Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Vloch's Wochrnfchrist Sette 225 Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Willkürherrfchaft im Stadtrath. Der Stadtrath hat zwar bisher keine Gelegenheit versäumt, um zu zeigen, daß seine verheißene Objectivität nichts als die Verhöhnung jeglicher Gerechtigkeit sei, aber am brutalsten verräth sich diese Gesinnung bei den neuesten Lehrerbesetzungen. Das „christlichsociale" Gerechtigkeitsgefühl hat es zugelassen, daß sich, unbekümmert um die Qualification der Schulinspectoren und die Vorschläge der Ortsschulrätbe, kein einziger Lehrer und k e i n e e i n z i g e L e h r e r i n israelitischer C o n f e s s i o n unter den Ernannten befindet. Diese Art der Rechtsgleichstellung seitens des jetzigen Regimes, dem weder Wissen, noch Gewissen zur Richtschnur dient, befremdet übrigens nicht mehr. Es würde sicherlich viel mehr Staunen hervorgerusen haben, wenn der Stadtrath wirklich den Principien der Gerechtigkeit gemäß vorgegangen wäre. Was aber auch in christlichen Lehrerkreisen Unwillen hervorgerufen, das ist das brutale Belieben, mit dem man bei den jüngsten Besetzungen ohne jegliche Rücksichtnahme auf Dienstalter und Qualification vorgegangen. Unter dem liberalen System hatte ein eigenes Besetzungscomitk des Stadtrathes die Ausgabe, alle die einschlägigen Verhältnisse aus das Sorgsamste zu prüfen und auf das Gewissenhafteste zu sichten. Selbst zur Zeit des Interregnums wurden die Besetznngsvorschäge eingehend von Dr. Bögler und Dr. K n p k a in Erwägung gezogen. Als Dr. Knpt'a, dessen „christlichsociale" Allüren sein Billigkeitsgesühl nicht ganz erstickt, die Stadtrathsstelle mit dem Amte eines Landesansschusses vertauschte, übernahm Herr P u r s ch t das Referat für die Lehrerbesetzungen. Scrnpellos und durch Wissen nicht im Geringsten entweiht, ist er so recht nach dem Sinne der Clericalen der Schulvogt im Stadtrathe, wie Dr. G e ß m a n u im Landtage. Ein edles Berpflegungswerk. In inn Schulen der Alliance gab es bisher eine große Lücke. Eine Frau, deren Seelengröße, Intelligenz und Großherzigkeit weitgehende Spuren der Wohlthätigkeit hinterlassen werden, hatte die rührende Idee, diese Lücke auszufüllen. Die Frau Baronin Hirsch hat dem Centralcomits eine bedeutende Subvention zur Verfügung gestellt, um den ärmeren Zöglingen der A l l i a n c e-S ch u l e n eine warme Mahlzeit zu liefern. Man kann sich schwer eine Vorstellung machen von dem furchtbaren Elend, welches die Israeliten des Orients und N orda s r i k a s erdulden. Um etwas Aehnliches zu finden, muß man nach Rußland oder Galizien gehen, inmitten jener furchtbaren Ansammlungen von Juden, wo die Armuth schrecklich, sozusagen allgemein ist. Die Unruhen der letzten Monate haben die bereits sehr traurige Lage noch verschlimmert. In Marocco hoben schlechte Ernten eine plötzliche und bisher unbekannte Theuerung herbeigeführt. Von allen Seiten erhielt das Centralcomitß Klageberichte über die Entbehrungen, denen die armen Schulkinder ausgesetzt sind. Viele von ihnen mußten sich zur Mittagszeit mit einer harten Brodkruste begnügen, einige sogar hatten gar nichts zu essen! Alljährlich hat das Centralcomittz eine bestimmte Summe auf seinem Budget, die zur Anschaffung von Kleidungsstücken für die ärmeren Kinder bestimmt ist und welche unter die meist bevölkertsten Schulen vertheilt wird; aber was läßt sich in dieser Hinsicht vornehmen bei einem Credit von 4- oder 5000 Francs? Die Geschicklichkeit und Hingabe einiger Directoren hat nun freilich die UuterstüHung von Außen nicht abgewartet, um cs zu versuchen, an Ort und Stelle ein Ernährungswerk zu gründen. Unter diesen Lehrern, die sich sozusagen als die moralischen Eltern ihrer Zöglinge ansehen, muß man vor Allem die hervorragende Leiterin der Mädchenschule zu A d r i a n o p e l, Frl. Ungar, sowie Frau N a b o n und Herrn Fresc o, die Leiter der Schulen zu Constantinopel-Haskeuy nennen. In anderen Schulen, namentlich in Constantinopel-Galata und Ortakeuy haben sich Damenvereine gebildet, auch solche von ehemaligen Schülerinnen, um den ärmeren Kindern Nahrung und Kleidung zu schaffen. Frau Leon zu Paris hat ihrerseits die Kosten einer Mahlzeit für eine Anzahl Kinder in zwei anderen Schulen der Alliance in C o nstantinopel auf sich genommen. Alle diese Bemühungen verdienen die größte Dankbarkeit und dürfen nicht mit Stillschweigen übergangen werden, selbst angesichts der großartigen Gründung der Baronin Hirsch. Uebrigens finden dieselben noch immer ihre Verwendung. und das Centralcomitß beabsichtigt dasjenige, was eigene Initiative und Großherzigkeit in dieser Richtung geschaffen, zu erhalten und zu befestigen. ' Schließlich muß man noch die Knabenschule von Tunis hervorheben, woselbst nahezu 300 arme Kinder täglich eine warme Mahlzeit erhalten. Die großen Kosten dieses Wertes werden zum Theil durch die normalen Einnahmen der Schule, zum Theil durch freiwillige Gaben und wöchentliche Sammlungen bestritten. Die Frau Baronin Hirsch hat diese großmülhige Sitte verallgemeinern wollen, um den größten Theil der ärmeren Schuljugend daran Theil nehmen zu lassen. Infolge einer Nachfrage hat sich die Verwaltung davon überzeugt, daß für die geringe Summe von 10 Centimes es möglich sein würde, eine gute Brühsuppe oder ein kräftiges Gemüse mit großem Brodstücke zu liefern. Schon von jetzt ab nehmen 1300 Kinder Theil an diesem Werke der Menschenliebe und physischen Regeneration. Man vermag kaum oen Enthusiasmus und das Glück zu beschreiben. die diese gute Nachricht bei den Directoren, den Schülern und auch bei den meisten Gemeinden hervorgerusen. Unter den Briefen, die der Baronin Hirsch von allen Seiten zugegangen sind, geben einige in erhebenden, bis zu Thränen rührenden Worten die Dankbarkeit der armen Kleinen wieder, die sich vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben satt essen dursten. In mehreren Gemeinden suchte man eine Ehre darin, den edlen Gedanken der Wohlthäterin durch Thaten zu beantworten; man hat sich bemüht, an Ort und Stelle Mittel auszutreiben, um die Zahl der kleinen Pensionäre zu vergrößern, oder das Menu zu verbessern; es erboten sich Damen, die Küche besorgen zu wollen, um die Kosten zu sparen, anderwärts liefern sie täglich eine gewisse Menge Fleisch; der Eifer ist ein allgemeiner, und dieser Erfolg gewährt der Frau Baronin Hirsch große Befriedigung. Die Directoren ihrerseits sehen einen ihrer sehnlichsten Wünsche erfüllt; sie sehen sich in ihrer so schweren Ausgabe unterstützt, und sie werden Alles daran setzen, ein so unendlich wohltbätioes Werk zu unterstützen. Die Deutschnationalen und die Christlich-Socialen. In der .Ostdeutschen Rundschau vom 8. März lesen wir unter dem Schlagwvrte: Kremser Sens. Ein Senfpflaster billigster Gattung wird der christlich-socialen Partei von der Faschingslanne der Kremser Bürgersöhne aufgelegt. In der von diesen gelegentlich einer Faschingsunterhaltung herausgegebenen „Kremser Senszeitung" findet sich folgende hübsche Widmung: Herrn Bergan». Das „Deutsche Bolksblan" hat beliebt. Zu sagen, daß es Nägel gibt, Die man in P ö l l a eingeschlagen, Bestimmt, der Führer zwei zu tragen, Wir melden nun dem Herrn V e r g a n i, Daß nicht in P ö l l a mir allani, Daß auch in Krems, der schönen Stadt Man einen großen Nagel hat! Hält' nun B e r g a n i das Verlangen, An diesem Nagel frei zu hangen — Wir würden sicher Sorge tragen, Daß er r e ch t fest werd' eingeschlagen. Ahlwardt. Berlin, 28. Februar. Man sagt unserer Zeit oft nach, daß ihr der Sinn für gesunden Humor abhanden gekommen sei. Mit Unrecht, wie folgende Mittheilung, welche wir der „Vossischen Zeitung" entnehmen, beweist: Der Polizeipräsident von New-Uork, Herr Theodor Roosvelt. hielt bei der kürzlich erfolgten Eröffnung des »Hebrew Technical Institute«, wobei er als Regierungs-Vertreter anwesend war. eine Rede, worin er auch auf A h l w a r d t's Aufenthalt in Amerika zu sprechen kam. „Als Ahlwardt seine Agitation in New-Nork beginnen wollte", so erzählte der Polizeipräsident wörtlich, „kamen hier ansässige Juden zu mir und richteten an mich das Ersuchen, sein Auftreten zu verbieten. Ich sagte den Leuten, daß nach unseren Gesetzen aus jeder öffentlichen Plattform der Christ den Juden und der Jude den Christen verlästern kann, wenn er dadurch nur keinen Ausruhr verursacht. Ich verabscheue Beides. Nachdem mich die Bittsteller verlassen hatten, erdachte ich einen Plan, der nach meiner Meinung viel wirkungsvoller sein mußte, als Ahlwardt das Reden zu verbieten. Und was habe ich gethan? Ich sandte dem Mann, so oft er sprach, eine Leibgarde von vierzig jüdischen Polizisten nach der Versammlung, die, treu ihrer Psticht, Ahlwardt, wo es nöthig war, ausreichenden Schutz angedeihen ließen. Und der große Antisemit weiß noch bis heute nich't. daß die Beschützer, die den Mob von ihm abwehrten und mehr als einmal seinen Rückzug aus der Halle deckten, ausschließlich I den waren." Herr Ahlwardt. vor den lvohlverdienten Hieben seiner Bewunderer durch eine jüdische Leibgarde geschützt — diesem Bilde ist in der Geschichte des Grotesk-Komischen ein großes Folioblatt gesichert. Talmud und Schulchan-Arnch im Gerichtssaale. München, 4. März. Am vergangenen Donnerstag sand vor dem Amtsgericht München 1 eine Verhandlung gegen den bekannten Anttsemitenführer Ludwig W e n g g wegen groben