Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 11 Vr. Vloch's WochenlchrM Seite 227 bereits 160 Mitglieder gewonnen worden und seien schon über 3700 fl. für den Bau gezeichnet worden. Die Freiherrn Albert und Nathaniel von Rothschild bewiesen die edlen Intentionen ihrer Familie dadurch, daß sie vorderhand den Betrag von 10.000 fl. zeichneten, die Synagoge als die von ihnen zu besuchende bezeichneten und versprachen, die Jdee des Synagogenbaues in jeder Hinsichtzu fördern. Die He-reu Gebrüder R. v. G u t m a n n widmeten 2000 fl., die fremden Wohlthüter Herr Heinrich L e w y aus Warschau, der sich nur vorübergehend in Wien aufhält, den gleichen Betrag, Herr Dr. Rapoport von Porada 5OO fl. u. A. m. Der Umstand, daß das Interesse weiter Kreise unserer Glaubensgenossen wachgerufen ist, die Thätigkeit des eingesetzten großen Actionscomites, eine Lotterie, Bausteine u. s. w. berechtigen zu der Hoffnung, daß der Plan zur Wirklichkeit werde, daß ein schönes, was Bau und Gottesdienst anbelangt, würdiges Gotteshaus erstehe, damit unsere Glaubensgenossen an hohen Festtagen nicht in Localen beten müssen, die sonst profansten Zwecken dienen. Aber auch ein patriotisches Werk wollte die Judenschaft Wiens stiften. Wir Inden sind unserem erhabenen Kaiser viel Dank schuldig. Unter seiner glorreichen Regierung ist die völlige Emancipation der Inden aus der Nacht der Unfreiheit zur That geworden, die Freizügigkeit, der Zutritt der Juden zu allen Aemtern und Berufen staatsgrundgesetzlich gewährleistet worden. Vom Throne aus verkündet er stets, daß alle Confessioneu seinem Herzen gleich nahe stehen. Seine erhabene Person sei auch die Hoffnung, daß die jetzige traurige Bewegung des Antisemitismus uns keine allzu tiefen Wunden schlagen wird. Aus diesen Gründen wollen die dankbaren Juden den Namen des geliebten Herrschers mit dem Gotteshanse verbinden und dem Tempel den Namen I u b i l ä u m s s y n a g o g e beilegen. Es sei der Wunsch den Grundstein zu der Synagoge an dem 50jährigen Jnbiläumstage des Regierungsantrittes Sr. Majestät zu legen. Hierauf erstattete der erste Obmannstellvertreter Herr Architekt Wilhelm Fränkel an der Hand von Zeichnungen und Plänen den Bericht über den Jdealplan des Gotteshauses. Als Stil wurde mit Vermeidung des gothischen der romanische mit einer Variante angenommen. Das Gebäude solle, frei nach allen Seiten, von kleinen Gartenanlagen umgeben, im modernster Weife gebaut sein und nichts solle verabsäumt werden, was Schönheit, Kunstsinn, Hygiene und Bequemlichkeit erfordere. Dem Bortrage folgte lebhafter Beifall. Die Platzfrage ist noch nicht erledigt, es ist jedoch in den nächsten Tagen eine Entscheidung zu gewärtigen. Hierauf wurden Ergänzungswahlen vorgenommen, und wurden zu Vorständen gewählt die Herren Director Moriz G a l l i a, Banquier Robert R e i t l e r, Möbelhändler Jacob Fischer und Kaufmann Leopold L ö w y; zum Revisor Herr Fürth. Herr Architekt Fleischer als Vertreter der israelitischen Cultnsgemeinde versicherte den Verein der Sympathien des Vorstandes und erklärte, daß derselbe den Bau in jeder Weise fördern werde. Nachdem noch aus der Mitte der Mitglieder dem Vorstande, insbesondere dem ungemein thätigen Präsidenten Herrn Redacteur Lichtblau der Dank für die ersprießliche Thätigkeit ausgesprochen wurde, schloß der Präsident die schöne Versammlung, worauf noch ein großer Theil der Teilnehmer in freiem Gedankenaustausche bis in die späte Abendstunde beisammenblieb. Wien. (Verband der israelitifchenReligio n s l e h r e r a u d en ö st er r e i ch i s ch e u M itte lschulen.) Der Ausschuß dieses Verbandes erhielt zu Händen des Obmannes Dr. A. Weiß nachstehendes Schreiben vom Vorstande der Wiener Cultusgemeiude: „Aus Ihrer geschätzten Zuschrift vom 7. Jänner 1897 haben wir mit Vergnügen entnommen, daß die israelitischen Religionslehrer an den 'österreichischen Mittelschulen sich zu einem Verbände constituirt und bewährte Männer in den Ausschuß desselben berufen haben, von deren Wirken wir uns die besten Erfolge sowohl für den Lehrerstand, wie nicht minder für den Religionsunterricht selbst erhoffen dürfen. Indem wir den Bestrebungen des Verbandes die größten Sympathien entgegenbringen, werden wir nicht ermangeln, die gerechten Wünsche desselben jederzeit nach Kräften zu fördern. In vorzüglicher Hochachtung Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeiude: H. K l i n g e r m. p. Dr. Gustav Kohu m. p. Dr. Lieben, Secretär m. p." Jüdische akademische Lesehalle. Der 6. März war einer der Glanzabende dieses akademischen Vereines. In einem bis auf das letzte Plätzchen gefüllten Saale hielt Docent Dr. Kellner einen Vortrag über Lord Beaconsffeld. Er beschrieb zunächst die Jugendzeit des berühmten Staatsmannes, seine Erziehung, die in jeder Weise darauf bedacht war, ihm vom Judenthume, das seine Eltern abgeschworen hatten, völlig abzulenken und schilderte dann seine Carriere und sein politisches Wirken in ungemein fesselnder Weise. Unter zunehmender Spannung der Zuhörer ging der Vortragende sodann aus die Stellung Beaconsfield's zum Judenthume über und entwickelte dabei sehr bemerkenswerthe Ansichten. Er zeigte, wie Beaconsfield den doch seine ganze Vergangenheit zu einer feindlichen Haltung gegen die Juden drängte, gerade in seinem größten Glanze als warmer Freund seiner Stammesbrüder auftrat und wie er, der Abgefalleue, sich begeistert für die Wiederherstellung des Judenthums auf eigenem Boden in seiner alten Herrlichkeit, wie aus seinen Werken immer wieder dieser Gedanke hervorleuchte, und wie auch in der Politik, die er als Ministerpräsident Englands betrieb, ein leitendes Motiv die Liebe zu seinem Volke war, durfte er dies auch nicht offen bekennen. Und so, fügte der Vortragende hinzu, ist uns Beaconsfield ein deutliches Beispiel dafür, daß kein Jude sich befreien kann von den Traditionen seiner Ahnen und daß ihn auch dann noch unzerreißbare Bande an sein Volk fesseln, wenn er es äußerlich versucht hat, sich von ihm loszusagen. Schon früher hatte den Vortragenden an mehreren Stellen lauter Beifall unterbrochen, bei diesen Worten brauste aber ein jubelnder Sturm der Begeisterung durch den Saal, so daß der Vortragende auf kurze Zeit seine Worte unterbrechen mußte. Nachdem Dr. K e l l n e r noch mehrere Stellen aus Beaconsfield's Werken citirt hatte, die beweisen, wie wahr die frühere Würdigung dieses Mannes war, endete jener denkwürdige Abend, der wieder gezeigt hat, daß die „Jüdische akademische Lesehalle" eine Hochburg jüdischer Gesinnung ist in den Drangsalen unserer Zeit. Mähr-Oftrau. Am 7. März d. I. hielt der Jüdische Verein eine zahlreich besuchte Versammlung ab, auf deren Tagesordnung der Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. Groß aus Lundeuburg „Das Judenthum und feine Zukunft" stand. Der Redner, welcher vom Obmanne des Vereines, Dr. Hilf, begrüßt und eingeführt wurde, entwarf in feinem fesselnden Vortrage die Entwicklung der jüdischen Moral und Ethik im Gegensätze zur Moral und Ethik der alten Völker, er zeigte, wie das Judenthum dem Christenthum zum Aufbau seiner Moral Bausteine lieferte, er wies nach, daß diese Moral auch in unseren trüben Zeiten immer mehr zur Geltung gelange, und wir daher um die Zukunft des Judenthums nicht besorgt sein sollen. Reichlicher Beifall wurde dem Redner für seine geistreichen Ausführungen gespendet. Im Namen des Vorstandes des Jüdische:! Vereines und der Zuhörer dankte Rabbiner Dr. S p i r a als Obmannstellvertreter für den gedankenreichen, formvollendeten Vortrag. Kuttenberg. Von Herrn Emil H aäe k. Hotelier „zum schwarzen Roß" in Kuttenberg erhält die „Oesterr. Wochenschrift" die Mittheilung, daß der jungczechische Wahlaufruf mit den Ausfällen gegen die Juden ohne sein Wissen mit seinem Namen versehen worden. Er wurde auch ohne sein Znthun, lediglich als Vorsteher der Gastwirthegenossenschaft zum Wahlmanne ausgestellt. Uebrigens haben zahlreiche Inden für die jungczechische Wählerliste gestimmt, so unter Anderen Se. Ehrwürden Herr Rabbiner' Ä b e l l e s, die jüdischen Geschäftsleute Nathan Mu nk, A. Munk, W o ti c ky, K o r e c, Gr ün t h a l :c. Trotz jenes Wahlaufrufes ist es kein Verbrechen, sür die jnngczechische Liste zu stimmen. Karlsbad. Die hiesige Reichsrathswahl für die 5. Curie hat eine Verstimmung zurückgelassen. Die Beteiligung in der Stadt war in Anbetracht der umfassenden Agitation der socialdemokratischen Partei keine allzu starke. Von 2820 Wählern sind 1366 an der Wahlurne erschienen. Die socialdemokratischen Wahlmäuner erhielten circa 811 bis 825 Stimmen und erschienen somit als gewählt. Die jüdischen Wähler haben selbstverständlich für die Socialdemokraten gestimmt, was in deutschfortschrittlicheu Kreisen vielfach Mißmuth erregt hat und der Unwille zeigte sich in einzelnen Flugzetteln, welche in Umlauf gebrachr wurden. Indessen ist es klar, daß wir nicht anders haben handeln können.