Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 10 Vr. Vloch's Mortzrnschrift. Taufe uud Buße die Menschen zu ihrem gefetzesfreien Judenthum ( zu bekehren. Was früher „in den Kammern und in der Wüste gelehrt", in abgeschlossenen essenischen Kreisen gepflegt wurde; in den Tagen des Täufers wurde es hinaus unter die Volksmassen getragen. — Der Bruch mit dem Tempel und dem Opfercilltns wurde lange vor dem Christenthum von allegorisirenden Essenern herbeigeführt, und wurden an dessen statt andere Reinigungen empfohlen: Taufe und Buße! Das Christenthum fand also auch hier schon den Boden vollkommen geebnet vor.29) Das essenifche Evangelium von der „Liebe zu Gott, z u m N e b e n m e n s ch e n und z u r T u g e n d" — welches, wie wir bereits gesehen, auch das Evangelium des jüdischen Alexandrinismus ist — mit dem Symbol der Taufe hatte eine sehr zahlreiche Gemeinde von „Frommen" um sich geschaart. Ihre Mitglieder suchten vielfach im engen Kreise eines Ordens das Ideal der messianischen Zukunft, wie es der jüdische Alexandrinismus constrnirt, wie die Sibylle es gepredigt, zu verwirklichen. — In erster Linie waren sie „Diener des Frieden s" und hatten ans ihrem Gemeinwesen alle Kriegswerkzeuge und die Verfertiger von solchen verbannt. Sie beschäftigten sich mit Ackerbau und Viehzucht und mit dem Handwerk nur insoweit, als es für die Deckung der Bedürfnisse des Friedens unentbehrlich. — „Handel, Gastwirthschaft oder Schiffahrt kannten sie nicht, da sie jede Veranlassung zur Habsucht mieden". So berichtet Philo. Und bei Jofephus 3“) heißt es von den Essenern: „Sie verachten den Reichthum und haben bei sich eine bewunderungswürdige Gütergemeinschaft eingesührt." Die Mißachtung des Reichthums war überhaupt ein Grnndzng der jüdischen Diaspora. Die Sammlung geistiger Schätze stand ihr — das haben wir schon früher gezeigt — ungleich höher, als die der materiellen. Das lehren auch die Philonischen Schriften aus Schritt und Tritt, das erhärtet die jüdische Sibyllistik. Schon die älteste Sibylle rühmt von den Juden: „daß sie nur aus Gerechtigkeit und Tugend bedacht sind und nicht Geldgier besitzen, die den sterblichen Menschen tausend Uebel erzeugt: den Krieg und den schrecklichen Hunger/"') — Nach ihr sind Reichthum und Habsucht die Ursache des Verfalls der Menschheit: „Alles versinkt in Trümmer, Alles ist voll des Bösen durch den schändlichen Geiz und den übelwollenden RUchtfjum."32) Und auf einer anderen Stelle: „Das Trachten nach Besitz, das ist, was die Städte ins Unglück stürzt." 33) — Ebenso der jüngere Verfasser des zweiten Sibyllenbuches: „Strebe nicht nach Reichthum," so warnt er, „unb bete nur um Eines: daß du vou Weingen lebest und nichts Unrechtes besitzest. Streben nach Reichthunk ist die Mutter jeder Bosheit.... Verlange nicht nach Gold oder Silber, ein zweischneidiges, das Herz durchbohrendes Eisen liegt darin. Silber und Gold sind stets ein Fallstrick. Wärest dll, o Gold, du Quelle aller Uebel, Urheberin alles Unglücks und aller Vernichtung, doch nicht eiil begehrliches Unheil für die Menschen geworden! Denn um deinetwillen werden Kriege geführt, wird geraubt und gemordet, befeinden Kinder die Eltern, Geschwister die uächsteu Verwandten." 31) Als „Verächter des Reichthums" hatten die Essener eine allenthalben bewunderte Gütergemeinschaft eingeführt, und nnlßte Jeder, der in ihre Gesellschaft eiulrat, dieser sein Vermögen zur Verfügung stellen, welches in das Eigenthum der Gesammtheit übel ging. Privateigenthum gab es hier nicht. Ueber das Gesammtvermögen waren Verwalter bestellt, welche für die Bedürfnisse Aller zu sorgen hatten. Die Mitglieder der Gesellschaft kauften und verkauften nichts unter einander, sondern Jeder lieferte, was er hatte, den Anderen, die es brauchten, und nahm wieder von diesen, was ihm nöthig war. Sie konnten überhaupt nehnken, was immer sie bedurften, ohne etwas dasiir hergeben zu 2o) Vergl. Cleni. Recognit. I, 39: [Jt autem tempus adesse coepit, quo id quod deesse Moysis institutis diximus impleretur, et propheta quem praecinuerat, appareret, qui eos primo per miseracordiaua dei moneret cessarea sacrificiis, etne forte putarent, cessautibus hostiis remissionem sibi non fieri peccatorum, baptismaeisperaquamstatuit, iu quo ab Omnibus peccatis iuvocato eins nomine solverentnr et dereliquo perfeetam vitam sequentes in knmortalitate durarent non pecudum sanguine sed sapientiae dei purificatione pargati. 30) Bell. Jud. II. 8. 2—14. Philo, quod omn. prob. 1. II. 457 ff. S1) Orac. Sibyll. III. 234 f. 32) Orac. Sib. III. 188 f. 33) Orac. Sib. III. 641. 34) Orac. Sib. II. 108 ff., 132 u. a. St. Ganz so Philo, de posterit. I. 247 f. u. a. St. Seite 203 müssen. Während sie aber sonst Alles unter Anordnung der Verwalter aussührten, waren ihnen zwei Dinge ganz frei gestellt: Hilfeleistung und U e b u n g der Barmherzigkeit. — Die Glanzpunkte der essenischen Institutionen bildeten die täglichen gemeinsamen Mahle, welche durch Vorträge und Belehrungen eine höhere Weihe erhielten, und die allsabbathlichen Unterweisungen in der Synagoge. — Sclaven gab es keine bei ihnen. Alle waren sie gleich frei und arbeiteten für einander. „Sie verdammten die Besitzer von Sclaven nicht nur, weil sie ungerechter Weise die Gleichheit Aller verletzen, sondern auch weil sie gottlos die Einrichtung der Natur a u s h e b e u, w e l ch e w i e eine M u t t e r alle Menschen als wahre u u b leibliche Geschwiste r e r z e n g e und ernähre, deren Verwandtschaft aber die l i st i g e, durch das Glück üb er müt h ig gemach te H ab s ucht zerstöre, indem sie st a t t Vertraulichkeit F e i n dschaft, statt Liebe Haß erzeugt habe."33) Auf ihren Reisen, die sie vielfach zweifelsohne zu propagandistischen Zwecken unternahmen, führten die Essener nichts mit sich. „Sie traten überall bei den Genossen ein, als ob sie zu Hause wären und wurden mit den nöthigen Kleidern und Lebensbedürfnissen versehen3")." Ein solches Leben, wie es die Essener in Wirklichkeit lebten, verheißen die Sibyllinischen Weissagungen den Fromm en der messianischen Zeit: „Kein Krieg, kein Schlachtlärm wird mehr aus Erden sein und kein Hunger, sondern ein großer Friede wird walten aus der ganzen Erde und bis ans Ende der Zeiten wird Freundschaft unter den Königen herrschen3')." So die älteste Sibylle. Noch genauer sindet sich in dem zweiten Sibyllinischen Gedicht das essenifche Ideal wiedergegebeu. Hier heißt es von der messianischen Zukunft: „Die Erde wird gleich f ü r A l l e sein. Nicht mehr w e r d e u M a n e r n noch Zäune sie scheiden. Auch wird das Leben gemeinsam n n d d e r R e i ch t h u m e n t b e h r l i ch s e i n. Da gibt es keine Armen mehr n o ch R e i ch e, k e i n e Tyrannen u u d k e i n e S c l a v e n und k e i n e H e r r e n, sondern Alle sind gleich . . .3S)." Diese Gemeinde der „F r o m m e n" wurde, wie die Sibylle bitter klagt, in dem römischen Krieg, welcher mit der Zerftörnug des Tempels endete, vernichtet. Da können doch wohl — wird man einwenden — die Essener nicht gemeint sein. Denn was hatten die Essener, die „Diener des Friedens", deren ganzes Wesen Menschenliebe athmete, die einen solchen Abscheu vor dem Krieg hatten, „daß bei ihnen", wie Philo hervorhebt, „kein Handwerker der Pfeile, Lanzen, Schwerter, Helme, Panzer oder Schilde verfertigte, kein Waffenschmied ... zu finden war", was hatten diese Essener mit dem Krieg zu schaffen? Blieben sie doch bisher von allen sie umtobenden Kriegesstürmen ganz unangefochten. Zollten doch selbst die Machthaber ihnen die tiefste Achtung, ihnen zngestehend, daß sie die wahrhaft Freien seien. „Selbst die blutigsten Tyrannen" — so berichtet Philo — „welche ihre Unterthanen wie wilde Thiere mit unsäglicher Grausamkeit zerfleischten, konnten den Essenern nichts anhaben, sondern, entwaffnet durch ihre tugendhafte Redlichkeit, erkannten sie dieselben als Selbstständige und von Natur Freie an, priesen ihre gemeinsamen Mahle und die über alles Lob erhabene Gütergemeinschaft als ein untrügliches Zeichen eines vollkommenen und sehr glücklichen Lebens3'3)." i 33) Quod omn prob. 1. a. a. 0. &enau so wie die Essener dachte und lebrte der juvische Alexandrinismus Über die Gleichheit der Menschen. Schön sind die folgenden hiehergehörenden Worte Philo's (de oreat. princ. S. 734 f. Frkf. Ansg.): „Die Gleichheit ist, wie alle Naturforscher bestätigen, die Mutter der Gerechtigkeit, sie ist das glänzendste Licht in der Welt — eine Sonne. Die Ungleichheit hingegen ist überall die Quelle und der Ursprung der Finsterniß. Die Gleichheit ist es, welches im Himmel und auf Erden Alles geordnet und für alle Ewigkeit den Grund gelegt hat, für das göttliche und menschliche Recht. Man kann von ihr sagen, daß sie im Schoße des Alls die Ordnung in dem Staate die beste und gesetzmäßigste Regierung, will sagen, die demokratische Verfassung — im Körper ist es die Gesundheit, in der Seele die Tugend." Bergt, damit de septenar. S. 1180 A. 36) Josephus a. a. O. 37) Orac. Sib. III, 750 ff. 33) Orac. Sib. II, 320—325. Dieses messiannche Programm acceptirt später die christliche Sibylle vollinhaltlich. Orac. Sib. VIII, 309—216. 33) Quod. omn. prob. l. II, 459.