Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021179--06522-3030807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 10 Vr. Vloch's WochrnptzrtN. Seite 205 „In beit Sternen sah ich das Drohen der leuchtenden „Sonne und im Blitzstrahl den schrecklichen Zorn des Mondes: „Sterne g e b a r e n d i e S ch l a cht, G o t t h a t d e n „Kamps a n g e-o r d ne t!"3-) Es waren demnach seit etwa zwei Jahrhunderten sibyllinische Orakel in Umlauf, welche prophezeiten, daß einst das jüdische Volk mächtig werden und die Führung der Menschheit übernehmen werde. Denn Gott werde einen erhabenen König senden, welcher nach schwerem Gerichte dem Krieg auf Erden ein Ende machen werde. Diese Prophezeiungen waren zur Zeit des großen Judenaufstandes in Aller Munde. Dieses wird übereinstimmend von Josephus, Tacitus und Suetonius bezeugt. Die gemeinschaftliche Quelle ist unstreitig die Sibylle. Dasselbe gilt von den Wunderzeichen, welche nach Josephus und Tacitus damals gesehen wurden, welche aber den Prophezeiungen der Sibylle nachgezeichnet sind?-) Es zeigt sich hier, wie populär die sibyllinischen Orakel damals gewesen und wie richtig es ist, was später Pseudo-Justin über die große Verbreitung derselben sagt. Er ruft nämlich den Griechen zu: „Wenn ihr also eure Seligkeit höher schätzt als die Erdichtung eurer nichtigen Götter, so glaubet der ältesten Sibylle, deren Bücher in der ganzen Welt auf bewahrt sin d." ''Z Der Kampf gegen Rom galt also als ein heiliger, „v o n Gott selbst a n b e s o h l e n e r". Denn aus diesem letzten schweren Wehen sollte sich das messianische Weltreichs hervorringen — und da durfte die messianische G e m e i n d e der Essener nicht abseits stehen bleiben, sie mußte vielmehr thatkräftig eingreifen; da sie in diesem Kampf das Herannahen des Weltgerichtes erbickte, auf welches der ewige Gottesfriede folgen werde. In diesem furchtbaren Kriege, in welchem die Juden ungeahnten Heldemnuth entwickelten und die Essener in den vordersten Reihen gefochten haben mußten, da die Römer mit so ausgesuchter Grausamkeit gegen sie wütheten, wurde der etwa viertausend engere Mitglieder zählende Orden aufgerieben. — Die Geineinde der „F r o m m e n" war vernichtet — und d a r u m, und nicht wegen der Zerstörung des Tempels, „entbrennt der Zorn des himmlischen Gottes und aus dem zerklüfteten Boden des italischen Landes bricht ein Feuer hervor, zum Himmel auflodernd, zerstört viele Städte, vernichtet Männer, erfüllt den Aether mit feuriger Lohe .... Daran ist der Zorn des himmlischen Gottes zu erkennen: W e i l s i e d a s Geschlecht der Frommen unschuldig vernichtet haben!"'^') So haben wir denn im Verlaufe unserer Untersuchungen zwei religiöse Hauptströmungen in der vorchristlichen jüdischen Diaspora herrschend gefunden: die gesetzestreue conservative und die gesetzesfreie radicale. Die Vertreter beider Richtungen hielten ihr Judenthum für das einzig echte und Jeder von beiden reclamirte für seine Partei das Prädicat: die „Frommen". Genau dieselben religiösen Strömungen machen sich schon iinber urchristlichen Gemeinde geltend, vertreten durch den gesetzestreuen Jacobus und den gesetzessreien Stephanus. Das von Stephanus seinen Ausgang nehmende, vornehmlich auf Gewinnung der Heiden abzielende Paulinische Christenthum verschärft die Gegensätze und überwindet schließlich das gesetzessreundliche conservative Christenthum. Die beiden religiösen Richtungen der vorchristlichen jüdischen Diaspora finden sich sonach im Urchristenthum wieder, was allein schon die Quelle, aus der es geflossen, verrathen sollte. Wir schließen diese Untersuchung mit der zuversichtlichsten Erwartung, daß man über kurz oder lang mit dem Dogma, daß das Christenthum, dessen erstes Lallen ein flammender Protest gegen den Pharisäismus war, aus diesem Pharisäismus hervorgegangen, brechen werde. Dann aber wird in den nentestamentlichen Forschungen nicht mehr wie bisher von einem Judenchristenthum und einem von Paulus begründeten Heidenchristenthum, sondern von einem conservativen Judenchristenthum und einem radicalen Judenchristenthum die Rede sein. _ 5i) O rac. Sib. V, 512 f. 53) Die textliche Gegenüberstellung obiger Berichte des Josephus, Tacitus und Suetonius und der bezüglichen sibyllinischen Orakel lassen dieses außer Zweifel erscheinen. Brgl. unsere diesbezügliche Zusammenstellung in der Revue des Etudea juives 1895, Nr. 59, S. 122 f. 54) Cohortat. 38. «) Orac. Sib. 1Y, 130—136. Das Jahrbuch der Israelitisch-Ungarischen Literaturgesellschast. Das ungarische Judenthum, in einem Lande lebend, wo Freiheit und confessicnelle Gleichberechtigung nrch nicht zu leeren Begriffen und von den Thatsachen verhöhnten Phrasen herabgesunken sind, hat unter den günstigen politischen und socialen Verhältnissen sein culturelles Streben bisher vornehmlich in der nationalen Assimilirung bethätigt. Um seine innere Eonsolidirung hat es sich bis vor Kurzem noch wenig gekümmert, für die Hebung des conscssionellen Geistes durch die Bildungssactoren bislang fast gar nichts geihan. Während in den Nachbarländern Vereine aller Arten jüdisch-culturellen Lebens und Strebens entstanden und proi'perirten, haben wir hierzulande blos eine einzige Körperschaft zu verzeichnen, die auf die große Masse des Judenthums nach der angegebenen Richtung einzuwirken bestrebt ist. Es ist dies die vor drei Jahren unter der Aegide einiger 'hervorragender jüdischer Gelehrter und Mäcene der Hauptstadt gegründete Israelitisch-Ungarische Literaturgesellschast, welche gegenwärtig schon über die Anfangsschwierigkeit ziemlich hinweggelommen ist lind zur Zeit schon über einen Fond von nahezu 20.000 Gulden verfügt. Sie ist auch auf dem besten Wege, ihr vorgestecktes Ziel zu erreichen und durch wörtliche uud schriftliche Vorführung und Darstellung unserer geistigen traditionellen Schätze dem Jndiffercutisnius Einhalt zu thun, welcher in Folge der neuen Verhältnisse gerade unter den gebildeten ungarischen Juden immer melr und mehr um sich gegriffen. Thatsächlich steigert sich von Jahr zu Jahr das Interesse unseres intelligenteren LefepubUcums nir die Editionen der Gesellschaft, welche uns heucr zwei stattliche Bände bescherte: dem dritten Jahrgange ihrer gewöhnlich gehaltvollen uud hochinterrssanten Jahrbücher und der Geschichte der Juden in Oldenburg. Gegenwärtig wollen wir blos den Inhalt des Jahrbuches vorsühreu, die eingehende Besprechung des verdienstvollen, historischen Werkes behalten wir uns für nächstens vor. Die Jahrbücher erscheinen unter der Redaktion zweier Männer, deren literarische Persönlichkeiten schon an und für sich ein ganzes Programm bilden und den gediegenen Inhalt des Werkes ahnen lassen. Dir Eme ist der in allen jüdischen Gelehrtenkreisen des In- und Auslandes wohlbekannte Rabbinerseminar-Professor D r. W i l h e l m Bacher, der Andere Lehrerseminar-Director D r. Josef B a n o c z i, corresp. Mitglied unserer Akademie derWiffenschaften und anerkannter Literarhistoriker und Dramaturg. Die Mitarbeiter recrutiren sich zumeist aus den geistigen Führern des ungarischen Jung-Jsrael und den Besten ihrer Garde, die dazu berufen ist, den Blick der gebildeten, ungarischen Juden, die den Schwerpunkt ihrer geistigen Thätigkeit mehr nach Außen suchten, endlich auch nach Innen zu richten. Der einleitende Theil des Werkes bringt die anläßlich der am 8. December v. I. abgehaltenen Millennar-Festsitzung vorgetragenen Ansprachen, Dichtungen und Abhandlungen, über die wir bereits-berichtet haben. Die kurze, jedoch schwungvolle Eröffnungsrede des Verdienstvollen Präsidenten Rabbiner Tr. Samuel Kohn; der classisch geschriebene Bericht des Sekretärs Dr. Josef Banöczi; die gedanken- und geistreiche Studie über die Ahasversage von Rabbiner Dr. Armin Perles (Fünfkirchen); die poetifch-fchöne Ode: „Millennium-Gesang des ungarischen Israel" von Rabbiner D r. Arnold Klein (Beszprim) und die philosophische Abhandlung des Universitätsprofeffors Dr. Moriz KürmLn (Budapest), deren Diagnosen die Nothwendigkeit religiöser Ideen und confeffionellen Lebens im Jntereffe der nationalen Entwicklung ist. Alle diese Capitel sind Perlen in der literarischen Mosaik des Jahrbuches und bilden eine werthvolle Bereicherung der ungarischen Literatur. Die nachfolgend? Arbeit ist ein kerniger Jdeengang über die in der Millennium-Ausstellung exponirten jüdischen Antigtiitäten von Dr. Bernhard Alexand er, Professor der Philosophie an unserer Universität. Unser Landsmann Rabbiner Dr. D. L e i m d ö r f < r (Hamburg) gibt hierauf einen geschichtlichen Ueberblick über die Entstehung, Wirkung und Verbreitung des humanitären Bundes Bne Brith. Die interessante Darstellung wird gewiß jeden jüdischen Leser mit stolzem Selbstbewußtsein erfüllen. Bankdirecror Franz Szskely (Budapest) theilt zwei Briefe mit, die wohl fictiv sind, unser jetziges Judenthum aber trefflich charakterisiren. Der vor Kurzem zum Rabbiner in Lugos gewählte Kaschauer Prediger Dr. Simon Händler führt sich als epischer Poet mit einer biblischen Nachdichtung unter dem Titel „Abigail" ein. Das Gedicht liest sich wie ein Stück aus der Toldi- Trilogie unseres größten Epikers Arany Jünos, der offenbar sein Vorbild ist. Rabbiner Dr. Leopold Kecskem 6 ti (Großwardein) liefert eine lehrreiche archäologische Studie über Todtentrauer-Ceremonien im alten Israel, die so manchen noch bis aus unsere Zeit überlieferten und bisher unverständlichen Gebrauch aus seinen Ursprung zurückführt. Bom Rabbiner Dr. Julius Fischer (Raab) lesen wir dann eine zeitgemäße und in Hinblick aui die noch in vielen Synagogen herrschende Gottesdienst-Unordnung sehr beherzigenswerthe Mittheilung der von Maimuni und Josts Karo sestgestellten Synagogenordnung. Rabbiner L u d w i g S e l r m a n n (H. M. Vasärhely), der sich in den »rüheren Jahrgängen als feiner Beobachter und meisterhafter Schilderer des Jeschibalebens offenbarte