Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Vr. Vloch's WochrnschrM Seite 21S baten Mitt er m ay er in einer öffentlichen Versammlung eine Reihe von schweren Vorwürfen erhoben; Mittermay er soll einmal einen Risconto mit einem anderen vertauscht haben, welcher einem anderen Kellner gehörte und auf den ein Treffer gefallen war, er habe ferner eine Geldtasche unter dem Polster eines Kellners weggezogen, er habe weiter Sammelgelder unterschlagen. Da in den antisemitischen Blättern diese Erzählung heftig bestritten wurde, veröffentlichte die „Arbeiter-Zeitung" einen in schauderhafter Orthographie geschriebenen Brief, in welchem Mittermayer seinerzeit die Manipulation mit dem Risconto und der Geldtasche selbst einbekennt. Dieser ein grauenhaftes Geständniß enthaltende Brief M i t t e r m a y e r^s bedeutet, obwohl es sich um einen Risconto handelt, für die Partei, der er angehört, keinen Glückstreffer. Freilich die meisten Parteigrößen wexden mit stolzer Befriedigung von sich sagen können, daß ihre Orthographie fehlerloser als die M it t er m a y e r's sei. Aber auch zum Charakter des Herrgotts von Wien hat die Wahlbewegung manchen neuen Beitrag geliefert, neben den Beuschelgeschichten erinnerte man ihn noch an andere Vorgänge, von denen er gewiß nicht gerne hört. Der Privatbeamte U n g e r erzählte in einer Wühlerversammlung, daß Dr. Lueger vor mehreren Jahren einem Kanzlisten für Arbeiten, für die sonst 60 fl. gezahlt werden, n u r 35 fl. a n b o t, und als dieser einwendete, er könne mit diesem Betrage nicht auskommen, da er eine Familie mit drei Kindern zu erhalten habe, habe ihm Dr. Lueger geantwortet: „Ja, arbeiten auch Ihre Kinder bei mir?" Wie gesagt, das sind keine herzerfreulichen Reminiscenzen für Dr. Lueger, und er würde gewiß ausnahmsweise bescheidenen Sinnes darauf verzichten, daß man sich auch in solcher Beziehung mit ihm beschäftige, allein das Volk von Wien hat sich diesen Mann zu seinem Herrn erkoren, will ihn nur so, wie er ist. Wien bleibt Wien. — Wir von der Cavallerie. Wir wissen es im Augenblick nicht genau, oh der Herr Dra« goner-Oberlieulenant oder Husaren-Oberlieutenant war. Und er selber dürfte daran vergessen haben, der durchlauchtigste Fürst Liechtenstein. Er dürfte vergessen haben im Drange der Geschäfte, er dürfte daran vergessen haben in Folge des Berufes, den er seit Jahren sich erwählt hat. Das macht die Sache erklärlich. Daß er aber vergessen hat, diese Thalsache ist außer allem Zweifel, denn eine der Wahlreden, die die schwarze Durchlaucht in Hernals gehalten hat, enthält Dinge, die zwar ein antisemitischer Reichsrathscandidat, ein antisemitischer Würdenträger, ein Gesinnungsgenosse des Dr. Lueger, ein Freund des Ernst Schneider, aber kein österreichischer Osficier sagen kann. Denn von einem österreichischen Osficier hat man bisher Dinge verlangt, die allerdings gerade das Gegentheil bedeuten von dem, was von einem antisemitischen Candidaten geheischt wird, denn wie die Lüge das Lebenselement der antisemitischen Mandatswerber ist, so ist die Wahrheit, die strenge Wahrheit, nichts als die Wahrheit, das erste Princip, auf das die Officiere der k. und k. Armee eingeschworen werden. Nein! Der Dragoner-Oberlieutenant L i e ch t e n st e i n durfte jene Rede nicht halten, in der er wörtlich sagte: „Es ist leider in unseren Zeitungen und schon gar nicht in den Zeitungen der Gegner nicht davon Erwähnung geschehen, daß in Galizien und speciell in Krakau vor wenigen Tagen eine große Judenversammlung flattgefunden hat. Es war im größten Saale von Krakau und es waren gegen 6000 Juden beisammen — so viel Juden auf einem Fleck hat man noch gar nie gesehen. Es waren die reich st e n Juden von ganz Galizien dort vereinigt, und wer glauben Sie, wurde dort zum Candidaten für die V. Curie ausersonnen? Der Socialdemokrat Daszynski." Das mag allerdings der antisemitische Abgeordnete Liechtenstein sagen, der Mann, der es ebenso wenig mit der Wahrheit genau zu nehmen verpflichtet ist, wie sein Freund Schneider milder Ehrlichkeit. Ein österreichischer Osficier durfte diese Aeußerung nicht thun. Verehrter Herr Dragoner-Oberlieutenant! Das ist erstunken und erlogen. Nicht die reichen Juden von ganz Galizien sind dort zusammengekommen. Nein, verehrter Herr Oberlieutenant. Das waren arme, aus gebeutete Juden von K r a k au! Das waren jüdische Proletariervon Krakau, Juden mit Schwielen aus den Händen, Juden in zerfetzten Kleidern, Juden, welche ihren dürftigen Lebensunterhalt, der ein so geringer ist, wie der Lohn ist, den Sie Ihren Arbeitern auf Ihren Besitzungen zahlen, durch ihrer Hände Arbeit, durch schwere, körperliche Bethätigung erringen müssen. Von diesen armen, schwer arbeitenden Juden wissen Sie, Herr Dragoner- Oberlieutenant nichts. In Ihrer von Ritual- und anderen Lügen verfinsterten und vergifteten Phantasie bläht sich das Zerrbild des jüdischen Börseaners. Davon, daß unter den vielen geschmähten galizischen Juden ein ganz beträchtlicher Percentsatz sich der schweren körperlichen Arbeit gewidmet hat, daß in den Naphthagruben Galiziens, dort wo christliche Arbeiter die oft verzehrend schlecht gezahlte Arbeit scheuen, es Juden sind, die, um sich und ihre Familien vom Hungertod zu retten, auch vor dieser qualvollen Bethätigung nicht zurückscheuen, das ist Ihnen fremd, Herr Dragoner-Oberlieutenant. Oder, wenn Sie es erfahren, dann verschweigen Sie diese Thatsache, dann reden Sie von reichen Juden, die in Krakau zusammenkamen, um einen socialdemokratischen Candidaten zu küren. Glauben Sie, Herr Dragoner-Oberlieutenant, daß auf diese plumpe Finte überhaupt Jemand hineinfällt? Glauben Sie wirklich, daß außerhalb der Grenzmarken von Hernals irgend Jemand auf diese schlechten Postbüchelwitze hineinfallen wird? Daß die reichen Juden von ganz Galizien sich zusammenthun, gleich 6000 an der Zahl in einem großen, großen Saal und vor aller Welt Hinausposaunen, daß sie einen Socialdemokralen wählen würden, wählen, weil die Socialdemokraten, die erbittertsten Gegner des mobilen Capitals, die Verfechter jüdischer also großcapiialistischer Interessen sind? Wer durch die Straßen von Graz, des österreichischen Pensionopolis schreitet, dem wird es überaus leicht sein, aus der Menge der übrigen Bevölkerung die pensionirten Officiere, die ehemaligen Berufssoldaten herauszuerkennen. Die aufrechte Haltung, der stramme Gang, der ganze Habitus läßt sich nicht verleugnen. Und traurig ist, daß derlei nur Physisch zu sein scheint, daß der moralische Officiershabitus sich verleugnen läßt und verleugnet wird, daß die Wahrheit, die die oberste Cardinaltugend des Officiers ist, verloren geht, wenn der Osficier auf die schiefe Laufbahn des Berufsantisemiten gedrängt wird. Der stampiglirte Schneider. Eines schickt sich nicht für Alle. Und Lumpereien, die man jahrelang ungestraft gegen Liberale und Juden sich zu begehen unterfangen hat, führe«, wenn man sie Soeialdemokraten gegenüber anwendet, direct in's graue Haus. Was Ernst Schneider am Vortage der Wahl passirte, das ist nichts Erstaunliches. Das haben wir vorausgelehen. Das ist kein sensationelles Ereigniß. Das ist etwas, was man täglich, stündlich erwarten konnte. Mein Gott, daß es gerade der Paragraph des Strafgesetzbuches war, das ist ein purer Zufall. Das österreichische Strafgesetzbuch hat 532 Paragraphe und mit der Mehrzahl derselben steht das Individuum, welches am vergangenen Montag durch den Richterspruch als Verleumder und Ehrabschneider gekennzeichnet wurde, in fortwährender Collision. Dieses werthvollste Jnventarftück des modernen Pitaval, dieser lebende Index des Strafgesetzes ist diesmal an den Unrechten gekommen. Unsere Liberalen — das sind gemüthliche Herren, sie sind über und über in Watte eingepackt und Glace-Handschuhe tragen sie nicht allein an den Händen, sondern sie haben sich das Kalbsleder auch über das Gesicht gezogen. Und wenn schmutzige Hände ihnen in das Letztere fallen, dann behaupten sie, sie seien unantastbar, dann finden sie es nicht der Mühe werth, sich zu energischer Gegenwehr aufzuraffen. Gäbe es unter den Liberalen eine Anzahl von Männern, denen ihre persönliche Ehre hoch genug steht, um sie jedem Angriff gegenüber zu rascher Abwehr zu veranlassen, dann wäre unser öffentliches Leben nicht jahrelang durch die widrige Erscheinung eines Ern st Schneider verpestet worden.