Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 206 Vr. Vloch's WochenkchrW Nr. 10 und Mit seinen Skizzen allgemein fesselnde und entzückende Ghettobilder lieferte, welche an die Bernstein'schen und Kompert'schen Ghettogeschichten hinanragen, stellte sich diesmal mit einer ernsten wissenschaftlichen Abhandlung über die biblischen und talmudischen Ideen betreffs des irdischen Reichthums und des maßlosen Strebens nach zeitlichen Gütern ein. Die von zahllosen Citaten begleitete Studie ist ebenso originell, wie seine Aussehen erregenden Jeschiba-Charakterbilder. Dr. Isidor Mil ko (Szabadka), ein bekannter, geistreicher ungarischer Feuilletonist gibt alsdann mit einer kurzen romantischen Novelle eine lebhafte Illustration zu der durch die Civilche und Reception geschaffenen neuen Lage. Hierauf folgt Rabbinersemiuar-Profeffor Dr. Ludwig Blau, Redacteur der „Magyar Zsido Szemle", mit einer gelehrten und tiefforschenden Parallele zwischen dem alten und modernen Judenthum, die an der Hand wie Kettenglieder in einander greifenden geschichtlicher Thatsachen den Bildungsgang des Judenthums beleuch- .tet und zum unwiderleglichen Schluß gelangt, daß für Israel nur innerhalb der sich entwickelnden allgemeinen Cultur Raum sein kann und wir mit dieser unser geistiges Leben in Einklang bringen müssen. Unser junger historischer Forscher Dr. Alexander Büchler (Budapest) bringt eine kurze Reminiscenz an die ersten Juden, welche an unterer Universität als Aerzte graduict wurden. Ein anderer Historiker, Dr. Ignaz Acsady (Budapest) liefert auf Grund einer Conscriptionsliste aus den Jahren 1735—1738 eine interessante Darstellung der Verbreitung der Juden in Ungarn im Allgemeinen und ihrer materiellen und sittlichen Verhältnisse. Für die Leser dieses Blattes wollen wir daraus den Umstand besonders hervorheben, daß schon damals ein Preßburger Jude an der Wiener kaiserlichen Universität als »ollicialis in dibliotlieca caes. Viennae« an gestellt war. Eine von Dr. Alexander F e l e k i (Budapest) gelungene Uebersetzung des Gedichtes „Moses" von Carmen Sylva bringt angenehme Abwechslung in die Reihe der vorhergehenden wissenschaftlichen Abhandlungen gleichwie die hübsche Erzählung von K o l o m a n S z a n t o (Kecskemet): „Die Theorie des alten Doctor", welche wohl in erschütternder Weise die Tragödie der Familie eines aus gesellschaftlicher Verschmelzungssucht zum Christenthum übergetretenen Arztes schildert. Seminarprofessor Dr. Adolf Büchler (Wien) führt in einer kurzen trefflichen Abhandlung: „Die jüdische Basilika in Alexandrien den Nachweis, daß diese allgemein für eine Nachbildung des jerusalemitischen Tempels gehaltene Synagoge eine colossale säulengetragene Markthalle war, in der allsamstäglich auch Gottesdienst abgehalten wurde. Rabbinerseminar-Professor Dr. Heinrich Bloch (Budapest) entwirft nach Originalquellen ein interessantes geschichtliches Bild des im Jahre 1807 von Napoleon nach Paris einberufenen jüdischen Congresses. Gemeinde-Sccretär Dr. Julius Steiger (Budapest), einer unserer vorzüglichsten Musikkritiker plaidirt für die Sammlung der alten jüdischen Melodien, ehe es durch die rapide Metamorphose unseres religiösen Lebens zu spät sein dürfte. Unser unermüdlicher archäologischer und philologischer Forscher Professor Dr. Samuel Krausz (Budapest), der schon so manches Licht über das Dunkel unserer Tradition verbreitete, stellte sich diesmal mit einer Abhandlung über die Ausche Keneseth hagdola ein. Durch kühne, aber geistreiche und einleuchtende Combinationen sucht er den chronologischen und numerischen Widerspruch betreffs des Großen Synedrion in der jüdischen Literatur zu lösen. Der Veszprimer Arzt Dr. Bernhard Pillitz theilt einen bisher noch nicht veröffentlichten Brief S. D. Luzzatto's mit. Das Schreiben ist an den seligen Schwab gerichtet und reichtüber locales Interesse nicht hinaus. Rabb. Dr. Mori tz Löwy (Temesvar) bringt einen eschatologischen Jdeengang unter dem Titel „Tausend Jahre", Rabbiner Dr. Beta B a j d a (Nagy-Abony) eine Geschichte der orthodoxen Kämpfe im Judenthum, welche klar darlegt, daß die Orthodoxie von Zeitalter zu Zeitalter zäh daran festhält, was ihre Vorkämpfer früher immer bekämpften. Ein stimmungsvolles Gedicht von Attila Gero (Budapest); „Noahs Rausch", das jene bekannte Weinbauidylle unseres Urahnen zum Borwurf hat, legt wiederholt Zeugniß von dem poetischen Talente des Verfassers ab. Den Schluß bildet eine Darstellung des üphardischen Einflusses auf die Juden im nordöstlichen Ungarn von Dr. Armin Frisch, absolvirter Hörer unseres Rabbiner-Seminars, der sich als gründlicher autoptischer Kenner unseres Chassidismus erweist. Hiemit haben wir den gewiß lehrreichen und belletristischen Inhalt des III. Bandes der israelitischen ungarischen Jahrbücher, des Raummangels leider nur flüchtig und oft nur andeutungsweise, vorgeführt. Indem wir denselben einerseits vom patriotischen Standpunkte aus als Errungenschaft und nationalen Fortschritt des ungarischen Judenthums begrüßen müssen, können wir andererseits doch nicht das Bedauern unterdrücken, daß dieses literarische, jüdisch-culturelle Schatzkästlein eben seiner nationalen Hülle wegen für unsere Glaubensbrüder im Auslande verschlossen bleiben muß. Auf den anderen Band, die Geschichte der Juden in Oedenburg, kommen wir noch in einem ausführlichen Referate zurück. Budapest. Bernhard Mandl. Die Inden in Westindirn.*) In Barbadoes ließen sich Inden zuerst im Jahre 1628 nieder. Im Jahre 1661 erhielten drei jüdische Kaufleute, Benjamin de Caseres, Henry de Caseres und Jacob Fraso, die specielle Erlaubniß, in Barbadoes oder anderswo lvohnen zu dürfen. Interessant ist, daß gegen ihr Gesuch von den christlichen Kausteuten Englands Einwendungen gemacht wurden, daß aber die Pflanzer sich für Gewährung des Privilegiums aussprachen, „weil die Colonien dadurch nur gewinnen würden",;a sie traten sogar nach Kräften für die Gewährung der Erlaubniß ein und behaupteten, „die christlichen Kaufleute seien mir deswegen gegen die Zulassung der Juden, weil sie den ganzen Handel in ihren eigenen Händen behalten und so die Pflanzer zwingen wollen, die Preise und Bedingungen, die sie zu machen belieben, anzunehmen." Seit der Eroberung Jamaicas durch die Engländer wurde die commercielle Bedeutung der Insel inimer mehr anerkannt. Ein Jude, Jacob Jeosua Bueno Enriques, bat ■‘'eit König um die Erlaubniß, den Betrieb eines Kupferbergwerkes zu eröffnen, wie auch darum, daß ihm und seinen beiden Brüdern - freie Religionsübung gestattet werde. 1664 ist viel von einem jüdischen Goldsucher, Abraham Israel de Pisa, die Rede. -i- * * Benjamin Bueno de Mesquita, ein portugiesischer jüdischer Kaufmann in Jamaica hatte vom König die Erlaubniß erhalten, daß er dort das Bürgerrecht erwerben dürfe. Die Urkunde war schon ausgefertigt, da erregte der Mißerfolg einiger Juden in Barbadoes, welche sicher gehofft hatten, Goldminen zu finden, den Zorn des Königs, und Mesquita wurde verbannt. Er ging nach New-Iork, wo er im Jahre 1683 starb. Es scheint, daß die Juden keine Pflanzer wurden, sondern Kaufleute blieben. Das wurde ihnen einige Jahre später auch vorgeworfen. Es ist bemerkenswerth, daß um dieselbe Zeit der > Statthalter von Jamaica, Sir Thomas Lynch, den Befehl erhielt, „er dürfe nicht gestatten, daß Jemand in seinen Andachtsübnugen, welcher Religion immer er auch angehöre, gestört würde, falls er dieselben nur in friedlicher ruhiger Weise abhalte." 1671 liefen viele feindselige Gesuche über die Juden ein, doch der Gouverneur berichtete in entschieden günstiger Weise über die Juden. König und Rath wiesen also die Petition zurück, welche — der jetzigen antisemitischen Politik merkwürdigerweise ganz zuwiderlaüsend — die Juden auf den Großhandel beschränkt wissen wollte. Noch mehr, der Rath befahl strengstens, daß die Juden sowohl als die Holländer auf das Entschiedenste ermuthigt werden sollten, sich in Jamaica niederzulassen — unter diesen Befehl setzte der König seine eigenhändige Unterschrift. * 1672 führte Rabba Conty seinen eigenthümlichen Proceß. Conty war ein Kauftnann in New-Pork, wo er sehr lange lebte und als Bürger seine Steuern und Abgaben zahlte. Trotzdem er im Jahre 1671 die Erlaubniß erhielt, nach West-Indien Handel zu treiben, wurde sein Schiff mit Beschlag belegt und confiscirt; in die Ladung tbeilten sich die Richter von Port Royal und Jamaica unter dem Vorwand, daß Conty kein Bürger sei. Aber Conty appellirte an König und Rath und es widerfuhr ihm Gerechtigkeit. Das ist, wenn nicht die erste, so doch eine der ersten Berufungen an König und Rath, von denen die Geschichte berichtet. * * * Die erste Urkunde, welche sich direct an die Juden in Westindien wendet, trägt das Datum 1693 und legt ihnen eine specielle Steuer von 775 Pfund für die Vertheidigung der Insel ans. 1695 schon, als in der Gemeinde von St. Andrew's eine Armenschule errichtet wurde, trug man dafür Sorge, daß die Schüler Unterricht im Hebräischen erhielten. 1703 wurde es den Quäkern und Juden bei Strafe von 500 Pfund verboten, sich christliche Dienstboten contractlich aufzunehmen. 1711 wurde es Juden, Mulatten, Indianern und Negern untersagt, als Schreiber in irgend einem öffentlichen Amte beschäftigt zu sein. Trotzdem besserte sich die Lage der Juden rapid. Im Jahre 1740 schon war Jsaac Furtado Advocat, und die Namen vieler geachteter Juden begannen öffentlich genannt zu werden. 1673 machte sich unter den Juden eine Bewegung geltend, die darauf abzielte, daß ihre Bürgerrechte anerkannt werden *) Bergl. Dr. Herbert Friedenwald „Materialien zu einer Geschichte der Juden in Westindien" (Material kor the flistory of the Jews in the British West Indies.)