, der seinerzeit sich der liberalen Partei im Herrenhaus anschloß. Erst in letzter Zeit fanden.hier Bereinsgründungen statt, die deutlich bewiesen, daß sich die politische Richtung bei den Prämonstratenserpriestern, den Besitzern der Quellen und Bäder Marienbads, bedeutend geändert hat. Zuerst wurde ein Cäcilien-Verein gegründet, dem, als aus rein kirchlichem Boden stehend, auch liberale Elemente ohne Bedenken beitreten konnten. Bald darauf aber folgte die Gründung einer Ortsgruppe des „Katholischen Schulvereines" und eines katholischen Gesellenvereines. Die Gründung dieser Vereine war nur die Vorbereitung einer heftigen Agitation für die Wahl in die V. Curie. Die liberale Stadtvertretung, die im Interesse des Curortes den Prämonstatenserpriestern, soweit es nur irgend möglich war, cntgegeukam, entschloß sich erst ganz kurz vor den Wahlen, eine Gegenagitation einzuleiten, und veröffentlichte folgenden Ausruf: Mitbürger! Niemals haben heftige politische Agitationen und Umtriebe in unserer Idylle Uneinigkeit und Zwist unter uns Mitbürgern hervorgerufen, und Marienbad stand bisher aus dem für einen Weltcurorr einzig richtigen Standpunkte, daß der Curortkein Boden sei für hohe Politik, insbesondere nicht für eine solche, die eine große Elaste von Mitbürgern bekämpft. Auch diesmal wollten wir ruhig und gemäßigt zur Wahlurne schreiten. Allein die in jüngster Zeit stattgefundenen agitatorischen Versammlungen, die heftigen Agitationen, die bei Männern und Frauen eingeleitet wurden, die Berufung und Aufstellung eines Candidaten für die V. Curie, auf besten Fahne das sogenannte christlich-sociale Programm steht, das allerorten als ein Programm des Rückschrittes und des Antisenlilismus gilt: diese Umstände haben eineernste und großeGefahrüber unseren Curort heraufbeschworen! U rser schöner Curort, der durch die mühevolle Arbeit verdienstvoller Männer und durch langjähriges Wirken aller berufenen Factoren zu einem Weltrufe gelangt ist, läuft heute Gefahr, als antisemitischer Curort verschrieen zu werden! Mitbürger! Erwäget den Ern st dieser drohenden Gefahr, bedenket, was dies zu bedeuten hätte! Wir zählten in der letzten Saison ca. 17.000 Curgäste. davon find ein großer Theil Israeliten. Diese werden unseren Curort meiden, wenn Marienbad antisemitisch wählt! Unsere Saison ist sehr kurz! In wenigen Wochen müssen wilden Lebenslinterbalt für das ganze Jahr verdienen. Bon Tag zu Tag wächst die Einwohnerzahl des Ortes, es wach st dieConcurr e n z! Nur eine in dem gleichen Verhältnisse steigende Entwicklung der Frequenz kann für uns Alle einen ausreichenden Verdienst ermöglichen. Ein Sinken der Frequenz wäre ei «Unglück für alle Bewohner Marienbads; am härtesten undenipfindlichsten würden aber die kleinen Geschäfts- und Gewerbsleute betroffen werden! Leider treten schon unwiderleqbare Beweise an uns heran, daß bereits der Nus in die Ferne gedrungen i st. M a r i e n b a d sei r ü ck s ch r i t t i i ch q e s i n n t! Maßgebende Persönlichkeiten der Presse, und was für uns am empfindlichsten ist, m e d i c i n i s ch e A n r o r i t ä t e n, P r o f e s s o r e :: und Aerzte erkundigen sich bereits, ob es wahr sei, daß in Marienbad im antisemitischen und rückschrittlichen Sinne agitirt wird! Schon drohtman uns, inviesemFallekeine Patienten, weder Christel» noch Juden, nach Marienbad zu senden. Mitbürger! In dieser drohenden Gefahr wenden wir uns an Euch, avpelliren wir an Eueren gesunden Sinn! Lasset Euch n i ch t h i n r e i ß e n, E u e r e S t i m m e den Wahlmännern für den a n t i s e m i t i s ch e n u nd rückschrittlichen Candidaten zu geben! Bei dem gesunden Sinne der hiesigen Bevölkerung fiel auch die Wahl günstig für die fortschrittliche Partei aus, indem ihre sämmtlichen Wahlmäuuer mit Majorität durchdrangen. Die hiesigen Israeliten betheiligten sich fast vollzählig an der Wahl. Doppelter Dank gebührt dem Bürgermeister Dr. Herzig, der keine Mühe und Zeit schonte, um die dem Curorte schädlichen reactionären Tendenzen zu bekämpfen. Agram, 10. März. In Nr. 10 Ihres geschätzten Blattes vom 5. d. M. erschien ein Bericht aus V i r o v i t i c a in Slavonien aus der Feder Sr. Ehrwürden des Rabbiners Doctor Kaufmann, welcher in seinem Berichte Beweise liefern will, daß in Croatien kein Antisemitismus besteht. Herr Rabbiner Dr. Kaustnann in Virovitica scheint eben die croatischen Verhältnisse nicht genau zu kennen, da Se. Ehrwürden nur locale Verhältnisse in Slavonien bei der mehrsprachigen Bevölkerung (dort gibt es Deutsche, Ungarn, Böhmen, Croaten und Serben) im Auge hält, deren politische Auffassungsgabe immer eine gute und gesunde gewesen ist. Die Bevölkerung von Slavonien (hiezu gehören die Comitate Virovitica, Po/ega und Syrmien) ist arbeitsam und cultivirt und schließt sich dem Fortschritt enge an. Anders hingegen die Comitate Belovar, Agram, Warasdin, ModruZ-Fiume und Licka-Krbava. Bei seinem strebsamen Sinn für Fortschritt liegt dem Slavvnier Racen- oder Nationalitätenhaß ferne. Hier in Agram ist der Sitz und Herd der antisemitischen Clique, von hier aus werden die hetzenden Flugschriften ins Land versendet; an der Spitze der Agitation stehen die schon oft erwähnten Führer der clericalen Partei. Wer aber ist die Antisemitenpartei in Croatien? Die im Abnehmen begriffene clericale „Obzor- und David Starcsevicspartei, welche Se. Ehrwürden Dr. Kaufmann bereits in seinem Berichte charakterisirte. Dieser Partei muß von der Regierung der Garaus gemacht werden, da diese mit der Marke des Antisemitismus dem Lande die größten Unannehmlichkeiten bereitet und dem jüdischen Bürger in den Provinzstädten durch ihre verhetzenden Artikel Schaden zufügt. Es dürfte aber zu spät sein, wenn unsere Glaubensbrüder sich nicht aus ihrer Lethargie aufraffen! Wir haben Beweise genug an Wien und ganz Niederösterreich, wo unsere Glaubensbrüder dem im Aufflammen begriffenen Antisemitismus gegenüber die Hände in die Schooß legten, und jetzt, wo es zu spät ist, vergeblich bemüht sind, die Bewegung einzudämmen. So wird es dem croatischen Juden gehen und die Regierung von Croatien wird zu spät zur Einsicht gelangen, daß sie dem Treiben der clericalen Partei bei Zeiten hätte entgegentreten müssen. Der c r o a t i s ch e Bauer und sein Anhang ist nicht aus solchem Holze geschnitzt, wie der slavonische. welcher wohlhabender, liberal und geistig höher stehend ist. Eben bei der rohen Bevölkerung wird der Antisemitismus Wurzel fassen, und dazu tragen die „schwarzen Kuttenmänner" redlich bei, welche in ihren beiden Hetzblättern „Obzor" und „Katolicski list" täglich vehemente Artikeln gegen die Juden loslassen. Daß der Antisemitismus factisch bestell, erweist, daß. die Juden in den Comitaten Licka-Krbava und ModruZ-Fiume, mit Ausschluß der Städte Sluju, Ogulin, und die Dörfer Krujak, Baliscelo, Brginmost, welche alle in der Nähe von Karlstadt liegen, nicht existiren können; wagte es ein Jude, sich in einem dieser zwei Comitate ansäßig zu machen, so wird er bald wieder draußen sein. Entweder setzt er sich physischen Gefahren ans oder es wird ihm das Dach über den Kopfe angezündet. Selbst die Versicherungs-Gesellschaften mußten sich in Folge der vielen Brandlegungen aus diesen Comitaten zurückziehen. In Gospics, wo der Comitatssitz ist, hatte sich vor einigen Jahren eine jüdische Familie ansäßig gemacht, welche das Sodawassergeschäft einführte. Sie mußte aber bald die Stadt in Folge der Verhetzung der dortigen Bevölkerung durch einen gewissen Valentin Bank, Apotheker, verlassen. An dieser Action zur Vertreibung des Juden betheiligten sich die Freunde dieses Apothekers Vouk (derselbe hieß früher Wolf), welche zumeist aus Schullehrer und Gerichtsbeamten bestanden. Ich könnte hier noch viele solcher Beispiele anführen, muß es aber unterlassen, da es viel Raum in Anspruch nehmen würde, will aber Herrn Rabbiner Dr. Kaufmann noch fragen, ob Se. Excellenz der gewesene Cultuschef KrZnjavi kein Antisemit gewesen ist, der einerjüdischen Lehrerin nur dann eine Stelle geben wollte, wenn sich diese taufen ließ — und dies geschah im Jahre 1895. — Der Antisemitismus ist in Croatien vorhanden,wenn auch erst imAufdämmern begriffen; dies zu beurtheilen, ist nur Derjenige in der Lage, der seit vielen Jahren die cro atis ch e Provinz bereiste. Brüx, 2. März. Alljährlich, wenn unsere Humanitären Vereine, der israelitische Frauenverein und die israelitische Beerdigungsbrüderschaft, ihre Generalversammlungen abhalten, ist in unserer Gemeinde ein Festtag. So war es auch Heuer am 28. Februar. Zu dem den Versammlungen vorangegangenen Festgottesdienste fand sich auch die ganze Gemeinde ein und wir sahen den Tempel so gefüllt, wie wir es nur an den hohen Feiertagen gewöhnt sind. Kopf an Kopf stand die Menge und! lauschte den mit Virtuosität ausgeführten gesanglichen Vorträgen des Obercantors Lamm und des Chorvereines. In tiefer