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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-05 · 10 (5.3.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 10 Vr. Blortz's Wochenschrift. Seite 215 überwiesen, mit den Schweden im Einverständniß zn stehen und wurden die Compromittirterl alsbald nach dem Kriegsrechte behandelt. Da man glaubte, daß sie eine Jüdin wäre, wurde sie peinlich verhört, um ihre übrigen Mitschuldigen zu nennen und der Pöbel machte Miene, über die Juden, die in der Stadt wohnten, herzufatten und sich an ihnen zu rächen, auch kamen bereits Ausschreitungen vor. Da traf es sich, daß dort ein jüdischer Arzt zugegen war, von ungewöhnlicher Körperkraft, der auf dem einen Fuße hinkte, dieser erbat sich die Erlaubniß, mit der Frau eine geheime Unterredung zu haben, worauf sie alsbald das Gestäudniß ablegte, die Frau eines Edelmanns zu sein, der zu den Schweden hielt, für welche sie auch die Stadt auszukundschaften gekommen war. Sie wurde zum Tode verurtheilt, starb aber noch in der Nacht vor dem Morgen, da sie hingerichtet werden sollte und auch ihr Leichnam verschwand aus dem Gefängnisse, man sprengte aus, daß ihn der aufgebrachte Pöbel in den Peltew geworfen. Es stellte sich aber heraus, daß ihr jener lahme jüdische Arzt ein Pulver eingab, das sie fcheintodt machte, sie in der Nacht aus dem Gefängniß entwendete, was er im Geheimen mit ihr verabredet haben sollte, damit sie seine Glaubensgenossen schone; und die Wachen wollten gesehen haben, wie er sie in der Nacht über die Stadtmauer hinabließ, wo sie sich in das Schwedenlager rettete. Der Pöbel, als er dies erfuhr, wollte sich abermals auf die Inden werfen, aber alsbald trat der Feind zum Sturm heran und gerade von der Judenvorstadt her. Diese vertheidigten sie unter der Anführung jenes lahmen Arztes eine zeitlang gegen die anstürmenden Schweden so tapfer, daß der Adel und die Bürger ihnen die vollste Anerkennung zollten, Als nun der Feind die Judenstadt anzündete und durch dieselbe einzudringeu begann, focht jener Arzt, an der Spitze einerkleinen Schaar noch gegen denselben sehr tapfer und th at Wunder durch seine Riesenstärke. Da aber die Stadt völlig eingenommen ward, sah man ihn nicht mehr und auch feilt Leichnam konnte nicht unter den Todten gefunden werden. ch * * In den Zeitchroniken, welche nach altem Brauch jede jüdische Gemeinde führt, Pinaxe genannt, und die heutigentags vielfach, zum Schaden der Epigonen vernachlässigt werden, besitzen wir Inden wohl ein seltenes Material, das zur Erforschung der verschiedensten Geschichtszweige dienen könnte, aber leider nur selten benützt wird. Auch der Pinax unseres Städtchens enthält eine Geschichte, die insoweit von Werth ist, als sie auf die Documente, die ich hier der Oeffentlichkeit übergebe, Bezug hat und sie beglaubigt. Ich gebe sie daher hier wieder, so unglaubwürdig sie an und für sich scheint, da sie hier als ein förmlich Wunder verzeichnet ist. Sie lautet: Im Jahre der Welterschaffung 5482 (1722) trug sich in dein Gebiete unserer heiligen Gemeinde ein großes und noch nie erhörtes Wunder zu, das durch Augenzeugen bestätigt, und alles Zweifelns überhoben, durch die Unterzeichneten zum Gedächtniß für kommende Geschlechter hier verzeichnet und hiemit genau erzählt wird, auf daß man den Herrn preise immerdar. Zu dieser Zeit kamen zwei bettelnde Leute, eine Mutter und ihr Sohn, in unsere Stadt, von denen die Frau auf beiden Augen blind, der Jüngling aber taubstumm war, und das, wie die Mutter versicherte, von seiner Geburt an. Sie suchten nack ihrem Gemahl und Vater, der die Frau einst verlassen hatte rmd der stumme Jüngling führte sei e blinde Mutter von Ort zu Ort, sich und sie durch Betteln erhaltend. Nirgends hielten sie sich lange auf, denn hatte die Blinde nur nachgefragt, ob mau von ihrem Manne nicht etwas gehört habe und nichts erfahren, so zogen sie weiter. In unserer Stadt aber schien es dem Jüngling zu gefallen, denn er säumte, sie zu verlassen und war lange von seiner Mutter nicht dazu zu bewegen, daß er sie weiter führe, wiewohl sie hier ebensowenig wie überall von ihrem Manne etwas vernommen hatte. Als sie ihn aber dazu drängte, die Stadt, zu verlassen, führte er sie zwar hinaus, kehrte aber auf einem Umwege wieder zurück, der Blinden vorspiegelnd, sie seien in einem anderen Orte. Da sie es aber merkte und ihn durch Zeichen, mittelst welchen sie sich zu verständigen pflegten, über die Ursache befragte, war er nicht zu bewegen, eine Antwort zu geben. Sie bat daher die Leute, den Stummen zu beobachten, und man bemerkte bald, was ihn an unsere Stadt fesselte. Er hatte zufällig das Schloßfränlein, die Tochter des Gutsbesitzers, die sehr schön war, gesehen und seitdem schlich er oft um das Schloß herum, das sie mit ihrem Vater bewohnte, um ihrer ansichtig zu werden. Auf ihren Spaziergängen folgte er ihr von weiten und trieben ihn auch die Schloßknechte aus ihrer Nähe weg, er kehrte immer wieder zurück. Das Fräulein pflegte fast täglich in den Wald zn kommen, wo die alte Schloßruine steht und erging sich dort öfters in die verfallenen Thüren und Gewölbe, oder setzte sich unter einem halb verfallenen Bogen hin und arbeitete an etwas, das sie von zu Hause mitgenommen. Dorthin kam der Stumme oft und setzte sich fern von ihr, auf die Steine, sie beständig beobachtend, doch wagte er es nicht, ihr zu nahen, und hätte er es auch, so war er doch nicht im Stande, ihr seine etwaigen Gefühle zu äußern. Das Fräulein aber, schien es, verstand ihn doch, denn sie duldete es, daß er ihr nachging, ja sie ließ ihm manchmal, durch die Dienerschaft irgend etwas aus der Küche reichen, das er zwar nicht annahm, aber Obst, das sie ihm selbst im Vorbeigehen zuwarf, verzehrte er begierig und verstand es, ihr dafür nach seiner Art zu danken. (Fortsetzung folgt.) Jtzigel. Von Dr. Sigismund Feßler. „Bekak Nasch", wie vor Zeiten die altehrwürdige Jsraeliten-Gemejnde Nikolsburg genannt wurde, in der Stadt der Stopfgänse und berühmten Landrabbiner, sind die Ghettomauern mehr durch ihre innere Baufälligkeit als durch den Fortschritt verschwunden. Es ist ans diesen Ruinen kein neues Leben geblüht. Der alte Zauber ist fort. Am Purimabend durchtollt kein Mummenschanz die Gaffe; am Bußetag des neunten „Ab" geht Niemand mehr baarfuß, es sei denn, er hätte überhaupt kein Lrchuhwerk. Die kleinen Synagogen sind geschlossen vder geborsten, die Talmudmänner begraben, die „Bochrim" ausgewandert oder getauft; die Schofar und deren Hornisten haben sich heiser geblasen, Sude, Barmizwah und Chol-Hamved haben an Weihe und Innigkeit Manches verloren und es singt Niemand mehr auf nackter Erde sitzend „Kinnes", das melancholische Wehelied der Juden. Im Allgemeinen also eine mächtige mut-nio rerum, Alles hat sich verändert, nur Jtzigel nicht Wer ist Jtzigel? Er hat mich scheu umkreist, als ich mich in den Anblick des architektonischen Aufbaues der „Altschule" versenkte. Wie ein Raubfuchs die ahnungslose Henne, umschlich er inich in immer engeren concentrischen Ringen, bis er endlich im Sprunge dahin gelangte, wo er nnch am verwundbarsten halten mochte, in die Nähe meiner Brieftasche. Dabei murmelte er etwas Unverständliches in den Bart; es war mir nicht klar, ob er mir mordgierig an's Leben gehen oder nur eine milde Gabe heischen wollte. Alles an ihm war in Bewegung, und sein Murmeln ging vom Schläfenlöckchen bis in die Röhrenstiefel. Seine Bewegung war ein Mittelding zwischen Schlottern und Autoinvbilismus. Auf meine Frage, wer er sei, antwortete er kurz: Jtzigel. Mir sind die Namen Cyrus, Hannibal, Nero, Wattensteiu, Columbus, Napoleon, Bismarck geläufig. Aber wer steht so hoch, daß er sich nur Jtzigel nennen und fordern darf, daß man ihn kenne, ecce homo mit einer deutenden Hand? Und doch kennt ihn in der hl. Gemeinde jedes alte Weib und jedes Kind; man kennt ihn wie ein uraltes Jnventarstück des eigenen Heims, wie ein in ein Bernstein-Ghetto eingesponnenes Jnsect aus längst vergangenen Zeiten. Jtzigel ist ein Fecht- und Betbruder zugleich; er führt das bedürfuißlose Dasein eines Diogenes, betreibt in harmonischer Abwechslung Müßiggang und Talmud-Philosophie, sinnirt wie ein Weiser oder wie ein Narr, weiß nichts von Kamm und Seife und hat doch Vermögen und wäscht sich im keuschen Mondenschein am öffentlichen Brunnen, weil er kein Waschbecken besitzt und schon vor fünfzig Jahren ein „ahnungsvoller Engel" der Kneippcur gewesen ist. Jtzigel ist anders als die Anderen, er ist ein Original, Jtzigel ist Jtzigel. Es bedurfte des Aufgebots der gesammten bewaffneten Macht Nikolsburgs, das ist des Polizeimannes Herrn Götzl, um Jtzigels stille Klause für mich zu entriegeln. Jtzigel ist argwöhnisch in seiner Kemenate, und es geht die Sage, als hätte er in derselben geheime Schätze zu bewachen. Aber Herrn Götzl's dröhnende Stimme und sein vielsagendes Scheppern mit dem Säbel, sein Rütteln an der Thüre mit dem Machtwort: „Die Commission ist da", verfehlten ihre Wirkung nicht, Jtzigel schob gutwillig den Riegel zurück. Ich hielt dem Athem an. In diesen Raum war seit Jahrzehnten kein Hauch ftischer Luft geströmt; die kleinen Fenster waren verdunkelt von Schmutz und Spinnengewebe. Aus brüchigen Eisenhüferln duftete eine Mephitis alter,

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