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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-12 · 11 (12.3.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11 Dr. Bloch » ZvochrnschrM. Seite 223 Zweitens ist die Thatsache unleugbar festgestellt, daß in breiten Massen von Engländern, namentlich der gebildeten Berufe,. Verlangen und Bedürfnis nach einer Religion gehegt wird, die zugleich monotheistisch ist und zugleich historisch. Ich habe an anderer Stelle gezeigt, daß Skepticismus und Agnosticismus nicht beständige Züge im englischen Charakter sind. Im gegenwärtigen Zeitpunkte erscheinen sie stark genug und sind weithin ansgebreitet nicht allein unter den denkenden Elasten, sondern sogar in noch ausgedehnterem Maße, unter den Halbgebildeten. Eine der Wirkungen der Zunahme und Ausbreitung des nationalen Elementarunterrichtes war die Lockerung gewisser Bande, die weite Bevölkerungsschichten theils an die gesetzlich festgestellte Nationalkirche, theils an die vielen nicht-confvrmfftischen Secten des Christenthums kniipften. Seit der Reformation übten die christlichen Dogmen immer in einer oder der anderen Weise auf die Masse der Engländer eine directe Macht aus. Wenn der sociale Idealismus des Neuen Testamentes eine Generation zuvor noch nicht so bekannt war, wie gegenwärtig, so war der theologische Glaube dafür umso festgewurzelter. In Gutem, wie in Bösem standen die Volkseinrichtungen unter dieser Machtsphäre. All' das geht einer Wandlung entgegen. Vieles hat sich schon geändert. Es ist eine bloße Flachheit, hiefür auf ein Ereigniß zu verweisen, das vor siebenundzwanzig Jahren Aufsehen erregte, als ein Mitarbeiter der „Essays and Reviews“ zum Bischof ernannt und einige Jahre später ebenderselbe Schriftsteller unter allgemeiner Zustimmung nach dem wichtigen Erzbisthum London versetzt wurde.*) Dies ist unreiner von den vielen typischen Fällen, die man als Beweis dafür anführen kann, daß nicht länger die das Christenthum vom Judeuthum hauptsächlich unterscheidenden Dogmen mit der früheren Zähigkeit von Jenen 'festgehalten werden, die man noch immer mit der Kirche Englands zu identificiren gewohnt ist. Der Unitarianismus, obwohl er im gewöhnlichen Sinne niemals populär wurde, hat in diesem Lande an Halt und Ausbreitung gewonnen. Die unabhängige theistische Bewegung Reverend Charles Voysey's ist weit über die vier Mauern, in denen er predigt, hinausgegangen. Gesellschaften für ethische Cnltur, abgelöst von Religionsverehrung, sind in noch jüngerer Zeit gebildet worden. Aber vom Unitarianismus, wie er von seinen jetzigen gottesdienstlichen Stätten bekannt ist,! und Mr. Voysey's Kirche und seinem weiteren Leserkreise (da seine allwöchentlichen Predigten in starker Auflage gedruckt und verbreitet werden) und jeder sonst bekannten Organisation abgesehen, gibt es zahlreiche Leute, die nicht Agnostiker oder Atheisten sind, aber von den formulirten Lehrsätzen des Christenthums sich entfremdet haben. Viele dieser Personen sind der religiösen Verfassung gemäß angelegt, ohne jedoch von dem inneren Glauben der Bekenntnisse dieser oder jener Secte des Christenthums mehr als das bei allen vorherrschende Gevräge zu kennen. Auf diese Personen, meine ich, sollen wir das Volk Israel, das innere geistige Leben des Judenthums einwirken zu lassen uns die Mühe geben. Ich habe zu diesem Vorschläge bemerken gehört, daß die Synagoge allen Besuchern offen steht und wir stets gewillt sind, sie hier willkommen zu heißen. Darauf ist die Antwort die folgende: Eine religiöse Organisation, sie möge Kirche oder Synagoge heißen, muß, wenn' sie neue Anhänger erwerben will, ihnen nicht die Freiheit der Gastfreundschaft, sondern die Herberge einer Heimat bieten. Wenn wir die Ideale der hebräischen Propheten zu Rathe ziehen, so finden wir ein solches getreu darin wiedergespiegelt. Der zweite Jesaias sagte von solchen Leuten: „Fürwahr! Diesen gebe *) Seitdem diese Worte geschrieben wurden, bemerkt man mit Vergnügen, daß derselbe Prälat, Dr. Temple, zum Primas ernannt wurde. Ein Mitarbeiter der »Essays and Reviews« ist so der Oberhirte der Kirche Non England geworden. Wer hätte beim Erscheinen jenes wichtigen Bandes eine solche Wandlnng in der religiösen öffentlichen Meinung voraussehen können? ich in meinem Hause und in meinen Mauern Besitz und einen Namen, der besser ist, als Söhne und Töchter." (56, 5.) Was immer von meinem Plane gesagt werden mag, man kann nicht behaupten, daß er dem Ideal jenes großen hebräischen Propheten zuwiderliefe. Ich könnte viele Seiten damit ausfüllen, wenn ich all' das citiren wollte, was Israels verehrteste Lehrer über diesen Gegenstand gesagt haben; aber es ist vor Allem nothwendig, daß die Juden selber sich vor Augen halten, daß ihre Liturgie von der Missionsidee durchtränkt und gesättigt ist. Es ist keine zu starke Annahme, wenn ich geltend mache, daß das sogenannte „orthodoxe" und „reformirte" Judeuthum eins sind in der Hochachtung, die sie im Punkte der Mission für die Lehren der jüdischen Propheten hegen. „Ihr seid meine Zeugen", dieser Satz kann keinen Sinn haben, wenn die Hoffnung auf die Ausbreitung der Wahrheiten, deren Zeugen wir sind, ausgeschlossen wird. Um nicht unnützer Weise, was ich in früheren Nummern dieser Review und ferner im „Jewish Chrvnicle" und in der „Fortnightly" geschrieben habe, zu wiederholen, begnüge ich mich jetzt mit einer Seite dieser Frage, die leicht mißdeutet wird. Es wurde mir nämlich von Einem oder Zweien, deren jüdische Treue nicht übertroffen werden kann, nahegelegt, daß eine derartige Bewegung die Wirkung Hervorbringen dürfte, bereits wankend gewordene Inden der Synagoge zu entziehen und der jüdisch-theistischen Kirche zuzutreiben, wo natürlich der Gottesdienst an Sonntagen und in englischer Sprache stattfände. Lehrreich bei dieser ganz naturgemäßen Beurtheilung ist der Umstand, daß damit nicht gesagt wird, diese Bewegung würde auch die standhaften Juden abziehen, nur die wankenden und halbgesinnten. Mit anderen Worten, einzelne Juden, die jetzt selten oder gar nicht in die Synagoge gehen, könnten angelockt werden, durch einen allwöchentlichen öffentlichen Gottesdienst, den Juden mit dem eingestandenen Zwecke, das Judenthum der Außenwelt zu lehren, leiten würden. Wenn nun zum ersten Male in ihrem Leben solche Personen jüdischer Geburt wiedererweckt werden für die Würde und Wirksamkeit des von ihnen sonst unbarmherzig vergessenen Glaubens, müßte ja klarer Weise die Rückwirkung auf die Synagoge eine günstige sein. Kein geborener Jude, der nur einen Funken religiösen Sinnes ererbt hat, genügend um ihn einer solcher gottesdienstlichen Stätte zuzuführen, wie ich sie audeutete, könnte sie verlassen, ohne im Glauben an die geistige Bestimmung seiner Race unaussprechliche Bereicherung zu erfahren. Wenn niemals früher, damals zum ersten Male in seinem Leben würde er Etwas von jenem erhabenen Wunder erfahren — der jüdischen Geschichte. Der standhafte Jude andererseits würde in der Ausbreitung seines Glaubens eine verstärkte Verpflichtung erblicken, dessen Reinheit fortzusetzen und solche Traditionen zu bewahren, die für diesen Zweck unumgänglich sind. Der vollherzige Jude braucht überhaupt vielleicht keinen Stimulus, denn in seiner eigenen Person, wie in der seiner Altvorderen, ist sein Glaube noch immer wie „ein Wunder für Viele". Aber auch der Keim jenes Glaubens, der hinausgetragen wird über den Bereich seiner Erbgüter, könnte niemals das Vertrauen auf Gott und auf die ewige Liebe unendlicher Gerechtigkeit, woraus der Glaube Anderer erstehen soll, abschwächen. Religion ist anders als Vieles ein Ding, das eher durch Keimlegung als durch Vorschriften bereitet wird. Gemeinsamkeit mit Gott, wie sie vom Judeuthum gelehrt wird, ist ein Erreichbares, das in der Zeitiguilg und Läuterung der allen Menschen gemeinsamen Fähigkeiten gesucht werden muß. Die Erziehung der Welt wie des Individuums hat einer Bemerkung des Bischof Temple zufolge drei Perioden: Gesetz, Beweis und Beispiel, als deren Typen er ungekünstelt bezeichnet die drei großen jüdischen Lehrer Moses, Jsaias und Jesus.

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