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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-12 · 11 (12.3.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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mmmssssssssrnrnm Dr. Vwltz.s Wochrnschrifl. Nr 11 ^eite 220 Was ist denn eigentlich geschehen? Ernst Schneider hat einem unbescholtenen Menschen ein Delict nachgesagt. Er hatte keinen Grund dafür. Und als der in seiner Ehre Gekränkte Genugthuung verlangte, da stellre es sich heraus, daß der Ernst Schneider sich eine bewußte Personeuverwechslung zu Schulden kommen ließ, daß er diese niederträchtige Verleumdung eines gegnerischen Candidaten eben geradeso zu den Waffen des politischen Kampfes rechnete, wie das Stampiglien- und Stimmzettelfälschen. Aber derlei ist ja kein neuer Einfall des Mannes. Derartiges hat man von diesem Individuum bereits des Oefteren erlebt. Zm offenen Parlament ergoß sich der Strom des Unflathes auf Parteien, Classen, Racen. Und die liberalen Schafe duckten die Häupter, drängten sich, dicht aneinander geschaart, zur Thüre hinaus zum ruhigen Busiet, in den lauschigen Rauchsalon und ließen Ernst Schneider einen guten Mann sein. Wir erinnern an die Zeit, wo es einzig und allein Doctor Bloch war, welcher den Muth hatte, dem Ernst Schneider gegenüber zu treten und Schlag auf Schlag, das was dieser Mensch in seiner Unverfrorenheit vorbrachte, sofort zu berichtigen. Aber die Stimme des Einzelnen verhallte leider nur allzuoft ungehört. Der Ernst Schneider, der am Montag zu einem Monat Arrest verurthrilt wurde, von dem es in der Urtheilsbegrün- Lung direct heißt, daß es nicht anzunehmen sei, daß sich der Angeklagte bezüglich der Person des Privatklägers in einem Zrrthum befunden habe, von dem also der Richter pure et simple annimmt, daß er vor Gericht eine Unwahrheit gesagt hat — eben derselbe Ernst Schneider kann von der Galerie des Abgeordnetenhauses beobachtet werden, wie er mit Ministern Händedrücke wechselt, wie Menschen, die sonst auf reine Wäsche und reine Hände sich etwas zu gute thun, den Verkehr mit diesem Mann nicht scheuen. Die Aehnlichkeit des österreichischen A h l w a r d t mit seinem Berliner College« ist nunmehr vollständig hergestellt. Vor wenigen Wochen haben wir an dieser Stelle dessen Erwähnung gethan, daß man draußen im Deutschen Reich denn doch rin wenig scrupulöser ist, wie hierzulande, daß in Berlin selbst Männer, die der Parteirichtung, zu der Ahlwardt sich zählt, nahe stehen, sich sorgsam hüten, durch den Umgang mit Ahlwardt compromittirt zu werden. Jetzt sind wir neugierig, ob das „Grüß' mich nicht unter den Linden" eine Variante verträgt, eine Variante, wie etwa „Grüß' mich nicht auf dem Franzensring". Sollte dies aber nicht der Fall sein, dann werden wir uns eben trösten. Ebenso, wie sich der Handelsminister in biefem Falle darüber trösten müßte, daß er den ihm lieb und werth gewordenen Verkehr mit dem stampiglirten Ernst Schneider auf die Dauer von einem Monat wird miffen müffen. Der Antisemitismus und dir Sorialpolitiker. Der Verein der Wiener Freisinnigen hielt am 6. d. M. unter dem Vorsitze des Herrn Frauenberger in G u t h's Restauration in der Stefaniestraße eine außerordentlich zahlreich besuchte Versammlung ab, die einen sehr bewegten Verlauf nahm. Auf der Tagesordnung stand das Thema: D e r Antisemitismus und die Socialpolitiker". Das hierüber vom Redacteur Robert Wolf erstattete Referat bot eine in großen Zügen gehaltene Schilderung der politischen und socialen Verhältnisse, wie sie durch die Duldung der antisemitischen Rechtsverletzungen geschaffen wurde. Die freisinnige Bürgerschaft, führte der Redner aus, müsse einig sein in dem Entschlüsse der entschiedensten Abwehr des Antisemitismus, einig in dem Entschlüsse: „Wir lassen uns nichts mehr gefallen". Er anerkenne, daß die Socialpolitrker, deren hervorragenden Führern er allen Respect entgegenbringe, ehrliche principielle Gegner des Antisemitismus seien, principielle Gegner, aber nicht praktische, und er wolle den Eindruck, den das Verhalten der Socialpolitiker aus ihn mache, durch eine kleine Parallele kennzeichnen. In einer entlegenen öden Gasse Wiens wurde dieser Tage in Ueberfall begangen. Das Opfer desselben war ein alter Jude, der Thäter war, ich weiß nicht wie ich mich ausdrücken soll, sagen wir, es war ein Unzufriedener. Er fällt über den Juden her, faßt ihn bei der Gurgel und der wehrlose alte Mann ruft um Hilfe. Da biegen die Herren Socialpolitiker um die Ecke, und als der Jude sie zur Hilfeleistung auffordert, richtet einer der Herren Socialpolitiker im Namen der Uebrigen an ihn eine ausgezeichnete und wohldurchdachte Ansprache. Er sagt beiläufig: „Mein lieber Jude, machen Sie doch kein solches Geschrei, Sie sind ja nicht allein in Wien und reizen Ihren Gegner nur noch mehr, wenn Sie so schreien. Wir wollen ja allen Menschen helfen, also auch Ihnen, aber Sie müssen sich ein klein wenig gedulden. Wir kommen jetzt in den Reichsrath, dort werden wir sehr gute wirthschaftliche Gesetze beantragen und hoffentlich durchsetzen. Diese Gesetze werden die wirthschaftlichen Uebelstände beseitigen, die Wohlfahrt des Landes heben, die gerechtere Vertheilung der Güter bewirken und auf diesem Wege wird volle Zufriedenheit in allen Schichten der Bevölkerung ihren Einzug halten. Unser sehr geschätzter Mitbürger da, der jetzt den von uns entschiedenst mißbilligten Ueberfall auf Sie nur deshalb begangen hat, weil er unzufrieden ist und weil er die Schuld an seiner Lage Ihnen zuschreibt, der wird dann auch zuftieden sein, und.wird Sie dann augenblicklich loslassen." Und nun möchten Sie gerne wissen, meine Herren, wie die Geschichte ausgegangen ist. Ja, sehen Sie, darauf bin ich selbst neugierig, denn die Geschichte ist überhaupt noch nicht aus, sondern nimmt vor unseren Augen ihren Fortgang. Die jüdische Bevölkerung ist das gehetzte Wild der antisemitischen Streber, Stellenjäger und Speculanten, die antisemitische Partei hat einen politischen und wirthschaftlichen Feldzug gegen die Juden organisirt, um ihnen die Existenz hier unmöglich zu machen. Und nun haben wir uns darüber klar zu werden: Können wir mit der Bekämpfung dessen, was in Wien vor unseren Augen sich vollzieht, gegen die täglich sich immer erneuernden Verletzungen der Staatsgrundgesetze und des Strafgesetzes warten, bis die allgemeine Unzufriedenheit beseitigt ist, bis die sociale Frage gelöst wird, vielleicht bis zum social-demokratischen Jdealstaate des Jahres 2000, in welchem es die Motive der Habgier und des Brodneides nicht mehr geben wird? Oder befinden wir uns nicht vielmehr in der unabwendbaren Zwangslage, mit der größten Energie, mit bem Aufgebote aller gesetzlichen und anständigen Mittel das System der Vergewaltigung und der Brutalisirung der Wiener Bürgerschaft zu bekämpfen? In einer Versammlung der Socialpolitiker sagte Herr Dr. Wolf-Eppinger ausdrücklich: „W i r kennen keine s p e c i f i s ch - j ü d i s ch e n Interessen. Wenn die Juden das von uns glauben, daß wir speciell ihre Interessen vertreten sollen, dann haben sievon unsnichts zu erwarte n." Allen Respect vor dieser Offenheit, ich anerkenne es als höchst anständig, daß die Herren Socialpolitiker uns in keinerlei Illusionen wiegen wollten. Unsere Sache ist es aber, aus dieser klaren und unzweideutigen Erklärung auch unsere Folgerungen zu ziehen. Schutz der Unterdrückten — das ist ein Punkt, welcher in dem Programme einer freisinnigen Partei nicht fehlen darf. Nun werden die Juden unterdrückt. Wir können nichts für die Absicht, uns zu unterdrücken, und nichts für das Motiv derselben, und wenn wir den rechtswidrigen Angriffen gegenüber positiven Schutz verlangen, kann man das wirklich dahin definiren, daß wir die specielle Vertretung jüdischer Interessen fordern? Redner schildert die wirthschaftlichen Verheerungen, welche der Antisemitismus im Gefolge hat. Oft genug und bei den feierlichsten Anlässen hat es unser gütiger Monarch ausgesprochen, daß seinem Herzen alle Unterthanen, ohne Unterschied der Confession, gleich nahestehen. Gegenüber dieser Kundgebung haben wir eine Regierung, welche es duldet und dazu beiträgt, daß dieses Kaiser wort nicht erfüllt w i r d. Die Gleichberechtigung in den Aemtern ist nach wie vor auf dem Papier geblieben, aus den politischen Aemtern sind die Juden principiell ausgeschlossen, im richterlichen Berufe werden sie nicht befördert und außerhalb der staatlichen Sphäre vollzieht sich in allen Theilen des wirthschaftlichen Betriebes eine widergesetzliche und mit widergesetzlichen Mitteln propagirte Hinausdrängung der Juden aus allen Zweigen des ehrlichen Erwerbes. Das führt sogar dahin, daß selbst jüdische Geschäftsleute sich dieser Boycottirung unfreiwillig anschließen, weil sie Juden im Verkehre mit christlichen Kundschaften nicht verwenden können.

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