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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-05 · 10 (5.3.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 10 Dr. Vloch's Wochrnschrifi Seite 211 München, im Jänner. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt Herr Landtagsabgeordneter Prosessor Dr. Günther am 17. Jänner einen Vortrag über: Die Bedeutung des mittelalterlichen Iu d e n t h u ms für e x a c t e W i s s e n s ch a f t e n u n d N a t u r f o r s ch u n g. Der große und schöne Saal der Museumsgesellschaft, in welchem die Vorträge dieses Vereines abgehalten werden, war diesmal besonders gut besucht und das zahlreich erschienene Publicum folgte mit athemloser Spannung den Ausführungen des geistreichen gewandten Redners. Es war aber auch ein Genuß seltener Art, einen Mann der Wissenschaft von klangvollem Namen, einen Gelehrten, der nicht unseres Stammes und Glaubens ist, über die wissenschaftlichen Leistungen der mittelalterlichen Inden nrit unverhohlener Anerkennung sprechen zu hören. Da das Urtheil eines solchen Mannes auch für weitere jüdische Kreise von Interesse sein wird, so wollen wir hier versuchen, aus dem reichen Inhalt des gediegenen und gelehrten Vortrages Einiges mitzutheilen. Der Vortragende begann nach einigen einleitenden Worten mit dem Geständniß, daß er selbst zu seinem Bedauern nicht unmittelbar aus den jüdischen Quellen schöpfen konnte, da die hebräische und rabbinische Sprache ihm fremd sei. Bei seinen Forschungen auf diesem Gebiete stützte er sich ans die Arbeiten von Zunz, Steinschneider, Güdemann, Schapiro und Wertheim und auf mündliche Auskünfte, die ihm von dem seligen Dr. Grünbaum, Rabbiner in Ansbach, wie von dem bekannten Mäcen Abraham Merzbacher von hier zu Theil wurden. Ungetheilte Anerkennung und Bewunderung verdient es, nach dem Vortragenden, wie die Juden trotz aller Verfolgungen und Bedriickungen dennoch den Kopf immer oben behielten und mit unverwüstlicher Liebe die Wissenschaften pflegten. Dabei waren es nicht etwa praktische Interessen, die zu einer solchen Beschäftigung anregten, denn gerade die exacten Disci- Plinen, wie Mathematik, Astronomie, wurden von ihnen mit besonderer Vorliebe gepflegt. Wir können uns heute gar keine Vorstellung davon machen, mit welchen Schwierigkeiten die Gelehrten und Wissensdurstigen damals zu kämpfen hatten, welche Hindernisse zu besiegen waren, um zu den Quellen der Erkenntniß vorzudringen. Druckwerke gab es nicht, Handschriften konnte man nur unter großen Kosten und Schwierigkeiten erlangen, da mußten die. Schüler zu Füßen eines berühmten Meisters sitzen, um aus seinem Munde Belehrung zu empfangen und die „Collegienhefte" hatten zu jener Zeit eine ganz andere Bedeutung als heute. Gleich den fahrenden Schülern des Mittelalters mußten auch die jüdischen Weisheitsjünger von Ort zu Ort wandern — und wie beschwerlich und gefahrvoll war das Reisen dazumal, namentlich für Juden! — um die Lehrhäuser berühmter Männer aufzusuchen. Unter den Juden Deutschlands finden wir wenige Männer, die sich dem Studium der exacten Wissenschaften Hingaben. Umsomehr verdient ein Mann hervorgehoben zu werden, Moses ben Chisdai aus Tachau in Böhmen, den man zu den Deutschen zählen darf, der in seiner Polemik gegen die rationalistischen Ansichten des berühmten Jbn Esra merklvürdige Ansichten über die Bewegung der Erde kundgibt, die mit dem kopernikanischen System auffallende Berührungspunkte haben. Aehuliche Ansichten hat ein indischer Weiser schon viel früher gelehrt und es bleibt für uns ein Räthsel, auf welchem Wege diese Lehren nach einem entlegenen Winkel Europas gedrungen sein sollen. In Spanien, Italien und Frankreich war die Beschäftigung irlit den exacten Wissenschaften eine viel häufigere und intensivere unter den Juden und uanientlich in dem heißen Spanien traten zwei Sterne erster Größe aus, deren Namen jedem Inden geläufig sind: Abraham ibn Esra und Moses Maimonides. Sie standen auf der Höhe der zeitgenössischen Bildung und in mancher Beziehung nmren sie ihrer Zeit vorausgeeilt. Jbn Esra war ein tüchtiger Mathematiker, der in dieser Wissenschaft verschiedene Werke verfaßte. Um ein genleinverständliches Beispiel zu gebeir, zeigte der Vortragende den Weg, wie Jbn Esra die sogenannten vollkommenen Zahlen, bei denen die Theilungsproducte gleich der ganzen Summe ist, und die magischen Quadrate berechnete. Die Quadratur des Kreises, ein Problem, das bis auf unsere Tage zahllose Mathematiker beschäftigte, wurde auch von jüdischen Gelehrteil versucht. Doch schon Maimonides schreibt, daß dieses Problem eine vollkommene Lösung nicht gestattet, ein Erkerrntniß, die erst in unserer Zeit unwiderleglich dargethan wurde. Der pythagoräische Lehrsatz war natürlich den jüdischen Gelehrten geläufig und auch den Werth der Wurzel 2 haben sie annähernd richtig bestimmt. lieber die Gestalt der Erde und über den Kreislauf der Sonne herrschten theils verworrene, theils richtige Anschauungen, ja wir finden im Lwharbuche eine Anführung aus dem Buche des Raab Hamunua» die erst neuerdings das Erstaunen und die Verwunderung der Gelehrten hervorgerufen hat. Asaria de Rosst in seinem Werke „Meor Enajim" führt diese Stelle an und sie wurde erst vor Kurzem von Prosessor Wackerbart in Upsala einer Besprechung unterzogen. Was Kopernikus Jahrhunderte später aus Grmid seiner Beobachtungen und Berechnungen mit genialem Geiste entdeckt hat, das wird hier, wenigstens in Bezug auf unsere Erde mit dürren Worten gelehrt: Die Drehung der Erde, der Wechsel von Tag und Nacht, die Stellung der Antipoden und die langen Tage und Nächte an den Polen. „Die ganze Erde", heißt es daselbst, 3. B. M. 4. 1, „dreht sich wie ein runder Ball, diese sind oben, jene sind unten, alle diese Menschen sind verändert in ihrem Aussehen, je nach dem Klima ihres Landes, es gibt daher immer einen Ort auf der Erde, wo es Tag ist, wenn anderswo Nacht herrscht, hier ist es hell und dort dunkel. Es gibt auch Orte, wo es stets Tag und nur kurze Zeit Nacht ist." Die Pflege der Wissenschaft, so schließt der Redner seine interessanten Ansführungen, von denen wir nur einen kurzen, lückenhaften Abriß geben konnten, _ sie bildet eüt festes, unzerreißbares Band, welches die Menschen einigt, mögen sie auch durch die Verschiedenheit des Glaubens und der Abstammung getrennt sein. Die Inden haben von jeher an den Fortschritten der Cultur und der Wissenschaft redlich mitgearbeitet und die höchsten geistigen Interessen gefördert. Möge es auch in Zukunft so bleiben; über das widrige und niedrige Treiben ihrer Gegner und Verleumder mögen sie sich erheben, durch die Liebe zur Wissenschaft, durch das ihnen angeborene Streben nach geistiger Erleuchtung und Aufklärung! Rauschender Beifall lohnte den Redner für seinen lehrreichen anregenden Vortrag. München. Die letzte Volkszählung ergab, daß die Zahl der jüdischen Bewohner Baierns sich bedeutend vermindert hat, trotzdem jüdische Geburten in nicht geringerer Anzahl verzeichnet werden, als christliche. In den Jahren 1891 bis 1895 war das Verhältniß jüdisck er Geburten von allen in Baiern geborenen Kindern 5 Percent, während die gesammte jüdische Bevölkerung im Jahre 1890 nur 1 Percent und 1895 7nt Percent betrug. Metz. Die hiesige jüdische Gemeinde und das Consistorium von Lothringen betrauern den Tod des Bankiers Jsaac May er, des Präsidenten des genannten Consistorinms. Ein höchst intelligenter und energischer Mann, nahm der Verblichene stets den lebhaftesten Antheil an dem Wohl und Wehe von Metz. Er war Präsident der Handelskammer, Mitglied des Stadtrathes und der Akademie. Eine ungeheuere Menschenmenge nahm an dem Begräbnisse theil, das von der äußersten Einfachheit war. Der Verstorbene hatte sich Leichenreden und jedweden Blumenschmuck verbeten. _ Unter den öffentlichen Würdenträgern, welche dem Sarge folgten, waren Rath Poehlmann, Geheimrath Becker, Baron von Kramer, der Bürgermeister von Metz, Baron von Liebenstein, Polizeipräsident, rc. rc. Amsterdam. Das „Neuwe Rotterdamsche Courant" schreibt über die Wiener Zustände: „In Wien ist foebeu der Landtag geschlossen worden, um den Antisemiten Gelegenheit zu geben, sich ans ihre gewöhnliche rohe Manier kampfbereit zn machen, um für ihre Candidaten zn agitiren. In keiner gesetzgebenden Corporation geht es so roh her, wie in dem österreichischen Landtag. Nirgends sind die ersten Begriffe von Anstand und parlamentarischen Sitten so mit Füßen getreten worden, wie bei dieser Corporation. Der Abgeordnete N o s k e ist der einzige liberale Abgeordnete, welcher den Antisemiten gewachsen ist, jedoch bei jeder Gelegenheit mit Scheltworten seitens der wüsten Antisemiten beladen wird, daß ich mich schäme, selbe niederzuschreiben. Diese schlechten Manieren sind aber kein Wunder, wenn man bedenkt, daß ein großer Theil der Antisemiten, und dazu gehört auch der Bürgermeister, Leute ohne jede Erziehung und Bildung ynd und nicht mehr Unterricht empfangen haben, wie der erste beste Eckensteher. Die liberalen Blätter haben die Gewohnheit, das ekelerregende Gebühren der Antisemiten bis in's kleinste Detail zu publicireu, wahrscheinlich in der Hoffnung, damit auf das Volk Eindruck zu machen. i;,li <i : :^i Wim*' i i i i r: IM. i;! I if> l;Li w B- 11« lll S- * i

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