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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-12 · 11 (12.3.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 218 Vr Vloch's WortzenschrM Nr. 11 es Bestürzung und Trauer bei den Juden, der König und Haman saßen und tranken, die Residenz Susan war in Aufruhr und Verwirrung! Das tolle Werk jenes Hainaus! 2252 Jahre später? In den gesetzgebenden Körperschaften der Residenzstadt Wien erfolgen herzlose und unmenschliche Abstimmungen, die Sendboten der Antisemiten drängen sich in allen Kronländern des Reiches hervor, die Juden und Verjudeten, allerorten die Einzigen, welche von dem Wahnsinne derer frei geblieben sind, die eher arisch oder christlich als menschlich und gerecht sein wollen, sehen mit Trauer und Bestürzung das Herabsinken aller menschlichen Ideale, die Schändung der Religionen, den Schaden des Vaterlandes, das Wiener Volk und die antisemitischen Agitatoren sind beim Freibier versammelt, in Wien herrscht Zwietracht, Verwirrung, Handel und Gewerbe sind geschädigt, Cisleithanien ist ohnmächtig gegenüber dem sich immer mehr emporschwingenden-Transleitbaiüen! So ist die Situation ganz genau nach dem Urbilde auf's Höchste gespannt. Auch das Hängen ist zur Vervollständigung da. Es gilt den rohen Antisemitenführern gleichviel, ob die Juden gehängt oder erschossen werden. Aber das Schicksal vieler Antisemiten läßt es gar nicht so unwahrscheinlich erscheinen, daß noch Viele derselben sich selbst mit eigener Hand das Schicksal bereiten, das sie den Inden gönnen. Ob wohl nun auch noch der Schlußeffect eintreffen könnte, daß diese Hamans noch von Mordechai, von Juden und Judenknechten in ihren Würden abgelöst werden könnten? Warum denn nicht? Chinesische Mauern trennen ja doch die europäischen Staaten nicht mehr von einander, und was in London und in Italien zur allgemeinen Befriedigung möglich ist, ist ja auch in Wien möglich. Bildung und Aufklärung hat so ziemlich in allen abendländischen Reichen das gleiche Niveau, nur die leidige Politik ist der Träger dieses österreichischen Anachronismus, und die Politik ist eine gar wackelige Mauer. _ ..Wien bleib! Wien." Die optimistischen Hoffnungen, welche auf den Ausgang der Wahlschlacht des 9. März gesetzt worden sind, haben sich als trügerisch erwiesen. In ganz Wien hat die verewigte Reaction die Socialdemokratie niedergerungen und es hat sich gezeigt, daß die Wiener Bevölkerung den Männern ihres Vertrauens nicht allein eine gefälschte Stampiglie, sondern auch einen gestohlenen Risconto verzeiht. Vor einiger Zeit wurde eine gute Antwort mitgetheilt, die Baron Banffy auf eine Frage unseres Kaisers gegeben haben soll, aus die Frage, wieso es komme, daß die Grenzcomitate gegen Ungarn antisemitisch verseucht würden, statt daß der Liberalismus von jenseits der Leitha zu uns importirt würde und neue Anhänger gewänne. „Sehr einfach, Majestät", sagte der ungarische Premier, „die Krankheit, nicht die Gesundheit hat etwas Ansteckendes!" Neue Säfte sind einem kranken, faulenden, eitrigen Organismus zugeführt worden. Aber die Blut-Transfusion gehört noch nicht zu jenen Problemen, über die sich die moderne Heilkunde vollends klar geworden wäre; das Gegentheil ist eingetreten: Die neuen Wählermassen haben zum großen Theil für Volksverdummung, Pfaffenknechtschaft und Riscontodiebstahl entschieden. Wir sind keine Anhänger der Utopie vom socialistischen Zukunftsstaat und vom allein seligmachendeu Collectiveigenthum. Und es scheint, daß auch der überwiegende Theil der Wiener Bevölkerung für diese rosigen Träume keinen Sinn hat, daß sie die reale Auftheilung des Eigenthums, wie sie sich verschiedene antisemitische Mandatswerber freilich im Gegensatz zu den Borurtheilen der Staatsanwaltschaft vorstellen, berweitem vorziehen. Es war ein irriger, durch nichts begründeter Optimismus, wenn man der Wiener Bevölkerung ideale Anwandlungen und Tendenzen unterschob, wenn man glaubte, daß in dieser zusammengewürfelten Bevölkerung, deren moralisches und sittliches Niveau nicht allein durch jene Umstände beeinflußt wird, die die hauptstädtischen Bevölkerungen aller Orten degradiren, ein Umschwung zu Tage treten würde, welcher der Herrschaft der Christlich-Socialen über Nacht ein Ende bereiten könnte. Nein, den Märztagen des Jahres 1848 konnten keine Märztage des Jahres 1897 folgen, denn man darf es frei heraussagen, unsere antisemitischen Gegner haben ganz recht, gegen ihre sonstige Tactik lügen sie nicht, wenn sie die Wiener Bewegung des Jahres 1848 eine —jüdische nennen. Es ist richtig. Juden sind aus den Barrikaden gefallen, der jüdische Feuergeist eines Fischhof trug in die dumpfen, stumpfen Gemüther des Metternich'schen Wienerthums ein Etwas hinein, ein Fremdes, Ungeahntes, absolut Disparates, das über Kurz oder Lang naturgemäß abgestoßen werden mußte und auch abgestoßen worden ist. Die Zeilen, mit denen wir vergangene Woche die jüdischen Wähler aufforderteu, ihre Stimmen den socialistischen Candidaten zuzuwenden, schlossen mit dem Hinweis, daß es den Kampf gegen die Reaction gelte, und daß es die Gewohnheit der Juden sei, in diesem Kampfe in erster Reihe zu stehen. Die Juden haben dieser Aufforderung Folge geleistet. Die jüdische Wählerschaft vermag es, trennende wirtschaftliche Gegensätze mit dem Medium einer idealen Freiheitsbegeisterung zu überbrücken, geradeso wie der Wiener Mastbürger und der Wiener Pülcher sich Schulter an Schulter finden, wenn es sich darum dreht, einen Raubzug gegen die freie Schule, gegen die Freiheit des Wortes und der Schrift zu unternehmen. Der Ausgang der Wahl konnte uns demnach nicht überraschen. Wien bleibt Wien. Das Wien der Strobachs und Gregorigs, die Capitale der Schneiders und Mittermayers. Freilich sind bei dieser Wahl Erscheinungen zu Tage getreten, die den Juden zu denken geben sollen. Wir meinen nicht die Wahlbeeinflussungen der dermaligen Machthaber im Rathhause, daß die Feuerwehrleute, die Communalbeamten und — die Sicherheitswache geschlossen antisemitisch stimmten, ist nur allzu begreiflich. West Brod ich eß' . . . das gilt nicht nur von der Feuerwehr, auch die Sicherheitswache hätte weniger zu thun und müßte decimirt werden, würden plötzlich sämmtliche Wiener Antisemiten ausgerottet werden. Aber auch sonst haben einige Wählerclassen durch ihre Wahl demonstrirt, daß sie mit den Juden nichts zu thun haben wollen. Die Juden werden diesen Wink mit dem Zaunpfahl des Stimmzettels verstehen und daraus ihre Consequenzen ziehen, umsomehr, als es beispielsweise auch jüdische Dienstmänner, jüdische Kleingewerbetreibende aller Kategorien gibt. Wien bleibt Wien. Auch die Juden sollen Juden bleiben. Aber sie müssen es endlich lernen, die ihnen aus Feindesmund vorgeworfene Solidarität praktisch zu bethätigen. sich in die Rolle hineinzufinden, die ihnen frevelhaft aufgezwungen wird. Nach wie vor sollen die Juden die Freiheitsintereffeu der übrigen Bevölkerung, die von dieser so oft im Stiche gelassen werden, vertreten; in wirthschaftlicher Beziehung muß der Jude endlich lernen, daß es thatsächlich ein wirthschaftliches Wohl der jüdischen Bevölkerung gibt, gegen das von rücksichtslosen, des Aergsten fähigen Gegnern alltäglich die widerlichsten abscheulichsten Attentate unternommen werden. * * * Die Wahlen haben einzelne Prachtmänner in das Parlament gebracht, welche der antisemitischen Partei würdig sind,hochverehrte Charaktere ü 1a Mittermayer. O,das ist ein antisemitischer Candidat nach dem Herzen Schneiders! Dieser Herr Mittermayer ist ein Ehrenmann vom Scheitel aufwärts und der Sohle abwärts — nach dem Worte eines geistreichen Redners — aber er wird es vielleicht auch schmerzlich empfunden haben, daß die „Arbeiter- Zeitung" sich in der Gegenwart so viel um seine Vergangenheit kümmerte. Charaktere wie Mittermayer wollen nur eine Zukunft, sie mögen nichts von der dunklen Vergangenheit hören. Vor einigen Tagen hat der socialdemokratische Candidat Schumaier gegen den antisemitischen Caüdi-

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