Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11 Br. Vlortz's WvchrnfttzrifL Seite 321 Diesen Erscheinungen gegenüber wollen uns die Socialpolitiker eine vornehm ablehnende akademische Haltung zumuthen. Ein Commis voyageur erzählte einst nach der Rückkehr von einer Reise von einem Abenteuer, das er eines Tages in der Wüste zu bestehen hatte. „Denken Sie sich nur", erzählt er „ich gehe eines Tages allein und unbewaffet in der Sahara spazieren, plötzlich kommt ein riesiger Löwe daher." — Was haben Sie denn da angefangen? fragt man ihn. „Aber ich bitt' Sie", entgegnet er, „das war doch sehr einfach, ich Hab' ihn i g n or i r t!" Nach dem Recept der Socialpolitiker sollen auch wir den antisemitischen Löwen, oder besser gesagt, die antisemit i s ch e n H y ä n e n i g n o r i r e it, b i e b t e Seiten unserer Eltern schmähe n und die auf dem Grabe unserer Gleichberechtigung nach B e u t e s u ch e n. Nicht von dem Belieben Unzufriedener darf es in einem Rechtsstaate abhängen, ob sie uns in unseren Rechten kränken wollen oder nicht, und wenn die Socialpolitiker uns sagen: wir sind ja für die Gleichberechtigung aller Confessionen und Nationalitäten und da sind die Inden auch darunter, so sage ich Ihnen hierauf, daß uns das nicht beruhigt. Alle Confessionen und Nationalitäten sind ja thatsächlich in Oesterreich gleichberechtigt nnt einziger und alleiniger Ausnahme der Juden, die sowohl wegen ihrer Nationalität als auch wegen ihrer Consession verfolgt werden, so daß ich angesichts der von Dr. Lueger ausgegegebenen Parole wirklich nicht mehr weiß: Soll ich mich hängen lassen wegen meiner Nationalität oder soll ich mich köpfen lassen wegen meiner. Consession! Wir dürfen uns darüber nicht täuschen, daß die antisemitische Bewegung auch dort sich früher oder später wird geltend machen, wo jede Parteiung Halt machen sollte, nämlich im Rechtsleben. Indem ich dieser Besorgniß Ansdruck gebe, hebe ich ausdrücklich hervor, daß die subjective Pflichttreue, die subjective Gewissenhaftigkeit unserer Richter und Geschwornen über jeden Zweifel erhaben ist, allein Niemand ist dem Milieu ganz entrückt, in welchem er lebt. Wenn nun Jemanden in seinem Privatleben unablässig die Theorie gepredigt wird, daß eine gewisse Classe von Menschen schlecht und verworfen sei mtb wenn er beispielsweise als deutschnationaler Couleurstudent darauf eingeschworen wird, daß die Inden der Ehre einer ritterlichen Genugthuung unwürdig sind, muß er da, wenn er Richter wird, selbst beim redlichsten Willen, nach Eid und Gewissen seines Amtes zu walten, nicht unwillkürlich den jüdischen Angeklagten für verdächtiger und den jüdischen Zeugen für unglaubwürdiger halten als jeden anderen? Die Gefährdung der Rechtssicherheit, die Zerstörung der Re ch ts ein heit, sie wird und muß die logische Folge der weiteren Duldung d e s A n t i s e m i t i s m u s sein, der ja nichts anderes als eine Negation des Rechtes, eine fortgesetzte Rechtsverletzung ist. Redner fordert, daß die Abgeordneten im neuen Reichsrathe die Regierung zwingen müssen, dem Antisemitismus gegenüber ihre Pflicht zu thun, daß sie den Antisemitenführern entschiedenst entgegentreten und daß sie es unternehmen, die Bevölkerung über den wahren Charakter des Antisemitismus aufzuklären. Herr Wolf schloß seine Rede mit der geistvollen Nutzananwendung eines Dichterwortes auf die Wiener Verhältnisse. , M e p h i st o sagt zürn Faust: „Es ist der Frauen Weh und Ach, so tausendfach, aus Einem Punkte zu c urir en." „Der Me p h ist o von Wien hat die Wiener Bevölkerung dahin bethört, daß das Weh und Ach der Frau Vindobona, die wirthschaftliche Noth des kleinen Mannes, der schwere Kampf um die Existenz, die tausendfachen Uebel, die den Hofstaat der Armuth bilden, aus einem Punkte zu curiren sind, nämlich durch die Ausrottung der jüdischen Bürgerschaft. Der Mephisto von Wien hat sich aber, als er auf die politische Bühne trat, um die falsche Lehre zu verkünden, eine Schlamperei in seiner Costümirung zu Schulden kommen lassen — er hat den Pferdefuß des Cleric >. lismus nicht verborgen. Die Entlarvung der Antisemitenführer als Schergen des Clericalismus bildet mit einen Ansporn für alle freiheitlichen Elemente, in entschiedener Action gegen alle Angriffe zu kämpfen, welche der freiheitlichen Verfassung, der Gleichberechtigung aller Bürger und der modernen Schule gelten. Dem Charakterbilde der Vindobona, wie es uns aus früheren Tagen vorschwebt, meine Herren, ist es wahrlich nicht angemessen, ihr dieRolle einerMedea zuzumuthen, die einen Theil ihrer Kinder umbrrngt. Sie sei vielmehr allen ihren Kindern eine gütige Mutter, von der gleichen Fürsorge für alle beseelt, die in ihrem Schatten wohnen und arbeiten, und daß ihre Zukunft in diesem Sinne sich gestalte, dahin wollen wir begeistert streben, im Jntereffe dieser Stadt und im Interesse unseres Vaterlandes, welchem wir Alle in gleicher Liebe und Treue zugethan sind. Alle, sage ich, ohne Unterschied der Consession!" Den Ausführungen des Referenten folgte minutenlanger Beifall. Der Vorsitzende, Herr Frauenberger, sprach ihm den Dank der Versammlung aus. Redacteur Siegfried Fleischer spricht vorerst dem Vorredner den Dank aus, daß derselbe jene Legende, welche in den letzten Tagen und Wochen in Wien herumgetragen wurde, daß eine im Landtage gehaltene Rede des Professors von P h i l i p p o v i ch ein Zeichen seiner freundlichen Gesinnung gegenüber den Antisemiten sei, in diesem Kreise zerstört habe. Die Haltung der Socialpolitiker gegenüber dem Antisemitismus behandelnd, erklärt der Redner mit Nachdruck, daß die socialpolitische Partei die vollste Gleichberechtigung aller Bevölkerungsclassen anftrebe, daß sie den Unterdrückten und Rechtlosen im Allgemeinen ihren Schutz angedeihen lassen wolle und daß sie, dieseiAProgrammp unkte jederzeit und al leweg getreu, entschiedene Stellung auch gegenüber dem Antisemit i s ui u s n e h m e n werde. (Beifall.) Zwei folgende Redner, die Herren Fröhlich und W a l d st e i n, verübeln es der socialpolitischen Partei, daß fie gegen die liberalen Candidaten austrete. Gemeinderath Dr. Mittler polemisirt gegen die Socialpvlitiker und bemerkt, daß ein Gegensatz zwischen den Liberalen und den Socialpolitikern bestehe und bestehen muffe. Möbelhändler Frank und Kaufmann Markus sprechen für die Candidatur F r a u e n b e r g e r's und damit lenkt die Versammlung in die Discussion über die bevorstehenden Reichsrathswahlen ein. Erholungsheim für Arbeiterinnen. Sehr geehrter Herr Redacteur! Gestatten Sie, daß ich Ihnen vor Allem wärmstens danke für die Anerkennung und Aufmunterung, die Sie meiner Anregung zur Gründung eines Erholungsheimes für Arbeiterinnen entgegengebracht haben. Sie sind mit Wärme für die Propagirung dieser Idee eingetreten, sowie Sie überhaupt Werken der Humanität eine stete Förderung in Ihrem geschätzten Blatte zu Theil werden lassen. Und nun erlauben Sie mir, das Schlußwort zu meiner Anregung, um dessen Veröffentlichung ich Sie höflichst ersuche. Sie sind, geehrter Herr Redacteur, der Ansicht, daß eine arme Arbeiterin, die das kurze Glück einer Erholung auf dem Lande genossen, bei ihrer Rückkehr in's Alltagsleben das Elend ihrer Lage nur noch schwerer empfinden wird, gleich dem Blinden, der für kurze Zeit die Sehkraft besessen hat. So urtheilt der männliche kritische Verstand. Gestatten Sie dagegen einer Frau, die sich besser in den Seelenzustand ihrer Mitschwester hineindenken kann, ihre Meinung darüber zu äußern: Die Frau ist es gewöhnt, schweigend zu dulden, während die Seele des Mannes sich im heißen Kampfe aufbäumt. Wie vielen von uns mag „die steundliche Gewohnheit des Daseins" sich stets „freundlich" gezeigt haben? Wohl nur wenigen Auserlesenen! Lehnt sich die Frau deshalb gegen das harte Schicksal auf, verzehrt sie sich in ohnmächtigem Kampf gegen die gegebenen Verhältnisse? Größtenteils nicht! Die Frau wird eher als der Mann schweigen und sich fügen, sie wird in der Erinnerung leben, ja diese kann ihr sogar noch manchen stoben Augenblick bereiten. So wird es auch mit der armen Arbeiterin sein, der man eine Erholung gönnen wird. Sie wird die sonnigen Tage genießen, und nicht nur einen Schatz köstlicher Erinnerungen, sondern auch ein gut Theil Lebenskraft nach Hause bringen und an Leib und Seele gestärtt den Kampf um's Dasein wieder aufnehmen. Das Gedenken an die schönen Tage des Genusses und die wiedergewonnene Gesundheit werden Zusammenwirken, um den Ausgleich zwischen Nnst und Jetzt herzuftellen. wobei noch in der Ferne die Hoffnung winken wird, ein andermal neuerdings das Glück einer Erholung genießen zu dürfen. Und weil meine praktischen Erfahrungen nach dieser Richtung hin das Zutreffende dieser Auffassung bestätigen, deshalb hoffe ich, daß das Erholungsheim, wenn es jemals zum Leben er*