Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 824 Vr. Vloch's WochrnkchrM. Nr. 11 Es ist mehr die Berührung mit dem Leben des Ideal-Hebräers als seine Theologie, aus der die stärkste Geistescultur im Christenthum entsprungen ist. Es ist hier eine Art persönlicher Vertrautheit mit einem Manne emporgewachsen, der mit Gott lebte und den das Christenthum als das leuchtendste Beispiel für die Menschheit betrachtet, für die Entwicklungsfähigkeit eines Lebens in Gott. Vom jüdischen Gesichtspunkte, der eine solche von mir vorgeschlagene Propaganda an den Tag legen würde, würde dem Werth des Beispiels dieses Ideal-Hebräers nicht Abbruch sondern eine Steigerung zutheil werden. Die Immanenz Gottes in der Menschenseele, vom Christenthum durch das Werkzeug der Mittelschaft centralisirt, würde in ihrer ganzen Stärke ohne Mittelschaft sich vorhanden zeigen. Das wäre eine neue Heilsbotschaft für die Christen. Sie würden dem ewigen Vater nicht mehr durch Adoption, sondern durch Naturverwandtschaft und echte Kindschaft wieder befreundet werden. Die vermeintliche Schranke zwischen Gott und seinen Geschöpfen würde unter der von Israel stets besessenen, volleren Offenbarung, daß in der Natur Gottes kein Zwiespalt zwischen seinen Attributen der Gerechtigkeit und Gnade, zwischen Recht und Liebe vorhanden ist, verschwinden. Sie würden aus den Eingebungen und der Ueberlieferung des Judenthums ersehen, daß die furchtbare Idee des Sündenfalles ein frommes Mißverständniß war, emporgewachsen aus einer unvollkommenen Erkenntniß Gottes: gerade wie in älteren Zeiten der Patriarch eine unvollkommene Vorstellung hatte von Gottes Gerechtigkeit, wenn er glaubte, daß die Hinschlachtuna seines Sohnes verlangt wurde, und seine Vorstellung erhabener wurde, als ihm offenbart worden war, daß eine solche Handlung nicht gewünscht wurde. Die Auffassung der göttlichen Natur ist notwendiger Weise in dem Maße, als der menschliche Geist fortschreitet, einer Erhebung zu volleren und edleren Idealen fähig. Die Gebete der mittelalterlichen Rabbinen waren nicht weniger kräftig als die der älteren Psalmendichter, aber sie waren frei von mancherlei Ideen, durch die einige Stellen in den alten Psalmen verunstaltet werden. Änthropomorphische Redeffguren in Bezug auf das höchste Wesen sind allmälig aus der Andachtsliteratur verschwunden. Ihre Unangemessenheit wird in dem Maße .immer klarer, als unsere Ideen von der Gottheit sich erweitern. Der größte nichtjüdische unitarische Lehrer dieses Jahrhunderts sagte: „Wir ersetzen einen Gott mit einem „Throne" und einem „Fußschemel" und „einem Sitze zur Rechten und zur Linken" durch die lebendige Gegenwart eines universellen Geistes, der uns aus Allem entgegenblickt, was schön ist, und mit uns in Allem berathschlagt, was recht ist*). Hier ist volle religiöse Gleichheit zwischen dem geistigen Ideale des Juden und des Nichtjuden. Lohnt es nicht der Mühe, die Resultate eines Zusammentreffens zweier geistiger Strömungen, die aus einer und derselben Quelle immer so weit auseinander stoffen im Zeitenlaufe, bis sie endlich beim Ausgange dieses denkwürdigen Jahrhunderts streitender Glaubenssätze und fortschreitender Wissenschaften zusammenkamen, zu erörtern? Wäre es nicht ein offenbarer Gewinn für die Civilisation und für die Entwicklung der religiösen Ideen, wenn zwischen Christenthum und Judenthum ein Verbindungscanal direkten religiösen Verkehres vorhanden wäre? Christen, sogar der vorgeschrittenen unitarischen Richtung, war bisher das innere geistige Leben des Judenthums unbekannt. Ich habe vorgeschlagen, sie damit bekannt zu machen, und zwar in der Weise, daß einzelne unverdächtig der Synagoge ergebene Juden in englischer Sprache an Sonntagen Gottesdienste mit Vorträgen abhalten sollten, die zugleich den Außenstehenden den innersten Glauben Israels darzustellen hätten. *) Rev. James Martineau, Rede be' der Eröffnung des Manchester-College, Oxford 1893. Solche Gottesdienste könnten in der Synagoge selber oder in anderen Gebäuden, die zu diesem Zwecke gemiethet oder errichtet werden, stattfinden. Vereinigungen dieser Art von. Engländern nichtjüdischen Ursprunges sollen mit den jüdischen Einrichtungen dieses Landes in engste Verbindung gestellt werden, wenn sie von zweifellos im Vorhinein unabhängigen Personen gestiftet wurden. Jüdische Riten oder Gebräuche sollten von diesen gottesdienstlichen Stätten insoweit ausgeschlossen werden, als sie geeignet wären, den obersten Zweck dieser Bewegung, nämlich die Anpassung des jüdischen Glaubens bei Jenen, die nicht zum jüdischen Volke gehören, aufzuhalten. Im fünften Bande dieser Review habe ich bei einer solchen Propaganda auf die Nothwendigkeit verwiesen, jeden in den üblichen Merkmalen einer erzwungenen Sonderheit sich ausprägenden Formenzwang, wie das Bedeckthalten des Kopfes, Abgetrenntheit der Geschlechter, Enthaltung vom Knieen während des Betens, zu vermeiden. Der wesentliche Theil des jüdischen Gebetbuches jedoch wäre von Nutzen und im höchsten Grade von Nothwendigkeit. Nichts Besseres kann in die Liturgie ausgenommen werden, als die gewöhnliche Amida (das ist das Achtzehngebet) für alle Tage, denn durch nichts kann die Allgemeinheit des Jüdenthums besser gekennzeichnet werden, als durch dessen specifisches Morgen- und Abendgebet. Stücke wie diese bedürfen keiner Verbesserung. Dasselbe läßt sich von vielen in der Neujahrs- und Versöhnungstagliturgie vorkommenden Gebeten bemerken. Das Schema, nämlich die Verse des ersten Absatzes aus dem Deuteronomium, wäre absolut nothwendig, so wie es steht. Und diese Worte würden die einzige zu empfehlende Glaubensform bilden, indeß einzelne ausgewählte Stücke aus den „Hymnen der älteren und neueren Zeit" für den gottesdienstlichen Gesang von Nutzen wären. Denjenigen, die einen engeren Zusammenhang mit der Stammsynagoge wünschen, soll jede Erleichterung gewährt werden. Ich verwahre mich erschienen gegen jede praktische Unternehmung auf Einführung der jüdischen Religion bei Christen, die in einem der formulirten Bekenntnisse der Christenheit fußen. Ich will es klar verstanden wissen, daß meine Bemühungen dahin gerichtet sind, nur eine Lücke in der religiösen Welt auszufüllen, nicht aber irgend eine vorhandene religiöse Organisation, sie sei nnitarisch oder christlich, anzugreifen. Kein Jude möchte um eine Sache sich bemühen, deren Illoyalität und Unaufrichtigkeit ein Treubruch gegen die Religion und Race Israels wäre. Seitdem das Vorangehende uiedergeschrieben wurde' war ich in der günstigen Lage, die Rede, die mein Freund Mr. Claude G. M o n t e f i o r e im Manchester-College zu Oxford über „Unitarismus und Judenthum in ihren gegenseitigen Beziehungen" gehalten hat, zu hören und zu studiren. Die Einladung an einen Juden, vor einer Verbindung unitarischer Studenten der Theologie in ihrer Centralbildungsstätte zu Oxford zu sprechen, ist an sich ein verheißungsvolles Anzeichen der Möglichkeit, einen directen religiösen Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden zu schaffen. Doch wird eine eingehende Prüfung der weiter unten auf Seite 240 erscheinenden Ansprache weitere Belege für die Idee bieten, daß es Vereinigungspunkte gibt, die der Jude und Nichtjude noch auszubilden haben. Es würde den unmittelbaren Zweck dieser kurzen Vorrede überschreiten, wenn ich in das Gedankenfeld, das diese Rede aufschließt, näher einträte. Ich verweise auf sie blos als ein Zeichen des Principes, für das ich kämpfe, nämlich, daß die Zeit gekommen ist, wo in England und Amerika die Sache der religiösen Entwicklung einen Schritt weiter nach Vorwärts gebracht werden kann durch eine endliche Vereinigung des Theismus des Volkes Israels mit dem der Nichtjuden.