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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-12 · 11 (12.3.1897) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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: Lr. 11 I Bloch’s Jahrgang XIV. Centralorgan für dir gelammten Interessen des -- Wien, 12. März 1897. —- »K» - Erscheint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Blockes Wochenschrift Wien. )[:— .■ — m R. h. -oyh>arrkGen-Lml Llraringverkrtzr Nr. 610.976. »rdartton und NdministraNon: Vittt i| .. . „irre KugsrNnpratzr! Telephon-Nr. 6535. | » - —-- -~ Judenthums. j| Brrus»prri» für Srstrrrrlri,:! Halbjährig 4 fl. — 8 St. I Einzelexemplare 15 kr. halb^hrig » fl. =* lOÄt. '! Jj ganzjährig 10 „ 20 „ ij |j Sn leigen: Die «mal gespaltete U '! Petitzeile II kr. ii « - - * Inhalt: Leitartikel: Haman. — Wien bleibt Wien. — Wir von der Cavallerie. — Der stampiglirtc Schneider. — Der Antisemitismus und die Socialpolitiker. — Erholungsheim für Arbeiterinnen. — Die Hauptpunkte der Mission des Judenthums. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Willkürherrschaft im Stadtrath. Ein edles Verpflegungswerk. Die Deutschnationalen und die Christlich- Socialen. Ahlwardt. Talmud und Schulchan-Aruch im Gerichtssaale. Kreta und die Juden. — Corres pondeirzen: Wien, Mährisch-Ostrau, Marienbad, Agram, Brüx, G.-Jenikan, Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Petersburg, Warschau, Kimberley, Rom, Alexandrien. — Vermischtes: Wien, RoLnau, Pisek, Waidhofen a. d. Thaya, Gr.-Kanizsa, Troppau, Agram, Prag, Nachod. Krakau, Jassy, Chicago, Karachi. — Feuilleton: simson der Gibor. — Eine Purimn.lcht.Phantasie. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Haman' Von Dr. M. L- Stern. Es ist leicht abzuschätzen, wie sehr das kleine Büchlein „Esther" und dessen alljährliche öffentliche Verlesung dazu beigetragen hat, den Muth und die Widerstandsfähigkeit der Israeliten gegen deren Feinde und grausamen Verfolger zu nähren. An und für sich hätte aber eine bloße Geschichte aus uralter Zeit, so spannend sie auch sein mag, doch nicht solchen Einfluß auf das Gemüth erlangen können, wenn sich dieselbe nicht tausendfach in jedem Tropfen der lebendigen Geschichte und der wirklich zeitgenössischen Erfahrung so wunderbar getreu abgespiegelt zeigen würde. Die völlige Gleichheit aller Copien untereinander und mit dem Originale macht selbst den anfänglich Widerstrebenden gläubig. Wohl gibt es eine naturgemäße Erklärung dafür, warum sich die Hamans aller Zeiten so zum Verwechseln ähnlich sehen, warum sie alle so sehr in ihrem bösen Willen, in ihrer Methode, in ihren Mitteln, in ihren Erfolgen und zuletzt in ihrem Untergänge einander gleichen; diese Erklärung aber erschließt sich erst einem tiefen Einblicke in dem causalen Zusammenhang der Dinge, der nicht Jedem gegönnt ist. Dann jedoch kann man sich eines gewissen Mysticismus nicht erwehren. Welche geheimnißvolle Macht mag es wohl sein, die immer wieder ihre Opfer, die unbelehrten Nachahmer, die Judenfeinde in genau dieselben Zauberkreise zerrt? Dorthin, wo kein Strahl der Gerechtigkeit mehr dringt, kein Hauch der Menschlichkeit und Liebe mehr weht, kein Saatkörnlein der Wahrheit mehr auf den dürren Boden fällt? Allwo auf unübersehbaren Weiten die starren, bleichen Gerippe derer ausgebreitet liegen, die sich vermaßen, den Fuß in dieses gottverlassene Todtenthal zu setzen? Da stehen sie doch noch immer von Neuem auf, diese unverbesserlichen Judenfeinde, lassen sich nicht von dem schmählichen Untergange der Vorgänger, die dem Hohne aller künftigen Geschlechter preisgegeben sind, abschrecken, und meinen überlegen: Ich werde es doch klüger, geschickter anfassen, erfolgreicher ausführen, ich will endlich der Haman sein, der alle früheren noch zu Ehren bringt. Doch, o Entsetzen, wie sie nur den ersten Schritt auf diesem Wege machen, sobald nur ihr Bild einigermaßen aus dem Dunkel des Werdens in seinen Umrissen hervorgetreten ist, da zeigt sich schon genau wieder nur das altbekannte häßliche Gesicht, welchem auch schon das Schicksal des Endverlaufes aufgeprägt ist. Daß Haman bis auf den heutigen Tag der unbestrittene Vater aller judenfeindlichen Schlagwörter geblieben ist und daß die Jahrtausende seither den antisemitischen Geist auch noch nicht um eine einzige Idee zu bereichern vermochten, das ist so bekannt und festgestellt, daß es nur banal und allzu trivial wäre, darauf wieder zurückzukommen. Merkwürdiger und beiweitem interessanter ist es, daß auch stets alle Nebenumstände und Situationsbildec sich so augenfällig dabei gleich bleiben. Das ist es, was uns fast mysteriös erscheinen muß, was unsere Gegner denn doch mindestens abergläubisch machen müßte. „In jener Zeit", heißt es, „stieg Haman zu hohen Würden und zu großer Machtsülle empor". Die alten Weisen stützen darauf ihre Erfahrungsregel: Jeder, der Israel bedrängen will, steigt zunächst hoch empor. Es ist, als ob die herausgeforderte Gottheit ganz und gar verächtliche Gegner verschmähte und sie erst einigermaßen, wenn schon nicht nach ihrer Persönlichkeit so doch wenigstens nach Macht und Würde ebenbürtiger gestaltete, um an ihnen ihre Wunder zu zeigen. Diese Erhöhung wäre darum stets nur als das Vorzeichen des Sturzes zu betrachten. Wie sonst wäre es zu begreifen, daß ein Haman, ein so eitler, anmaßender Tropf, ein Mann ohne jegliches Verdienst der Erste des persischen Weltreiches geworden sei? Gilt nun nicht die gleiche Frage auch für die Hamans unserer Zeit? Was ist das Wiener Volk? Der Ahasverus unserer Zeit, der Melech tipesch, der thörichte König, wie ihn die alten Weisen mit Recht nennen, ist das heutige Wiener Volk! Dieses hat durch den Wahlzettel Männer emporgehoben, von welchen kein Mensch irgend ein Verdienst oder nur eine vertrauenerweckende Vergangenheit zu rühmen wußte. Herzlosigkeit, Streberthum, Unverläßlichkeit, Verlogenheit, Falschheit, Anmaßung ist der ganze Lebensinhalt aller dieser Männer, die das Wiener Volk zu Abgöttern macht, welchen es die Wege zu den höchsten Würden bahnt. Ist es nicht auch da, als ob ein unenträthselbares Walten wieder einmal einen Haman unaufhaltsam zu erhöhen und auch zu stürzen strebt? Mit wenig Worten und unnachahmlicher Kunst entwirft das Buch Esther ein ergreifendes Situationsbild: Das Gesetz wurde in Susan gegeben, die Eilboten drängten hinaus damit in alle Provinzen des Reiches; allwo die Kunde hingelangte, gab

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